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Störungen durch Sprachverständlichkeit reduzieren

Endlich mal Ruhe!

Den unangenehmsten Lärm im Büro verursacht der sprechende Mensch. Die dadurch entstehenden Belastungen lassen sich deutlich verringern – durch gute Headsets und Regeln der Rücksichtnahme.

Autor: Dr. Ahmet E. Cakir

Mit der Seele gesucht, aber leider seltener gesichtet als das Einhorn: der Akustiker, der das Büro in eine Oase der Ruhe verwandelt. Fragt man hier immer die falschen Akustiker?
Leider nicht, denn dort, wo die Mittel der Akustik greifen, ist der Erfolg messbar. Normgerecht gebaute deutsche Büros sind eine Oase der Ruhe – solange, bis die Arbeit beginnt. Und es ist lange nicht mehr die gleiche Situation, für die die heute existierenden Bürohäuser einst konzipiert wurden. Denn Arbeiten, die man mit wenig Konzentration erledigen könnte, sind längst im Computer verschwunden.
Büroarbeit beruht, auch im Innendienst, auf sprechen – mit und ohne Telefon, in organisierten und spontanen Meetings. Doch muss man in der restlichen Zeit konzentrierter arbeiten als einst. Und nichts stört einen Menschen hier mehr als akustische und visuelle Unruhe.
Die naheliegende Lösung, Einzelraum für jeden bereitzustellen, würde sich aber auch für diejenigen, die sich danach sehnen, zu einem Grund für Unzufriedenheit entwickeln. Für das Unternehmen sowieso. Denn ohne informelle Gespräche gibt es kein Betriebsklima und ohne Betriebsklima womöglich bald keinen Betrieb mehr. Störungen durch Kollegen gehören zur Arbeit. Allerdings sollten sie beherrschbar sein.
Die heute üblichen akustischen Störungen gehören jedoch zu den unangenehmsten. Messgrößen der Akustik sind hier jedoch nicht aussagefähig. Denn der Akustiker hantiert mit den Messgrößen „Beurteilungspegel (Mittelwert über acht Stunden)“ und „Impulshaltigkeit (Schallspitzen)“.
Beide entstammen dem Vokabular derer, die sich mit dem Schutz des Gehörs beschäftigen. Aus dieser Sicht gesehen braucht man im Büro nichts zu tun. Ohrenbetäubender Lärm herrschte nicht einmal zu Hochzeiten der Schreibmaschine. Vielmehr gilt: Heutiger Lärm kann zu psychischen Störungen führen, die bereits in einer Bibliotheksatmosphäre entstehen, wenn unerwünschte Gespräche im gleichen Raum laufen.
Wenn man diese Geräusche analysiert, stellt man fest, dass sich der mittlere Schalldruckpegel tatsächlich um etwa 10 dB(A) erhöht, wenn viel telefoniert wird. Die Zahl der Störungen bleibt aber auch dann erheblich, wenn lediglich „übliche“ Geräusche vorherrschen. Das sind immerhin hundert und mehr Störungen in der Stunde.
Man kann leicht nachweisen, dass ein angebliches Allheilmittel, das Maskieren von Schall durch anderen Schall, nicht zum gewünschten Ziel führt. Ganz abgesehen davon, dass das Maskieren dort, wo der Schall am lautesten ist, nämlich im Doppelzimmer, garantiert nicht funktioniert.
Übrig bleibt die in der Akustik immer schon übliche Methode, den Schall an der Quelle zu vermeiden. Da die Quelle meistens der Mensch ist, wird das nicht perfekt gelingen. Aber dieser Ansatz ist immer noch viel besser, als die Räume voller Schallschirme zu stellen und so Licht und Luft gleich mit abzuschirmen.
Man legt hier vor allem den Lombard-Effekt zugrunde, wonach ein Sprecher bei Vorhandensein von Hintergrundlärm die Lautstärke und meist auch die Tonlage erhöht. Dies trifft auch zu, wenn die Gegenseite zum Beispiel im Auto spricht und so den Eindruck vermittelt, die Tonqualität sei schlecht.
Hier versprechen Headsets Abhilfe. Headsets guter Qualität für den Sprecher und die Gegenseite führen dazu, dass beide Seiten leiser sprechen. Die Geräte haben sehr gut geräuschmindernde Mikrofone und sind binaural, das heißt sie verfügen über Kopfhörer-Stereofonie. Gleichwohl sind Headsets mit hoher Dämpfung trotz theoretischer Vorteile wegen ihrer Isolationswirkung in Büros unerwünscht.
Weiterhin lässt sich unsere Beobachtung nutzen, dass der gleiche Mensch, je nach Gemütslage, bis zu 25 dB(A) unterschiedlich laut spricht. Hier kann ein Stimm- und Sprechtraining Wunder bewirken, die man sonst von der Raumakustik – meist vergeblich – erwartet. Das kommt einerseits der Qualität des Gesprächs zugute und schont andererseits den Sprecher. Denn (fast) nichts ist lauter als die eigene Stimme mit rund 105 dB(A) im Ohr. Wer sich selbst schlecht versteht, wird eben lauter.
Akustikbüchern zufolge ist die Sprache mit 65 dB(A) vor dem Mund anzusetzen. 70 bis 75 dB(A) in mehr als zehn Metern Entfernung sind aber keine Seltenheit. Das entspricht einer Differenz von bis zu 35 dB(A) über dem Hintergrund. Dazu muss man aber wissen, dass man Sprache versteht, die nicht einmal den Hintergrundpegel erreicht.
Bleibt noch die gegenseitige Rücksichtnahme, die nicht nur im Doppelzimmer funktioniert, in dem die Störungen physikalisch gesehen am lautesten ausfallen. Sie lässt sich auch in größeren Räumen selbst organisieren.
Am Ende gilt: Wer das Open Space für eine moderne Büroform hält und Multitasking für eine ebenso zeitgemäße Arbeitsform, muss regelnd eingreifen. Denn akustische Störungen als Arbeitsunterbrechung stehen auf der nach oben offenen Skala der Konzentrationsstörungen ganz oben. In Tateinheit mit Multitasking sind sie mitverantwortlich dafür, dass etwa ein Achtel des Krankenstandes auf psychische Belastungen zurückzuführen ist.

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