Konzertsäle der Superlative mit spektakulärer Akustik: die Hamburger Elbphilharmonie md-mag
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Konzertsäle der Superlative

Elbphilharmonie Hamburg

Eines der spektakulärsten Bauprojekte der Bundesrepublik konnte endlich eingeweiht werden – die Elbphilharmonie Hamburg. Ihren eigentlichen Kern bilden die von Musikern und Publikum hochgelobten Konzertsäle.

Autor Hubertus Adam

Jubel in Hamburg: Die Stadt hat mit der Elbphilharmonie nicht nur ein ikonisches Bauwerk erhalten, das längst zu einem, vielleicht sogar zu dem Wahrzeichen der Stadt geworden ist, sondern auch einen der spektakulärsten Musiksäle der Welt. Schon nach den ersten Testkonzerten im vergangenen Herbst waren Musiker begeistert von der Gestalt und Akustik der beiden Säle. Verantwortlich für das akustische Konzept ist der renommierte japanische Spezialist Yasuhisa Toyota, der schon an Frank O. Gehrys Walt Disney Concert Hall in Los Angeles, Rem Koolhaas’ Casa da Musica in Porto sowie Jean Nouvels Konzerthaus in Kopenhagen und Philharmonie in Paris beteiligt war. Beim Großen Saal der Elbphilharmonie setzt Toyota erneut auf das Prinzip der „Weinbergterrassen“, das durch Hans Scharouns Berliner Philharmonie 1963 in den Konzerthausbau eingeführt wurde: Die Musiker sitzen im Zentrum, das Publikum in ansteigenden Blöcken, die sich rings um das Podium gruppieren.

Das Prinzip des Weinbergs ist im Konzerthaus die Alternative zur rechteckigen „Shoe Box“, wie sie die klassischen bürgerlichen Konzertsäle des 19. Jahrhunderts verkörpern, etwa der Wiener Musikverein oder das Concertgebouw Amsterdam. Der Hamburger Konzertsaal mit seinen 2 100 Plätzen ist aus Schallschutzgründen vom restlichen Gebäude entkoppelt. Die akustische Optimierung wurde von den Akustikern anhand eines 1:10-Modells erprobt.

Microshaping

Im Gegensatz zur Berliner Philharmonie, die mit 2250 Plätzen 150 mehr als der Große Saal der Elbphilharmonie besitzt, fällt in Hamburg die Steilheit der Sitzanordnung ins Auge. Praktisch begründet ist diese Disposition durch die Tatsache, dass der kristalline Aufbau der Elbphilharmonie nicht nur die Konzertsäle umfasst, sondern auch die Bereiche des Hotels im Osten und die Apartments im Westen.

Dies führt zu steilen Proportionen, die den Großen Saal bestimmen und auch die schluchtartig sich überlagernden Foyerbereiche. Es war aber auch Ziel von Herzog & de Meuron, die Intensität des Konzerterlebnisses durch die räumliche Komprimierung zu steigern. Kein Platz ist mehr als 30 m Luftlinie vom Standpunkt des Dirigenten entfernt, und es ist erstaunlich, wie nachgerade klein der Konzertsaal trotz seiner mehr als 2000 Sitzplätze wirkt. Dies erzeugt eine Intimität, welche die Besucher nicht nur näher an das Orchester heranrücken lässt, sondern auch an die anderen Besucher im Saal.

Ein Konzert ist ein Gemeinschaftserlebnis: Von einem „Krater durch Kunst, so einfach als nur möglich, damit dessen Zierrat das Volk selbst werde“, sprach Goethe angesichts der Arena von Verona. Eine Gliederung in unterscheidbare Ränge haben die Architekten in Hamburg stärker vermieden als etwa Jean Nouvel bei der Philharmonie in Paris; alle Sitzbereiche im Saal sind miteinander verbunden, sodass man von einem beliebigen Platz zu jedem anderen gelangen kann, ohne den Umweg über das Foyer nehmen zu müssen. Die Vertikalität des Raumeindrucks wird durch die zeltartig sich nach oben stülpende Deckenkonfiguration noch gesteigert, aus deren Mitte das Volumen des über dem Podium schwebenden Reflektors sich absenkt. Dieser ist nicht in filigrane Einzelelemente zergliedert, sondern bildet einen hochinstallierten Körper, in dem sich auch das Fernwerk der Orgel verbirgt. Das Hauptwerk der Orgel beherrscht den Saal nicht, sondern ist auf überzeugende Weise in die Wand integriert.

Bestimmend für den Raumeindruck sind darüber hinaus die weiß-gräulichen Akustikpaneele, mit denen Brüstungen, Wände und Deckenuntersichten verkleidet wurden. Es handelt sich um Verbundelemente aus Gips und rezyklierter Wellpappe, die je nach Position im Saal entsprechend den Forderungen Toyotas unterschiedlich stark ausgebildet und unterschiedlich tief ausgefräst wurden. Die Architekten entwickelten ein Computerprogramm, das für die Manipulation der waben- oder seepockenähnlichen, sich ständig verändernden Struktur sorgte und direkt die Fräse steuerte. Dabei blieben die Frässchichten innerhalb der einzelnen Waben sichtbar und bilden ein Binnenornament – die Architekten sprechen vom „Microshaping“. Zusammen mit dem graumelierten Stoff, der ebenfalls von Herzog & de Meuron entworfenen Sitze, dem hellen Holz des Bodens und der Grundbeleuchtung in Form von mit LEDs ausgestatteten Schusterkugeln entsteht ein festlicher Raumeindruck, der aber nicht klassisch-opulent ausfällt. Eine gewisse Neutralität war gewünscht, weil der Saal nicht allein auf klassische Musik zugeschnitten ist, sondern auch auf andere Musikgattungen wie Jazz oder Weltmusik.

Für experimentellere Musikformate ist der Kleine Saal vorgesehen, der mit seinen ca. 550 Plätzen dem Shoe-Box-Prinzip folgt. Die Sitzanordung lässt sich durch verschiebbare Podien dem jeweiligen Konzert anpassen. Herzog & de Meuron setzten hier auf eine holzgeprägte Optik; eine erneut durch Fräsung erzielte Wellenstruktur bildet hier ein vertikales Muster an allen Wandflächen.

Blicke und Perspektiven

Die öffentliche Plaza auf 37 Metern Höhe, zu der man vom eigentlichen Eingang auf Straßenniveau über Rolltreppen emporfährt, fungiert als Verteilerebene. Wie durch einen Gehörgang gelangt man bei Konzerten direkt, also ohne Türen zu öffnen, in den Großen Saal. Erst bei Konzertbeginn werden die in den Wänden verborgenen und von innen her unsichtbaren Türen geschlossen.

Die Plaza stellt aber auch die Attraktion für all jene Besucher dar, die nicht in den Genuss eines Konzertes kommen. Sie befindet sich an der Schnittstelle zwischen der Ziegelsteinhülle des früheren Kaispeichers A und dem kristallinen Aufbau. Nach oben geht der Blick in die Foyerlandschaft des Großen Saals, seitlich schweift das Auge durch die ondulierenden Scheiben hindurch über Stadt und Hafen. Herzog & de Meuron sprechen angesichts der Funktionsmischung von einer Stadt im Kleinen, und tatsächlich ist die mit Ziegelsteinen gepflasterte Plaza zu einem öffentlichen Ort geworden. Nicht zuletzt die umlaufende Aussichtsterrasse ist das Ziel vieler Besucher, denn so direkt hat man Hamburg noch nie gesehen.

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Weitere Projekte finden Sie hier


Akustisches Konzept Yasuhisa Toyota

Nagata Acoustics Los Angeles, Tokio

Foto: Michael Zapf

Architekten

Jacques Herzog, Pierre de Meuron, Ascan Mergenthaler Projektteam
Herzog & de Meuron Basel

Foto: Maxim Schulz

Factsheet

Projekt: Elbphilharmonie

Standort: Hamburg

Bauaufgabe: Ein Gebäudekomplex, der neben drei Konzertsälen ein Hotel, 45 Wohnungen sowie die Plaza, einen frei zugänglichen Platz in 37 Metern Höhe mit 360°-Panorama über die Stadt beheimatet.

Konzept: 2003

Projektphase: 2004 bis 2014

Ausführung: 2006 bis 2016

Footprint: 61 839 m²

Geschosse: 29

Glasfassade: Josef Gartner GmbH, Gundelfingen mit Vorhängen ‚Shadow‘ von Création Baumann als Sicht- und Blendschutz

Großer Saal im Weinbergterrassen-Prinzip

Orgel: Johannes Klais, Bonn

Sitzplätze: 2 100

Durchmesser: 30 bis 50 m

Höhe: ca. 25 m

Maximale Entfernung zum Dirigenten: 30 m

Fläche Konzertbereich: 30 121 m²

Fläche ‚Weiße Haut‘: 6 500 m²

Materialien ‚Weiße Haut‘: DIe von Knauf Integral hergestellten 10 287 Gipsfaserbetonplatten ‚Gifatec‘ wurden von Peuckert GmbH, Mehring bei München, montiert. Ihre 1 Mio. Ausfräsungen folgen den Berechnungen von Samuel Koren, Architekt, Frankfurt, ausgeführt von der Hasenkopf Industrie Manufaktur.

Kleiner Saal im Shoe-Box-Prinzip

Sitzplätze: 550

Grundfläche: 440 m² (30 x 14,6 x 10 m)

Materialien ‚Holzhaut‘: 120 Paneele aus massiver Europäischer Eiche, mit individuell eingefrästen Wellen, montiert auf Gifatec-Trägern, ausgeführt von Eichhorn, Wächtersbach, Paneelgröße: 0,63 x 6,25 m

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