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Innovation und Nachhaltigkeit

Bauen im Bestand

Im Urlaub zieht uns historisch Bröckelndes in den Bann – doch daheim soll alles makellos sein. Tina Kammer über ein zwiespältiges Verhältnis und den Reiz des Bauens im Bestand.

Autorin Tina Kammer

Nun pilgern wir wieder: Zusammen mit Heerscharen von Designjüngern machen wir uns auf den Weg nach Mailand, um dort die neuen Trends in Sachen Möbel, Innenarchitektur und Gestaltung aufzuspüren.

Die größte Möbelmesse der Welt zieht magnetisch alle an, die sich für die aktuellen Entwicklungen interessieren, sich auf den neuesten Stand bringen und inspirieren lassen wollen. Schon im Vorfeld herrscht reges Treiben und die Innenstadt verwandelt sich in einen Designtempel, in dem an allen Ecken der mächtigen Gottheit der Ästhetik gehuldigt wird. In beeindruckender Kulisse versammeln sich Designschaffende aus aller Welt. Die Sonnenbrillen sind groß, die Kleidung meist schwarz.

Patina ja, aber bitte nur im Urlaub!

Man fotografiert sich vor charmant vor sich hin bröselnden Baudenkmälern und lobt die Echtheit, die die alten Gemäuer ausstrahlen. Die Steine atmen Geschichte und geben uns in ihrer Beständigkeit ein Gefühl von Sicherheit. Ihr Verfall lässt sie kalt und die Patina sie nur noch schöner wirken.

Verblüffenderweise zieht uns dort historisch Bröckelndes in seinen Bann, wir empfinden es als besonders liebenswert und authentisch.

Zu Hause aber wird viel dafür getan, dass alles ordentlich und sauber ist und es auch bleibt. Gebrauchsspuren wie Flecken, Kratzer oder Abnutzung sind unerwünscht und nicht selten inakzeptabel. Wenn nötig, werden Dinge einfach ausgetauscht, sobald sie ihre Neuwertigkeitszenit überschritten haben.

Wir lieben Patina, aber um Gottes Willen nicht zu Hause?

In Zeiten, in denen wir uns notwendigerweise Nachhaltigkeit auf die Fahnen schreiben, in denen wir immer mehr dafür tun, um ressourcenschonend zu leben, sollte auch im Bewusstsein der Bauherren, der Architektenschaft und der Handwerker ankommen, dass es sinnvoll sein kann, mit Bestehendem zu arbeiten, dass althergebrachte Techniken mit neuen Innovationen in perfektem Einklang gebracht werden können und dass alles neu machen nicht immer die richtige Lösung ist, sondern manchmal sogar kontraproduktiv.

Warum also nicht historischen Bestand unter Einsatz lokaler und natürlicher Materialien, die häufig auch für ein gesundes Raumklima sorgen, erhalten und nur mit den notwendigsten Arbeitsschritten wieder nutzbar machen? Warum nicht mit Vorgefundenem arbeiten und Dinge einfach mal so lassen wie sie sind anstatt unter großem Materialeinsatz zu einem nicht immer besseren Ergebnis zu kommen?

Würde im Alter: Bauen im Bestand

So geschehen beim Projekt „Schlosserhof“ in einem Stuttgarter Hinterhof, bei dem wir eine alte Werkstatt in moderne Wohneinheiten umwandelten, ohne den identitätsstiftenden Charakter der ehemaligen Ruine zu zerstören und ohne besinnungslos alles abzudichten und zuzuspachteln, bis den Räumen im wahren Sinne die Luft wegbleibt.

Nicht immer läuft so etwas reibungslos ab. Oft muss man den Beteiligten erst klar machen, dass die aus heutiger Sicht unkonventionelle Herangehensweise ihre Berechtigung hat und jahrzehntelange genutzte, aber in Vergessenheit geratene Techniken sich nicht ohne Grund bewährt haben.

Die Wiederentdeckung von zum Beispiel Lehmputz, der einem Raum Feuchtigkeit spendet, wenn die Luft trocken ist, und sie entzieht, wenn es zu nass wird, lässt sich mit keinem modernen Baustoff toppen. Da braucht es oft einen langen Atem und die Projektverantwortlichen müssen sich ihrer Sache sehr sicher sein, um ihr ungewöhnliches Konzept gut zu vermitteln und durchsetzen zu können.

Respekt mit der Substanz beim Bauen im Bestand ist nötig – oft genug kommt die Einsicht zu spät und wie schnell ist ein erhaltenswertes Gebäude einem gesichtslosen Neubau gewichen oder der Charakter eines vorgefunden Bauwerks durch unsensible Umbauten zerstört.

Identitätsstiftende Orte von bleibendem Wert zu erhalten und behutsam zu sanieren, weniger mehr sein zu lassen, mal Mut zur (Bau-)Lücke zu beweisen und Gegenwind auszuhalten – das alles kann sich lohnen, um unserem Umfeld Profil und Unverwechselbarkeit einzuhauchen.

Nach Italien fahren wir aber trotzdem!


Autorin Tina Kammer

leitet gemeinsam mit Andrea Herold die Plattform InteriorPark.com, auf der sie ausgewählte Produkte für gesundes und nachhaltiges Bauen präsentiert. Zudem realisiert sie eigene Architekturprojekte mit ihrem Studio.

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