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Dannien Roller Architekten + Partner: Sanierung zum Amtsgericht

Denkmalpflegerische Sanierung des Amtsgerichts Tübingen von Dannien Roller Architekten + Partner
Umbau und Pflege

Vom Bewahren, Revitalisieren und Interpretieren: Dannien Roller Architekten + Partner realisieren den Umbau eines denkmalgeschützten Militärbaus zum Amtsgericht Tübingen.

Autorin Hanna Dannien-Maassen

Ein wunderbares Beispiel für einen zeitgemäß respektvollen Umgang mit historischer Bausubstanz: der Umbau des 1907 errichteten Kammergebäudes der Thiepvalkaserne in der Schellingstrasse 9–11. Ein Balanceakt wurde vom Büro Dannien Roller Architekten + Partner erbracht. Sie bewegten sich zwischen Militärhistorie, den funktionalen und symbolischen Anforderungen an einen Ort der unabhängigen Rechtsprechung und dem Wunsch der Denkmalpflege, auf starke Inszenierung des Neuen zu verzichten.

Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen

Das dreigeschossige Kammergebäude, ein schlichter Stahlbetonskelettbau mit gemauerten, hell verputzten Außenwänden und Klinkergliederung, ist von gestalterischer Qualität. Unterschiedliche Nutzungen im Laufe der Zeit, u.a. als Fahrzeughalle und Wäscherei, führten zur Schädigung der Bausubstanz und erforderten Sanierungs- und Umbaumaßnahmen. Aus statischen Gründen tauschten Dannien Roller Architekten die Fundamente aus, legten die neue Bodenplatte tiefer und entfernten die Decke über dem Erdgeschoss. Umfangreiche Abfangmaßnahmen waren nötig. Die Nutzung als öffentliches Verwaltungsgebäude erforderte die Ertüchtigung des Brandschutzes.

Bau symbolisiert unabhängige Rechtssprechung

Dannien Roller Architekten erschließen das Amtsgericht barrierefrei von der Schellingstraße über zwei historische Torbögen. Die geöffneten Garagentore auf der Rückseite des Gebäudes versorgen die Gerichtssäle und Besprechungsräume mit Licht und Transparenz. Als Reminiszenz an die Holztore sind die Glasscheiben in der Tiefe versetzt angeordnet. Der lebhafte Spiegeleffekt des ein- und ausfallenden Lichtes verleiht dem Erdgeschoß bewegte Bildhaftigkeit. Die Kubatur des Baus respektierend, wird der Windfang als Holz-Glas-Konstruktion ins Innere gezogen. Das großzügige Foyer ist von unprätentiöser und doch würdiger Gestaltung, das Selbstverständnis der Institution Amtsgericht zum Ausdruck bringend, weg von einer bedrückenden Atmosphäre des Verurteilens, hin zu einer unabhängigen Rechtsprechung.

Materialien und Oberflächen

Die neu eingebrachte Stahlbetondecke, dem Ausdruck der abgebrochenen Plattenbalkendecke der Fahrzeughalle verhaftet, ist im Eingang und in den Gerichtssälen als Konstruktion sichtbar. Rau verputzte Wände in warmem Hellgrau sowie der helle, geschliffene Sichtestrich erzeugen räumliche Tiefe und stehen in harmonischem Kontrast zum hellen Eichenholz der Raummöblierung. Dynamik erzeugen neun Stahlbetonstützen vor den Gerichtsräumen. Die sechseckig asymmetrischen Pfeiler, der Beton gestockt auf einer Seitenfläche, erwecken Assoziationen an die Rauheit des früheren Zweckbaus. Das subtile Spielen mit Materialien und Oberflächen erzeugt Ordnung, Klarheit und Transparenz und verleiht den Räumlichkeiten Würde.

Klare Formen und ästhetische Reduktion

Die internen Arbeitsräume für Richter und Mitarbeiter sowie die Registraturen sind in den zwei Obergeschossen und dem Dachgeschoss untergebracht. Der Umbau der oberen Etagen bewahrt und aktiviert das Bestehende. Neues in Material, Formensprache und Konstruktion wird hinzugefügt, die vorgegebene räumliche Qualität aufgreifend. Die Arbeitsatmosphäre wird begleitet von klaren Formen und ästhetischer Reduktion. Dannien Roller Architekten wählen ein warmes Hellgrau für die Wände. Dieses korrespondiert mit dem Grün-Grau der Holzfenster. In freigelegten, gerundeten Laibungen ruhend, gewähren sie inszeniert wirkenden, großzügigen Lichteinfall. Hervorzuheben sind die als „Raum im Raum“ zentral angesiedelten Begegnungsinseln mit Küchenzeile für die Mitarbeiter.

Als Zeichen der neuen Identität des Gebäudes ruhen wie selbstverständlich über dem Eingang die Mahlau Buchstaben „Amtsgericht“. Schlank und von zeitloser Eleganz geht der metallene Schriftzug mit der Architektur eine kongeniale Synthese ein, ist Informationsträger und skulpturales Fassadenornament zugleich.

Dannien Roller Architekten + Partner

Dannien Roller Architekten + Partner ist ein in der Region Baden-Württemberg tätiges Architekturbüro mit langjähriger Kontinuität. Das Büro ist in Tübingen ansässig. Die Entwicklung und Bearbeitung von Gebäuden für die Wissenschaft, Forschung, Kommune, Industrie, Wirtschaft und soziale Träger als Neubauten, Umbauten und Sanierungen und denkmalpflegerische Sanierungen sind Aufgabenschwerpunkt. Das Büro wird von Maren Dannien und Matthias Roller geführt. Sie entwerfen und planen Gebäude, Interieurs, Sanierungen, Denkmäler, Machbarkeitsstudien, Zielplanungen, städtebauliche Studien und Infrastrukturmaßnahmen. Das Team betreut die Baustelle für Neubauten, Sanierungen und Umbauten auch im Denkmalschutz und sind vertraut mit Baustellen im laufenden Betrieb. Ein Netzwerk von Fachbeteiligten, Experten und Partnern steht Dannien Roller Architekten + Partner zur Seite.


Fakten

Projekt: Denkmalpflegerische Sanierung und Umbau des Amts-, Nachlass- und Betreuungsgerichts

Standort: Schellingstraße 9–11, Tübingen

 

Fertigstellung: 2021

Bauherr: Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen

Bruttogeschossfläche: 2212 m²

Architektur/Innenarchitektur: Dannien Roller Architekten + Partner, Tübingen, Webseite des Büros

Produkte/Hersteller: Linoleum ‚Concrete‘ von Forbo; Akustikdecken ‚ Baffels‘ von Hunter Douglas Heart Felt; Wandbeschichtung Silikatfarbe von Keim; Fliesen von Villeroy und Boch; Sanitärkeramik von Keramag Renova; Steckdosen und Schalter ‚LS 990‘ von Jung; Aufbauleuchten, Pendelleuchten, Einbauleuchten von Zumtobel Lincor, Zumtobel Panos, Trilux SNS, Trilux E-Line, LTS Lichtkanal, Flos Glo Ball mini; Trennwandsysteme von GK Wände Siniat

Glaswand und Holzverkleidung: Tischlerarbeit, Alender Innenausbau Systeme

Fotos: Dietmar Strauß, Besigheim, www.dietmar-strauss.de

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