Home » News » Meinung » Metro Neapel

Kunst und Architektur in der Metro Neapel

Metro Neapel

Metro Neapel: Ambitionierte Architektur und Kunst in U-Bahnstationen? Die Metro dell’Arte in Neapel begeistert Bürger und Touristen. Ihr Kurator nennt das Konzept „Obligatorisches Museum“. Eine unbeschwerte Schule des Sehens.

Autorin Cecilia Fabiani

Ein Mann cremt ein Paar Lederschuhe ein. Gleich wird er sie bürsten, bis das Schuhwerk wieder glänzt. Ein ganz normaler Bürger, kein Sciuscià, dem Vittorio De Sica 1946 mit dem gleichnamigen Film ein Denkmal gesetzt hat. Denn auch in Neapel ist der Beruf des Schuhputzers heute so gut wie ausgestorben. Wir befinden uns an der U-Bahnhaltestelle Dante, und die Schuhe sind Teil eines Kunstwerks von Jannis Kounellis. Die namenlose Installation des Vertreters der Arte Povera imponiert: Sie besteht aus Metallsträngen auf einer langen Wand aus Metallpaneelen. Das Ganze erinnert an Gleise, unter denen Schuhe festklemmen, die ganz offensichtlich schon getragen sind. Unterwegs sein, das scheint das Thema der Menschheit, und auch das von Kounellis selbst zu sein, dem Griechen, der in Italien ansässig war, wo er erst kürzlich Mver starb: Sein Wandrelief mit den bruchstückhafte Wege zeichnenden Schienen ist Metapher für die zahllosen Fahrgäste, die die U-Bahn täglich benutzen.

Entworfen wurde die im Jahr 2002 eröffnete U-Bahnstation Dante von der italienischen Architektin Gae Aulenti, die auch die Außenanlagen besorgte. Um die historische Architektur der Piazza mit ihren im Halbkreis angeordneten Bauten aus dem 18. Jh. zu erhalten, legte sie Glas und Stahl als Materialien für die Eingänge fest.

Doch Gae Aulenti – sie baute in Neapel noch eine weitere Station – ist nicht die Einzige, die den U-Bahnstationen der Stadt zu einem außergewöhnlichen Architekturimage verholfen hat. Mittlerweile gibt es eine ganze Reihe von Haltestellen der Metro Neapel, die von international renommierten Büros gebaut wurden: Atelier Mendini (zwei Stationen), Alvaro Siza und Eduardo Souto de Moura ebenso wie Dominique Perrault, Oscar Tusquets sowie Karim Rashid.

Aber ganz abgesehen von sogenannter bedeutender Architektur, was haben Kunstwerke überhaupt in einer U-Bahnstation verloren? Was meinen die Bürger von Neapel zu ihrer außergewöhnlichen Metro? Und wie gehen sie mit ihr um? Es handelt sich schließlich nicht um einzeln verstreute Werke; allein an der Haltestelle Dante sind gleich mehrere versammelt; neben dem Schuhputzer von Kounellis beispielsweise ein Neonschriftzug von Joseph Kosuth mit einem Dante-Zitat.

Elf Haltestellen der Linie 1 sind bis heute mit Kunst bestückt. Dazu kommen vier Haltestellen der Linie 6, auch wenn diese aktuell leider geschlossen sind. Die Metro Neapel, Metro dell’Arte reicht von Garibaldi (unter dem Hauptbahnhof), über Vomero im Stadtzentrum bis zu Piscinola, einem Randbezirk im Norden. Die Strecke soll noch weiter ausgebaut werden.

Die Idee enstand während der Planung der U-Bahn in den 1990er-Jahren. „Bassolino war Bürgermeister. Dazu kam Giannegidio Silva von der Mailänder Metro und initiierte bereits ab 2000 den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen bekannten Architekten und Künstlern”, erzählt Achille Bonito Oliva, Kunstkritiker, Theoretiker, Begründer der Transavanguardia und ausgewiesener Kenner der Arte Povera, und als Kurator zuständig für die künstlerische Koordination des U-Bahnprojekts.

„Ich nenne es ein obligatorisches Museum, denn es betrifft alle Fahrgäste. Darunter sind viele Menschen, die normalerweise keine Museen besuchen. Sie kommen auf diese Weise mit Kunst in Kontakt und nehmen diese intuitiv wahr. Es ist eine unbeschwerte Schule des Geschmacks“.

Ūber 100 Künstler mit 200 Werken haben bis jetzt bei der Gestaltung der Metro Neapel mitgewirkt, immer im Team mit den Architekten. „Wir binden alle Beteiligten in den Prozess ein“, so Bonito Oliva. Die Auswahl der Künstler repräsentiert eine breite Palette italienischer, europäischer, amerikanischer und anderer internationaler Vertreter verschiedener Richtungen: Kentridge, Kosuth, Merz, Pistoletto, Sol LeWitt, um nur einige zu nennen. Dazu kommen Multitalente wie Luigi Serafini oder Bob Wilson, der Werbefotograf Oliviero Toscani und Designer wie Giovannoni, Santachiara, Sowden.

Zwei weitere Jahre wird es brauchen, um die bereits in Betrieb genommene Haltestelle Municipio von Siza und Souto de Moura fertigzustellen. Hier wurde bei Grabungen der antike Hafen Neapolis samt seinen Booten ans Licht geholt. Teile der alten Mauern sind bereits in die Station integriert. Auch das ist Kunst, Kultur.

Mario Botta und Massimiliano Fuksas arbeiten an der architektonischen Planung weiterer Haltestellen, während die Station Università von Karim Rashid als Gesamtkunstwerk bespielt wird – bunt und vibrierend.

Toledo ist die bekannteste von ihnen, schließlich hat sie The Telegraph zur „schönsten U-Bahnhaltestelle der Welt“ gekürt. Hier schickt Oscar Tusquets das Licht durch seinen ‚Crater de Luz‘ in 40 m Tiefe und verbindet die unterschiedlichen Ebenen, wobei Bob Wilson den ‚Crater‘ mit der LED-Lichtinstallation ‚Relative Light‘ in faszinierende Blautöne taucht. Wilson ist darüber hinaus mit einer weiteren Arbeit vertreten: ‚By the sea … you and me‘, ein ein wogendes Meer – Digitaldruck, LED-hinterleuchtet.

William Kentridge setzt sich mit der Geschichte der Stadt und dem Heiligen San Gennaro außeinander und Oliviero Toscani in ‚Human Race‘ mit der Unterschiedlichkeit der Menschen. An der Haltestelle Materdei von Atelier Mendini wechseln sich Designer und Künstler ab, die Spirale im Bahnhof Vanvitelli zeigt das letzte Werk des 2003 verstorbenen Mario Merz. Unmöglich bei dieser Vielfalt über alle Stationen und ihre Kunstwerke zu berichten.

Doch zurück zu unserem Sciuscià, dem Schuhputzer. Die Sorge der Stadtverwaltung vor Vandalismus hat sich als unbegründet erwiesen. Im Gegenteil. Die Napoletani bewundern ihre Stazioni dell’Arte. Schließlich können sie mit einer Tageskarte für nur 3,50 Euro im Acht-Minuten-Takt von einer Station zur anderen reisen.

Auf 18 km Länge – weitere kommen dazu – ist eines der größten Freiluftmuseen der Welt entstanden.

Wer danach noch Zeit hat, sollte sich den nagelneuen Schnellzugbahnhof von Afragola ansehen. Dort hat Pritzker-Preisträgerin Zaha Hadid gewirkt; ihr Bau ist knapp vor Fertigstellung schon Legende.

Webseite der Metro

Weitere Projekte finden Sie hier


Art and architecture in Naple’s Metrò

Metro Neapel

Ambitious architecture and art in subway stations? Citizens and tourists alike rave about the Metro Neapel – Metro dell’Arte in Naples. The curator calls the concept an “unavoiable museum”. A carefree school of perception.

Author: Cecilia Fabiani

A man applies polish to a pair of leather shoes. Next he will brush them until they shine again in pristine splendor. A perfectly normal citizen, not a Sciuscià, who was commemorated by Vittorio de Sica in the movie of the same name. Because in Naples, too, the profession of the shoeshine man is almost extinct. We are at the Dante subway station, and the shoes are part of an artwork by Jannis Kounellis. The nameless installation of this representative of ‘arte povera’ is impressive. It consists of metal sections fixed on a long wall of metal panels. The whole thing makes you think of railway tracks with obviously well-worn shoes wedged underneath. To be going from A to B seems to be mankind’s theme and that of Kounellis as well. He came from Greece and settled down in Italy, where he died a short time ago. His wall relief with the tracks depicting fragmented paths is a metaphor for the innumerable passengers who take the subway every day.

It was designed by Italian architect Gae Aulenti for Dante subway station, opened in 2002. She also devised the outside area. As she wanted to preserve the historical architecture of the piazza with its buildings arranged in a semicircle and dating back to the 18th century, she specified glass and steel to be used as materials for the entrances. But Gae Aulenti also built some other stations in Naples, and she is not the only one who contributed to the subway stations‘ exceptional architectural appearance. There is now a whole string of stations created by internationally renowned studios: two stations by the Mendini studio, one each by Alvaro Siza and Eduardo Souto de Moura plus Dominique Perrault, Oscar Tusquets and Karim Rashid.

But quite apart from so-called important architecture, what role should works of art play in a subway station? What do the citizens of Naples say about their extraordinary metro? And how do they deal with it? These are not just a few haphazardly installed works; at Dante station alone you will find several of them – in addition to Kounellis’ shoeshine man, for instance, a neon sign by Kosuth quoting Dante.

Up to now, eleven stations on line 1 have been fitted out with art. And there are four stations on line 6 featuring art, but they are currently closed, which is a pity. The Metro Neapel – Metro dell’Arte extends from Garibaldi (beneath the main station) via Vomero in the city center to Piscinola, a fringe district in the north. The line is to be extended.

The idea was developed while planning the subway in the 1990s. Achille Bonito Oliva, art critic, theoretician, founder of Transavanguardia and acknowledged expert of ‘arte povera’, was responsible as a curator for artistic co-ordination of the subway project. He says: “Bassolino was the mayor, and Giannegidio Silva from Milan’s subway joined forces with him and initiated dialog and co-operation between renowned architects and artists. I call it an unavoidable museum because it concerns all passengers. Among them are many people who will not visit a museum under normal circumstances. So in this way they are confronted with art and perceive it intuitively. It is a carefree school of taste.“

Up to now, more than 100 artists have contributed 200 works, always in teamwork with the architects. Bonito Oliva emphasizes that “we involve all participants in the process”. The selection of artists comprises a broad palette of Italian, European, American and other international representatives of various styles: Kentridge, Kosuth, Merz, Pistoletto and Sol LeWitt, to name but a few. In addition there are multitalented individuals like Luigi Serafini or Bob Wilson, advertising photographer Oliviero Toscani and designers like Giovannoni, Santachiara and Sowden.

It will take two more years to finish Municipio station designed by Siza and Souto de Moura, which is already in operation. Excavations here unearthed the antique harbor of Neapolis complete with its boats. Parts of the old walls have already been integrated into the station. This, too, is art and culture.

Mario Botta and Massimiliano Fuksas are engaged in planning further stations, while the Università station is used as an all-embracing art form by Karim Rashid – colorful and vibrating.

Toledo station is the best known of them all since The Telegraph nominated it as “the most beautiful subway station in the world”. Here’s where Oscar Tusquets brings light down to a depth of 40 m with hits ‘Crater de Luz’, combining the various levels, while Bob Wilson illuminates the ‘Crater’ with the ‘Relative Light’ LED light installation, plunging it into fascinating blue shades. He is also represented with another work here called ‘By the sea… you and me’, the sea’s ebb and flow in digital print, LED-backlit.

William Kentridge deals with the history of the city and San Gennaro, the patron saint of Naples, and Oliviero Toscani examines the diversity of mankind with his work ‘Human Race’. At Materdei station, designed by the Mendini studio, designers and artists take their turn, and Vanvitelli station shows the last work of Mario Merz who died in 2003. Confronted with this versatility it seems impossible to report on all stations and their artworks.

But let’s come back to Sciuscià, the shoeshine man. The city administration’s concern about vandalism turned out to be unfounded. On the contrary. The Neapolitans admire their Stazioni dell’Arte.

After all, they can travel from one station to the next at eight minutes intervals the whole day long with a day ticket for only 3.50 euros. One of the world‘s biggest open-air museums has come into being throughut a network of 18 km, and more routes are being planned. If you still have time, you should pay a visit to the brand-new high-speed train station of Afragola. Pritzker winner Zaha Hadid has left her mark on it. Her building is already legendary now, shortly before its completion.


Mehr zum Thema Saloni und Mailand

Anzeige

Top-Thema

Büro der Zukunft
Objektreportage mit Video: Besuch im 'Smart Office' von Sedus Stoll AG

Büro der Zukunft

Raumakustik
Grundlagenbeitrag Raumakustik: Lösungen für das Open Space

Der gute Ton

Anzeige

Neueste Beiträge

Titelbild md 10
Ausgabe
10.2019 kaufen

EINZELHEFT

ABO


Architektur Infoservice

Vielen Dank für Ihre Bestellung!
Sie erhalten in Kürze eine Bestätigung per E-Mail.
Von Ihnen ausgesucht:
Weitere Informationen gewünscht?
Einfach neue Dokumente auswählen
und zuletzt Adresse eingeben.
Wie funktioniert der Architektur-Infoservice?
Zur Hilfeseite »
Ihre Adresse:














Die Konradin Medien GmbH erhebt, verarbeitet und nutzt die Daten, die der Nutzer bei der Registrierung zum arcguide Infoservice freiwillig zur Verfügung stellt, zum Zwecke der Erfüllung dieses Nutzungsverhältnisses. Der Nutzer erhält damit Zugang zu den Dokumenten des arcguide Infoservice.
AGB
datenschutz-online@konradin.de