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Bjarke Ingels Group: Architektur als Gast des umgebenden Waldes

Neubau von Bjarke Ingels Group in Magnor/NO
Der bunte Gast

Wie nahe Natur und Arbeitsplätze einander kommen können zeigt ‚The Plus‘, die neue Fabrik des Outdoormöbelherstellers Vestre. Mit dem Entwurfsfokus auf Transparenz und Nachhaltigkeit ist sie Gast und nicht Herr des umgebenden Waldes.

Autorin Johanna Neves Pimenta

Welcome home: Diese Worte flüstert Viktoria Millentrupp zu sich selbst, als sie „The Plus“ betritt. In diesen zwei Worten erzählt die Architektin der Bjarke Ingels Group BIG viel. Sie erzählt von kompromisslos visionären Bauherren. Von einem Entwurf, der frisch von der Uni ihr erster war und aufgrund der Pandemie ohne Beisein der Architekten errichtet wurde. Und von der Bauaufgabe selbst: Eine Fabrik zu entwerfen, die so naturnah und nachhaltig ist, dass sie einen Architekturtypus neu erfindet.

BIG baut im Grünen

Rund eine Fahrstunde von Oslo entfernt, nahe der schwedischen Grenze, liegt die kleine Ortschaft Magnor. 2017 beschloss der Gemeinderat, einen nahegelegenen, 30 ha großen Wald zum Industriepark umzuwidmen. Heute steht ein Großteil der Bäume noch immer – denn Bauherr Vestre machte das BIG-Team auf die Fläche aufmerksam. „Das Grundstück war eines von drei Optionen, aus denen wir wählen konnten“, erinnert sich David Zahle, Partner bei Bjarke Ingels Group. „Das war das erste Mal in meiner ganzen Berufslaufbahn, dass wir bei der Wahl des Baugrundes mitsprechen durften. Ein Traum für jeden Architekten!“

Hier sollte die neue Möbelfertigung von Vestre entstehen: namentlich Holzverarbeitung, Lackierwerkstatt, Montage und Versand. Somit stand das Entschlüsseln der Produktionswege am Anfang des Prozesses, erklärt Designlead Millentrupp: „Das Funktionsdiagramm ist Architektur geworden.“

Funktion zu Form

Jedem Funktionsbereich ist ein eigener Gebäudeflügel mit individuellem Farbspektrum gewidmet. Die Maschinen sind bunt lackiert, auf dem Boden führen passend gefärbte Bahnen zum Zentrum des Baus: einem kreisrunden Innenhof rund um einen Norwegischen Ahorn. Während dieser Baum wie ein urbaner Solitär wirkt, selbstbewusst, elegant und durch spiralförmig fluchtende Bodenplatten zusätzlich gehuldigt, suchen außenstehende Kiefern organisch den Schulterschluss. Bis auf fünf Meter ließen die Architekten der Bjarke Ingels Group sie auf die in verkohltes Holz gekleidete Fassade heranrücken. „Wir haben wert darauf gelegt, so wenig Bäume wie irgend möglich zu fällen. Statt der aus Brandschutzgründen empfohlenen 10 m Abstand zwischen Gebäude und Wald lassen wir nur fünf und überwachen stattdessen mit Hitzesensoren die Umgebung“, erklärt Zahle.

Bei jedem Entwurfsschritt reflektierten die Architekten die Auswirkungen ihres Handelns. Bevor die Fällarbeiten begannen, wurden die Markierungen händisch geprüft und zum Teil nochmals umgesetzt, um Bäume zu erhalten. Die, die gefällt wurden, wurden vollständig verbaut – mit Ausnahme einiger, die an Ort und Stelle liegen blieben und nun als Totholz den Tieren des Waldes Lebensraum bieten. Auch der ausgehobene Boden wurde bewahrt und auf dem Dach neu ausgebracht: So sollen die Samenkapseln, die sich in ihm befinden, mit der Zeit austreiben, unterstützt von Sprösslingen, die Gärtner im umgebenden Grundstück sammelten und auf dem Dach pflanzten.

Die Natur hat Priorität vor Energiegewinnung, erklärt Energieberater Olav Rådstoga von Erichsen & Horgen: „Die Fabrik ist fähig, den gesamten Strombedarf der Gebäudetechnik über die Solarpaneele auf dem Dach zu decken. Statt die verfügbare Fläche maximal auszunutzen, haben wir nur so viele gesetzt, wie dafür nötig ist. Die Lücken zwischen ihnen werden mit der Zeit zuwachsen. Davon profitiert wiederum die Stromgewinnung und das gesamte Gebäude, denn die Pflanzen kühlen das Dach.“

Im Sommer kann selbst ein Teil der Produktionsanlagen mit Solarstrom versorgt werden. Bislang wurden rund 1 700 m² Solarzellen installiert, die jährlich 250 000 kWh Strom erzeugen sollen. Eine Investition in die Zukunft: Bei den aktuellen Energiepreisen in Norwegen entspricht dies etwa 78 000 Euro Kosteneinsparung.

Natur neben Maschine

Unmittelbarkeit zwischen Wald und Werkstatt zu schaffen, war der visuelle Leitgedanke im Entwurfsprozess, gibt Architektin Millentrupp zu verstehen. „Schon am Anfang des Prozesses lag ein Bild auf dem Tisch, wie man vom Arbeitsplatz direkt in Bäume blickt. Das war immer wieder Referenz, wenn wir unsere Ideen geprüft haben.“ Heute können die Mitarbeiter durch üppige Glasfassaden ihren Blick in den Wald schweifen lassen. Bautechnisch mussten dafür einige Hürden überwunden werden: Schließlich sollte die Fabrik nicht nur naturnah, sondern auch umweltfreundlich sein.

Als erste Fabrik der Welt erreicht sie die höchste BREEAM-Zertifizierung „Outstanding“ – doch das war kein Selbstläufer, unterstreicht Nachhaltigkeitsberaterin Käthe Hermstad. „Unser Ziel war eine CO2-Einsparung von 40 % im Vergleich zu herkömmlichen Fabriken. Bei ersten Berechnungen lagen wir bei 30 %, aber dadurch, dass wir jedes einzelne Detail immer wieder prüften, haben wir letztlich 50 % geknackt.“

Sie bewundert die Gründlichkeit, mit der die Ambitionen umgesetzt wurden. „In einem Projekt wie diesem kann man nicht die Rosinen herauspicken. Man muss in jedem Detail überragen. Weil es zuvor noch keine BREEAM-zertifizierte Fabrik auf diesem Level gab, hatten wir keine Vorbilder: Wir mussten selbst eins schaffen.“ In Bezug auf die Fenster hieß das etwa, die Balance zwischen Klimatisierung, Energieeffizienz und natürlicher Beleuchtung auszutarieren. Im Sommer kann auf letztere gänzlich verzichtet werden, in langen Winternächten kommen wiederum LEDs zum Einsatz.

Auch das Betonfundament ist auf den Zentimeter genau geplant. „Wir haben es geschafft, die Fundamentstärke von 20 cm auf 13 cm zu reduzieren, indem wir Stahlfaserbeton statt traditionell armiertem Beton verbaut haben“, erläutert Vestres Projektmanager Jan Myrlund. „Die 7 cm Einsparung gleichen die Materialmehrkosten nahezu aus und verbessern den CO2-Abruck.“

Step, repeat

An anderer Stelle wandeln Wärmetauscher und Wärmepumpen überschüssige Energie um, etwa an der bei bis zu 200 °C arbeitenden Lackierstraße. Zusätzlich erschließen 12 Tiefbohrungen Geothermie – doch durch die gute Isolierung muss ohnehin erst ab 5 °C geheizt werden.

Als „kontraintuitiv“ beschreibt die Architektin der Bjarke Ingels Group den Prozess des Ausdenkens-Prüfens-Neudenkens. Glücklicherweise schreckte sie das nicht ab. „Frisch von der Uni war ich bei diesem Projekt genauso naiv wie der Bauherr“, lacht Millentrupp – doch das Funkeln in ihren Augen zeigt, dass sich ihre Bereitschaft zum kompromisslosen Lösungssuchen ausgezahlt hat. So schlängelt sich an der Decke ausschließlich die Sprenkleranlage und keinerlei Versorgungsrohre: Die hat sie alle unter die Erde gelegt.

Ein intuitives Leitsystem

Sie sind verborgen unter einem Regenbogenspektakel, das sich in breiten Bahnen über den Fußboden zieht. Was dekorativ wirkt, hat praktische Gründe. „In einem gleichförmigen Gebäude mitten im Wald ist es schwer, die Orientierung zu behalten“, erklärt die Architektin. „Darum haben wir beschlossen, sämtliche Maschinen farblich zu kodieren und auf dem Boden ein intuitives Leitsystem zu schaffen.“ Das sorgte mitunter für Erstaunen bei den Maschinenproduzenten: „Ich musste mehrfach bestätigen: Ja, wir ordern wirklich eine rosa Maschine.“

Innen wirkt die Fabrik modernster Technik zum Trotz so locker und einladend wie eine Schokoladenfabrik: Sonnengelbe Montagebänke, auberginefarbene Regale, salbeigrüne Lackierroboter, burgunderrote Sägen. Damit definieren die Bauherren nicht nur neu, wie energieeffizient eine Fabrik sein kann, sondern auch, wen sie anspricht. „Mit ‚The Plus‘ wollen wir Industriearbeit für junge Menschen attraktiver machen und gezielt auch Frauen für technische Berufe gewinnen“, sagt Produktionsleiter Lasse Nilsson. Heute ist das Werk für 30 Fachkräfte ausgelegt, bis zu 70 können es werden. Genügend Aufmerksamkeit will sich die Fabrik mit Offenheit verdienen: Eine Empfehlung auf Tripadvisor zählte zu den Entwurfszielen.

BIG und die Tradition der Transparenz

Dafür setzen die Bauherren auf maximale Transparenz. Während die Mitarbeiter durch die Panoramafenster hinausschauen, spähen die Besucher hinein. Im Sinne des norwegischen Jedermannsrechts schlängeln sich Pfade durch den Wald zum Plus, eine breite Treppe lädt aufs Dach ein – und die längste Rutsche Norwegens führt wieder hinunter. Selbst die Maschinen sind auf maximale Transparenz ausgelegt: „Wo wir Glas einsetzen konnten, haben wir das getan“, erklärt Millentrupp. Damit steht die Fabrik in einer Linie mit dem Osloer Opernhaus von Snøhetta, dessen Werkstätten vom Kulissenbau bis zur Kostümschneiderei gut einsehbar im Erdgeschoss liegen. Sie machen bessere Werbung für die Produktionen, als es Plakate je könnten.

Mit dem Plus hat sich der Paradiesvogel der Fabriken im norwegischen Wald niedergelassen. Mit seiner schwarzen Holzhaut duckt er sich zwischen Tannen, doch durch die Fenster blitzt seine ganze Federpracht. Das Gebäude setzt messbar neue Maßstäbe für nachhaltige Gewerbebauten. Doch vor allem verstanden es die Architekten der Bjarke Ingels Group, ihren harten Arbeitsprozess in ein einladendes, lebensbejahend buntes Bauwerk münden zu lassen. Eines, das Gast des Waldes ist und nicht sein Herr.

Und so scheint es, als flüsterten die Kiefern gemeinsam mit der Architektin dem neuen Bauwerk zu: Willkommen zu Hause.


Porträt: Konradin Medien GmbH

Bjarke Ingels Group

zählt mit über 500 Mitarbeitern zu den bekanntesten dänischen Architekturbüros. Den charakteristischen Überraschungsmoment, den man etwa vom Lego House oder der Müllverbrennungsanlage Amager Ressource Center mit ihrer Skipiste auf dem Dach kennt, findet sich auch im jüngsten Entwurf von David Zahle und Viktoria Millentrupp.

Webseite des Büros

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