Innovation und Nachhaltigkeit

Prototyp

Der Prototyp setzt die Idee in den Raum. Unser Autor erzählt die Geschichten unterschiedlicher Wege zum fertigen Produkt. Vom handgemachten Objekt bis zum automatisierten Verfahren. Internationale Beispiele aus der Praxis.

Als Prototyping wird die Vorgehensweise bezeichnet, Prototypen solange schritttweise zu entwickeln, zu bewerten und zu verfeinern, bis das Produkt ausgereift ist. Allerdings sind Art und Funktion von Prototypen aufgrund neuer Verfahrenstechniken und Ansätze verschieden.

So ist der Prototyp beispielsweise im Prozess der Ideation mitunter nur ein Stück Papier, eine grobe Tonform oder ein scetch-basierter 3D-Print zur Visualisierung und Weiterentwicklung der Idee in einem iterativen Prozess.

Bei On-Demand-Produktionen oder bei Produktionen mit einem höheren Individualisierungsbedarf ist der Schritt vom Prototyp zum Produkt eher ein Grund-Set-Up aus Design, Materialität und Herstellungsverfahren, das eine anschließende Produktion ermöglicht.

Vom unfertigen Prototypen direkt an den Markt, das ist eines der Szenarien: Jonas Winkler wollte einen Prototypen für eine Gitarre bauen. Der Korpus war fertig, er brauchte nur noch ein paar Teile, die er bei einem Zulieferer anfragte. Nachdem sich dieser auf Winklers Website den Korpus angesehen hatte, änderte sich die Anfrage. Der „Zulieferer“ nutzte seine Erfahrung zur Entwicklung eines marktreifen Produkts, lizensierte das Design des Korpus, und vertrieb fortan die fertige Gitarre.

Ein anderer Weg führt vom Verfahrens- und Realprototyp zum Auftrag: In seiner Studienabschlussarbeit beschäftigte sich Jonas Winkler mit dem „Konflikt zwischen Handwerk und Technologie.“ Sein Ansatz: Der Designer widmet sich der Gestaltung und Ausarbeitung eines Stuhls und Maschinen bauen aus den verbleibenden Resten etwas Neues. Als Showcase entstand ‚Enso‘, ein Holzverbindungs-System, mit dem Holzschnittreste wieder zu Holzleisten verbunden werden können. Noch während der ersten öffentlichen Präsentation des Systems und eines Stuhl-Prototypens auf der Interzum erhielt der Designer einen Auftrag für die ersten zwöf Produkte.

Der Prototyp als Prozess und Storyteller: Diesen experimentellen Ansatz verfolgt Jerszy Seymour, den ich vor einigen Jahren in seinem Berliner Atelier interviewt habe.

Aufhänger war eine Ausstellung mit Exponaten biobasierter Materialien, alles erste Prototypen, die sich dem Thema Entstehung und Rückführung widmeten, mit Ausnahme des wohl bekanntesten Exponats, dem ‚Workshop Chair‘. Hier wird das Prototyping gleichzeitig zur Referenz und zur Inszenierung des Ansatzes sowie des entstandenen Produkts. Seymour: „Wenn ich über Design spreche, dann in dem Zusammenhang wie wir die Erde bewohnen, welche Beziehung wir zur gebauten Welt, zur Natur und zu uns selber herstellen. Das ist für mich Design.“

Mit Design-Prototypen als Verfahren befasst sich der portugiesische Korkhersteller Sofalca. Das Unternehmen wollte Korkplatten vom Image des unsichtbaren Dämm-Materials befreien. Kork soll zum natürlichen, individualisierbaren Gestaltungselement werden, bei dem ganz automatisch materialspezifische Eigenschaften wie Wärmedämmung, Schalldämmung und die antibakterielle Luftreinigung zum Tragen kommen. Es entstand ein Prototyp zur Design-Transformation des bestehenden Plattensystems, entwickelt in Zusammenarbeit mit Studio digitalab.

Das Verfahren besteht darin, mittels einer Software Designs für große Flächen (in Lobbies, Konferenzräume, …) in das System einzuspeisen. Das System überträgt das Gesamtdesign auf die einzelnen Grundelemente im Maß von 50 x 50 x 100 cm. Daraus werden automatisiert Platten oder Objekte geschnitten. Vor Ort werden die Platten einfach aneinandergesetzt und als Gesamtbild sichtbar. So ist jede Platte, jedes Muster ein Prototyp oder ein Unikat, je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet. Das Verfahren wird konstant weiterentwickelt und unter der Brand ‚Gencork‘ vermarktet. Von Vorteil auch: Sämtliche Korkproduktionsrückstände werden eingekocht und in die neuen Grundelemente eingearbeitet. Selbst das Endprodukt ist also auf diese Weise zu 100 Prozent recycelbar.

Der Weg vom Prototypen zum fertigen Produkt ist heute fließend – gerade bei Anwendungen, die bei der Herstellung auf CNC oder auf 3D-Druck abzielen. Sobald Design und Produktion definiert sind, kann die Produktion skaliert und nicht selten auf das konkrete Vorhaben angepasst werden. Einen Schritt weiter gedacht, lassen sich die Produkte im Anschluss beliebig regionalisieren. Das vermeidet lange Transportwege.

Weitere Green-Critic-Beiträge finden Sie hier


Autor Nils Bader

ist Initiator des internationalen Green Product Awards. Als Berater unterstützt er Unternehmen bei der Transformation, als Speaker setzt er Impulse für grüne Innovationen.