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Raumreaktion: Züricher Innenarchitekturbüro denkt Schule neu

Innenarchitekturbüro Raumreaktion denkt Schule neu
Selbstorganisiert

Neubau für die gymnasiale Oberstufe der Alemannenschule: Es gibt weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer. Für die Innenarchitektur war das interdisziplinäre Büro Raumreaktion aus Zürich verantwortlich.

In der Alemannenschule in Wutöschingen lernen die Schülerinnen und Schüler selbstorganisiert. Das Team von Raumreaktion — Psychologin Caroline Spirig, Innenarchitektin Anika Müller und Industrial Designer Patrick Müller — fokussiert sich auf Innenarchitektur in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Coworking. Das Innenleben der Alemannenschule gestalteten sie unter neuen Gesichtspunkten. Das Ziel: Problemlösendes und selbstorganisiertes Lernen in Gruppen- oder Einzelarbeit soll den Frontalunterricht ablösen.

Weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer

Eigentlich erinnert nicht viel an eine Schule. So gibt es weder Klassenzimmer noch Lehrerzimmer. Auf 2439 m², verteilt auf zwei Geschosse, gehen am Gymnasium der ASW rund 180 Personen ein und aus. „Die Alemannenschule ist ein besonderes Projekt für uns, bei dem wir bewusst Konventionen des klassischen Schulbaus durch neue Ideen des Zusammenarbeitens und Lernens ersetzt haben. Dadurch wollen wir  eine bessere Lernatmosphäre und einen offenen Austausch im täglichen Miteinander ermöglichen“, erklärt Caroline Spirig von Raumreaktion.

Das Zentrum des Gebäudes bildet ein riesiger Colearning Space. Hier trifft man sich, erarbeitet etwas zusammen oder wählt sich inmitten einer Variation von Sitz- und Stehmöglichkeiten seinen Einzelarbeitsplatz aus. Der Colearning Space ist das Herz des Gebäudes und macht in seiner Ausgestaltung die Identität der Schule sichtbar. Statt eine Hülle zu bauen und diese dann mit Möbeln und Menschen zu füllen, wurde die ASW um die Bedürfnisse der Menschen, die darin lernen und lehren, herumgebaut.

Einfinden in den Lernalltag

Mittlerweile ist Wissensarbeit nicht mehr bloß an einen Lehrort wie die Schule gebunden. Wissen kann man sich heutzutage über vielfältige Medien auch von zu Hause aus aneignen. Generell scheint die Entwicklung in der Schularchitektur jedoch nur im Schneckentempo vonstattenzugehen, klassische Flurschulen mit aneinandergereihten Klassenzimmern bilden immer noch die Mehrheit. Raumreaktion stimmte den Grundriss auf das pädagogische Konzept ab, das in der Schule tagtäglich umgesetzt wird. Es ist unmöglich, Arbeitsräume zu schaffen, ohne dabei die Menschen einzubeziehen, die beschreiben, wie sie genau darin arbeiten werden. Klar erkennbare Raumfunktionen sollten den Lernpartnern und Lernbegleitern (so bezeichnet man an der ASW die Schüler und Lehrer) das Einfinden in den Lernalltag vereinfachen.

In der ASW stehen Schlüsselkompetenzen wie Selbstverantwortung und selbstorganisiertes Lernen im Mittelpunkt. Dafür müssen Räume so gebaut werden, dass sie den Lernenden eine größtmögliche Flexibilität und Selbstbestimmtheit bieten können. Für effektives Lernen braucht es geplante Pausen und dafür geeignete Räume, wo Rückzug und Entspannung möglich sind. Raumreaktion nahm sich den Begriff des „Raums als drittem Pädagogen“ von Loris Malaguzzi aus der Reggio Pädagogik sehr zu Herzen.

KIK, auch Kontemplation – Information – Konsolidierung genannt, ist die Lernstruktur, die die räumliche Gestaltung definiert. Nie ist ein Raum bloß eine Hülle. Immer nimmt er, wenn auch nur auf einer unbewussten Ebene, Einfluss auf unser Befinden und unser Verhalten. So besitzt jeder Raumtyp an der ASW seinen ganz eigenen Charakter.

Treppe dient als Sitzgelegenheit 

Eine kaskadenartige Treppe bildet den Aufgang ins Obergeschoss und bietet gleichzeitig eine willkommene Sitzgelegenheit auf Kissen und Säcken. Maßgefertigte Polstermöbel, die sich in Aufbau, Dimensionen und Details durch das ganze Gebäude ziehen, bringen Ruhe in die Räume und konnten – nicht zuletzt – kostengünstig als Kleinserie produziert werden. Hier befinden sich neben den Coachingräumen die Inputräume, in denen Wissen für je 30 Minuten im klassischen Frontalunterricht vermittelt wird. Der Flur ist offen und großzügig gestaltet: Verschiedene Open Spaces laden die Lernpartner zum Verweilen, Vernetzen und Kooperieren ein.

Kurzum: Statt eine Hülle zu bauen und diese dann mit Möbeln und Menschen zu füllen, bauten die Gestalter von Raumreaktion die ASW um die Bedürfnisse der Menschen herum. Das Lernkonzept gab die Richtung vor. Die Räumlichkeiten wurden den Bedürfnissen angepasst und entsprechend konzipiert.


Über Raumreaktion

Raumreaktion ist ein interdisziplinäres Team aus den Fachgebieten Innenarchitektur, Industrial Design und Psychologie. Raumreaktion gestaltet Räume für Menschen und ihre spezifischen Bedürfnisse in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Arbeit. Das Trio, bestehend aus Anika Müller, Caroline Spirig und Patrick Müller, realisiert seit 2018 Projekte zusammen.

Webseite des Büros


Fakten

Projekt: Lernumgebung für Alemannenschule

Standort: Kirchstraße 6, 79793 Wutöschingen

 

Fertigstellung: 2022

Innenarchitektur: Raumreaktion; Team: Caroline Spirig, Anika Müller, Patrick Müller, Webseite des Büros

Bauaufgabe: Bedarfsanalyse, Konzept und Entwurf, Begleitung bei der Ausführung

Fotos: Valentina Verdesca, www.valentinaverdesca.format.com

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