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Kongresszentrum und Hotel La Nuvola von Studio Fuksas in Rom

Kongresszentrum und Hotel La Nuvola in Rom
La Nuvola von Studio Fuksas

Nach 18 Jahren Planungs- und Bauzeit endlich eröffnet: La Nuvola, das römische Kongresszentrum von Studio Fuksas. Machen solche Großprojekte Sinn? Ja, wenn sie spannend gemacht sind und mit der Umgebung in Dialog treten, findet Cecilia Fabiani.

Autorin Cecilia Fabiani

Polemik begleitete das Projekt von Anfang an. Die langwierige Geschichte der ‚Nuvola‘, der Wolke, wie die Römer ihr gewaltiges Kongresszentrum nennen, ist nicht allein eine typisch italienische. Sie könnte sich an vielen Orten der Welt auf ähnliche Weise ereignen. Hier wie dort wirft sie ähnliche Fragen auf. Nach der Angemessenheit der Bauaufgabe, der Wahl des Standorts, überhaupt der Zeitgemäßheit solcher Großprojekte. 27 km lang und von Pinien gesäumt ist die mehrspurige Schnellstraße Via Cristoforo Colombo. Sie führt von der Stadtmauer Roms südwestlich bis zum Meer, nach Ostia. Nach sechs Kilometern erreicht man das Stadtviertel mit dem eigenartigen Namen EUR, ein Akronym für die Esposizione Universale Roma, die unter den Faschisten für das Jahr 1942 in diesem Quartier geplante, jedoch nie realisierte Weltausstellung.

Das Viertel hatte und hat eine besondere Aura, die sich aus Bauten des italienischen Rationalismus und dessen Vorbildern aus der altrömischen Architektur und der Klassik speist. Unter der Leitung von Mussolinis „Staatsarchitekten“ Marcello Piacentini entstanden Meisterwerke von Adalberto Libera, BBPR, Giovanni Muzio, Figini & Pollini sowie das sogenannte quadratische Kolosseum. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg war das Stadtviertel fertiggestellt. Und Jahre später sollte der große Architekt Pier Luigi Nervi für die Olympischen Sommerspiele 1960 daran weiterbauen: Straßen mit imposanten Bauwerken und Grünanlagen, sowie neuere Bauten mit Mischnutzung bilden heute ein orthogonales Raster.

Die Stadt ist gefordert

Nicht nur in diesem ästhetischen und historischen Kontext ist das Kongresszentrum ‚Nuovo Centro Congressi Roma-Eur e Hotel La Nuvola mit 55 000 m2 Fläche der größte Bau, der in den letzten 50 Jahren entstanden ist, und zwar in ganz Rom. 239 Mio. Euro hat er gekostet und gut 18 Jahre mussten vergehen vom Wettbewerb 1998 bis zur Einweihung im November 2016.

„Ein herausragendes und großartiges Gebäude in vielerlei Hinsicht“, polemisiert Roms neue Bürgermeisterin Virginia Raggi. Selbst wenn man weiß, dass die Nuvola wie die meisten öffentlichen Bauten des Viertels der EUR SpA gehören – das heißt zu 90 Prozent dem Finanzministerium und nur zu 10 Prozent der Stadt Rom, ist die Kritik hinter diesem vermeintlichen Lob schwer nachvollziehbar. Weder im Hinblick auf die Kosten, die bekanntermaßen von jedem anders berechnet werden. Noch in Bezug auf die Vorwürfe wegen Bauzeitüberschreitung und Entwurfsänderungen. Man sollte das nicht dem Architektenduo Doriana und Massimilano Fuksas anlasten, das hinreichend über internationale Erfahrung mit Großprojekten verfügt wie dem Flughafen in Shenzhen, der Public Service Hall in Tbilisi Georgien, den Twin Towers in Wien oder dem Peres Peace Center in Jaffa.

Die Frage ist vielmehr, ob die Stadt überhaupt in der Lage sein wird, seine Superwolke erfolgreich zu promoten und den kalkulierten Jahresertrag von 300 bis 400 Mio. Euro durch Events und Veranstaltungen inklusive Tourismus zu erwirtschaften. Realistisch? Durchaus: Die U-Bahnstation EUR der Linie B ist nur wenige Hundert Meter entfernt und vom Hauptbahnhof direkt erreichbar – eine für Rom außerordentliche Lage. Auch für die Unterbringung der Gäste ist vorgesorgt, ein Hotel ist ja Teil des Projekts. ‚Basement‘ (tiefer liegendes Eingangsgeschoss), darüber ‚Theca‘ (Glaskubus) mit ‚Cloud‘ (eingestelltes Audi- torium) und ‚Blade‘ (Hotel) bilden die vier Entwurfselemente. Die von der Fassade bis zum Dach transparente Glas-Stahl-Verkleidung des 39 m hohen Kubus bildet, trotz seines beträchtlichen Volumens, ein zurückhaltendes, ordnendes Raster. Zur Rechten und mit 55 m etwas höher, ‚Blade‘, der schlanke, dunkel-opake Hotelturm. Seine Eröffnung ist Ende des Jahres geplant.

Raffinierte Erschliessung

Eine breite Steintreppe – Referenz an den monumentalen Bestand – führt in das Kongresszentrum, welches unterhalb des Platzniveaus im sogenannten ‚Basement‘ über das Foyer erschlossen wird. Das ‚Basement‘ bildet einen eigenen Bereich innerhalb oder besser unter dem Glaskubus und öffnet sich zu einer halb unter der Erde liegenden Halle für 6000 Besucher, die unterschiedlich zoniert werden kann für Tagungen und Events unterschiedlicher Größen.

„Das Licht spielt eine bedeutende Rolle“, meint Massimiliano Fuksas auf unsere Frage, was er an dem Bau besonders schätzt. „Es löst sich auf und vermehrt sich zugleich – gefiltert durch Fassaden und Dach und gespiegelt vom hellen Travertinboden“. Ūber Rolltreppen, Treppen und Stege gelangt man aus dem ‚Basement‘ hinauf in den Glaskörper bis vor die Nuvola, die Wolke, die seit dem Eintritt ins Gebäude über den Köpfen der Besucher schwebt.

La Nuvola – poetisches Gewölk

Schon draußen auf dem Platz hat sie neugierig gemacht mit ihrem durch die Fassade schimmernden poetischen Gewölk. 15 000 m² Gewebe aus Glasfaser und feuerfestem Silikon bilden ihre Außenstruktur, die Haut. In ihrem Inneren nimmt sie das Auditorium auf, edel verkleidet mit Kirschholz-Paneelen, bestückt mit 1800 roten Polsterklappsitzen ‚Carla‘ von Poltrona Frau, die Doriana und Massimiliano Fuksas ebenso speziell für das Projekt entworfen haben wie die Leuchten ‚Cloud‘ von iGuzzini. Erdbebensicher, energiesparend, nachhaltig: Das Kongresszentrum ist mit Geothermik und Solarenergie, Wärmerückgewinnungsanlage und einem System ausgestattet, das Wasser von einem nahegelegenen See filtert.

Es sammelt Regenwasser und soll auch einen Black Out problemlos überstehen. Bis hin zu den 615 Plätzen in der Tiefgarage ist die ‚Nuvola‘ extrem funktional. Dass Fuksas Bauten reibungslos funktionieren, ist spätestens seit der Mailänder Messe in Rho mit ihrer perfekten Logistik ein offenes Geheimnis. Bei der ‚Wolke‘ jedoch ist weder die Technik noch die Funktionalität das Aufsehenerregende. Vielmehr ist es ein Mix zwischen Kontext und Formensprache. Innen fühlt man sich ein wenig wie im Bauch eines Wals, außen reflektiert das Glas die Pinien und die Umgebungsarchitektur, während die schwebende Wolke, die eigentlich auf Stützen steht, eher verwirrt. Die ‚Nuvola‘, man hasst sie oder man liebt sie. Wir lieben sie!

Lesen Sie das Interview mit Studio Fuksas hier


Architekten

Massimiliano und Doriana Fuksas

Studio Fuksas  www.fuksas.com

Gründungsjahr: 1967 Rom, 1989 Paris, 2008 Shenzhen

Mitarbeiter: 170

Arbeitsgebiete: Stadtplanung, Flughäfen, Museen, Kulturbauten, Kongresszentren, Messe Rho Mailand,

Büros, Interior-und Produktdesign

Portrait: Fabio Lovino

Factsheet

Projekt: Kongresszentrum und Hotel La Nuvola in Rom EUR

Standort: Ecke Via C. Colombo und Viale Asia, Rom EUR / I

Bauherr: Eur SpA, Rome / Italy www.eurspa.it

Bauaufgabe: Kongresszentrum

Baubeginn: März 2008

Fertigstellung: Oktober 2016

Überbaute Fläche: 55 000 m²

Anzahl Geschosse: Tiefgarage UG, Foyergeschoss (Basement), Eingangsebene plus drei Ebenen im Auditorium

Theca: Breite 70 m, Länge 175 m, Höhe 39 m (48 m vom UG)

Cloud: Membrane: microperforiertes ‚Atex 2000‘ Fiberglastextil
Beleuchtung: ‚Cloud‘ IGuzzini, design M. und D. Fuksas; Erco, Targetti, Philips

Möblierung: 1800 Auditoriumsessel ‚Carla‘ Poltrona Frau, Design Massimiliano und Doriana Fuksas


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