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Alnatura Campus von Haas Cook Zemmrich

Arbeiten in Lehmwänden

Wie entwickelt sich ökologisches Bauen weiter?  Der Alnatura Campus von Haas Cook Zemmrich Studio2050 in Darmstadt liefert Ideen für die Zukunft.

Autor Thomas Edelmann

Von Bickenbach an der Bergstraße bis nach Darmstadt sind es knapp 14 Kilometer. Eine Strecke, für die man mit dem Auto eine Viertelstunde braucht, mit dem Fahrrad dreimal so lang. Für das 1984 gegründete Unternehmen Alnatura, das seinen Hauptsitz von Bickenbach nach Darmstadt verlegte, war es aber ein weiter Weg, der vom alten zum neuen Standort führte. Denn die neue „Alnatura Arbeitswelt“, die den Kern des „Alnatura Campus“ bildet, ist nicht ein beliebiger Verwaltungsbau, gefertigt nach gängigen Standards.

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‚Alnatura Arbeitswelt‘ von Osten gesehen: Das Gebäude erhielt ein Zertifikat in Platin der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DNBG). Foto: Roland Halbe

Alnatura-Gründer und -Geschäftsführer Götz Rehn wollte einen Bau mit Vorbildcharakter entstehen lassen, doch zu einem vertretbaren Preis. Der Entwurf des Stuttgarter Architekturbüros Haas Cook Zemmrich Studio 2050 entspricht dem, was Rehn, die „kulturelle, geistige Dimension der Nachhaltigkeit“ nennt. In über 50 Sitzungen mit den Architekten wurden aus Rehns Ideen „konkrete Vorstellungen“. Die Firmenzentrale versucht den minimierten Ressourcen-Einsatz auf allen Ebenen zu erreichen.

Eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach ist längst Standard. Hier aber wurden Konstruktion und Nutzung grundlegend neu durchdacht. Selbst der energetische Aufwand des künftigen Abrisses nach mehr als 50 Jahren wurde mitberechnet. Das Gelände, auf dem gebaut wurde, erwies sich als schwieriger Baugrund. Es ist eine Konversionsfläche. Aus einem Teil der Darmstädter Kelley Barracks der US Army wurde ein Unternehmensgelände mit Angeboten an die Öffentlichkeit, vom Kindergarten über private ökologische Ackerflächen bis zum vegetarischen Restaurant. Einst wurden hier Panzer gewartet, auf massiven Betonplatten, die heute – zerkleinert – Teile des Alnatura Campus bilden, wie etwa ein Amphitheater oder Umfassungsmauern an der Einfahrt. Der verseuchte Sandboden wurde abgetragen.

Alnatura Campus: Unter einem Schirm

Erst wenn man sich dem von der viel befahrenen Ausfallstraße zurückgesetzt angeordneten Alnatura Campus nähert, erkennt man seine Besonderheiten. Zuerst kommt die asymmetrische Satteldachkonstruktion in den Blick. Deren Holzbinder berühren sich nicht, sie werden nur durch ein Oberlichtband verbunden, welches das Nordlicht in den für Tageslicht optimierten Innenraum lenkt. Die Tragwerksplanung stammt von Knippers Helbig aus Stuttgart.

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Café-Bereich, „Hal“-Hockern von Vitra und „Lümmelbrettern“. Foto: Eduardo Perez

Zwei ineinandergreifende geöffnete Hände, in einem frühen Entwurfsstadium als architektonische Figur bereits visualisiert, stehen symbolisch für den Charakter des Hauses, dessen Dach für das gemeinsame Wirken der Mitarbeiter darunter einen Schirm bildet. Kommt man näher, erkennt man die raumhoch verglaste Ostfassade. Besonders komplexe Bauteile wirken aus der Entfernung noch unspektakulär. Wenn man vor ihnen steht, erkennt man ihre leicht unregelmäßige Oberfläche.

Alle Fassaden der Längsseiten bestehen aus 16 je 12 m hohen Wandscheiben aus zweischaligen, vorfabriziertenen Stampflehmfertigteilen. Lehm kann rasch Feuchtigkeit, etwa aus der Atemluft, aufnehmen und wieder abgeben. Es ist zwar einer der ältesten Baustoffe, dennoch kein übliches Material, schon gar nicht für den Wandaufbau eines Bürogebäudes mit 13 500 m² Bruttogeschossfläche.

Die ‚Alnatura Arbeitswelt‘ ist der bislang größte Bau in Europa, der mit Lehmfassaden errichtet wurde. So wurden die einzelnen Blöcke neben der Baustelle vom Lehmbaupionier Martin Rauch maschinell vorgefertigt. Jeder Block hat eine Kerndämmung aus recyceltem Schaumglasschotter. Auch wurde Material aus dem Aushub des Bahnprojektes Stuttgart 21 wiederverwendet. Ton- und Kalkschichten schützen vor Auswaschung der Oberflächen.

Die innere Lehmwand nimmt die Heizung auf, verbunden mit einer Geothermie-Anlage. Eine Kaseinlasur im Innenraum verhindert die Verstaubung des Lehms. Die Zusammensetzung der Wand muss „zwischen Eigengewicht, statischen Erfordernissen und Dämmverhalten“ genau ausbalanciert sein, wie Architekt Martin Haas erklärt. Und er macht deutlich, dass für einen kostenbewusst konstruierten Verwaltungsbau die handwerkliche Komponente der Lehmbauteile möglichst gering sein sollte. „Nur dann hat der Baustoff eine Chance, wieder in unsere Baukultur reinzukommen.“

Offene Arbeitsatmosphäre

Da der Alnatura Campus im Wesentlichen aus einem großen Raum besteht, der neben Treppen, Brücken und Wegen nicht nur Treffpunkte bietet, sondern auch Arbeitsplätze für 450 bis 500 Mitarbeiter, spielt die Schalldämpfung eine maßgebliche Rolle.

Daher gibt es eine Vielzahl von akustisch wirksamen Bauteilen, angefangen von den in die Massivbetondecke eingelassenen Sorp-Streifen über Lamellenkonstruktionen um die Holzfenster herum, von textilen Oberflächen auf den Rückseiten der Möbel über große Teppichflächen oder dreilagige, raumhohe Vorhänge, die zur Abgrenzung temporärer Besprechungsbereiche genutzt werden. Die offenen Büros mit rechtwinklig zum Fenster angeordneten Schreibtischen folgen den Prinzipien einer non-territorialen Arbeitsorganisation.

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Atrium und Open Space in der neuen Alnatura-Zentrale. Foto: Roland Halbe

Dennoch gibt es bei Alnatura Abteilungen und interne Strukturen, die sich in der Raumfolge wiederfinden. Verbindende Treppen und „schöne Wegeführungen“, die Kommunikation fördern, spielen eine herausragende Rolle. Auch „Lümmelbretter“, spezielle Ablagen am Rand eines Geländers, die Martin Haas bereits für das innovative Unilever-Haus in der Hamburger Hafencity konzipierte, finden sich hier wieder.

Für die innere Ausgestaltung und Möblierung der ‚Alnatura Arbeitswelt‘ sorgte die Innenarchitektin Pirjo Kiefer von Vitra mit ihrem Team. ‚Cds Workstations‘ von Antonio Citterio bilden die Schreibtisch-Grundstruktur, für deren Beleuchtung sorgen ‚Lavigo‘-Stehleuchten von Waldmann.

Kein Ort für laute Selbstdarsteller

Rückzugsorte bieten Möbel aus dem Vitra-‚Alcove‘-Programm von Ronan und Erwan Bouroullec. Für Stauräume kommt ‚Level 34‘ von Werner Aisslinger zum Einsatz. Dazu gibt es neben Eames- und vereinzelten Prouvé-Klassikern auch Sofas von Hella Jongerius und Jasper Morrison. Der Teppichboden stammt von Carpet Concept.

Trotz aller akustischen Dämpfung verlangt der Alnatura Campus seinen Nutzern ein hohes Maß an gegenseitiger Rücksichtnahme ab. Es ist keine klösterliche Grundstimmung, die hier die Zusammenarbeit prägt. Doch mit Sicherheit ist dies kein Ort für laute Selbstdarsteller. Wenn Götz Rehn auf den Erfolg seines Unternehmens angesprochen wird, löst er Erfolg auf in: „Folgenreich tätig mit anderen Menschen“. Architekten, Bauherr und beteiligte Spezialunternehmen haben mit diesem Bau demonstriert, wie das geht.

Ein Interview mit den Architekten über nachhaltiges Bauen mit Vorbildcharakter finden Sie hier


Haas Cook Zemmrich Studio 2050

Mit dem Ziel, menschen- und umweltfreundliche Lösungen zu entwerfen, arbeitet das Studio an Stadtplanungs- und Architekturprojekten weltweit.

www.haascookzemmrich.com


Factsheet

Projekt: Alnatura Campus

Standort:

Bauherr: Campus 360 GmbH

Bauaufgabe: Unternehmenszentrale

Fertigstellung: 2019

Grundstücksgröße: 55 000 m2

Geschosse: 3

Nutzfläche: 13 500 m2

Materialien (Decke, Wand, Boden): Holzdach, Stahlbetondecken und Stampflehmwände, Farbe: Caparol

Möblierung: Vitra

Sanitärkeramik: Keramag / Geberit

Beleuchtung: Bega, Foscarini, Moltoluce, Nimbus, Waldmann

Teppiche: Carpet Concept


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