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Rough is enough!

Betonfertigteile in Serie für Wohnbauten
Rough is enough!

Bezahlbar soll es sein. Experimentell am liebsten auch. Aktuell setzt man beim Wohnungsbau auf Betonfertigteile in Serie. Die Wohnung als veredelter Rohbau scheint eine Antwort auf steigende Bau- und Bodenpreise zu sein. Ist rough wirklich enough?

Wohnbauten aus Fertigteilen werden aktuell ausprobiert und erforscht, mit der Hoffnung, Baupreise und Bauzeiten zu senken. Vor allem in Berlin werden ungewöhnliche Wohnbauprojekte über Nacht in die Baulücken montiert und feuern die Debatte darüber an, was eine Wohnung wirklich braucht, um bezahlbar zu sein. Wird nicht zu viel Geld in Ausstattung und Erfüllung von Komfortanforderungen investiert, die man gar nicht braucht? Wände, Böden, Decke, alles bleibt roh.

Die Möbel holen die Wärme ins Wohnzimmer. Der Ansatz bringt im besten Fall den Mut und auch das Budget, um großzügig mit Grundriss und Deckenhöhen umzugehen. Daraus resultiert Raumqualität, und die funktioniert besonders gut mit großen Räumen im Loft-Stil.

Die Akzeptanz von Wohnbauten mit Rohbauatmosphäre ist bei den meisten Menschen vermutlich relativ gering. So wundert es nicht, wenn die deutschen Bauträger kein Potenzial in experimentellen Wohnmodellen erkennen.

In den Neubaugebieten der Städte werden immer noch die klassischen Dreizimmerwohnungen mit Küche und Bad konventionell gebaut. Nur die stadteigenen Wohnungsbaugesellschaften, Genossenschaften und Baugruppen testen in Pilotprojekten experimentelle Wohnformen und Bauweisen.

Gut wäre es, wenn beim bezahlbaren Wohnen nicht nur Baukonstruktion, Wohnungsgrößen und Ausbaustandards reduziert, sondern im Gegenzug auch unterschiedliche Wohnkonzepte und verbesserte räumliche Qualitäten angeboten würden.

In Berlin gibt es hierfür gute Beispiele, wie man mit vorgefertigten Beton- oder Holzkonstruktionen flexibel aufteilbare Grundrisse erzeugen und die Wohngebäude auch mit anderen sinnvollen Nutzungen anreichern kann, um so das kollektive Zusammenleben in der dichten Stadt zu fördern. Zusätzliche Arbeits- oder Atelierräume, Übernachtungsmöglichkeiten für Besucher oder Gemeinschaftsräume mit Küchen werden in die Häuser integriert.

Die Idee des seriellen Bauens ist ja nicht ganz neu und sein Ruf ist schlecht. Bereits im Massenwohnungsbau der Nachkriegsjahre wurde aus Kosten- und Zeitgründen mit Betonfertigteilen gearbeitet. Die dabei entstandenen Wohnkomplexe werden oft als unwirtlich, monoton und hässlich empfunden. Material und Bauform sind meist uninspiriert und nur an Wirtschaftlichkeit ausgerichtet. Steigende Bau- und Bodenpreise zwingen jedoch heute die Bauherren, Erfahrungen und Werkzeuge aus der Vergangenheit zu reaktivieren und mit neuen Ideen zu verbessern.

Die Projekte, die in der Hauptstadt entstehen, zeigten eine andere Qualität: Die Typologien und Materialien sind ungewohnt und experimentell, einzigartig in dieser Radikalität in Deutschland.

Bei unseren europäischen Nachbarn wird man da eher fündig. Die Schweiz und Österreich mit ihrer Tradition der Genossenschaftsbauten mit großem Angebot für eine gemeinschaftliche Nutzung, Dänemark mit dem Fokus auf Recycling und ressourcensparendem Bauen, das sich auch in der Nutzung beispielsweise einer Tauschbörse im Haus zeigt.

Hierzulande ist der radikale Ansatz der Rohbauästhetik in der Wohnung und der flexiblen Grundrisse durch hallenartige Baustrukturen noch die Ausnahme. Dabei gibt es große Vorteile für unterschiedliche Lebenssituationen. Es lassen sich ohne großen Aufwand Wände einbauen oder herausnehmen. Ein drittes Zimmer kann man auch leicht bei Bedarf der kleineren Nachbarwohnung zuschlagen, wenn die Kinder ausgezogen sind.

Im Erdgeschoss – oft auch mit größeren Geschosshöhen, befinden sich die Sonder- oder Zusatzfunktionen für die Hausgemeinschaft, die das Zusammenleben befruchten und das Gebäude zum lebhaften Stadtbaustein werden lassen. Entscheidend ist, ob das Gebäude mit seiner architektonischen Struktur differenzierte räumliche Ansätze mitbringt, um eine aneignungsoffene Architektur zu ermöglichen. Mögliche Begegnungen der Bewohner, aber auch der Rückzug ins Private müssen in der Gebäudestruktur bereits angelegt werden.

Rough ist sicherlich nicht enough, um flächendeckend das Problem des Wohnungsmangels zu lösen. Rough ist aber sicher für manche eine spannende Alternative für das Wohngefühl und den Geldbeutel.

Für mich bleibt die Frage, ob wir nicht das Problem des bezahlbaren Wohnraums von hinten aufrollen, wenn wir versuchen, so günstig wie nur möglich zu bauen?

Zielführender wäre vielmehr, die hohen Standards im Wohnungsbau zu hinterfragen und zu ändern, wie das der Bund Deutscher Architekten bereits 2016 in einer Wanderausstellung mit Begleitheft gefordert hat.

Noch wirksamer aber wäre, wenn endlich der Staat die aberwitzige Entwicklung der Baulandpreise stoppen und mit einer Bodenrechtsreform die Spekulation mit Grund- und Boden zu einer gemeinwohlverträglichen Lösung umwandeln würde.

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Kolumnist Amandus Samsøe Sattler

Gründungspartner des Architekturbüros Allmann Sattler Wappner, München. Präsidiumsmitglied beim DGNB, Mitglied des Gestaltungsbeirats der Städte Wiesbaden und Oldenburg; Leitung internationaler Workshops, eigenes künstlerisches Werk in Fotografie.

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