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The Lovelace – A Hotel Happening

Vorhang auf

30 Zimmer in Textil gewandet. The Lovelace in München ist aber mehr, als ein gut inszeniertes Hotel. Ein Happening. Trotz wenig Budget, noch weniger Zeit und vielen basisdemokratischen Entscheidungen funktioniert die Idee des Pop-up-Hotels.

Autorin Katharina Feuer

Manche Chancen ergeben sich nur einmal im Leben und dann muss man sie ergreifen. Das dachten sich Gregor Wöltje, Michi Kern und Lissie Kieser wohl auch, als sie das Angebot erhielten, eine Zwischennutzung für das ehemalige Bankgebäude an der Kardinal-Faulhaber-Straße im Herzen der Altstadt Münchens zu realisieren. Die herrschaftlichen Räume der HypoVereinsbank würden für zwei Jahre zur Verfügung stehen.

„Als wir vor dem Kasten standen, war uns klar, dass das keine kleine Loft-Nummer sein würde, sondern eher die Kategorie Grand Hotel“, erinnert sich der 56-jährige Wöltje. Das Experiment The Lovelace war geboren.

Mit der Entscheidung, dieses Abenteuer zu wagen, musste alles sehr schnell gehen. Zwischen Idee und Eröffnung im September 2017 lagen wenige Monate. „Wir hätten 3 Monate früher eröffnen können, aber die Baugenehmigung ließ auf sich warten“, bedauert der gelernte Architekt. Ein sportliches Projekt im Hinblick auf Zeit, Budget und nur begrenzter Nutzungsdauer. Aber auch reizvoll. Daran lässt Wöltje keinen Zweifel, wenn er über The Lovelace spricht, das seinen Namen zwei Frauen verdankt: Ada Lovelace, erste Programmiererin der Welt und Linda Lovelace, US-amerikanische Pornodarstellerin.

Büro wird Hotelzimmer

Ideen für Pop-Up-Hotels hatten der Unternehmensberater und seine Partner bereits in der Schublade. Es folgte ein Wettbewerb für die Gestaltung der Hotelzimmer, den Alexander Strub mit seinem Team von der RBSGROUP für sich entschied.

„Das Projekt reizte uns aufgrund der vorgegebenen Rahmenbedingungen sehr“, erklärt Alexander Strub, Creative Director der RBSGROUP. „Wir fanden qualitativ hochwertig ausgebaute Büroräume für eine Bank vor. Wir wollten einerseits die Geschichte des Gebäudes erlebbar machen, den Bestand zeigen und andererseits, dem Gast eine Behaglichkeit bieten, fern vom Gedanken „Ich schlafe in einem ehemaligen Vorstandsbüro“, erläutert der Architekt die Herausforderung. Wie geht man damit um, war die treibende Frage. Strub ist heute noch froh über diese Chance.

Bevor man jedoch zu bewohnbaren Hotelzimmern kommen konnte, zeigten sich andere, ungeplante Hürden. „Die Klimaanlage in einer Bank schaltet alle Räume gleich. Das funktioniert im Hotel nicht. Und es wäre komplizierter gewesen, das BUS-System umzuprogrammieren, statt neu zu installieren“, erinnert sich Wöltje. Die nicht einkalkulierten Kosten konnte man dennoch abfedern. Wohlgesonnene private Investoren stellten im Laufe der Zeit in Summe 1,5 Mio. Euro zur Verfügung, um die Idee des Pop-up-Hotels zu realisieren.

Das Ergebnis lässt sich sehen. Mit der Lösung, der sogenannten Soft Shell, einem 360° umlaufenden Vorhang, wird innerhalb des nüchternen, funktionalen Ambientes reichlich Atmosphäre geschaffen. Wenn man an eine angenehme Haptik und gutes Raumklima denkt, ist die Verwendung von Textilien naheliegend. Einer Bühne gleich wird der Raum in Szene gesetzt und kein Detail dem Zufall überlassen. Vom Begriff der Dekoration hält Strub in diesem Kontext rein gar nichts, vielmehr handelt es sich um eine Inszenierung: „Curtain up!“

Hochwertige Umsetzung

„Uns war schnell klar, dass das nur in einer sehr hochwertigen Materialität funktioniert. Irgendwelche billigen Vorhänge kamen nicht infrage“, resümiert Strub. Noch während des Wettbewerbs entstand der Kontakt und die Anfrage beim Hersteller Kvadrat, hinzu kamen Bolia und Vitra. Das Interesse an einer Kooperation zu fairen Preisen (Mietkauf) war gegeben. Die Produkte ergeben ein harmonisches Bild – ohne Showroomcharakter.

Wie viele Quadratmeter Stoff zum Einsatz kamen, wissen spontan beide nicht, aber Gregor Wöltje und Alexander Strub sehen klar, dass jeder Quadratzentimeter funktioniert: „Wir hatten erst Bedenken, dass es für die Gäste unheimlich sein könnte, was wohl hinter dem Vorhang versteckt sei, aber das Raumerlebnis ist durchgehend positiv.“

Im Gegenteil, der Besucher kann aktiv werden und markierte Laschen helfen ihm bei der Orientierung, wo sich hinter der Soft Shell etwas verbirgt: Kunstwerke, Schränke und Fenster mit Aussicht auf die Altstadt. So entstehen verschiedene Bilder.

Aber das Lovelace ist eben nicht nur ein Hotel. Nett inszeniert. Es ging von Anfang an um die Story. „Wir erzählen eine Geschichte!“, betont Wöltje.

Und die Gäste des Hotels, ihre Mitarbeiter, aber auch die Münchner und Besucher der Veranstaltungen schreiben die Geschichte mit. Denn neben den 30 Zimmern unterschiedlicher Größe, bietet The Lovelace viele Happenings an: Ausstellungen, Konzerte, Lesungen, Filme, Showrooms, Temporary Shops, Coffee Shop, Kiosk, Street Kitchen. Und nachts geht es weiter mit Club-Nights, Partys und der Housetop-Bar. Aber auch Firmen mieten sich im großen Maßstab ein für Meetings, Seminare und Trainings.

„Wir haben offen gestanden ein Marketing-Budget von null Euro. An Werbung ist nicht zu denken, außer zur Eröffnung natürlich“, gesteht Wöltje unumwunden. Dennoch ist The Lovelace gut gebucht. Vielleicht auch, weil andere für sie die Arbeit erledigen. Ein Paradebeispiel für virales Marketing.

Erzählenswerte Story

„Nur ein Bruchteil von dem, was auf Instagram, Facebook und anderen sozialen Netzwerken vom Hotel zu sehen ist, stammt von uns. Offensichtlich haben wir einige gute Motive für Selfies zu bieten und die Story scheint erzählenswert, da läuft das ganz von alleine“, freut sich der Partner von insgesamt fünf erfahrenen Leuten aus unterschiedlichen Bereichen wie Nachhaltigkeit, Kunst, Mode, Design und Musik. Jeder von Ihnen bringt sich ein, um die Story am Laufen zu halten.

Denn sportlich ist das Projekt immer noch und Wöltje gesteht, man lerne nie aus. „Wir haben täglich neben den Hotelgästen noch zwischen 200 bis zu 4000 Leute im Haus. Bei ganz großen Partys vergeben wir mittlerweile die Zimmer nur an die Gäste der Veranstaltungen. Denn an solchen Abenden reichen selbst die zwei schalldichten Türen in jedem Zimmer nicht, um den Party-Sound fern zu halten.“
Wöltje und seine Partner arbeiten schon an Folgeprojekten, mehr will er aber nicht verraten. Nur eines ist sicher. Die Story muss zum Ort passen.

„Wir sind gepolt auf ein Hotel-Happening.“ In München oder einer anderen Großstadt. Und wenn dazu die Möbel aus dem Lovelace passen, umso besser. „Entweder nehmen wir sie mit oder geben alles auf. Dann gibt es Anfang 2019 einen großen Sell Out.“

Zur Nachahmung ist so ein Projekt dennoch nicht zu empfehlen. Graue Haare, die darüber gewachsen sind, werden jedenfalls nicht mehr thematisiert. „Damit habe ich schon längst abgeschlossen“, lacht Wöltje.

Webseite des Hotels

Weitere Projekte finden Sie hier


Factsheet

Projekt: Hotel The Lovelace – A Hotel Happening

Standort: Kardinal-Faulhaber-Str. 1, München

Bauherr: The Lovelace

Bauaufgabe: Zwischennutzung eines Bankgebäudes

Fertigstellung: August 2017

Interior Design: The Lovelace, RBSGROUP

Investition: 1,5 Mio. €

Zeitraum: 9/2017 bis 2019

Anzahl der Zimmer: 30

Räume: Showrooms, Veranstaltungsräume, Rooftop-Bar, Pop-up-Shops, Flying Lobby, Coffee Shop, Streetkitchen

Events: Ausstellungen, Performances, Konzerte, Filme, Lesungen, Meetings, Seminare, Trainings

Hersteller (Produkte): Stoffe: Kvadrat; Möbel: Bolia, Vitra; Betten: Coco-Mat; Sanitär: Geberit, Grohe, Laufen, Vola

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