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Alfredo Häberli entwirft für Baufritz ein Konzepthaus in Fertigbauweise – ‚Haussicht‘ md-mag

Konzepthaus von Alfredo Häberli für Baufritz
Wohnutopie von Baufritz

Bei einem Vorzeigebau im Allgäu fanden Design und Ökologie zusammen. Hersteller Baufritz und Gestalter Häberli zeigen, wie reizvoll es sein kann, Grenzen des Machbaren zu verschieben.

Autor Thomas Edelmann

Sie kennen Erkheim im Unterallgäu nicht? Es liegt 100 km westlich von München. Etwas schneller gelangt man südwestlich nach Lindau an den Bodensee. Mitten durch Erkheim führt die Autobahn A96, die beide Orte verbindet. Nördlich der Piste ist die Fertigung von Baufritz angesiedelt, das moderne Werk eines traditionsreichen Familienunternehmens. 1896 hier gegründet, leitet es Dagmar Fritz-Kramer in vierter Generation. Baufritz ist eine Fabrik, die pro Jahr 180 bis 200 Häuser herstellt. Wer das Unternehmen für einen Produzenten von Fertighäusern hält, liegt nicht ganz daneben. Doch Baufritz ist anders. Als die Ehefrau des damaligen Geschäftsführers Ende der 1970er Jahre schwer erkrankte und bald darauf starb, verwandelte Hubert Fritz, der Vater der heutigen Chefin, seinen Betrieb in ein ökologisches Vorzeigeunternehmen. Produktion und Produkte wurden bis ins kleinste Detail auf mögliche Schadstoffe untersucht, entsprechend wurden Prozesse und Baustoffe verändert, um beispielsweise vollständig auf Lösemittel und Pestizide zu verzichten.

Baufritz ist verglichen mit unmittelbaren Wettbewerbern sowie mit dem traditionellen Massivbau besonders hartnäckig, was die Optimierung der ökologischen Bauweise angeht. So bestehen Fensterrahmen hier keinesfalls aus Kunststoff, sondern aus Holz. Zudem werden sie in einer Schreinerverbindung ins Gebäude integriert, was Kleber und Schäume überflüssig macht.

In der „HausSchneiderei“, dem Planungszentrum, das wie die kompakte Musterhaussiedlung südlich der Autobahn steht, kann jede Bauherrin und jeder Bauherr das eigene Haus gemeinsam mit einem Team von Gestaltern, Energieberatern und Baubiologen ausarbeiten. Voruntersuchungen des Bauplatzes gehören ebenso zum Standard wie die Schadstoffmessung im bereits bewohnten Haus. Seit vergangenem Jahr hat Erkheim südlich der Autobahn einen neuen gestalterischen Höhepunkt, ein einmaliges Ausflugsziel für Architektur- und Designbegeisterte: das Konzepthaus ‚Haussicht‘, gestaltet von Designer Alfredo Häberli aus Zürich. Häberli spricht von einem Case Study-House und erinnert damit an Experimentalbauten im Kalifornien der 1950er Jahre.

Eine menschliche Architektur

Das zweiteilige Gebäude ist weder Villa noch Landhaus. Anders als seine deutlich kompakteren Nachbarbauten dient es nicht unmittelbar als Vorbild für Bauherrenwünsche. Es ist ein komplexer Demonstrationsbau, der, entgegen dem heute üblichen Pragmatismus des billigen und hastigen Bauens, die Fragen nach dem Wohnen neu und ernsthaft aufwirft. Ist der Bau also ein Laborprojekt, um künftige Möglichkeiten aufzuzeigen? Ingenieur Helmut Holl, der das Projekt bei Baufritz als Managing Director maßgeblich begleitete, widerspricht: „Das sind ausgereifte Dinge, nichts, was erst noch erforscht werden müsste. Heute wird entweder gesichtslos gebaut oder in formaler Annäherung an eine bestimmte Vorstellung von Bauhauskultur, die dabei auf glatte Quader mit flachem Dach reduziert wird. Wir wollen weg aus diesem Brei und zeitgemäße menschliche Architektur zeigen, in deren Innenräumen man sich wohlfühlt.“ Selten ist im Inneren eines aktuellen Wohnhauses so viel Holz zu sehen. Zugleich wirken die Oberflächen anregend, fein verarbeitet, gut strukturiert und ganz und gar nicht wie eine Materialschlacht.

So liefert Häberli alles andere als ein gebautes Fragezeichen, sondern bietet eine Reihe sowohl praktischer, präziser wie poetischer Vorschläge an. Er habe das Haus von „innen nach außen entworfen“, sagt der Designer. Dabei schuf er weit mehr als eine Hülle für ausgewählte Gegenstände. Bevor er zum weltbekannten Gestalter wurde, lange vor seinem Designstudium, stand bei Häberli die Ausbildung zum Hochbauzeichner in einem Architekturbüro. Seit der Kindheit sei Architektur ein „Thema in meinem täglichen Leben“. Überrascht
war er, dass viele der von ihm entworfenen Möbel zumindest in ihrer Standardausführung den strengen Umwelt- und Schadstoffstandards von Baufritz nicht entsprachen. Eine erneute Debatte um Machart und innere Werte unserer gegenwärtigen Möbelkultur bringt dies mit Kraft wieder auf die Agenda.

Ökologische Standards

Es sind Einzelheiten und Details, die seine „Haussicht“ auszeichnen und die womöglich Einfluss auf künftige Wohnbauten nehmen. Der Designer bekam von der Unternehmerin Carte blanche für das gemeinsame Projekt. Das langgestreckte zweistöckige Hauptgebäude wird von einem kleineren Bau ergänzt. „Stöckli“ nennt Häberli diesen, der an die Tradition des Schweizerischen Auszugshauses anknüpft, bei dem auf einem Hof nach Übergabe an die jüngere Generation eine Wohnstätte fürs Altenteil errichtet wird. Der kompakte Bau ist, obwohl ebenfalls zweigeschossig, barrierefrei. Der nach oben offene Fahrstuhl ist für Rollstuhlfahrer nutzbar, ebenso die höhenverstellbare Küche. Über eine Brücke im Obergeschoss sind beide Teilbauten verbunden. Dass das gesamte Gebilde so groß ausfiel, ist Häberli ein bisschen unangenehm, erklärt sich aber aus dessen Funktion: Besucher sollen auch in größeren Gruppen Möglichkeiten des zeitgemäßen ökologischen Wohnens erkunden können.

Unerlässlich ist für Häberli die Möglichkeit zur Veränderung von Grundrissen, und so auch in diesem Projekt. Der langgestreckte Flur mit bewusst niedrig angebrachten Fenstern ist zugleich ein großer Spielbereich für Kinder. Der Raum wird abgeschlossen von einer wandfüllenden Tafel, die sich um die Mittelachse drehen lässt. Dahinter befindet sich die Hauswirtschaftsnische mit Spüle und Waschmaschine. Der Spielflur erschließt die seitlich abgehenden Zimmer. Sie sind über Schiebetüren miteinander verbunden, Stauraum bieten Einbauschränke. Somit entsteht ein langer, zusammenhängender Wohnbereich im Erdgeschoss, dessen Räume sich variabel an veränderte Wohnansprüche anpassen lassen. Fein ausgearbeitete Bäder mit marmorverkleideten Wänden und Holzbadewanne demonstrieren einen lässigen Luxus. Die lichte Treppe erschließt den Hauptbau etwa im Verhältnis von zwei zu eins. Der größere der beiden oberen Wohnräume hat eine offene Küche mit Tresen zum Mittelpunkt. Der Raum ist ein lichtdurchflutetes Sonnendeck und führt auf die umlaufende organisch geformte Terrasse. Deren Geländer besteht aus eigens entworfenen Metallelementen. Ihr flaches rundes Ende ist leicht abgeknickt und bietet wippenden Halt, sobald man sich dagegen lehnt.

Der etwas kleinere Wohnraum hat in der Mitte eine große stufenförmige Sitz- und Liegelandschaft, die sich von Hand drehen lässt, um Blickwinkel zu verändern – etwa auf einen wandfüllenden Flachbildfernseher, auf einen Kamin oder um tatsächlich in die Ferne zu sehen. „Für mich ist das Haus auch ein Stück Möbel. Ein Schrank mit vielen Metern Länge bildet sein Rückgrat. Er hat Funktionen, ist gleichzeitig eine Wand. Diese Logik zieht sich durch die Architektur: Fensterbank und Sitzmöbel gehen nahtlos ineinander über, Ofen und Wand, Badewanne und Liegefläche“, fasst Alfredo Häberli zusammen. Sein Plan, mit 50 ein Haus zu bauen, nicht für sich selbst, sondern als Demonstrationsobjekt: Mit etwas Verspätung und dank der praktisch wie visionär denkenden Dagmar Fritz-Kramer hat er sich diesen Traum erfüllen können. Und was das Beste ist: Das Traumhaus hat bis auf sonntags täglich geöffnet.

Lesen Sie das Interview mit Alfredo Häberli über das Projekt mit Baufritz hier


Architekt

Alfredo Häberli
Büro: Alfredo Häberli Design Development
Gründung: 1991
Mitarbeiter: 4
Arbeitsgebiete: Produktgestaltung, Innenarchitektur, Szenografie

Foto: Jonas Kuhn

Factsheet

Projekt: ‚Haussicht‘
Standort: Alpenstrasse 25 87746 Erkheim /Allgäu
Bauherr: Bau-Fritz GmbH & Co. KG
Bauaufgabe: Konzepthaus für Ecodesign
Fertigstellung: 1. Oktober 2016
Grundstücksgröße: 3500 m² samt Biotop und „Aussichtshügel“
Geschosse: 2
Nutz-/Wohnfläche: Hauptgebäude 280 m², Nebengebäude 80 m2

Bauweise: Holztafelbau mit Großelementen, widerstandbeständige Fichte und Lärche, schadstoffgeprüft
Wärmedämmung: HOIZ – biologische Naturdämmung aus Hobelspan natureplusgeprüft, IBN und Cradle to Cradle zertifiziert

Effizienz: Effizienzhaus 55 möglich
Energie/Heizung: Photovoltaik- und Solarmodule mit thermischer Aktivierung, Energiespeicher im Erdreich und zusätzlicher Batteriespeicher Erdwärmepumpe, Fussbodenheizung und Deckenkühlung, intelligente Gebäudeautomation

Beleuchtung: Georg Bechter; Yes-Company; Artek

Lichtschalter: GePro GmbH
Hauskommunikation: Baufritz Smart Home-Lösung

Möbel & Accessoires: Betten, Sofas Alias; Stühle Artek, Vitra; Gartenbänke Bd Barcelona; Beistelltische
Dadadum; Lederpolster De Sede; Tableware Georg Jensen; Polstermöbel Moroso; drehbare Media-Koje Girsberger; Teppiche Ruckstuhl; Vorhänge ‚Melo‘ Kinnasand; Armaturen Vola


A concept house in prefab construction – ‘Haussicht’ by Alfredo Häberli for Baufritz

Dwelling utopia

In the Allgäu region, design and ecology combine forces in a showcase building. Manufacturer Baufritz and designer Häberli demonstrate how appealing it can be to shift the limits of feasibility.

Author: Thomas Edelmann

You don’t know Erkheim in the Lower Allgäu? It is located 100 km west of Munich. Lindau on Lake Constance, situated in the south-west, can be reached quicker. The A96 motorway, connecting both towns, leads right through Erkheim. The Baufritz production plant, the modern facility of a traditional family company, lies to the north of the route. The company, established here in 1896, is now headed in the fourth generation by Dagmar Fritz-Kramer. Baufritz is a factory that produces between 180 and 200 houses annually. Assuming that the company is a producer of prefabricated houses is not entirely wrong. Baufritz, however, is different. When the wife of the then managing director fell seriously ill and died soon after in the late 1970s, the father of today’s female boss, Hubert Fritz, turned his firm into an ecological model enterprise. Production and products were examined for possible harmful substances right down to the very last detail, and processes and building materials changed accordingly in order to completely eliminate materials such as solvents and pesticides.

Baufritz is, compared to its direct competitors and traditional solid building, particularly obstinate when it comes to optimizing ecological construction methods. Window frames, for instance, are not made of plastics but of wood. And they are integrated into the building by a carpenter, making adhesives and foams superfluous. In the planning centre, called the “HausSchneiderei“, located south of the motorway like the compact model-house estate, all clients can configure their own home in co-operation with a team of designers, energy consultants and construction biologists. A primary investigation of the building site is also part of the standard, plus measurement of pollutants after moving in. Since last year there has been a new design highlight in Erkheim south of the motorway, a unique destination for architecture and design aficionados: the concept house, called ‘Haussicht’, created by Alfredo Häberli, the designer from Zurich. Häberli calls it a Case Study House, evoking memories of experimental buildings in California back in the 1950s.

Humane architecture

The bipartite building is neither a villa nor a country mansion. It differs from its distinctively more compact adjacent buildings in so far as it is not intended as a model for satisfying clients’ wishes. It is a complex demonstration building that raises issues of dwelling in a new and serious way, contrary to today’s common pragmatism of cheap and rushed building. Does this mean that the building is a lab project for pointing out future opportunities? Helmut Holl, an engineer who escorted the project at Baufritz as Managing Director, disagrees: “This is mature technology; there is nothing that should be further investigated.“ Today’s building is characterized either by an anonymous style or by a formal approach to a definite conception of Bauhaus culture, being reduced to smooth cuboids with flat roofs. We want to get away from this monotonous mainstream attitude and demonstrate contemporary humane architecture with interior spaces to feel comfortable in. Inside a modern home you will rarely see such an amount of wood. But the surfaces also look inspiring, finely worked, well structured and not at all like a conflict between materials. Häberli delivers anything but a building that poses questions, instead he offers a range of both practical, precise and poetic ideas. The designer says that he has designed the house „ inside out“. In doing so, he created far more than just an shell for selected objects. For Häberli it was a priority to become a structural draughtsman in an architect’s studio long before he began to study design and then became a world-famous designer. He says that since he was a child, architecture has been a “focus in my daily life”. He was surprised that at least in their standard version many pieces of the furniture designed by him did not meet the strict environmental and pollution standards of Baufritz. A fresh debate on the making and the intrinsic values of our current furnishing culture puts this topic forcefully back on the agenda.

Ecological standards

It’s the particulars and details that characterize his ”Haussicht” and that will probably influence future residential buildings. The lady entrepreneur has given the designer carte blanche for the joint project. The elongated two-storey main building is complemented by a smaller one. Häberli calls the latter “Stöckli”, the term used in Switzerland for the traditional residence of elderly farmers after turning over their farm to the younger generation. The compact building also has two levels but is barrier-free. The lift, open at the top, is accessible for wheelchair users, and the height-adjustable kitchen as well. Both buildings are connected by a bridge on the upper level. Häberli is a bit embarrassed that the whole structure became as big as it is now, but this can be explained by its function. Visitors were to be given a chance to explore opportunities of contemporary ecological living in larger groups of people as well.

For Häberli, an opportunity to change floor plans is an indispensable prerequisite, and this also applies to this project. The long corridor with windows intentionally placed at a low level is also a big play area for children. This space is terminated by a blackboard that covers the whole wall and rotates around its central axis. The housekeeping niche with kitchen sink and washing machine is accommodated behind it. The play corridor provides access to the rooms adjacent to it. They are connected by sliding doors, and storage space is provided by built-in cabinets. This produces a large, coherent living area at the ground level, and its rooms can be variably adjusted to changed living demands. Elaborate bathrooms with marble-clad walls and wooden tub demonstrate relaxed luxury. The bright staircase provides access to the main building in a ratio of two to one. The center of the bigger one of the two living rooms on the upper floor accommodates an open kitchen with counter. It’s a light-flooded sun deck and leads on to an organically shaped surrounding terrace. The railing consists of specially designed metal elements. Its flat round end is bent down slightly, offering flexible support when you lean against it. The smaller living room features a large stepped seating and lying area in the center. It can be rotated by hand to change the viewing angle – either to view a wall-high flat-screen television, or to view a fireplace or to truly view the far distance. Alfredo Häberli summarizes: “For me, the house is also a piece of furniture. Its backbone is a cabinet, many meters long. It has its own function, and it is a wall at the same time. This kind of logic pervades the architecture. Windowsill and seating furniture, oven and wall, bathtub and lying area merge seamlessly.” His plan was to build a house at the age of 50 not for himself but as a demonstration object. With some delay and thanks to Dagmar Fritz-Kramer, who is a practical and visionary thinker, he was able to make his dream come true. Best of all, the dream house is open daily except Sunday.

Architect Alfredo Häberli

Studio: Alfredo Häberli Design Development

Established in 1991

Staff: 4

Work areas: product design, interior design, scenography

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Farbsystem
Welche Farbsysteme und -sammlungen eignen sich für mein Projekt?

Aufgefächert

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