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Cannabis-Store von Studio Paolo Ferrari: Zwischen Apotheke und Erlebnisraum

Cannabis-Store in Toronto von Studio Paolo Ferrari
Zwischen Apotheke und Erlebnisraum

Den Spagat zwischen hipper Öko-Ecke und edler Designer-Boutique schafft der „Alchemy“-Cannabis-Store mitten in Toronto, entworfen von Studio Paolo Ferrari.

Autorin: Dorothee Rodet, Fotos: Joel Esposito

„Alchemy“ spricht sprichwörtlich alle Sinne an. Der von Studio Paolo Ferrari gestaltete Cannabisladen, der sich in einem Verkaufscontainer an einer Hauptstraße mitten in Toronto befindet, wurde im Jahr 2020 fertiggestellt. Über den ganzheitlichen Gedanken hinter seinem Flagshipstore erzählt der Geschäftsführer Richard Browne: „Die besten Verkaufsräume machen Einkaufen sinnlich erfahrbar und bieten ein multisensorisches Umfeld.“ Angelehnt an das Wort Alchemie, also eine chemische Geheimwissenschaft, will der Laden die Kunden auf einer Wellnessreise begleiten. Dies zeigt sich auch in der Innenarchitektur, die das Studio um Paolo Ferrari gestaltete.

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Im Kassenraum sind der Kundendesk und die Säulen mit rauen Terrakotta-Fliesen von Clé verkleidet.
Foto: Joel Esposito

Einkauf mit Alice-im-Wunderland-Faktor

Die Kunden begeben sich schon beim Eintreten in die Verkaufscontainer von Alchemy auf eine multisensorische Reise und finden sich drinnen in einer anderen Welt wieder. Dieses Alice-im-Wunderland-Erlebnis bestärken die organischen Formen, die durch die glatten Oberflächen aus mattem, weißem Corian und glänzendem, gelbem Harz unterstützt werden. Dieser cleane Look bekommt mit den beigefarbenen Terrakotta-Fliesen, die unter anderem die Säulen ummanteln, einen etwas raueren Anstrich.

Gio Tirotto

Raus aus der Schmuddelecke

Cannabis hat ein Imageproblem – obwohl der Verkauf durch lizenzierte Stellen unter Justin Trudeau in Kanada 2018 legalisiert wurde. Seitdem wollen Geschäftsleute wie Browne mit seinem Flagshipstore weg vom Kiffer-Image hin zu einem erhabenen Einkaufserlebnis. Zuvor war Cannabis etwas Exotisches, das auf dem Schwarzmarkt gehandelt und von einem Hauch des Verbotenen umweht wurde. Dieses vorurteilsbehaftete Spannungsfeld zwischen außergewöhnlich und gewöhnlich beachtete das Studio Paolo Ferrari beim Gestalten der Einrichtung. Der Innenarchitekt fasst die Identität von Alchemy so zusammen: „Für uns ist der Laden irgendwo zwischen Labor und Tempel zu verorten.“

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Im Vorraum wird ein Ficus von LED-Growlights angestrahlt.
Foto: Joel Esposito

Rein in den musealen Erlebnisraum

Das schelmische Spiel mit den bestehenden Klischees beherrscht Ferrari mit Augenzwinkern. Bereits im Eingangsbereich hat der Interiordesigner eine große, an Cannabis erinnernde Ficus-Pflanze platziert. Die mit LED-Growlights ausgestattete Deckenlampe inszeniert sie theatralisch als Einrichtungsgegenstand.

Aufgrund der Abstandsregeln müssen sich Kunden oft im Wartebereich aufhalten. Hier versüßen Bildschirme mit kaleidoskopischen Videoinstallationen die Wartezeit. Weiter fällt der Blick auf eine gelbe Wand um die Ecke mit den Logo-Lettern Alchemy, welche die Designagentur Underline Studio aus Toronto entworfen hat.

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Der Tisch aus Eschenholz wurde maßgefertigt von Kline Specialty Fabrication. Die eingebetteten Bildschirme bieten Produktinformationen zu den auf den Regalen ausgestellten Waren.
Foto: Joel Esposito

Betritt der Besucher den Showroom, präsentieren sich ihm verschiedene Cannabisprodukte der Marke Alchemy wie Ausstellungsstücke auf weißen Corian-Regalen. „Produkte werden wie in einem Museum vor einzelnen hinterleuchteten Regalen ausgestellt“, berichtet Ferrari über das Konzept. Der Blick nach oben zeigt mit den eloxierten Aluminiumlamellen einen futuristischen Spiegel-Look, der an das Deckendesign von Oscar Niemeyer im Pariser Hauptgebäude der kommunistischen Partei erinnert.

Organische Formen

Studio Paolo Ferrari inszeniert für alle Sinne

Unter der verspiegelten Decke steht ein organisch geschwungener, weißer Tisch aus Eschenholz, in den Bildschirme eingelassen sind. Diese sind mit einer Regalwand, auf der sich Riechgläser befinden, verkabelt. Öffnet ein Kunde eine Glasglocke, zeigen die Bildschirme automatisch die passenden Produktinformationen an. Der SB-Kassentisch, der aus massivem Aluminiumblech angefertigt und mit maßgefertigten Rädern ausgestattet wurde, kann entlang einer im Boden eingelassenen Schiene verschoben werden. Käufer haben die Möglichkeit, online vorzubestellen und dann ihre Ware abzuholen oder beispielsweise die Selbstbedienungsstationen im Geschäft zu nutzen.

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Im Zubehörzimmer besteht der orange Teppich von Masland Contract aus Nylon und die knalligen Wände aus gegossenem Harz.
Foto: Joel Esposito

Wände mit Wellnesswellen

Beim Eintreten in das Nebenzimmer, in dem Cannabiszubehör ausgestellt ist, erinnert das Design der wellenförmigen, orangefarbenen Wände an die Lava-Lampen der 1970er-Jahre. Dadurch, dass diese Zubehörkammer statt vier Ecken wogende Harzwellen hat, bespielt der Designer hier die Metapher des Out-of-the-Box-Thinkings: Nur mit außergewöhnlichem Design kann man innovative Ideen ausdrücken. Die verspiegelte Decke reflektiert die knalligen Farben der Wände und des gleichfarbigen Nylonteppichs. Der Designer vergleicht den Stil dieses Zimmers mit der unverwechselbaren, cineastischen „David-Lynch-Ästhetik“. Doch auch Ferrari ist gestalterisch kein Unbekannter: 2019 erhielt er für seine klassisch-barock und gleichzeitig futuristisch anmutende Gestaltung der „Secret Bar“ eines Hotels in Dubai den Gold Key Award in der Kategorie Best Nightclub/Lounge.

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Einen sakralen Charakter bewirken zwei neongelbe Fensterluken, die farbige Streifen auf die Fliesen werfen.
Foto: Joel Esposito

Der Natur auf der Spur

Im letzten Raum von Alchemy, dem Kassenraum, sind der Kundendesk und die Säulen vertikal mit Terrakotta-Fliesen in natürlichen, beigen Tönen verkleidet. Ähnliche Steinplatten wurden an der gegenüberliegenden Wand horizontal verlegt. Weitere Terrakotta-Fliesen umrahmen ein mit Aluminium ausgekleidetes Portalfenster, über das Kunden das Personal beim Einpacken der Bestellungen beobachten können. Die komplette Decke ist beleuchtet und taucht den gesamten Raum in ein diffuses Licht. Dazu werfen zwei neongelbe Fensterluken farbige Streifen auf die Fliesen.

Insgesamt schaffte es das Studio Paolo Ferrari, die Idee eines ganzheitlichen Einkaufserlebnisses umzusetzen. Die organischen, runden Formen und die natürliche Farbgebung – aufgepeppt mit knalligen Akzenten – erschaffen einen zurückhaltenden und erhabenen Stil. Der Spagat zwischen nahbarer Naturoptik und sterilem Apothekenstil ist mehr als gelungen.


Fakten

Projekt: Alchemy Canna Corp Co. Dispensary

Website: www.alchemycannaco.com

Standort: 2464 Dufferin Street, Toronto

Fertigstellung: 2020

Innenarchitektur, Konzept: Studio Paolo Ferrari, Richard Browne (CEO) und Underline Studio (Design und Schrift)

Fläche: 140 qm

Materialien: Decke aus eloxierten Aluminiumlamellen, Wand aus Öko-Harz mit Esche und unglasierte Terrakotta-Fliesen von Clé, Boden aus Terrazzo-Fliesen von Santa Margherita und maßgefertigter Bodenbelag von Masland Contract

Beleuchtung: LED von Inverse Lighting

Möblierung: Regale aus weißem Corian von DuPont, Aluminium und farbiges Harz, Tisch aus weißer Esche und Aluminium speziell angefertigt von Kline Specialty Fabrication


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