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Sozialer Wohnungsbau von Peris+Toral Arquitectes

Sozialer Wohnungsbau von Peris+Toral Arquitectes in Cornellà de Llobregat/ES
Japanisches Vorbild

Im katalanischen Cornellà de Llobregat konzipieren Peris+Toral Arquitectes einen Wohnkomplex mit ungewöhnlicher Raumaufteilung. Damit haben sie einen zukunftsweisenden Vorschlag zum sozialen Wohnungsbau kreiert.

Autor Thomas Geuder

Cornellà de Llobregat ist eine Stadt in der Metropolregion Barcelona. Städtebaulich ist sie mit der Hauptstadt Kataloniens zusammengewachsen. Auf dem Areal, auf dem sich bis vor wenigen Jahren das in den 1960er-Jahren erbaute Kino „Pisa“ befand, haben Peris+Toral Arquitectes nun ein sechsstöckiges Gebäude errichtet. Es soll als sozialer Wohnungsbau einen wichtigen Beitrag zu günstigem Wohnraum leisten.

Dass es in den 85 Wohnungen dennoch eine hohe Wohnqualität gibt, ist kein Widerspruch. Mit ihrem Entwurf haben Marta Peris und José Toral ein flexibel und vielfältig nutzbares Bauwerk geschaffen, das ihrer architektonischen Grundhaltung folgt: „Integrale Nachhaltigkeit ist in der Regel die Grundlage unserer Inspiration, sowohl in sozialer, ökologischer als auch in wirtschaftlicher Hinsicht“, erklärt das Architektenduo aus Barcelona.

Gemeinsame Flächennutzung

Der Baukörper fügt sich leicht verdreht in seine bauliche Umgebung ein, wodurch sich der städtische Raum in unterschiedlicher Weise weitet. Durch die Integration eines Innenhofs ähnelt das rechteckige Bauwerk den quadratischen Häuserblocks mit abgeschrägten Ecken in Barcelonas bekanntem Stadtbezirk „Eixample“.

Im Erdgeschoss gibt es Raum für Einzelhandel, außerdem den Zugang zu einem neuen Kino, dessen Säle sich im Keller befinden. Zum Haupteingang gelangt man an der Südseite über eine gebäudebreite Säulenarkade, die wie ein Filter zur Stadt wirken soll. Es folgt der Innenhof, der gleichzeitig eine halböffentliche Plaza ist, auf der sich die Bewohner ungezwungen treffen können. Hier wirkt die Gestaltung eher kühl, mit grüner Insel, ansonsten Steinboden und Gabionen-Wänden.

Von dort aus erschließen die Treppenhäuser in jeder der vier Ecken das Bauwerk. Sie führen zu den Laubengängen, die für die Wohnungen teilweise Balkon und Flur zugleich sind und somit zu Kommunikationszonen avancieren. Platzraubende Korridore entfallen in dem Gebäude.

Offene Grundrissmatrix

Im Jahr 2017 – als das alte Kino abgerissen wurde – gewannen Peris+Toral Arquitectes den Ideenwettbewerb zur Weiterentwicklung des Areals. Ihr Grundrisskonzept ist so einfach wie bestechend: Um auf der 10 000 m² großen Fläche so viel Wohnraum wie möglich zu schaffen und die Flächen maximal zu nutzen, entwickelten sie eine Struktur, die – ebenfalls ein ideeller Bezug zu „Eixample“ – auf einem strengen Quadratraster basiert. Innerhalb dieser insgesamt pro Geschoss 114 Quadrate großen Matrix sind alle Räume großzügig miteinander verbunden. Nur einige Öffnungen sind verschlossen, um einzelne Wohnungen abzugrenzen.

Zentrales Küchenmodul

Aus wie vielen Quadraten eine Wohnung letztendlich besteht, ist bei dieser Grundrissorganisation fast schon zweitrangig und für die Zukunft durchaus variabel. Dennoch legten die Architekten eine erste Konfiguration fest, die auf einem einfachen Prinzip basiert: Um ein zentrales Küchenmodul sind die restlichen Wohnräume gruppiert, sodass eine Wohnung derzeit aus vier bis sechs Modulen besteht. Damit wollen die beiden Planer gleichzeitig die traditionellen Geschlechterrollen aufbrechen und den Ort der Hausarbeit in der Mitte des Wohnens für beide, also Frau und Mann, positionieren.

2016 hatte Marta Peris ihre Doktorarbeit „Das japanische Haus in den Filmen von Yasujiro Ozu“ vorgelegt, in der sie von der enormen Flexibilität dieser Häuser berichtet.

Japanische Einflüsse

Räume werden dort nicht nach ihrer Nutzung, sondern nach ihrer Größe benannt, beziffert nach der Anzahl der Tatami-Matten. Die quadratische Fläche im Grundrissraster des Wohnhauses in Cornellà de Llobregat ist 3,60 m x 3,60 m = 13 m² groß. Das entspricht einer Raumgröße von acht 90 x 180 cm großen Tatami-Matten.

Die Gleichheit der Räume führt zu einer Enthierarchisierung und somit zu einer großen Flexibilität und Ambiguität, die eine Mehrfachnutzung sogar im Tagesverlauf ermöglicht. Überhaupt erinnert die Raumatmosphäre an das traditionelle japanische Haus mit seinen Shōji-Schiebewänden, durch die sich Räume großzügig zusammenschalten lassen. Die Shōji-Wände erscheinen hier als moderne Schiebetüren ohne Fußleiste, was die räumliche Durchgängigkeit optisch noch erhöht. So lässt sich – wie beim japanischen Vorbild – eine elegante Raumstaffelung mit verschiedenen Qualitäten erzeugen.

Schlichte Materialität

Das Erdgeschoss des Bauwerks besteht aus einer Stahlbetonkonstruktion, deren auskragende Decke die Basis für die Obergeschosse bildet. Diese wiederum sind konstruktiv aus insgesamt 8 300 m³ Holz errichtet. „Wir haben mit Holz gearbeitet, weil es uns die Möglichkeit bietet, die Gebäudestruktur zu industrialisieren und die Qualität der Konstruktion und die für den Bau benötigte Zeit zu optimieren“, erklärt José Manuel Toral den Nachhaltigkeitsansatz des Büros.

Holzoberflächen bestimmen die Innenraumatmosphäre

„Auch die Emissionen konnten wir mit diesem nachhaltigen Material reduzieren.“ Eine Dämmung war unnötig, die Außenwände sind zum Schutz mit Trapezblechen verkleidet. So bestimmen Holzoberflächen die Innenraumatmosphäre – mit Parkettböden und meist naturbelassenen Decken. Lediglich die Wohnungswände und einige Decken sind warmweiß gestrichen, und damit ebenso weiß wie die Kücheneinbauten und die Schiebetüren. Dieses einheitliche, schlichte Layout schafft eine Basis für die individuelle Wohnungsgestaltung.

Mit ihrem Wohnkomplex schuf das Gestaltungsduo aus Barcelona einen zukunftsweisenden Prototypen des sozialen Wohnungsbaus. Aus der klaren Konstruktion folgen standardisierbare Details, wodurch einfacher und vor allem kostengünstiger gebaut werden kann.

Sozialer Wohnungsbau par excellence

Dass solche Wohnungen strukturell sinnvoll, gestalterisch hochwertig und keineswegs „billig“ sind, zeigt das Projekt in der Nähe von Barcelona in eindrucksvoller Weise. Nicht zuletzt verkörpert die Idee von Gemeinschaft und Vernetzung in der heutigen Zeit einen wichtigen Ansatz. „Wir lieben den Gedanken, dass das Wohnen nicht erst an der Wohnungstür beginnt, sondern auf der Straße“, erklären Marta Peris und José Toral.

Mit all den sich überschneidenden Bereichen gehen Wohnen und Gemeinschaft in diesem Haus weit über den privaten Innenraum hinaus.


Fakten

Projekt: Gebäude mit Mietwohnungen

Standort: Av. República Argentina 21, 08940 Cornellà de Llobregat, Barcelona, Spanien

 

Bauaufgabe: Sozialer Wohnungsbau: 85 Sozialwohnungen

Bauherr: Metropolitan Institute of Land Development and Property Management (IMPSOL)

Architekten: Peris+Toral Arquitectes, Webseite des Büros

Gesamtfläche: 12 815 m²

Fertigstellung: Dezember 2020

Innenausstattung (Auswahl): Jalousien von Durmi, Fußbodenbeläge von Tarkett Floors, Küchen von Bodelec, Innentüren und Paneele von Mobiliari Font Room, Schiebetürsysteme ‚Slid‘ ohne Bodenführungen als mobile Raumteiler von Klein


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Peris+Toral Arquitectes

Von ihrem Sitz in Barcelona aus erweitern Peris+Toral Arquitectes ihre Praxis durch kontinuierliche Forschung in den Bereichen kollektiver, öffentlicher Wohnungsbau und städtischer Raum, mit einer Denkweise, die den Menschen in den Mittelpunkt des Handelns stellt und den Architekten zu einem sozialen Akteur macht.

Marta Peris und José Toral schlagen Umgebungen vor, in denen der Nutzer leben und sich entfalten kann. Sie wollen anregen, Programmstandards neu zu überdenken. Ihre Architektuer reagiert auf Lebensweisen, die die Gesellschaft zu einem bestimmten Moment braucht. Marta Peris, Doktorin in Architekturdesign (UPC Cum Laude), ist seit 2002 Dozentin für Projekte an der ETSAB UPC im Studio für für Wohnen und Stadt. José Toral ist seit 2016 Dozent an der ETSAB UPC im Studio für öffentliche Räume und städtische Projekte.

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