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Einfamilienhaus in Mexiko

Archipelagos – Beton pur

Wenn ein mexikanischer Architekt mit internationaler Erfahrung sich selbst ein Haus baut, wird es spannend. Das ‚Ecoscopic House‘ ist die reine Beschränkung in den Materialien, gepaart mit einem Maximum an Ideenreichtum und Gestaltungswillen.

Autor Rolf Mauer

Das ‚Ecoscopic House‘ des mexikanischen Architekten Manolo F. Ufer, Inhaber des Architekturbüros Archipelagos, steht in einem Vorort in der südlichen Peripherie der mexikanischen Stadt Monterrey, zu Füßen der Sierra Madre Oriental, einem imposanten Gebirgszug im Nordosten Mexikos. Wer bereits seinen Blick über die eindrucksvollen Bilder auf diesen Seiten hat schweifen lassen, erkennt zugleich, was Manolo Ufer, der hier nicht nur Architekt, sondern auch Bauherr ist, antreibt. Es ist die gebaute Bestätigung des Oxymorons „Weniger ist mehr“, zu dessen bekanntesten Verkündern sicher Ludwig Mies van der Rohe zählt.

Das ‚Ecoscopic House‘ will der Architekt, wie er uns erklärte, nicht als statisches Objekt verstanden wissen, sondern als Medium und Interface, mit dem der Mensch seine Beziehung zur Umwelt definiert. Der Begriff ecoscopic ist zusammengesetzt aus dem griechischen „Oikos“ (eco), das war im antiken Griechenland der Lebensmittelpunkt einer Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft und dem „scope“, mit dem Ufer den räumlichen Bereich meint, auf den es hier ankommt.

Die räumlich eher beschränkte Küche mit ihrem schrägen Zugang und der schiefen Wandscheibe sowie die Nassräume setzen sich in ihren Oberflächen nicht ab, sondern folgen kompromisslos der strengen Materialvorgabe. Ein deutscher Hersteller von Premiumarmaturen lieferte die sichtbare Technik. Insgesamt 445 m³ Beton wurden in eine Form gegossen, die sich aufgrund der materialimmanenten passiven thermischen Trägheit, unter Einsatz einer natürlichen Lüftung und aktiver Wasserkühlung (Betonkernaktivierung), letztlich rechnet. Auch die technische Ausstattung im Gebäude folgt dem Grundgedanken der Reduktion: Trotz der Umweltbedingungen von bis zu 34 °C und hoher Luftfeuchtigkeit im Sommer wurde auf eine Klimaanlage verzichtet.

Grundgedanke der Reduktion

Die sehr großen Fenster im Erdgeschoss bieten keine Übersicht in die Umgebung. Der Architekt hat diese Gebäudeebene zum „sozialen Gebiet“ erklärt. Die Fensterscheiben können geschwenkt werden und verbinden den Innen- mit dem Außenbereich. Zugleich ermöglichen sie eine Querlüftung und damit in den Sommermonaten eine natürliche Abkühlung, unterstützt durch einen nahen Flusslauf. Der überaus große Raum hat für den Planer eine besondere Bedeutung. In den Häusern von Monterrey sind die Wohnräume keine reinen Rückzugsgebiete ins Private, sondern Instrumente, mit denen das soziale Leben der Familie mit dem Rest der Stadt geregelt wird. „In Europa wohnt man in kleinen Häusern und interagiert in der Stadt, das ist in Mexiko anders. Hier werden Freunde und Verwandte ins Haus gebeten“, erläutert Ufer. „An den Wochenenden sind die Vorstädte daher mit geparkten Autos überfüllt.“

Den südlichen Essbereich im Erdgeschoss versteht Manolo F. Ufer als zur Straße orientierten sozialen Raum und Spiegelung des nach Norden orientierten Wohnraums. Wer hier steht, sieht in den Cañón del Huajuco und hat einen guten Blick auf den sehr prominenten Berggipfel des Cerro de la Silla. Der Architekt des Büros Archipelagos wollte nicht, „dass die Straße von hier aus sichtbar ist oder jemand von außen hineinsehen kann. Ich wollte aber über unseren kleinen Innenraum-Garten hinweg sehen, welcher sich optisch bis in die Unendlichkeit der Natur erstreckt.“

Für eine avantgardistische Architektur braucht man in Monterrey keine Hochtechnologie, sie lässt sich auch mit den einfachsten lokal verfügbaren Materialien Zement, Stahl und Glas bauen, so die Meinung von Ufer.

Die Technik hinterfragen

Der Architekt entschied sich bewusst dazu, so wenig technische Kontrollen und Regelungen einzubauen wie unbedingt nötig, das Haus ist alles andere als „smart“. Dafür ist es technisch nachhaltig. Wer sich bis ins Detail in die Bilder vertieft, findet keine Schalter, wenige Leuchten und nur homöopathisch verteilte Steckdosen. Für die Freunde des „intelligenten Gebäudes“ ist das sicher ein Rückschritt. Aber der Architekt denkt konsequent. Reduktion darf in der Architektur nicht nur Form und Oberfläche beeinflussen, als Planer dürfen wir es auch als unsere Aufgabe ansehen, die Technik unserer Gebäude zu hinterfragen und zu beschränken. Wir müssen uns überlegen, ob wir hier nicht „smarten“ Moden hinterherlaufen, die wir nicht als solche zu erkennen vermögen. Mode jedoch ist nicht unser Thema.

Lesen Sie das Interview mit Manolo F. Ufer


Architekt Manolo F. Ufer

Archipelagos/Mexiko

Gründung: 2008

Mitarbeiter: 5–10

Arbeitsgebiete: experimentelle Wohngebäude, Landschaftsentwicklung, Design und Konstruktion, Kunst, Filminstallationen.

www.archipelagos.co


Factsheet

Projekt: Ecoscopic House

Standort: Monterrey/Mexiko

Bauaufgabe: Wohnhaus

Planungsbeginn: 2008

Fertigstellung: 2016

Grundstücksgröße: 1251 m²

Geschosse: 2

Nutz-/Wohnfläche: 651 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Beton, Stahl, Glas
Sanitär: Armaturen Hansgrohe, Keramik Roca,
Schalter/Elektrik General Electric, Leuchten Lutron

Möblierung: Roche-Bobois Mexiko (für das Fotoshooting)


Family home in Mexico

Sheer concrete

It is fascinating to see what happens when a Mexican architect with international experience builds a house of his own. ‘Ecoscopic House’ embodies sheer limitation of materials, paired with a maximum of inventiveness and creative drive.

Author: Rolf Mauer

Mexican architect Manolo F. Ufer, owner of the archipelagos architect’s studio, built his ‘Ecoscopic House’ in a suburb on the southern periphery of Monterrey. The city is located at the foothills of the Sierra Madre Oriental, an impressive mountain range in northeast Mexico. If you have already had a look at the spectacular pictures on these pages, you will have seen immediately what drives Manolo Ufer, who is not only the architect but also the builder-owner in this case. It is the constructed confirmation of the “less is more“ oxymoron, proclaimed among others by Mies van der Rohe, one of its most renowned advocates.

As the architect explained, he does not want ‘Ecoscopic House’ to be understood as a static object but as a medium and an interface with which man defines his relationship with the environment. The term “ecoscopic” is a combination of “oikos”, Greek for “eco” (in ancient Greece the centre of a household and economic community) and “scope”, defined by Ufer as the spatial area, which is important in this context.

The basic idea of reduction

Both the spatially rather reduced kitchen with its oblique access and the lopsided wall slab and the wet rooms don’t differ as far as surfaces are concerned, but intransigently follow the strict material specifications. Visible technology was supplied by a German manufacturer of premium fittings. 445 m³ of concrete were cast into a form which in the final analysis pays off, due to the material-immanent passive thermal inertia and by using natural ventilation and active water cooling (concrete core temperature control). In the building, the technical equipment also follows the basic idea of reduction. Despite environmental conditions of up to 34 degrees centigrade and high humidity in summer, there is no air-conditioning system.

The south mirrors the north

The very large windows on the ground level do not provide an overview of the environment. The architect proclaimed this building level to function as the “social area”. The window panes can be swiveled thus connecting the indoor and outdoor areas. They also enable cross-ventilation, hence natural cooling in the summer months, which is supported by a nearby river. The extremely big room is of special significance to the planner. In the houses of Monterrey, living rooms are not simply retreats into the private sphere but tools with which the social life of the family in relation to the rest of the town is governed. “In Europe, people live in small houses and interact in the city; this is different in Mexico. Here, friends and relatives are invited into the house“, explains Ufer. “At weekends, the suburbs are crowded with parked cars.“

Manolo F. Ufer views the southern dining area on the ground floor as a social space oriented toward the street and as a mirror image of the living room oriented toward the north. Standing here, you look into the Cañón del Huajuco and you have a good view of the famous Cerro de la Silla mountain peak. The architect didn’t wish that “the street is visible from this point or that people can look inside from the outside. I wanted, however, to look beyond our small indoor garden that visually expands into endless nature.”

Re-examining technology

Ufer thinks that in Monterrey you don’t need high technology to realize avant-garde architecture; this can also be achieved with the simplest of locally available materials like cement, steel and glass. The architect deliberately decided to apply as few technical controls and regulation technology as absolutely necessary, so this house is anything but “smart”. However, it is technically sustainable. Taking a very close look at the details of the pictures you will find no switches, only a few lamps and power outlets in homeopathic doses. This is certainly a step back for friends of the “intelligent building”. But the architect follows a consistent approach. In architecture, reduction may not only influence shapes and surfaces, but we must, in our capacity as planners, make it our task to re-examine the technology of our buildings and to reduce it as far as possible. We have to consider whether or not we just blindly pursue “smart” fashions, which we cannot recognize as such. But fashion is not our topic.

More information on this subject at www.md-mag.com/architekten/manolo-f-ufer/

Architect

Manolo F. Ufer

Archipelagos/Mexico

Established in 2008

Staff: 5–10

Work areas: experimental dwelling, landscape development, design and construction, art, movie installations

archipelagos.co

Factsheet

Project: Ecoscopic House

Task: Family home

Location: Monterrey/Mexico

Start of planning: 2008

Completion: 2016

Plot size: 1251 m²

Number of stories: 2

Floor area: 651 m²

Materials (ceiling, wall, floor): concrete, steel, glass

Interiors: fittings by Hansgrohe, sanitary by Roca; others: General Electric, Lutron

Furniture: Roche-Bobois Mexico (for the photoshoot)

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