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Lichtkonzept bei Rathauserweiterung in Bodø/Norwegen von Atelier ALL

Rathausumbau und -erweiterung in Bodø/Norwegen von Atelier ALL
Hyggeliges Lichtkonzept

Die nördlich des Polarkreises gelegene Stadt Bodø ließ ihr altes Rathaus von jungen dänischen Architekten umbauen und mit einem überzeugenden Lichtkonzept sowie ikonischen Gebäude zu einer modernen Arbeitswelt für 400 Mitarbeiter der städtischen Verwaltung erweitern.

Autor Rolf Mauer

Nördlich des Polarkreises, dort wo das hyggelige zu Hause ist, hat das dänische Atelier ALL (Atelier Lorentzen Langkilde) ein zeitgenössisches Rathaus für die Gemeinde Bodø in Norwegen entworfen. Wie schaffen die Architekten es, Bürgern und Mitarbeitern in einem öffentlichen Verwaltungsgebäude über atemberaubende Innenraumlösungen eine Aufenthaltsqualität wie daheim im Wohnzimmer zu ermöglichen?

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Warmes Holz und kräftige, aber wohltemperierte Farbtupfer. Die Architekten haben ganze Arbeit geleistet und eine Innenarchitektur geliefert, die Aufenthaltsqualität bietet. Foto: Adam Mørk

Dazu muss ich etwas ausholen. Das auf einem 12 000 Quadratmeter großen Grundstück stehende Rathaus besteht aus einem Neubau sowie der Umwandlung und Verbindung zweier bestehender und erhaltener Gebäude. Das neue Rathaus vereint folglich drei Gebäude zu einem flexiblen Kontinuum, das um ein spektakuläres hölzernes Atrium herum organisiert ist.

Die neue, facettierte Fassade ist ein modulares System mit horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien. Foto: Adam Mørk

Einheit von Alt und Neu

Der Neubauanteil ist ein durchaus gewaltiger Kubus, von dem recht geschickt Volumina abgeschnitten wurden, sodass ein kristallines Steinvolumen übrig blieb, dessen Fassaden zu den unteren, bestehenden Gebäuden hin abfallen. Die Winkel der Fassade sind von den bestehenden Dachlinien abgeleitet. Die einzigartige, facettierte Geometrie fängt die dramatisch wechselnden Lichtverhältnisse nördlich des Polarkreises ein und schafft geschickte Übergänge vom Neuen zum Bestehenden.

In räumlicher Verbindung mit dem Atrium erstrecken sich Arbeitsbereiche über fünf Stockwerke hinauf. Foto: Adam Mørk

Dramatisches Atrium

Das neue Haus ist nach Aussage der Architekten ein „Schlussstein, der den Fluss der bestehenden Gebäude verbindet und transformiert, um einen flexiblen, kreisförmigen Fluss um ein hohes und dramatisches Atrium zu schaffen“.

Foto: Adam Mørk

Dieses Atrium fungiert als Bürgerforum und ist wie ein öffentlicher Platz mit Versammlungsräumen und öffentlichen Dienstleistungen gestaltet. In räumlicher Verbindung mit dem Atrium erstrecken sich Arbeitsbereiche über fünf Stockwerke hinauf.

Foto: Adam Mørk

Kantine im obersten Stockwerk

Im sechsten und obersten Stockwerk ist eine Kantine zu finden, die einen herrlichen Blick auf das Meer und die Berge der Umgebung bietet. Hier darf der gestresste Verwaltungsmitarbeiter die Niederungen seines Aktenstudiums hinter sich lassen und von den Weiten des Atlantiks träumen.

Foto: Adam Mørk

Anmutung von Home im Office

Der Innenraum ist sowohl an den Wänden als auch an den Decken mit hellem Eschenholz ausgekleidet. Die einheitliche Holzverkleidung schafft ein warmes Raumgefühl. Es wird mit einem Bürolayout kombiniert, das sogenannte neue Arbeitsweisen ermöglicht. Die Planer argumentieren, dass auf diese Weise die Anmutung eines Heimarbeitsplatzes in das Büro gebracht wird.

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Wie kommt die Bürolandschaft an die Wand? Als Kunstwerk. Das vertikale ‚Dikt til Byråkratiet‘ (‚Gedicht für die Bürokratie‘) des Künstlers Kristian Nygård verbindet optisch alle Stockwerke im Atrium des Neubaus. Mit seiner ungewöhnlichen Perspektive regt es zum Nachdenken an. Über die Verwaltung, die eigene Arbeit im Büro, …. Foto: Adam Mørk

Arbeitsräume um das Atrium organisiert

Das Atrium, um das sich die Arbeitsräume organisieren, erinnert mit seinen versetzten Balkonen, den zurückgesetzten Atriumfronten, den unterschiedlichen Niveaus der Stockwerke und dem schwindelerregenden Kunstwerk „Dikt til Byråkratiet“ („Gedicht für die Bürokratie“) des Künstlers Kristian Nygård an eine Zeichnung von Piranesi:

Licht ist dort, wo die Polarnacht vom 15. bis zum 29. Dezember herrscht und die Mitternachtssonne vom 2. Juni bis zum 10. Juli „scheint“, von großer Wichtigkeit.

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Bürgernähe als Planungsaufgabe: Nischen und Kojen ermöglichen Mitarbeitern wie Bürgern ungestörten Austausch und zugleich eine Kommunikation mit dem Raum. Foto: Adam Mørk

Innenbeleuchtung inspiriert vom Sternenhimmel

Das Lichtkonzept für die Innenbeleuchtung ist daher vom wunderschönen Sternenhimmel in Bodø inspiriert. In den langen Winternächten sind die Sterne sowohl bei Tag als auch bei Nacht sichtbar und liefern ein großartiges Schauspiel über den Bergen und dem Meer.

Im Gebäude wird diese Szenerie mit einer Konfiguration von kreisförmigen Deckenleuchten mit unterschiedlich großen Leuchtkörpern nacherzählt, die in einem zufälligen Muster wie blasse und helle Sterne angeordnet sind.

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Gearbeitet wird überall: Das Atrium wirkt mit seinen auskragenden Räumen und dem „Kunstbüro“ wie ein Vexierbild. Ein raffinierte Aufwertung des Luftraums. Foto: Adam Mørk

Lichtkonzept unterstreicht Balkonfronten

Im sechsstöckigen Atrium erzeugen die Sternenmuster ein lebendiges Bild mit hohem Wiedererkennungswert für die Besucher. Das Lichtkonzept unterstreicht die speziell geformten Balkonfronten, die vor- und zurücktreten und so ein Bild von kleinen, einzigartig geformten Räumen schaffen.

Foto: Adam Mørk

Lichtmenge an Nutzung der Räume angepasst

Auch alle anderen technischen Einrichtungen – wie die Belüftung – sind in der Decke kreisförmig angeordnet. Dadurch entsteht ein richtungsloses Muster. Dieses ist Grundlage für ein flexibles Lichtkonzept, in dem die Deckenkreise in unterschiedlichen Größen und Formen den Räumen angepasst werden. Die Lichtmenge kann somit je nach Nutzung der Räume leicht angepasst werden, indem man die Anzahl der Kreise reduziert oder erhöht.

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Im Gebäude wird der polare Sternenhimmel mit einer Konfiguration von kreisförmigen Deckenleuchten mit unterschiedlich großen Leuchtkörpern nacherzählt. Gerade das Licht spielt in Skandinavien eine große Rolle. Die Architekten haben es sich hier zur besonderen Gestaltungsaufgabe gemacht. Foto: Adam Mørk

Das Bild vom Sternenhimmel

Die Sterne, pardon, die Leuchten, werden nach Bedarf gedimmt. Diese Art, Licht in ein Gebäude zu bringen erfordert mehr Beleuchtungskörper als eine traditionelle Raster- oder Linearanordnung. Deshalb ist es sehr wichtig, die Leuchten richtig zu skalieren.

Sind sie zu klein, würden sie im Verhältnis zu viel Energie benötigen, um das Gebäude zu beleuchten und wenn die Beleuchtungskörper zu groß werden, würde das Bild eines sternenbedeckten Himmels verschwinden.

Das Bürolayout ermöglicht sogenannte neue Arbeitsweisen. Foto: Adam Mørk

Größe der Beleuchtungskörper

Es wurde viel gestalterischer Aufwand betrieben, um die richtige Größe der Beleuchtungskörper und die richtigen Maßstabssprünge zwischen den Beleuchtungskörpern zu erreichen. Dieser Aufwand fand sowohl in der Entwurfsphase als auch während der Konstruktion und Entwicklung der endgültigen Beleuchtungskörper statt.

Diese Herausforderung wurde durch einen integrierten Prozess zwischen Architekt, Elektroingenieur und Beleuchtungsexperten sowie Zulieferern gelöst, der zu einem energieeffizienten Bürobeleuchtungssystem mit einer großen architektonischen Dynamik zwischen kleinen und großen Leuchten führte.

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Warmes Holz und kräftige, aber wohltemperierte Farbtupfer. Die Architekten haben ganze Arbeit geleistet und eine Innenarchitektur geliefert, die Aufenthaltsqualität bietet. Foto: Adam Mørk

Wohnliches Gefühl durch Holz und Möbelauswahl

Die Sterne sind bündig in eine Holzfurnierdecke eingebaut. Die Decken und Wände erhalten durch das Holz eine Anmutung, die das Licht beeinflusst und ein wohnliches Gefühl im Büro erzeugt. Zusammen mit der Möbelauswahl, den Farben und den verkleinerten Räumen bildet es ein einzigartiges öffentliches Bürogebäude, das wir ein Wohnzimmer wirkt.

Einheit von Alt und Neu. Foto: Adam Mørk

Die bestehenden Gebäude auf dem Gelände sind das alte Rathaus mit einer braunen Putzfassade und die alte Nationalbank, die mit einem stark gemusterten Naturstein verkleidet ist. Beide Fassaden sind erhalten geblieben. Die Fassade des Neubaus ist so gestaltet, dass die Dächer der bestehenden Gebäude sich darin spiegeln. So stellen es die Architekten dar und je nach Standort zum Gebäude stimmt das auch.

Nördlich des Polarkreises, dort wo das hyggelige zu Hause ist, hat das dänische Atelier ALL (Atelier Lorentzen Langkilde) ein zeitgenössisches Rathaus für die Gemeinde Bodø in Norwegen entworfen. Foto: Adam Mørk

Letztlich entsteht eine Einheit von Alt und Neu, die durch den bräunlich-gelben Naturstein, der für die Fassade des Neubaus verwendet wurde, zusätzlich betont wird. Dessen Farbe ähnelt dem Stein des alten Rathauses, während das Steinmuster dem der Fassade der Nationalbank entspricht.

Die neue, facettierte Fassade ist ein modulares System mit horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien, die als Ganzes und im Detail ein einzigartiges Volumen bilden. Die verschiedenen Winkel des Steins fangen das Licht ein und werfen Schatten, die zu einem sich ständig wechselnden Lichtspiel führen.

Der finale Eindruck ist eindeutig positiv oder wie man in Skandinavien sagt: hyggelig.


Portrait: ALL Atelier

Die Architekten

Kasper Lorentzen (li) und Kristian Langkilde haben ihr Büro ALL Atelier Lorentzen Langkilde 2014 in Dänemark gegründet.

Mitarbeiter: 7

Arbeitsbereiche: Stadtplanung, Architektur, Innenarchitektur

www.all.archi


Factsheet

Projekt: Rathaus Bodø/N

Standort: Bodø/N

Bauherr: Bodø Norway

Bauaufgabe: Umbau und Erweiterung

Fertigstellung: 2019

Größe des Geländes: 12 000 m²

Geschossfläche: 612–2 413 m²

Stockwerke: 6 plus Untergeschosse

Materialien: Verkleidung des Fassadensystems: HS Hansen, www.hshansen.dk; Natursteine: www.franken-schotter.de; Oberflächen aus Holzfurnier: Lindner, www.lindner-group.com; Möbel: Henriksen Snedkeri; SML-Beleuchtung / Intra-Beleuchtung, www.intra-lighting.com

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