Home » Themen » Living »

Wintergarten von Tsuruta Architects in London. md-mag.com

Anbau eines Wintergartens in London von Tsuruta Architects
Dialog mit der Natur

Mit Holz aus digitaler Fabrikation realisierten Tsuruta Architects kostengünstig ein Raumkonzept mit hohem ästhetischem Anspruch. Für ein privates Londoner Wohnhaus ist der Wintergarten ein großer Zugewinn auf kleinem Grundriss.

Autorin Christiane Sauer

English translation below

Die Bauaufgabe scheint auf den ersten Blick bescheiden. Ein bestehender Anbau in dem nach Norden ausgerichteten Garten eines Londoner Wohnhauses sollte ersetzt werden, wobei den Architekten freie Hand im Entwurf gewährt wurde. Eine kluge Entscheidung, denn das von Taro Tsuruta 2006 gegründete Büro ist darauf spezialisiert, mit modernen Techniken wie digitaler Fabrikation Raumkonzepte von hohem ästhetischen und funktionalen Anspruch zu entwickeln, die darüber hinaus kostengünstig sind. So offenbaren sich erst auf den zweiten Blick die Komplexität und das Zusammenspiel von überlegter Planung, Materialwahl und Ausführung.

Tsuruta Architects
Die Drohnenaufnahme zeigt den Unterschied: links ein traditionelles Glashaus, rechts eine moderne Interpretation des Wintergartens. Foto: Ståle Eriksen

Die Grundidee für den Wintergarten basiert in der Inszenierung des im englischen Klima raren Sonnenlichts. Ein großflächiges Glasdach sollte eine freie Sicht in die Natur ermöglichen. Zugleich galt es, witterungsbedingte Verschmutzungen zu minimieren, da das Dach nicht nur den darunter geplanten Essraum überspannt, sondern auch vom Wohnraum des bestehenden Gebäudes aus gut sichtbar ist.

Tsuruta Architects entwickelten geometrische Rasterung

Für eine bei Wintergärten übliche Schrägdachausführung war allerdings aufgrund der baulichen Situation kein Platz. Stattdessen entwickelten Tsuruta Architects ein System einzelner, schräggestellter Flächen aus Glas, die durch ihre starke Neigung Regenwasser direkt und schnell in die langen Senken zwischen den Segmenten und von dort in das Entwässerungssystem ableiten. Dadurch konnte die Aufbauhöhe des Dachs auf ein Minimum reduziert werden.

Tsuruta Architects
Die Tragkonstruktion begünstigt mit ihrer extremen Tiefe ein Licht- und Schattenspiel.
Foto: Ståle Eriksen

Die geometrische Rasterung des Dachs passt sich den bescheidenen Maßen des Grundstücks an. Dazu tragen auch die der rautenförmigen Flächenteilung folgenden Holzträger bei. Sie weisen einen schlanken, hohen Querschnitt auf, der bei Sonneneinfall zu einem Spiel von Licht und Schatten im Raum führt und den Wechsel von Jahres- und Tageszeiten in Szene setzt. Form und Funktion bilden eine sinnvolle Einheit.

Acetyliertes Holz

Der Wintergarten wurde in enger Beziehung zum eigentlichen Garten entwickelt. Da dessen Niveau über dem Boden des Anbaus liegt, musste ein topologischer Übergang geschaffen werden. Es entstand ein vorgelagerter, steinerner „Frei-Raum“, der, einer leeren Bühne gleich, zwischen dem Esszimmer und dem Garten vermittelt. Diese bauliche Distanz inszeniert den Blick in die Natur und verknüpft innen mit außen. Doch bietet der im Garten „versunken“ wirkende Anbau mehr als ein geschütztes Raumgefühl. Seine abgesenkte Lage trägt auch dazu bei, das Innenklima durch die thermische Masse des Erdbodens im Sommer kühl zu halten.

Tsuruta Architects
Der vorgelagerte „Frei-Raum“ vermittelt zwischen Garten und Esszimmer. Das Gartenniveau liegt über dem Boden des Anbaus. Foto: Ståle Eriksen

Zur hellen und freundlichen Atmosphäre des Innenraums tragen wesentlich die Oberflächen der Möbel und der Verkleidungen aus europäischer Esche bei.

Auch für die Dachträger sowie für die Wand- und Fensterkonstruktion wurde helles Holz verwendet, acetyliertes Holz, um genau zu sein. Hierbei wird das Holz durch ein chemisches Verfahren unter Druck und Wärme auf molekularer Ebene zur Reaktion gebracht. Man spricht von Zellmodifikation, die die Wasseraufnahmefähigkeit reduziert. Dadurch wird der Naturwerkstoff wesentlich dimensionsstabiler und sehr widerstandsfähig gegen Pilz- und Insektenbefall. Auf eine zusätzliche Beschichtung kann verzichtet werden.

Tsuruta Architects
An den Wänden aus europäischer Esche: ein Spiel von Licht und Schatten. Foto: Ståle Eriksen

Dachkonstruktion mit lösbaren Steckverbindungen

Gefügt ist die Dachkonstruktion mit lösbaren Steckverbindungen. So kommt sie ganz ohne mechanische Befestigungen oder Klebstoffe aus.

Ihre komplexe dreidimensionale Struktur entwarfen Architekt und Tragwerksplaner gemeinsam und ließen sie auf einer 5-achsigen CNC-Fräse fertigen. Diese maßgenaue Produktion ermöglichte eine einfache Montage und minimierte den Verschnitt. Auch digital aus MDF gefräste Mock-ups der Dachflächen sparten Kosten ein, da die Verglasung aufgrund der genauen Vorfertigung vom Schreiner angebracht werden konnte und keine spezialisierte Verglasungsfirma beauftragt werden musste.

Tsuruta Architects
Modulierte Dachlandschaft: Das System einzelner, schräg gestellter Glasflächen kann durch seine starke Neigung Regenwasser direkt ableiten und fügt sich in die Gartenarchitektur perfekt ein. Foto: Ståle Eriksen

Auch die Außenfassade wurde aus acetyliertem Holz gefertigt und von Hand durch Verkohlen geschwärzt, um sie beständiger gegen Witterung zu machen. Die Holzflächen im Innenraum sind geölt. Beide Oberflächenbehandlungen schützen das Natur- material dauerhaft, ohne die Oberfläche zu versiegeln.

Massgenaue Steckverbindungen

In diesem Projekt sind nicht nur der Raum, sondern auch Materialität, Herstellungs- und Fügeprozesse wesentlicher Teil des Entwurfs. Hier wird Holz als traditioneller Baustoff mit neuen Technologien kombiniert, um Materialverbrauch und Verschnitt zu minimieren. Die Architekten hatten durch digitale 3D-Modelle nicht nur den Entwurf, sondern auch die Genauigkeit der Ausführung in ihrer Hand. Die hochwertige Oberflächenästhetik und die umgebende Natur ergänzen die minimalistische Formensprache.

Tsuruta Architects
Mehr als ein Wintergarten mit Essplatz. Der lichte Anbau nutzt mit Schuppen links und Anrichte rechts sowie vorgelagerter Terrasse die ehemalige Gartenfläche optimal. Foto: Ståle Eriksen

Der relativ kleine bauliche Eingriff entfaltet als neue Schnittstelle zwischen Licht und Schatten, zwischen außen und innen, zwischen Alt und Neu eine dichte atmosphärische Wirkung und setzt über sich selbst hinaus weisend Wohnhaus und Garten in eine neue, spannungsvolle Beziehung.

Weitere spannende Projekte finden Sie hier


Factsheet

Projekt: Wooden Roof

Ort: London

Architektur: Tsuruta Architects, London, Webseite des Architekturbüros

Fertigstellung: Mai 2019

Auftraggeber: Privat

Bauausführende Firmen:

Tragwerk: Webb and Yates

Ausführung: JK London Construction Ltd.

Digitale Fabrikation: Tomasz Barszcz, Tsuruta Architects

Grünplanung Garten: 1moku

Materialien: Holz: Acetyliertes Holz, Accoya (Träger und Aussenhaut), Europäische Esche (Verkleidungen Innenraum, Möblierung), Birkensperrholz (Leuchtenschirme); Sonnen- und Wärmeschutzglas: Sunguard super neutral 70/35

Holzbehandlung Innenraum: Osmo Polyx oil


Autorin Christiane Sauer

Die Architektin und Materialspezialistin lehrt als Professorin für Textil- und Flächendesign an der Weissensee Kunsthochschule Berlin. www.formade.com www.luelingsauer.com


Conservatory extension in London by Tsuruta Architects

In dialog with nature

Tsuruta Architects cost-effectively implemented a spatial concept with high, aesthetic claim using wood produced as part of a digital process. The conservatory represents a massive gain for a private residential property in London.

Author: Christiane Sauer

At first glance the construction task seems modest. The aim was to replace an existing extension to this north-facing garden of a residential property in London as part of which architects were given free rein in terms of the design.

A clever decision as the office established in 2006 by Taro Tsuruta has specialized in using cutting-edge technologies, such as digital production to create spatial conceptswith a very high aesthetic and functional demand that are also not very expensive. Consequently, the complexity and correlation of sophisticated planning, material choice and implementation only become evident at second glance.

The basic idea for the conservatory is based on staging sunlight, something that is quite rare in British climates. An ample glass roof is intended to grant an unobstructed view of nature. At the same time the aim was to minimize dirt ingress caused by weather as the roof not only covers the dining area below, but also lets light into the living space within the existing building.

However, as a result of the construction-based situation there was no space to build an inclined roof as would be usual for conservatories. Instead, architects developed a system of individual, angled surfaces made of glass that directly and quickly route rainwater into the long downward stretches between segments thanks to their steep angles before introducing it to the drainage system. Consequently, it was possible to reduce the roof height to a minimum.

Interaction between light and shadows

The geometrical shape of the roof adapts to the humble dimensions of the property. This is also benefited by the diamond-shaped division of surfacesthat follow the timber beams.

They demonstrate a slim, high diameter that leads to an interaction between light and shadows within the space whenever the sun shines and stages the change of seasons and times of day. Form and function form a sophisticated unit.The conservatory was developed in close relation to the actual garden. As the garden lies above the foundations of the extension , it was necessary to create a topological transition. The result is a free space in front that resembles an empty stage between the dining room and the garden. This construction-based distance stages the view of nature and links the inside to the outside. However, the extension that seems dropped into the garden offers more than a protective feeling of space.

Its lowered position also contributes to the fact that the internal temperaturesare kept down in summer thanks to the thermal mass of the earth surrounding it.

Acetylated timber

Furniture surfaces and trim panels made of European ash essentially contribute to the bright and friendly atmosphere on the inside. Light wood was also used for the roof beams as well as wall and window structures. Acetylated timber to be precise. In this process, a chemical reaction at molecular level is triggered in the timber by applying pressure and heat. This is known as cell modification which cuts the ability to absorb water. Consequently, this natural material becomes significantly more dimensionally stable and very resistant to mold and insect infestation. There is no need to apply an additional coat.

Customized connections

The roof design has been joined by connections that could technically be disengaged at any time. As a result, there is no need to use mechanical fasteners or adhesives.

Architects and structural engineers developed the complex, three-dimensional structure together and had it produced on a 5-axis CNC milling machine. This highly accurate production method enabled simple assembly and minimized offcuts. Mock-ups, digitally milled from MDF also helped cut costs as glass panels could be produced on the basis of panels that had been accurately produced by joiners and there was no need to commission a specialist glazing company.

The outside facade has also been produced from acetylated timber which was manually stained black by carbonization to make it resistant to weather influences . Internal timber surfaces have been oiled. Both surface treatments permanently protect the natural material without sealing the surfaces.

In this project, not just the space, but also the material characteristics, production and joining processes form an essential part of the design. Here, timber as a traditional building material has been combined with new technologies to minimize material consumption and offcuts. Thanks to 3D models architects not only controlled the design, but also the accuracy of its implementation. The high-grade surface aesthetics and surrounding nature complement the minimalistic styling. The relatively minor construction stage unleashes a dense atmospheric effect as a new interface between light and shadows, outside and inside, old and new to establish a new, exciting relationship beyond the mere design itself.

Christiane Sauer

Author

She is an architect and material specialist and teaches as professor of textile and surface design at Weissensee Kunsthochschule Berlin. www.formade.com www.luelingsauer.com

Anzeige
Top-Thema
Anzeige

Neueste Beiträge
Titelbild md 10
Ausgabe
10.2020 kaufen
EINZELHEFT
ABO

Architektur Infoservice
Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de