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Polstern

Wie entsteht Polsterqualität und woran erkennt man Sie?
Leder oder Stoff

Jedes Material hat seine spezifischen Vorteile für das Polstern und jedes Polsterstück ist ein handwerkliches Unikat. Welche Rolle spielen bei der Wahl des Möbelbezugs Komfort- und Funktionswerte oder effiziente Produktionsprozesse? Ein Überblick.

Autor Hannes Bäuerle

Leder nimmt in der immensen Fülle an unterschiedlichen Bezugsstoffen immer noch eine besondere Position ein. Wer ein Polstermöbel kauft, muss sich früh auf die Art des Bezugsstoffs festlegen. „Leder oder Stoff?“, das ist nach wie vor die am häufigsten gestellte Frage.

Wer besondere Komfortwerte wünscht wie Atmungsaktivität, Reinigungsaspekte oder Haltbarkeit, stößt auf ein breites Angebot. Mit neuen Entwicklungen kommen noch weitere Aspekte hinzu wie die Integration von „smart surfaces“, Outdoortauglichkeit oder effiziente Produktionsprozesse mit selbsttragenden und besonders leicht zu polsternden Textilien.

Leder ist nicht gleich Leder

Schon allein die Tatsache, dass es sich bei „Echt Leder“ um ein gewachsenes Naturprodukt handelt, sollte klar machen, dass es sich um ganz individuelle Qualitäten handelt. Die Narbung ist wie unsere menschliche Haut – einmalig. Paradoxerweise wird aber gern genau das als Qualitätsmangel reklamiert, was als Verletzung, als vernarbter Stich oder als besonders markante Narbung die Einmaligkeit des Leders unterstreicht.

Weitere Unsicherheiten stellen sich im Lauf des „Besitzens“ ein: Wo und wie verläuft die Grenze zwischen unerwünschten Gebrauchsspuren und beliebter Patina?

Umweltgerechte Herstellungsverfahren

Die Verschärfung der Umweltauflagen im Bereich der Lederherstellung hat nicht dazu geführt, dass weniger Leder konsumiert wird. Sie hatte aber zur Folge, dass hierzulande zahlreiche Gerbereien geschlossen wurden. Oder ins Ausland abgewandert sind, weil dort ohne oder mit deutlich geringeren Auflagen entsprechend günstiger produziert werden kann.

Die Anzahl der verbliebenen heimischen Gerberbetriebe ist damit überschaubar und hier wird mitunter noch in uralter Tradtion gearbeitet. Umweltverträglich, wie bei der pflanzlichen Grubengerbung. Oder es werden mit hohem Aufwand Energie und Wasserverbrauch optimiert und mit eigenen Kläranlagen die Umweltauflagen erfüllt.

Neben der hohen Qualität, die in diesen Betrieben produziert wird, kommt noch ein weiterer Umweltaspekt hinzu, die kurzen Rohstoffwege, und selbstverständlich die Einhaltung der strengen Arbeitsauflagen. Wer ernsthaft an einem ökologisch wertvollen Leder interessiert ist, sollte nachfragen, woher das Leder stammt und die heimische Lederindustrie unterstützen.

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Mit „Kunstleder“ lassen sich großformatige Polsterflächen realisieren. Bei ATN sind ab 300 m Individuallösungen möglich. Foto: ATN Germany

Polstern: die vegane Variante zum Polstern

Nicht nur bei den Studenten des Studiengangs Transportation Interior Design an der Hochschule Reutlingen ist „vegan“ in Mode. Kürzlich begegnete mir bei einer meiner Präsentationen gleich mehrfach als Argument gegen den Einsatz von Leder, dass Kunststoffe eine Alternative darstellten, weil dafür keine Tiere sterben müssen. Für mich wird daran deutlich, wie sich die Wahrnehmungen verschieben und je nach Standpunkt ganz unterschiedlich interpretiert werden.

Die vermeintlichen Alternativen zu Leder erleben einen starken Hype. Ganz egal, ob aus Ananasfasern oder in der Petrischale gezüchtet, Eigenentwicklungen gelten a priori als „umweltfreundlich“ und werden als Vorteil kommuniziert. Verschwiegen wird dabei, dass es sich bei den Häuten um ein Abfallprodukt der Fleischindustrie handelt und die „armen Tiere“ nicht wegen des Leders getötet werden.

Kunstleder versus Echtleder

Allerdings erteile ich dem Vorurteil, dass man auf Kunstlederbezügen mehr schwitzt, als auf echtem Leder, eine klare Absage. Werden (günstige) Lederqualitäten verarbeitet, bei denen die gewachsene Haut nur mehr ein seiner eigentlichen Funktion beraubtes Grundmaterial darstellt, dann hat das Leder oft deshalb seine natürliche Atmungsaktivität verloren, weil die vormals offenen Hautporen durch Farbe, Lack oder gar Folierung komplett verschwunden sind.

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Leder bekommt eine Patina, die ein gebrauchtes Objekt mitunter wertvoller werden lässt, als ein neues. Foto: Raumprobe

Wenn also ein angenehmer Sitzkomfort ohne Staunässe gefragt ist, gilt es vor der finalen Entscheidung, genau zu hinterfragen oder gar selbst zu testen, ob das ins Auge gefasste Bezugsmaterial auch für den gewünschten Zweck geeignet ist. Ein qualitativ hochwertiges Kunstleder ist heute bei vielen technischen Anforderungen im Vorteil gegenüber einem minderwertigen echten Leder. Zum anderen gibt es neue Entwicklungen im Bereich der Kunstleder, die mit Microperforation oder cleveren textilen Konstruktionen eine hohe Atmungsaktivität gewährleisten.

Nachhaltige und komfortable Alternativen

Mit der Entwicklung ‚Skai Pureto EN‘ bringt Continental eine Alternative zu herkömmlichen synthetischen Polsterbezugsstoffen auf den Markt. Das Bezugsmaterial ist frei von PVC und wird mit einem innovativen wasserbasierten PUR-System hergestellt. Zudem wird es ressourcenschonend in Deutschland produziert. Auch die Eigenschaften überzeugen: Das Material ist hydrolysebeständig und verliert seine Eigenschaften beim Kontakt mit Wasser, Wasserdampf oder Feuchtigkeit nicht.

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PVC-freie Polsterbezüge wie ‚skai Pureto EN‘ empfehlen sich für den Hospitalitybereich und das Office. Die Oberfläche ist fein strukturiert. Foto: Continental

Darüber hinaus stellt ‚Skai Pureto EN‘ eine vegane Polsterbezugsalternative dar, lässt sich leicht reinigen und verändert seine Eigenschaften auch bei hoher Lichtintensität oder bei starkem Abrieb nicht. Seine weiche Haptik und der Griff tragen zum hohen Polsterkomfort des Sitzmöbels bei, das sich besonders für den Einsatz im Büro-, Hotel- und Gastrobereich oder in öffentlichen Gebäuden empfiehlt.

Polstern – eine handwerkliche Meisterleistung

Jahrelange Übung und hohes handwerkliches Geschick sind vonnöten, um die komplexen Formen moderner Sitzmöbel zu polstern. Klar wird das, wenn man einem Polsterer bei seiner Arbeit einmal über die Schultern schauen kann. Neben Übung und Geschick ist nicht selten auch noch ein hoher Krafteinsatz erforderlich, damit das Polster später auch schön straff sitzt. Ein schönes Stilelement und zugleich Ausdruck von Manufakturarbeit sind von Hand erstellte, sichtbare Nähte beziehungsweise Keder.

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Das sitzt! Elastische Bezugsstoffe erleichtern eine straffe Polsterung. Bei Cor erfolgt das in der hauseigenen Manufaktur in Rheda-Wiedenbrück. Foto: Cor Sitzmöbel

Spannungsfrei im Verbund

Einen interessanten Ansatz zum spannungsfreien Aufziehen auf starre Rahmen verfolgt die 2010 entwickelte Shrinx-Technologie. Dabei wird ein Rahmen locker mit einem freitragenden Stoff bespannt. Bei einer gleichmäßigen, kurzen Aufheizung bei 140°C wird der Bezug auf die beabsichtigte Spannung geschrumpft. Die Technologie ist effizient und wurde konsequent weiterentwickelt. Inzwischen ist sie auch im Verbund anwendbar.

Den Kern bildet ein dünner Schaum, auf den ein selbstragendes Shrinx-Netz laminiert wird. Die Rückseite stellt sich als sogenannte Charmeuse dar, sprich als maschenfeste Wirkware aus synthetischen Fasern, um Stoff/Leder/Kunstleder leichter polstern zu können. Dieser Verbund wird an einen Keder genäht und in eine Nut im Gestell spannungsfrei eingelegt. Anschließend wird der Verbund von hinten erhitzt, um die Spannung im Verbund zu aktivieren. Fertig ist die straffe Polsterung.

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Innovativer, effizienter Polsterprozess durch thermische Schrumpfung im Shrinx-Verbund. Foto: Krall + Roth

Outdoor-Tauglichkeit

Ist das ein Sofa für das Wohnzimmer oder die Terrasse? Mit der neuen Generation an Bezugsstoffen verschwimmen die optischen und haptischen Grenzen für den In- und Outdoor-Bereich. Trotz hoher Licht-, Farb- und UV-Beständigkeit besitzen die Gewebe einen angenehmen textilen Look & Feel, wie wir ihn bisher nur von Indoormöblen gewohnt waren.

Materialeigenschaften „Ersitzen“

Woran erkannt man ein gutes Polster? Keinesfalls am Preis, da dieser keine Aussagen über wichtige Eigenschaften wie Strapazierfähigkeit, Anschmutzverhalten oder Lichtechtheit des Möbelstoffs zulässt. Auch optisch ist es auf den ersten Blick kaum möglich, gute Qualität zu erkennen. Auch spielen beim Polstern die „inneren Werte“ unter der Oberfläche eine maßgebliche Rolle. Mit oftmals komplexen Aufbauten wird durch Schäume, Vliese oder Abstandstextilien die Polsterhärte bestimmt.

Neben dem Bezugstoff, mit dem wir unmittelbar in Berührung kommen, bestimmt diese wesentlich den Sitzkomfort. Mir ist es jedenfalls noch nicht gelungen, rein optisch ein komfortables Sitzmöbel von einem unbequemen zu unterscheiden. Wo immer möglich, versuche ich daher Qualitäten persönlich zu „ersitzen“. Dabei sind Überraschungen garantiert – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung.

Weitere Beiträge zum Thema Material finden Sie hier


Praxistipp Qualitätskriterien

Möbelstoffe: Anschmutzverhalten, Dehnfähigkeit, Druckempfindlichkeit, elektrostatische Aufladung, Lichtechtheit (vor allem bei Outdoor-Stoffen),

Pflege- und Reinigungseigenschaften: Pillbildung, Polfestigkeit, Reibechtheit, Scheuerbeständigkeit, Strapazierfähigkeit

Echt Leder: Als Leder, Echt Leder oder Echtes Leder darf nur ungespaltene oder gespaltene tierische Haut unter Erhaltung der gewachsenen Fasern und ihrer natürlichen Verflechtung bezeichnet werden.

(Quelle: Lederzentrum GmbH)


Hannes Bäuerle

geht in der md-Serie ‚Material Akademie‘ der Frage nach: „Was bestimmt Materialqualitäten und woran erkennt man sie?“

Der Autor ist Mitgründer und -gesellschafter der Raumprobe Stuttgart.

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