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Start-up-Campus ‚Station F‘ von Wilmotte & Associés

Entwickeln, teilen, chillen

25 000 Quadratmeter, überdacht von einer denkmalgeschützten, dreischiffigen Spannbeton-Gewölbekonstruktion – Wilmotte & Associés transformiert den ehemaligen Güterbahnhof am Pariser Gare d’Austerlitz in ein Kreativzentrum für Start-ups.

Autor Thomas Geuder

Das Silicon Valley in den USA gilt nach wie vor als kreative Brutstätte für zukunftsweisende Ideen und ist Ursprung einiger der wichtigsten Unternehmen der IT- und Hightech-Industrie. Dem will der französische Unternehmer Xavier Niel eine europäische Antwort entgegensetzen. Als Ort für seine Vision hat er in der französischen Hauptstadt Paris ein leerstehendes denkmalgeschütztes Industriegebäude ausgewählt, für das die Stadt bisher keine Verwendung finden konnte.

Die ‚Halle Freyssinet‘ befindet sich im 13. Arrondissement, südöstlich des Stadtzentrums also, unweit des Gare d’Austerlitz. Parallel zu den zum Bahnhof führenden Gleisen gelegen, diente die Halle Frankreichs nationaler Eisenbahn SNCF bis zum Jahr 2006 als überdachter Güterbahnhof, in dem die Waren umgeschlagen wurden.

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Wurde einst als Güterbahnhof genutzt: die 310 m lange und 38 m breite Halle. Foto: Patrick Tourneboeuf

Das Gebäude selbst ist ein wahres Ingenieursjuwel: Erbaut in den 1920er-Jahren von Eugène Freyssinet ist es eines der frühen Bauwerke, bei dem Spannbeton zum Einsatz kam. Die 310 m lange und 58 m breite Halle ist von drei elegant geschwungenen Betonbögen mit zentralen, längs verlaufenden Oberlichtern überspannt, deren Betonstärke an der dünnsten Stelle nur fünf Zentimeter misst.

Pariser Architekturbüro Wilmotte & Associés gewinnt Wettbewerb

Zu damaligen Zeiten (das Bauhaus war schließlich gerade erst gegründet) war das eine Sensation für jeden, der sich mit der konstruktiven Seite des Bauens auseinandersetzte. Die Halle ist dreischiffig aufgebaut, womit sie durchaus als Kathedrale der Industrie und als Zeichen eines Aufbruchs gesehen werden kann.

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Die ehemalige „Halle Freyssine“t ist ein denkmalgeschütztes Industriegebäude im 13. Pariser Arrondissement mit eleganter Spannbeton-Konstruktion. Sie ist heute transformiert in ein Gründerzentrum.Foto: Patrick Tourneboeuf

Trotz aller konstruktiver Schönheit war es nach der Schließung der Halle als Güterbahnhof offensichtlich schwierig, diese Dimensionen in eine neue Nutzung zu transformieren. Auch ein Architekturwettbewerb konnte keine Lösung bringen – das Gebäude drohte zu verfallen.

Für Xavier Niels Idee allerdings hatte das Bauwerk genau die richtige Größe, und so verwandelte er den ehemaligen Güterbahnhof in ein Gründerzentrum für 1 000 Start-ups. Der dazugehörige internationale Wettbewerb für die Entwicklung und Umnutzung des Areals konnte das in Paris ansässige Architekturbüro Wilmotte & Associés für sich entscheiden.

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Create-Zone mit 3000 Arbeitsplätzen. Auffällig ragen die weißen Besprechungscontainer ins zweigeschossige Mittelschiff, das auf diese Weise rhythmisiert wird. Foto: Patrick Tourneboeuf

Dreiklang der Arbeit

Die Grundidee: Zunächst wurden die bisher teils geschlossenen Außenwandflächen durch an der Innenseite angeordnetes Glas ersetzt, wodurch die feingliedrige Hallenkonstruktion noch einmal eine Betonung erfuhr. Im Innenraum planten die Architekten weitere Galeriegeschosse in den Seitenschiffen hinzu, wodurch sie schlussendlich die enorme Nutzfläche von 34 000 m² erzeugten. Durch Anordnen von zwei halböffentlichen Querungen unterteilten sie die Halle schließlich in drei Bereiche, die gleichzeitig die drei Leitmotive des Arbeitens widerspiegeln sollen: Share – Create – Chill.

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Foto: © Patrick Tourneboeuf

Die Share-Zone ist eine Art Forum, das am Haupteingang zum Gebäude gleich mehrere Funktionen übernimmt und so zum Inspirationstreff werden soll. Es gibt hier ein „Fablab“ (eine Werkstatt zum Herstellen von Prototypen mit kostenfreien 3D-Druckern), Raum für Pop-up-Stores, ein Auditorium für 370 Personen sowie über 60 Besprechungsräume, in denen sich die jungen Unternehmer mit den externen Partnern treffen und austauschen können.

Diesem Bereich gegenüber, am anderen Ende des Bauwerks, befindet sich die Chill-Zone, in der sich ein 3 500 m² großes Restaurant befindet. Auf den mehr als 1 000 Plätzen finden dort die jungen Unternehmer wie auch die Öffentlichkeit rund um die Uhr Platz zum Ausruhen, eingebettet in eine lockere, begrünte und großzügige Atmosphäre. Die zwei Restaurant-Waggons hier sind eine Referenz an die frühere Nutzung der Hallen.

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UG: Wo früher Züge beladen wurden, sind heute Locker aufgereiht. Foto: Patrick Tourneboeuf

Herzstück der ‚Station F‘ (wie die Halle Freyssinet von den Machern getauft wurde) bildet die 123 m lange Create-Zone zwischen den beiden halböffentlichen Querungen. Hier finden die Start-ups viel Raum für ihre Unternehmungen.

Das zentrale Hallenschiff ist offen gelassen, um multifunktionale Flächen zu schaffen. In den beiden ehemaligen Schienensträngen befinden sich nun – leicht vertieft – die privaten Schließfächer aus schwarz lackiertem Stahl, in denen die Nutzer ihre persönlichen Dinge sicher verstauen können. Dazwischen stehen lange, mit Filz bespannte Sofas, die als lockerer Treffpunkt oder schlicht zum Hinlegen und zum Betrachten der schönen Dachkonstruktion dienen.

Die neuen Ebenen sind in den Seitenschiffen angeordnet. Sie sind als Stahlkonstruktion erbaut, die die denkmalgeschützte Stahlbetonkonstruktion nicht beeinträchtigt.

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Chill-Zone: Den Unternehmen steht ein 24/7-Restaurant zur Verfügung. Ganz Paris geht hin. Foto: Patrick Tourneboeuf

Das Dorf als Start-up-Einheit

Diese große Share-Fläche unterteilen die Architekten in 24 sogenannte „Villages“ (franz.: Dörfer), in denen die gesamte fürs Arbeiten notwendige Infrastruktur vorhanden ist, wie etwa eine kleine Küche, eine Skype-Box, Besprechungsräume etc.

Die Sitzungszimmer befinden sich in weißen Containern, die über die Galeriekanten leicht hinauskragen und so das Raumvolumen zu rhythmisieren suchen. Ihre Wände sind perforiert und schallschluckend konstruiert, ebenso die Unterseiten der Galeriegeschosse.

Alle Möbel wurden von den Designern von Wilmotte & Associés speziell für das Projekt entwickelt, unter der selbst gesteckten Vorgabe, Spontaneität, Austausch und Mobilität zu fördern. So sind die über 300 Tische als Bänder mit vier bis zehn Arbeitsplätzen entworfen, an deren Unterseite sich alle wichtigen Anschlüsse für Computer und Beleuchtung befinden. Eine Fuge in der Tischplatte (Buche-Sperrholz und Valchromat MDF) markiert nicht nur die Größe der Arbeitsplätze, sondern ermöglicht auch, die Kabel hier hindurchzustecken. Teilweise sind die Arbeitstische in Y-Form ausgebildet, um das Arbeiten in Gruppen zu erleichtern.

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Foto: © Patrick Tourneboeuf

Die Tische in den Besprechungsboxen wiederum bestehen aus Corian und sind wie Surfbretter geformt. Für die Beleuchtung wurde ein spezielles System entwickelt, bei dem die Leuchten als Gruppe nur aufgesteckt werden, um die historische Konstruktion nicht anzutasten.

Wilmotte & Associés setzen wichtigen Impuls

Mit dem Umbau der ‚Halle Freyssinet‘ zur ‚Station F‘ haben es die Architekten von Wilmotte & Associés geschafft, einen schier endlos langen Raum (der Eiffelturm würde hineinpassen) so zu rhythmisieren, dass eine sinnvolle Transformierung der ehemaligen Umschlaghalle erreicht werden konnte. Trotzdem wirkt die Raumaufteilung noch immer sehr offen und großzügig.

Wilmotte
Foto: © Patrick Tourneboeuf

So wurde gut integriert ins Stadtgefüge ein Ort geschaffen, an dem zukunftsweisende Ideen entstehen und weiterentwickelt werden können. Ein Arbeitsplatz in diesem Umfeld kostet derzeit übrigens 195 Euro. Start-ups, deren Gründer aus einem eher weniger privilegierten Umfeld kommen, können sich sogar für das „Station F Fighter“-Programm bewerben und einen kostenfreien Arbeitsplatz erhalten. Das klingt vernünftig und kann zum Gelingen als Gründerzentrum und Ideenmarktplatz nur beitragen.

Ein Vorzeigeprojekt in Sachen Umgang mit einem historischen Industriebauwerk ist die ‚Station F‘ bereits jetzt.


Portrait: Jean Grisoni

Architekt

Jean-Michel Wilmotte gründete Wilmotte & Associés 1975. Das Pariser Büro beschäftigt 270 Mitarbeiter und ist spezialisiert auf Architektur, Interior Design, Museografie sowie Stadtplanung.

Ein Interview mit dem Architekten lesen Sie hier


Factsheet

Projekt: Station F

Bauherr: Station F

Bauaufgabe: Transformation eines denkmalgeschützten Güterbahnhofs in einen Start-up-Campus

Baubeginn: Dezember 2014

Fertigstellung: Juni 2017

Grundfläche: 25 000 m²

Geschosse: 3

Nutzfläche: 34 000 m²

Materialien:

Brandschutzverglasung: Saint-Gobain

Lifte: Schindler

Boden: Carpet Concept, Anker/Le Corbusier; Wand- und Bodenfliesen: Villeroy & Boch, Casalgrande Padana, Marazzi

Treppenstufen: Meiser; Türdrücker: FSB

Beleuchtung: iGuzzini, Sylvania, OMS Lighting

Möblierung: in ihrer Gesamtheit individuell entworfen von Wilmotte & Industries sas.

Fertigung: Coworking-Tische und Auditoriumsbestuhlung Delagrave; Polsterbezüge Pierre Frey; Konferenztische Rush; Sofas Ligne Roset

Englische Übersetzung des Projekts von Wilmotte & Associés

25 000 square meters, sheltered by a listed, three-part, prestressed concrete dome design – Wilmotte & Associés transformed the former freight terminal at Gare d‘Austerlitz in Paris into a creative center for start-ups.

Author: Thomas Geuder

Silicon Valley in the US is still considered the creative hub for pioneering ideas and the origin of some of the most important companies within the IT and high-tech industry. French entrepreneur Xavier Niel aims to give a European response to this development. He chose an empty, listed, industrial building in the French capital of Paris for which the city had previously failed to find a new lease of life as the location for his vision: ‘Halle Freyssinet’ in the 13th district, south-east of the city center, i.e. close to Gare d‘Austerlitz station. Situated in parallel to the tracks leading to the station, the facility had been used until 2006 by France‘s national railways SNCF as a sheltered freight terminal for goods logistics.

The building is a true engineering gem: Built in the 1920s by Eugène Freyssinet, it is one of the early developments built with prestressed concrete. The facility with a length of 310 meters stands 58 meters wide and features three elegantly curved concrete arches with central lights running along the building. At its thinnest point the concrete is a mere five centimeters thick. Back then (Bauhaus had only just been established) this was a sensation for anyone looking more closely at the design side of construction. The facility features three naves and could, for all intents and purposes, be considered a cathedral of industry and an icon of an awakening.

Triad of Labor

Despite all design beauty it was obviously a challenge to give the facility a new lease of life after the freight terminal was closed. Even an architectural competition was unable to find a solution – the building was at risk of falling into disrepair.

However, the building had exactly the right size for Xavier Niel‘s idea and consequently, he transformed the former freight terminal into a start-up center for 1 000 companies. Paris-based architects‘ firm Wilmotte & Associés came out on top in the associated, international competition for the development and conversion of the plot.

The basic idea of Wilmotte & Associés: Initially the partly closed outer surfaces were replaced by glass panes arranged on the inside which further emphasize the delicate design of the facility. Architects then planned additionally gallery floors on the inside of the lateral naves which ultimately created the vast usable area of 34 000 m². In a last step, the facility was divided into three sections by arranging two semi-public walkways, simultaneously representing the three themes of working here: Share – Create – Chill.

The Share zone is a kind of forum serving several functions at the main entrance to the building, intended to become the meeting point to gather inspiration. The area is home to a ‘Fablab’ (a workshop to create prototypes using 3D printers that are free to use), provides space for pop-up stores, an auditorium with a capacity of 370 persons and over 60 meeting rooms in which young entrepreneurs can meet and exchange ideas with external partners.

The Chill Zone is opposite this area, at the end of the building, and features a restaurant with a footprint totaling 3 500 m². Young entrepreneurs as well as the public can use the establishment with a capacity of over 1 000 around the clock to relax in a casual, green and ample atmosphere. The two restaurant carriages here are a reference to the facility‘s prior use.

Village as start-up unit

At the heart of ‘Station F’ (a name given to ‘Halle Freyssinet’ by its makers) is the 123 meter-long Create Zone between the two semi-public walkways. This is where start-ups have been provided with ample space for their projects.

The central nave has been left open to create multi-functional surfaces. The slightly recessed area where the two tracks used to run along now features personal lockers made of steel that have been painted in black where users can store their personal belongings. In between, creators have positioned long felt sofas intended as a casual meeting space or to have a lie down and check out the beautiful roof structure.

The new areas have been arranged in the lateral naves. They were built from steel structures that do not affect the listed, reinforced concrete design.

Architects have divided the large Share Area into 24 so-called ‘Villages’, featuring all the infrastructure required to work, such as a small kitchen, Skype box, meeting rooms, etc.

Meeting rooms have been arranged in white containers that slightly protrude beyond the edges of the gallery to give the space some rhythm. Their walls have been perforated and absorb noise, as do the bottom sides of the galleries.

Customized Interior

Wilmotte & Industries designers specifically developed all furniture for the project with the specification of fostering spontaneity, exchange and mobility. Consequently, the over 300 tables have been designed as strips with 4 to 10 workstations with all vital connections for computers and lighting on the bottom. A gap in the tabletop (beech plywood and Valchromat MDF) not only marks the size of the workstations, but also makes it possible to route cables. Some workstations have been arranged in a Y-shape to make working in groups easier.

In contrast, tables in meeting boxes consist of Corian and have been shaped like surf boards. A dedicated system was developed for the lighting as part of which lights are only attached in groups to not affect the historic design.

Important impetus from Wilmotte & Associés

With the conversion of ‘Halle Freyssinet’ to ‘Station F’, architects at Wilmotte & Associés have succeeded in structuring a seemingly endless, long room (the Eiffel Tower would fit into the building horizontally), creating a rhythm that made it possible to sensibly develop the former goods handling facility. The space still seems very open-plan and generous.

As a result, a site was created that fits well into the cityscape where pioneering ideas are developed and evolved. By the way, a workstation in this environment is currently available for €195. Start-ups established by people from less privileged areas can even apply for the „Station F Fighter“ program and benefit from free workspace. This all sounds very sensible and can help to contribute to the success of the business incubator and marketplace for ideas. „Station F“ is already a flagship project demonstrating how to use a historic, industrial facility.←


Architect Jean-Michel Wilmotte established Wilmotte & Associés 1975. The Paris-based firm employs a 270-strong workforce and is specialized in architecture, interior design, museography and urban planning.


Fact sheet

Project: Station F

Location: 5 Parvis Alan Turing, 75013 Paris/F

Owners: Station F

Construction task: Transformation of a listed rail freight terminal into a start-up campus

Start of construction: December 2014

Completed in: June 2017

Footprint: 25 000 m²

Levels: 3

Usable area: 34 000 m²

Materials:

Fire-safety glazing: Saint-Gobain

Lifts: Schindler

Flooring: Carpet Concept, Anker /Le Corbusier; Wall and floor tiles: Villeroy & Boch, Casalgrande Padana, Marazzi

Stairs: Meiser Door handles: FSB

Lighting: iGuzzini, Sylvania, OMS Lighting

Furniture: All individually designed byWilmotte & Industries sas. Production: Co-working desks and seating in auditoriumDelagrave; upholstery by Pierre Frey; conference tables by Rush; sofas by Ligne Roset

Standort: