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Drei-Generationenhaus von Oki sato (Nendo) in Tokio/Japan

Drei-Generationenhaus von Nendo in Tokio/Japan
Himmelsleiter

Eine gigantische Treppe dominiert das Drei-Generationenhaus für die Familie des Architekten Oki Sato: eine hausgreifende Skulptur − mehrdeutig verbindend und mit vielen Funktionen. Ausgerechnet die eigentliche Erschließung zählt nicht dazu.

Autor Rolf Mauer

Platz ist in japanischen Städten Mangelware und in der Hauptstadt Tokio ist das natürlich besonders extrem. Trotzdem hat das japanische Design- und Architekturbüro mit einem Wohnhaus für Mitbegründer Oki Sato eine ganz besondere Idee verfolgt, die auf den ersten Blick geradezu verschwenderisch mit dem städtischen Raum und auch mit dem kostbaren Wohnraum umgeht: Eine dreigeschossige Treppe durchschneidet den Baukörper und scheint auf den ersten Blick bar jeder Funktion zu sein.

Generationenhaus
Das ‚Stairway House‘ ist als Dreigenerationenhaus konzipiert. Foto: Daici Ano

Generationenhaus

Dabei ist das ‚Stairway House‘ als Drei-Generationenhaus konzipiert. Es beherbergt zwei Wohnungen und steht in einem ruhigen, jedoch sehr dicht bebauten Wohngebiet von Tokio. Die freistehenden Häuser der Nachbarschaft rücken so dicht auf, dass die Planer weitgehend auf Fenster verzichten und stattdessen die komplette Fassade nach Süden und stellenweise das Dach öffnen.

Vogelperspektive. Foto: Takumi Ota

Räumliches Gestaltungsmittel

Die fast fensterlose Nordfassade wird maximal – bis an die Grundstücksgrenze – nach Norden verschoben, um vor der südlichen Fassade genügend urbanen Raum freizuhalten, den die Architekten brauchen, um die gebäudehohe Fassade optimal zu belichten. Von hier wird das Generationenhaus über Fenster belüftet, zudem hat man Ausblick auf etwas privates Grün.

Ein vorhandener Kakibaum (Diospyros kaki), der bereits durch sein Alter Familienmitglied ist, wurde erhalten. Nendo erklärt, den Baum hätten bereits frühere Generationen geliebt.

Foto: Daici Ano

Ältere Generation lebt im Untergeschoss

Die älteste Generation bewohnt natürlich das unterste Geschoss und überlässt den Auf- und Abstieg im Haus den Jüngeren. Für die acht Katzen, die ebenfalls im Erdgeschoss wohnen, wurde ein eigener Raum geschaffen. Nichtsdestotrotz dürfen die Tiere im gesamten Gebäude umherstreifen.

Generationenhaus
Man kann der Treppenskulptur skeptisch gegenüberstehen, aber bei genauerer Betrachtung überwiegt die Qualität des Gesamtentwurfs deutlich. Foto: Daici Ano

Nicht ohne Funktion

Die jüngere samt jüngster Generation bewohnt die oberen beiden Etagen in durchaus luxuriösen Platzverhältnissen, jedenfalls für japanische Verhältnisse.

Die das Gebäude beherrschende „Treppe“ ist auf den ersten Blick nichts weiter als ein gestaltendes Element. Doch ist sie, obwohl nicht vollständig begehbar, nicht ohne Funktion.

Generationenhaus
Eine durchgängige Sicht bis zur Nordfassade hat man nur in der mittleren Etage, während in den anderen Etagen viele Nebenräume geschickt versteckt bleiben. Foto: Daici Ano

Treppenskulptur

Ihre Ambiguität resultiert daraus, dass die Treppenskulptur eine an sich unbedeutende Straße zum Gebäude aufnimmt und innenarchitektonisch „gen Himmel“ fortsetzt. Das geschickt platzierte Oberlicht, in das die Treppe „hinaufsteigt“ birgt zusätzliche Wirk- kraft.

Die Treppe verbindet also nicht nur das Hausinnere mit dem privaten Hof; Vielmehr zielt die skulpturale Anmutung darauf ab, sich nach außen fortzusetzen, um das Wohnhaus mit der Umgebung und der Stadt zu verschmelzen.

Eine Art Camouflage

Gleichzeitig ist die Treppenskulptur eine Art Camouflage. Sie lädt offenkundig ins Gebäude ein, verschleiert aber den tatsächlichen Eingang des Generationenhauses mit maximaler Wirkung. Wer sich nicht traut, rechts um die Treppe Richtung Glasfassade zu gehen, findet den Zugang nicht.

Zumal der kleine, dreieckige und doppelgeschossige Raum, der sich unmittelbar an der Eingangstür befindet und als minimal möblierter Aufenthaltsraum dient, sehr privat und introvertiert wirkt.

 Foto: Daici Ano

 

Viel Privatheit

Auf einen so intim wirkenden und selbstbezogenen Raum bewegt man sich instinktiv nicht zu. Die psychologische Schwelle, dieses Haus betreten zu wollen, ist sehr hoch. Geschickt haben die Architekten sehr viel Privatheit geschaffen, obwohl sie das Gebäudeinnere deutlich einsehbar gestaltet haben.

Generationenhaus
Die Bewohner leben mit einem Minimum an Möblierung, das allein ist schon eine Kulturleistung. Foto: Daici Ano

Generationenhaus mit Zweiteilung

In einer weiteren Deutung führt die gewaltige Treppe die Generationen symbolisch zusammen, indem sie die Teilung in zwei Wohnungen durch die übergroße Geste quasi negiert. Die Zweiteilung ist zwar funktional spürbar, wird jedoch im Haus nicht gestalterisch abgebildet. Alle Räume finden, unterstützt von einer hausgreifenden Skulptur, gleichwertig in einem einfachen Kubus zusammen.

Generationenhaus
Foto: Daici Ano

Sicht bis zur Nordfassade

Auch die scheinbar grenzenlose Offenheit des Gebäudes nach außen wird im Gebäude wieder aufgehoben und ist nur eine Chimäre. Alle anderen Fassaden sind geschlossen, private Räume nicht einsehbar. Eine durchgängige Sicht bis zur Nordfassade hat man nur in der mittleren Etage, während in den anderen Etagen viele Nebenräume des Generationenhauses geschickt versteckt bleiben.

Mehrdeutigkeit als Prinzip

Als Höhepunkt des Manierismus sei die Treppe in die Obergeschosse genannt. Nein, diesmal ist eine echte, wirklich nutzbare Treppe gemeint, die das Gebäude vertikal erschließt. Sie ist wie eine Matrjoschka-Puppe in der Treppenskulptur versteckt, neben anderen kleinen und kleinsten Nebenräumen.

Foto: Takumi Ota

Durchdringung der Treppe

Es ist leicht, die maximale Doppeldeutigkeit abzulehnen, die Nendo mit diesem Generationenhaus verwirklicht. Auch der Manierismus der Treppenskulptur ist auf den ersten Blick verzichtbar, zumal die Durchdringung der Treppe durch die Glasfassade schwer zu detaillieren ist und an dieser Stelle wenig überzeugt.

Der Öffnungsflügel, der außen und innen in gefühlter Treppenmitte teilt, ist mehr ein Fenster als eine Tür.

Generationenhaus
Foto: Daici Ano

Minimum an Möblierung

Die Bewohner leben mit einem Minimum an Möblierung, das allein ist schon eine Kulturleistung. Jedes Bild an der Wand würde die Architektur stören, jede herumliegende Zeitung wie ein Fremdkörper wirken. Und doch wird hervorragende Architektur geboten. Die Räume sind sinnvoll geschnitten und dort, wo ein Engegefühl nicht vermeidbar ist, wird der Raum zweigeschossig ausgeführt.

Generationenhaus
Foto: Takumi Ota

Qualität des Gesamtentwurfs

Man kann der Treppenskulptur skeptisch gegenüberstehen, aber bei genauerer Betrachtung überwiegt die Qualität des Gesamtentwurfs für das Generationenhaus deutlich. Auch Nendos Ambiguität muss man erst erkennen, um sie schätzen zu können. Hier sind wohltemperierte Raumgefüge gelungen.


Portrait: Kento Mori

Architekt Oki Sato wurde in Toronto geboren und in Japan ausgebildet. Der Architekt ist 2002 Mitbegründer des multidisziplinären Gestaltungsbüros Nendo. Sein eigenes Wohnhaus stellen wir hier vor.


Factsheet

Projekt: Stairway House

Architektur: nendo, www.nendo.jp

Bauherr/Eigentümer: Oki Sato

Standort: Tokio

Bauaufgabe: Wohnhaus

Fertigstellung: 2019

Grundstücksgröße: ca. 236 m²

Anzahl der Stockwerke: 3

Geschossfläche: ca. 280 m²

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