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Pilotprojekt: Performatives Haus von Elli Mosayebi

Mock-up an der ETH Zürich
Performatives Haus von Elli Mosayebi

Eine Musterwohnung auf dem Dach der ETH Zürich. Bewegliche Elemente erlauben es, die Raumsituation zu verändern. Die Professorin Elli Mosayebi erhofft sich dadurch eine Antwort auf die Frage, wie eine zeitgemäße Kleinwohnung heute aussehen sollte.

Autor: Hubertus Adam

Eine aufgeschlossene Bauherrenschaft betraute das Züricher Architekturbüro EMI mit einem Wohnungsbauprojekt an der Züricher Stampenbachstraße. Das war mit ein Grund dafür, dass EMI-Mitgründerin Elli Mosayebi an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich das Pilotrojekt eines ‚Performativen Hauses‘ startete.

Für ein Jahr steht auf dem Dach der Architekturfakultät auf dem Hönggerberg eine voll funktionsfähige Musterwohnung mit 54 m². Sie ist keine „Wohnung für das Existenzminimum“, wie das in den Zwanzigerjahren hieß, sondern eine Kleinwohnung für ein Paar oder ein Domizil für eine einzelne Person.

Elli Mosayebi
Funktionsfähige Musterwohnung auf 54 m² Grundfläche. Das Besondere liegt in diversen beweglichen Elementen: eine drehbar gelagerte Wand, die es erlaubt, Raumteile abzuschließen oder zu öffnen sowie große schwenkbare Leuchten.
Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Wie es zu diesem Projekt kam, erläutert Elli Mosayebi: „Die Wohnungen, die heute auf den Markt gelangen, sind im Allgemeinen konservativ.“ Das habe damit zu tun, dass sie von den Investoren vor allen Dingen als Wertsicherungsanlage verstanden würden.

In der Schweiz stammt ein Großteil des Bestands aus der Boomphase des Wohnungsbaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Die kleingeschnittenen Dreizimmerwohnungen, die einst für Familien gedacht waren, werden von diesen heute nur noch zu geringen Teilen genutzt.

Familien mit Kindern belegen landesweit nur ein Drittel aller Wohnungen, ein Drittel sind Paare, ein weiteres Drittel Singles. In Zürich liegt der Anteil von Singles sogar bei knapp 50%.

Elli Mosayebi, performatives Haus, no vacancy
Alle beweglichen Teile in der Wohnung sind mit Sensoren ausgestattet, sodass die Konfiguration der Wohnung zu jeder Zeit protokolliert wird. Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Veränderte Bedürfnislage

Trotz des Bau-Booms der vergangenen Jahre ist der Markt so gut wie ausgetrocknet. Die Wohnungen stellen sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – als recht banal dar. Sie wirken so, als gäbe es weder einen demografischen Wandel noch eine veränderte Bedürfnislage.

Auch Elli Mosayebi stellt fest, dass man es in der Regel schafft, sich mit suboptimalen Wohnungen zu arrangieren. Wenn Wohnungsgrundrisse wenig spezifisch sind, also viel zulassen, so wie man es von Gründerzeitgrundrissen mit ihren polyvalenten Räumen gewohnt ist, funktioniert das sogar ziemlich gut – weil relativ viel Raum vorhanden ist.

Gute, effiziente und auf die Bedürfnisse von Singles oder Paaren abgestimmte Kleinwohnungen sind aber deutlich schwieriger zu finden.

Elli Mosayebi
Für das in Holztafelbauweise errichtete Mock-up stellte unter anderem das örtliche Designgeschäft ‚Neumarkt 17‘ die Möbel zur Verfügung. Es gibt einen Wohnbereich, ein Bad, eine Küche und eine Schlafzone. Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Diese Situation gab den Ausschlag für das ‚Performative Haus‘. Das in Holztafelbauweise errichtete Mock-up verfügt über einen Wohnbereich, ein Bad, eine Küche und eine Schlafzone.

Das Besondere der Musterwohnung, die eigentlich mehr oder weniger eine Halle darstellt, liegt in diversen beweglichen Elementen: eine drehbar gelagerte Wand, die es erlaubt, Raumteile abzuschließen oder zu öffnen, große schwenkbare Leuchten und einen drehbaren Schrank.

Elli Mosayebi, performatives Haus, no vacancy
Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Bewegliche Elemente

Ein großes, raumgreifendes Podest bietet Stauraum als „liegende Schränke“. Es kann durch Matratzen oder Kissen in einen Schlafbereich oder eine Sitzlandschaft verwandelt werden. Veränderungen geschehen mit wenigen Handgriffen. Die Möbel sponserte unter anderem das örtliche Designgeschäft Neumarkt 17.

Bloß kein Hightech-Interieur à la Jacques Tati, keine kostenintensive Maschinerie. Denn die meisten Ideen von flexiblen Wohnungen, so ist sich Elli Mosayebi bewusst, wurden in der Vergangenheit kaum genutzt. Weil sie zu aufwendig waren – oder am Bedürfnis der Bewohnerinnen und Bewohner vorbeigeplant.

„Die Wandelbarkeit als Möglichkeitsform“ Elli Mosayebi

Daher mag sie den Begriff Flexibilität nicht, spricht eher von der „Wandelbarkeit als Möglichkeitsform“: „Man kann etwas ändern, wenn man will, muss aber nicht. Wichtig ist vor allem: Wohnen hat mit Lust zu tun.“

Elli Mosayebi, performatives Haus, no vacancy
Die Küche im Mock-up. Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Im September 2019 bezogen die ersten Bewohner und Bewohnerinnen jeweils für eine Woche das ‚Performative House‘. Über Inserate suchten die Projektinitiatoren nach geeigneten Probanden für eine Woche Probewohnen. Das sollten Menschen sein mit diversen Hintergründen, unterschiedlichen Alters, heterogenen Vorlieben und Ansprüchen an die eigene Behausung.

Am Ende füllen diese einen umfangreichen Fragebogen aus. Vor allem werden laut Elli Mosayebi Daten erhoben: Alle beweglichen Teile in der Wohnung sind mit Sensoren ausgestattet, sodass die Konfiguration der Wohnung zu jeder Zeit protokolliert wird.

Noch keine klaren Ergebnisse

Ursprünglich für 50 Wochen geplant, musste das Wohnexperiment nach der Hälfte der Zeit Corona-bedingt unterbrochen werden. Insofern liegen belastbare Ergebnisse – die Auswertung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem ETH-Wohnforum – noch nicht vor.

Elli Mosayebi
Auf dem Dach der ETH-Architekturfakultät in Zürich steht der Container, der das ‚Performative Haus‘ beherbergt. Probewohnen möglich, wie die Leuchtschrift „Vacancy“ anzeigt. Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Man darf gespannt sein, wann das Projekt wieder ins Laufen kommt. „Die zentrale Frage ist, wie wir in einer pluralistischen Gesellschaft diverse Wohnformen anbieten und unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden können“, erklärt Elli Mosayebi. Die Forschung wird weitergehen, selbst wenn keine Schrift „Vacancy“ oder „No Vacancy“ mehr vom Dach des ETH-Campus leuchtet.

Mit dem Projekt konkretisiert die 1977 in Teheran geborene und in der Schweiz aufgewachsene Architektin ihre theoretischen Überlegungen. Sie hat an der ETH in Zürich Architektur studiert und gründete 2004 mit Ron Edelaar und Christian Müller Inderbitzin das Büro EMI. Die Architekten beschäftigen sich hauptsächlich mit Wohnungsbau.

Elli Mosayebi, performatives Haus, no vacancy
Die Forschung wird weitergehen, selbst wenn keine Schrift „Vacancy“ oder „No Vacancy“ mehr vom Dach des ETH-Campus leuchtet. Foto: Edelaar Mosayebi Inderbitzin Architekten

Seit 2018 ist Elli Mosayebi Professorin für Architektur und Entwurf an der ETH. Sechs Jahre, von 2012 bis 2018, lehrte sie an der TU Darmstadt, ist also auch mit den deutschen Verhältnissen vertraut.

Die stuft sie als noch schwieriger ein als die in der Schweiz: „Ich habe den Eindruck, dass Wohnungsbau in Deutschland gar nicht mehr zur Architektur gehört. Entworfen wird entlang von Normen. Es geht überhaupt nicht um das Nachdenken darüber, was Wohnen heute heißen sollte.“

Mehr Informationen zum „Performativen Haus“ von EMI Architekten
Weiterer Artikel über künftige Wohnformen auf md-mag.com

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