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Headquarter von Zalando in Berlin – Architektur Henn, Innenarchitektur Kinzo

Stadt in der Stadt

Innenarchitektur von Kinzo, Architektur von Henn: Der Modehändler Zalando ist eine echte Berliner Pflanze. Mit der Zeit gewachsen und über die ganze Stadt verstreut. Ein Headquarter bringt nun die Mitarbeiter zusammen – und holt die Stadt ins Haus. Eine md-Story über den Neubau und seine Innenarchitektur.

Autor Rolf Mauer

Unter Kollegen kommt das nicht alle Tage vor: Zwischen Henn Architekten und Kinzo bestand seit Jahren ein informeller Austausch, aus dem letztlich ein gemeinsamer Beitrag zum eingeladenen Architekturwettbewerb für das Hauptquartier von Zalando in Berlin wurde. Beide Büros arbeiteten von Beginn an über Wochen und Monate sehr eng zusammen. Als Vorbereitung besichtigte man verschiedene Standorte, um dort die Arbeitsweise des Unternehmens kennenzulernen. Innerhalb dieser Zusammenarbeit entwickelten Henn Architekten das Gebäude von außen und Kinzo aus dem Inneren heraus.

Für Kinzo stellte sich die Frage, ob man die innenräumlichen Qualitäten eines früheren Projektes, nämlich des HQs der Onlineplattform SoundCloud, skalieren und bei einem stetig wachsenden Unternehmen wie Zalando so gestalten kann, dass diese Qualitäten sich zuverlässig innerhalb der neuen Architektur weiterentwickeln.

Kreative Energie bündeln

Entstanden ist ein Gebäude aus einem riesigen doppelten „X“, das sehr viel Fassadenfläche und natürliche Belichtung ermöglicht. Das Gebäude sollte die Nutzer von Beginn an animieren, sich vertikal zu bewegen. Im Neubau ist eine Urbanität zu spüren, die über alle Etagen hinweg funktioniert.

Innenarchitektur, Zalando, Kinzo
Dachaufsicht: Henn Architekten konzipierten das Zalando Headquarter in Berlin aus einem doppelten X. Das ermöglicht verzahnte Erschließungsachsen – und großzügige Sport- und Freizeitbereiche auf dem Dach. Drohnenaufnahme: HG Esch

Erreicht wurde mehr als der klassische Marktplatzcharakter, da über sehr viele Blickbeziehungen über alle Geschosse hinweg Kommunikation stattfindet. Jeder sieht, was in den anderen Etagen stattfindet. Die Entfernungen sind nicht so groß, dass man sich auf diesen 43 000 m² Bürofläche verloren vorkäme.

Chris Middleton, Gründungspartner und Geschäftsführer von Kinzo erklärt: „Wir fangen mit unserer Innenarchitektur die Energie der Stadt ein und bündeln diese: Zalando ist ein Berliner – genauso bunt und kreativ, heterogen und international wie die verschiedenen Kieze der Hauptstadt.“

In der Materialität des Innenraumes ist vieles reduziert und roh belassen. Kinzo hat auf die gleichen Materialien zurückgegriffen, die bereits im früheren Projekt SoundCloud erfolgreich eingesetzt wurden: Asphalt, Beton und Eichenholz. Obwohl die Grundkonstellation kompliziert war – als Bauherr tritt nicht Zalando selbst auf, sondern der Bauträger Münchner Grund – konnten alle ursprünglich geplanten Qualitäten erreicht werden.

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Das mehrgeschossige Atrium des Hauptgebäudes verzahnt den x-förmig angelegten Grundriss und gibt eine reduzierte Strukur vor. Diese soll als urbanes Forum vertikal erlebbar sein und für unterschiedliche Szenarien genutzt werden können. Kommunikation und Blickbeziehungen finden über alle Geschosse hinweg statt. Foto: Wernder Huthmacher für Kinzo

Den „Spirit“ einfangen

In einigen Arbeitsbereichen, in denen schlichte Schreibtischinseln stehen, wurde die Innenarchitektur durch Zalando selbst geplant. In zentralen Bereichen wie dem Atrium oder den wichtigen Verkehrsflächen blieb die Planung bei Kinzo. „Hier zeigt sich“, so die Planer, „die Grundstruktur der Innenarchitektur: Sie fördert nicht nur den Austausch in der Horizontalen, sondern setzt auch auf ein vitales Miteinander durch vertikale Verbindungen und unterstützt so den Teamgedanken.“

Alle Räume sollen von den Nutzern aktiv „besetzt“ werden, um zu einer lebendigen Firmenkultur beizutragen. Im Vorfeld gab es dazu Nutzer-Workshops mit den Mitarbeitern, in denen die Planer die Rückmeldungen und Vorschläge sammelten und auswerteten. Für Kinzo ist es wesentlich, dass man am Nutzer und seiner Arbeit nah dran ist und dadurch dessen Wünsche und Vorstellungen frühzeitig reflektiert und aufgreift.

Zalando ist ein junges Unternehmen, das bisher in vielen Altbauten verteilt war. Für einige Mitarbeiter ergab sich aus dieser Historie ein nostalgisches Bedürfnis nach einer expressiven, charaktervollen Architektur. Mit dem starken Wachstum des Unternehmens ist man in normale Bürogebäude umgezogen, sodass der ursprüngliche „Spirit“ nach Meinung vieler Mitarbeiter verloren ging. Kinzo wollte den industriellen Charme der vorigen Standorte mit dem Neubau verbinden und dort interpretieren. Diese Idee führte zu ähnlich rohen Materialien im Innenausbau wie bei SoundCloud und dem Bauglas Profilit in der Fassade.

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Kinzo organisierte die innenräumlichen Abläufe mit hohen Aufenthaltsqualitäten. Um das Atrium gruppieren sich auf allen Ebenen offene „Living Rooms“. Foto: Werner Huthmacher für Kinzo

Im Innenraum ging dieses Konzept auf: Man gibt eine reduzierte und raue Struktur vor, die dann aber umso offener ist für das bunte Leben, das durch den Nutzer eingebracht wird. Die Mitarbeiter von Zalando sind keine Anzugträger, sondern Individuen, die entsprechend „bunt“ gekleidet sind. Deren Kreativität soll sich, so Kinzo, auch in der Innenarchitektur widerspiegeln bzw. im Gebäude sichtbar werden. Die Planer sprechen von einem „veredelten Rohbau“.

Funktionale und räumliche Überlagerungen schaffen bei Zalando Synergien und tragen so zu einer Kultur bei, die auf Offenheit und Kommunikation basiert. Die Wegeführung wie auch das akustische und lichttechnische Design lassen verschiedene Atmosphären entstehen, die sich intuitiv erschließen, von laut bis leise, von öffentlich bis privat.

Stadtorte Aktiv besetzen

Das mehrgeschossige Atrium des Hauptgebäudes ist als urbanes Forum vertikal erlebbar und kann für unterschiedliche Szenarien genutzt werden. Man kann über das Atrium das Gebäude ganz ungezwungen erkunden. Auf jeder Etage sind Treppen zu finden, die nicht notwendig, aber attraktiv sind und immer wieder andere Blickbeziehungen bieten.

Von der Lobby aus beginnt ein sogenannter Catwalk, der gestapelte „Living Rooms“ durch alle Geschosse miteinander verbindet. Auf jeder Etage gibt es unterschiedlich breite Flurbereiche und immer eine große Teeküche. Diese ist zwar räumlich abgeschlossen, der Vorraum hat jedoch Aufenthaltsqualität.

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Eichenholz, Asphalt und Beton – der Kinzo-typische Materialeinsatz vermittelt einen hohen Qualitätsanspruch. Vom Atrium führen seitliche Aufgänge zu den „Living Rooms“ eine Etage höher, wo farbig akzentuierte und von allen Seiten nutzbare Kommunikationsinseln die offene Fläche strukturieren. Foto: Werner Huthmacher für Kinzo

Das angestrebte „Berliner Flair“ soll im gesamten Gebäude nachvollziehbar sein. Zwar ist die Firmensprache überwiegend Englisch, aber für die Architekten und Innenarchitekten war es wichtig, dass auch die Mitarbeiter aus anderen Nationen etwas von der Berliner Szene spüren. Als Beispiel hat uns Kinzo den Gebäudebereich gegenüber den Prinzessinnengärten genannt. Die Prinzes- sinnengärten sind ein mobiler Garten im Berliner Ortsteil Kreuzberg.

Die ehemalige Brachfläche ist von Anwohnern in einen Nutzgarten für urbane Landwirtschaft umgewandelt worden. Diese mobile Struktur wurde im Gebäude abstrahiert nachgebaut. Der temporäre Charakter des originalen Gartens wurde von den Planern nachempfunden: Die Mitarbeiter von Zalando sollen angeregt werden, eigene Idee zu ergänzen und hinzuzufügen. Dieser Ort soll aktiv „besetzt“ werden. Auch weitere städtische Ortsmarken wie zum Beispiel das Stadtbad Wedding und das ICC wurden im Gebäude zitiert.

Man kommt nicht umhin zu erkennen, dass Kinzo sich nicht als Planer statischer Räume versteht, sondern Strukturen schafft, die die Nutzer eines Gebäudes weiterdenken sollen. Die Innenarchitektur von Kinzo schafft einen gestalterischen Rahmen, der sehr viele Freiräume lässt und Kreativität fördert. Als Architekt darf man sich an diesen Kollegen und ihrer Philosophie ein Beispiel nehmen.


Architekten Kinzo

Partner (v. l. n. r.): Karim El-Ishmawi, Martin Jacobs, Chris Middleton

Gründungsjahr: 2005

Mitarbeiter: 50

www.kinzo-berlin.de

Ein Interview mit den Architekten von Kinzo zum Projekt lesen Sie hier

Kinzo


Factsheet

Projekt: Zalando Hauptquartier, www.zalando.de

Standort: Valeska-Gert-Straße, 10243 Berlin