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Serie oder Sonderleuchten

Sonderleuchten in der Innenarchitektur
Das ganze Spektrum

Serie oder Sonderleuchten? Mit modularen Licht-Baukästen, digitalen Optionen und flexibler Fertigung entsteht ein fließender Übergang – und individualisiertes Licht wird zum selbstverständlichen Element im Projekt.

Autor Martin Krautter

Es hat sich in letzter Zeit etwas verändert in der Sprache der Leuchtenbranche: Wenn es um projektbezogen entwickelte Leuchten-Unikate oder Kleinserien geht, ist die Rede von „individual, bespoke, customized, maßgeschneidert“ – das klingt gleich viel positiver und weniger sonderbar als die Sonderleuchten der Vergangenheit. Individuell ist das neue Normal, so scheint es.

Als Planer und Entwerfer muss man sich nicht mehr mühsam zur richtigen Adresse für Sonderwünsche durchfragen, im Gegenteil: Immer mehr Hersteller vermarkten die Individualisierung aktiv als Service, bilden dafür eigene Sub-Brands oder Abteilungen und fördern damit den Trend, der bei spezialisierten Manufakturen schon länger für gute Geschäfte sorgt.

Folgen der Digitalisierung

Die neue Bereitschaft der Industrie, auf den Bedarf im Interiordesign an originellen und individuellen Lichtlösungen einzugehen anstatt „Licht von der Stange“ zu propagieren, fällt nicht zufällig mit dem Siegeszug der LED zusammen. Im Rahmen der Umstellung haben viele Hersteller ihre Lichttechnik massiv modularisiert und miniaturisiert. Digitalisierte Produktionsprozesse der Industrie 4.0 zielen in Richtung Losgröße 1.

So lassen sich Variantenvielfalt und Sonderwünsche viel wirtschaftlicher durch die flexible Fertigung schleusen als früher, als sich meist manufakturielle Parallelstrukturen um diese Aufgaben kümmerten.

Die Digitalisierung beschleunigt und vereinfacht zugleich die Vernetzung mit Zulieferern und Subunternehmern für spezielle Fertigungsschritte – etwa wenn es um besondere Oberflächen wie galvanische Metallbeschichtungen geht.

Sonderleuchten
Foto: Signify

Additive Fertigung

Langsam fassen auch additive Fertigungsverfahren wie 3D-Druck im Leuchtenbau Fuß. Sie ermöglichen die Individualisierung und Parametrisierung von Bauteilen wie Lampenschirmen oder Einbauringen.

LED und Digitalisierung brachten zudem neue, spezifische Dimensionen der Individualisierung mit sich: Dazu gehört die breite Auswahl an Lichtfarben und LED-Spektren aus einheitlich geformten Modulen, bis hin zu flexiblen „Tunable White“- oder „Colour Changer“-Versionen.

Digitale Betriebsgeräte lassen sich per DALI oder drahtlos per Bluetooth vernetzen und auf der Software-Ebene frei konfigurieren. Endgültig ins Fließen kommt der Übergang zwischen Serie und Sonderleuchte bei Lichtsystem-Baukästen – ob es nun Strahlersysteme sind, deren Kombinatorik laut Hersteller zu 28 000 Varianten des Serienprodukts führt, oder Elemente für Lichtlinien und -strukturen, die bereits auf Maß geschnitten zur Baustelle kommen.

Zielrichtung: Losgrösse 1

Gute Zeiten also für Interior-Designer, für die der individuelle Raum den Normalfall darstellt. Selbst dort, wo früher „in Serie“ entworfen wurde, zum Beispiel in großen Bürobauten oder für Retail-, Restaurant- oder Hotelketten, erwarten die Auftraggeber immer differenziertere Konzepte und Entwürfe, die auf den lokalen Kontext oder die Bestandsarchitektur eingehen. Sonderleuchten übernehmen dabei unterschiedliche Aufgaben im Lichtkonzept.

Leuchten-Unikate setzen individuelle Akzente, maßgeschneiderte Einbauten integrieren sich in die jeweilige architektonische Situation, eine markant gestaltete Serie exklusiver „Signature“-Leuchten bildet den roten Faden einer Markenidentität, auch über verschiedene Standorte hinweg.

Räume mit ungewöhnlichen Dimensionen, Formen, Materialien oder Funktionen bringen Standardleuchten an ihre Grenzen – dafür gemeinsam mit spezialisierten Lichtplanern innovative Leuchten zu entwickeln, stellt die „hohe Schule“ des Einsatzes von Sonderleuchten dar.

Hoch aktuell ist das Thema Relighting: Der 1:1-Ersatz konventioneller Leuchten durch LED, zum Beispiel aus denkmalpflegerischen Gründen, erfordert oft technische Maßarbeit. Die in der Folge angerissenen Praxisbeispiele decken diese große Bandbreite individueller Beleuchtungslösungen ab.

Sonderleuchten
Foto: Studio Bouroullec

Licht mit Signatur

Typisch für repräsentative Sonderleuchten an der Grenze zur Lichtskulptur sind die Konfigurationen aus Glasröhren und Metall, die Ronan und Erwan Bouroullec für die Pinault- Collection in der Bourse de Commerce entwarfen und von Flos Bespoke fertigen ließen. Ihre Dimensionen sind monumental: Die Struktur im Treppenhaus reicht über 17 Meter vom Erdgeschoss bis zum Dach.

Das andere Ende der Maßstabsskala markieren die zierlichen, formal an Grubenlampen erinnernden Deckenleuchten, die das Büro Licht Kunst Licht exklusiv für das Museum „Goldkammer“ in Frankfurt gestaltete – ausgeführt in einer goldglänzenden Metalllegierung vom Spezialisten Bergmeister.

Sonderleuchten
Foto: Linus Lintner für Kardorff Ingenieure

Markenarchitektur, ob im Retail, der Gastronomie oder in Corporate Headquarters, sind eine weitere Domäne der Sonderleuchten. So bildet die ‚Signature‘-Schirmleuchte den roten Faden im Lichtkonzept, das Schritt für Schritt auf alle Standorte der Restaurantkette „L’Osteria“ ausgerollt wird – produziert wird der Entwurf aus dem Büro Kardorff Ingenieure von der Manufaktur Peters Leuchten.

Sonderleuchten
Foto: Steng Licht

Für die „CI Factory“ der Arbeitskleidermarke Engelbert Strauss in Schlüchtern wünschten sich die Innenarchitekten Plajer & Franz eine maßgeschneiderte, wabenartige Lichtstruktur, die der Hersteller Steng auf Basis seiner ‚Polystructure‘ -Elemente realisierte.

Sonderleuchten
Foto: XAL

Sonderleuchten und Kleinserie

Bei der Beleuchtung größerer Büroflächen verwischt die Grenze zwischen Sonderleuchte und Kleinserie, wie im Headquarter des Maschinenbauers Wikus in Spangenberg. Dort lieferte XAL einerseits rund 1,2 Kilometer und 800 Lichteinsätze eines projektspezifischen Tragschienensystems, andererseits 120 kreisförmige Pendelleuchten nach Maß, Tunable-White-Technik inklusive.

Recht vergleichbare Projektdimensionen finden sich bei großen Museen wie der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel. Hier ersetzte Zumtobel nach Plänen des Schweizer Büros Matí Lichtgestaltung unter anderem rund 600, in der Tageslichtdecke verborgene Halogen-Wandfluter mit speziellen LED-Wallwashern. Sie sind über Bluetooth vernetzt, um Helligkeit und Lichtfarbe möglichst dem natürlichen Licht anzupassen.

Die nahtlose Integration von Licht in konstruktive Elemente oder Einbauten verlangt häufig nach individuellen Lösungen. Im Innovation Center des Aromenherstellers Givaudan in Zürich (Planung von Lightsphere, Zürich) sind es unter anderem eingeputzte LED-Linien, die die geschwungenen Konturen der Galerien und Treppen im Atrium mit Licht nachzeichnen.

Sonderleuchten
Foto: © ERCO GmbH, photography: Frieder Blickle

Aber selbst die schlichteste Form der Modifikation von Scheinwerfern und Strahlern per Sonderlackierung kann einem Projekt schon das gewisse Etwas verleihen, wie das Museumsschiff „Peking“ zeigt – ein Viermaster von 1911, der demnächst im Hamburger Hafen besichtigt werden kann.

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