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Wohnhaus Ślonska Chałpa

Wohnhaus von mode:lina architekci / Polen
Spiel mit Kontrasten

Eine umgebaute Scheune: Im neuen und gleichzeitig alten Wohnhaus Ślonska Chałpa spielen Mode:lina Architekci gekonnt mit dem Verfall einer ehemals landwirtschaftlich genutzten Immobilie und experimentieren mit dem Kontrast von edlen und angegriffenen Oberflächen.

Autor: Rolf Mauer

Die polnischen Architekten Jerzy Woźniak und Paweł Garus vom Büro Mode:lina Architekci haben keine Scheu, den Verfall eines Bauwerkes zu zeigen und mit der Patina eines heruntergekommenen Bauernhofs zu arbeiten.

In den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es in Polen noch kollektiv betriebene Landwirtschaft. Sie war das Ergebnis einer Zusammenführung, in der althergebrachte bäuerliche Betriebe in große Kolchosen überführt wurden. Wobei die Polen anstelle des Wortes Kolchose den Begriff „Państwowe gospodarstwo rolne“ (PGR) verwendeten, übersetzt heißt das „staatlicher landwirtschaftlicher Betrieb“.

Grundriss EG
Plan: Mode:lina Architekci

Paweł Garus und Jerzy Woźniak kürzten eine der alten Lagerscheunen aus Stahl, Mauerwerk und Beton um fast zwei Drittel, um aus der umgebauten Scheune ein Einfamilienhaus zu formen. So entstand das Ślonsko Chałpa, ein Haus, das den Verfall und die Patina exzessiver Nutzung deutlich zeigt und zelebriert.

Umgebaute Scheune

Ślonsko Chałpa sind zwei Wörter aus einem lokalen Dialekt und lassen sich als „schlesisches Haus“ übersetzen. Die statische Struktur aus Beton- und Ziegelwänden blieb erhalten. Wegen des alten, modularen Stützenrasters und der vorhandenen Konstruktion waren nur geringe statische Nacharbeiten notwendig.

Die Architekten haben uns erklärt, wie sie die Hauptstruktur des Gebäudes um vier Stützenfelder verkürzten. In zwei der rückgebauten Bereiche befindet sich heute eine Terrasse und zwei weitere modulare Felder machten Platz für einen gebäudehohen neuen Gästebereich.

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Foto: Patryk Lewiński

Struktur und Form

Die ursprüngliche Struktur und Form der Scheune ist im Wohnzimmer gut zu erkennen, dort ist ein genauer Querschnitt des Gebäudes in Form eines Mezzanins entstanden.

Die neue, holzverkleidete Fassade wurde mit großen, unregelmäßigen Öffnungen durchbrochen, um so viel Tageslicht wie möglich einzulassen. Das würfelförmige Haus neben der Scheune wurde komplett grau gestrichen und ist als Gästehaus eingerichtet. Das Dach des Gebäudes hoben die Architekten an, sodass im ersten Stock Wohnfunktionen untergebracht werden konnten.

Der Bauherr entschied gemeinsam mit den Architekten Paweł Garus und Jerzy Woźniak, die ungewöhnliche Atmosphäre des Gebäudes zu erhalten und den Verfall zu zeigen.

Damit demonstrieren sie allerdings auch, wie schlecht in der polnischen Bauindustrie in den 1970er-Jahren gebaut wurde. Unverkennbar ist die fehlende Bewehrungsüberdeckung des Betons. Die alten Moniereisen wurden offensichtlich ohne Abstandshalter auf die Schalung gelegt und haben heute aufgrund des eingetretenen Rostes einen Teil der minimalen Betonüberdeckung abplatzen lassen.

Ślonska Chałpa
Foto: Patryk Lewiński

Poesie des Verfalls

Bautechnisch war das ein grober Fehler, doch hier haben die Architekten daraus eine Betondecke mit Charme entstehen lassen. Ein solcher Verfall lässt sich sicher minimieren, aber nie ganz aufhalten. Daher ist es durchaus überraschend, dass diese Decke auch über der Küchenzeile erhalten wurde.

Im Interieur bilden natürliche einen Kontrast zu minimalistischen Ausstattungsmaterialien – wie helle und dunkle Holzoberflächen mit dunklem, poliertem Granit. Die neuen Baumaterialien ergänzen sich gut mit den alten, robusten Oberflächen, wie den unebenen Ziegeln und dem unbehandelten Beton.

Ślonska Chałpa
Foto: Patryk Lewiński

Küche im Mittelpunkt

Eine die ganze Hausbreite durchziehende Küchenzeile mit darüber angeordneter Galerie trennt die privateren Räume vom zweigeschossigen Wohnraum. Vor der Küchenzeile steht als Barriere ein großer monolithischer Arbeitsblock mit Kochfeld und Spüle. Zwischen den verbliebenen Stahlstützen laden drei Barhocker zur kleinen Mahlzeit.

Die Küche ist mit ihrer üppigen Ausstattung in der Lage, jeden Kochprofi zu befriedigen. Für das Handwerk des Kochens stehen Herd, Spülbecken, ausreichende Arbeitsflächen und Aufbewahrungsschränke zur Verfügung. Hier zeigt ein Bauherr seine ausgeprägte Leidenschaft fürs Kulinarische. Sowohl der Esstisch als auch die Sofaecke wirken neben der zentral positionierten Küche als architektonischem Hauptgang nur noch wie Aperitif und Digestif.

Formale Gegensätze

Der zweigeschossige Wohnraum der umgebauten Scheune wirkt im Gegensatz zum Bestand etwas unmotiviert. Die Holzbalken sind gegenüber dem Stahltragwerk gleich dimensioniert, obwohl das statische Gefühl nach größeren Querschnitten verlangt.

Auch das schlichte Wiederholen des Fensterrhythmus im zweiten Obergeschoss, der sich in den gebäudehohen Wohnraum fortsetzt, irritiert. Hier wäre in der Fassade aber auch in der Innenarchitektur noch etwas mehr formaler Gegensatz zum Altbau wünschenswert gewesen.

Auch hätte die Galerie mit ihrem Glasgeländer sicher etwas mehr sein können als ein schlichter Raum mit grazilem Regal. Und im üppigen Badezimmer wundert man sich über die vollständige Abwesenheit des Alten und Gebrauchten.

Badezimmer
Foto: Patryk Lewiński

Alt und neu

Den Mut, in der Küche den Verfall zu zeigen, hat man im Bad missen lassen. Das elegante Schwarz-Weiß des Bades wirkt wie aus dem Skizzenbuch eines anderen Projektes. Hier hätten ein paar der alten Ziegel und etwas neues Holz sicher gutgetan und gezeigt, in welchem Haus dieser Raum steckt.

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Foto: Patryk Lewiński

Wo Alt und Neu aufeinandertreffen, sich gegenseitig stören und gleichzeitig ergänzen, hat der Effekt in der umgebauten Scheune eine tolle innenarchitektonische Gesamtwirkung. Wenn geschliffenes Holz auf raue Ziegel trifft, krumme und schiefe Flächen auf die geraden Kanten der neuen Einbauten reagieren, zeigt sich der ganze Charme dieses Gebäudes.

Gerade weil das Alte nicht versteckt und nicht „verschönt“ ist, kann das Neue wirken. Hier ist die wahre Stärke des Entwurfs am ehrlichsten spürbar.


Die Architekten Paweł Garus (li.) und Jerzy Woźniak gründeten Mode:lina Architekci 2009 in Poznań/Polen. Ihr Credo: „Wir sind ständig auf der Suche nach Ideen, die aus dem resultieren, was der Bauherr über sich selbst erzählt.“


Fakten

Projekt: Ślonska Chałpa (Schlesisches Haus)

Standort: unbekannt

Bauherr: privat

Architekten: Mode:lina Architekci

Inhaber: Paweł Garus, Jerzy Woźniak, www.modelina-architekci.com
Projekt Team: Paweł Garus, Jerzy Woźniak, Małgorzata Wawrzynek, Anna Kazecka

Bauaufgabe: Wohnhaus

Fertigstellung: Januar 2020

Geschosse: 2

Grundstücksfläche: 300 m²

Geschossfläche: 150 m²

Ein Interview mit den Architekten

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