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Desksharing-Modell

Nicht territoriales Raumkonzept bei Philips
Desksharing-Modell

2 x 16 ist weniger als 6. Mathematisch ist das Unsinn – architektonisch geht die Gleichung auf. Philips ist mit seiner DACH-Firmenzentrale aus zwei sechzehnstöckigen Bürotürmen in einen sechsstöckigen Neubau gezogen und hat mit einem nicht territorialem Raumkonzept die Arbeitsbedingungen deutlich verbessert.

Autor: Guido Diesing

Der Umzug von über 1 000 Mitarbeitern in das neue Headquarter in die Nähe des Flughafens Fuhlsbüttel führt erstmals die Hamburger Mitarbeiter aus Vertrieb, Marketing und Service aller Geschäftsbereiche an einem Standort zusammen, der vor fast 90 Jahren den ersten Philips-Standort in Deutschland beherbergte.
Schon die Außenansicht des etwas zurückgesetzt an einer vielbefahrenen Kreuzung liegenden Gebäudes bereitet mit großzügigen geschosshohen Glasfassaden auf die Empfangssituation im Innern vor.
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
Die offene Architektur bietet einen Blick von der ersten Etage in den Empfangsbereich. Foto: Philips
Das Foyer wirkt hell, transparent und erlaubt durch eine Aussparung in der Decke den Blick ins 1. Obergeschoss. Eine Balustrade aus blauem Glas bildet dort einen farblichen Kontrast zum vorherrschenden Weiß und greift die Farbe des Firmen-Logos hinter dem Empfangstresen auf.
Überhaupt spielt Farbe eine zentrale Rolle bei der Gestaltung und Strukturierung des Gebäudes. Um die Orientierung zu erleichtern und die Identifikation mit der Arbeitsumgebung zu erhöhen, ordnete das für die Innenarchitektur verantwortliche Hamburger Planungsbüro sbp (Seel Bobsin Partner) jedem Stockwerk eine spezifische Farbe zu, die in allen Räumen unterschiedlich stark ausgeprägt zum Einsatz kommt.
Dazu tritt pro Etage jeweils ein für Hamburg typisches Gestaltungsthema, das in Einrichtung, Bildmotiven und dekorativen Accessoires aufgegriffen wird, sei es das Wasser von Alster und Elbe, das Grün der städtischen Parks oder die kräftigen Farben, die für das Kulturleben der Stadt stehen.
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
Wer Abwechslung sucht, kann den Schreibtisch mit einem Strandkorb tauschen. Foto: Philips
„Diese starke regionale Note gibt es an allen Unternehmensstandorten“, erläutert Kim Marc Bobsin vom Büro sbp. „Wir hatten bei der Gestaltung relativ großen Spielraum.“ Für die Grundzüge, nach denen die Arbeitsumgebung organisiert ist, gab es jedoch klare Vorgaben. Sie folgen dem vom Unternehmen entwickelten Raumkonzept „Work Place Innovation“ (WPI), das seit 2008 weltweit schrittweise an allen Standorten umgesetzt wird.
Es zielt darauf ab, mit einem cleveren Mix unterschiedlicher Raumtypen und dem Einsatz moderner Technik die Kommunikation unter den Mitarbeitern zu stärken. Im Mittelpunkt steht ein Desksharing-Modell, das konsequent bis ins Topmanagement durchgeführt wird.

Nicht territoriales Arbeitsplatzmodell: Desk-Sharing

Niemand hat hier ein eigenes Büro oder einen festen Sitzplatz. Jedem Mitarbeiter steht täglich frei, wo er seinen Arbeitstag verbringen will. Am Feierabend wird der Platz aufgeräumt hinterlassen, die Arbeitsmaterialien der einzelnen Abteilungen finden Platz in einem Team Depot, dazu hat jeder eine Ablagemöglichkeit für persönliche Dinge.
Dass das nichtterritoriale Raumkonzept aufgeht, hat mehrere Gründe: Laptops, Smartphones und schnelles WLAN machen von festen Plätzen unabhängig und ermöglichen es, je nach Aufgabenstellung und Situation alleine oder in Gruppen zusammenzuarbeiten. Die Schreibtische sind elektrisch in die jeweils passende Höhe verstellbar.
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
In unmittelbarer Nähe der Touchdown-Arbeitsplätze stehen Fokusräume für konzentriertes Arbeiten bereit. Fotos: Philips
Für eine angenehme Akustik sorgen schallschluckende Wandelemente und Teppiche, eine perforierte Deckenverkleidung und filzbezogene Abgrenzungen an den Stirnseiten der Arbeitsplätze. „Ein Schlüssel zum Erfolg ist aber der Raummix“, fasst Philips-Sprecher Oliver Klug die Erfahrungen mit dem neuen Headquarter zusammen.
Jeder Abteilung stehen in ihrer sogenannten Neighbourhood reichlich Räume für verschiedene Arbeitssituationen zur Verfügung. Neben den Open-Space-Bereichen gibt es geschlossene Fokusräume und Phone Booths, die konzentriertes Arbeiten und vertrauliche Gespräche ermöglichen, dazu kommen Touch-Down-Arbeitsplätze zur kurzzeitigen Nutzung auch durch Außendienstler, die nur vorübergehend vor Ort sind.

Touchdown-Arbeitsplätze in der Neighbourhood

Meeting- und Kreativräume in verschiedenen Größen liegen in unmittelbarer Nähe und können unkompliziert belegt werden. Neben den Eingangstüren sind dazu Touchscreens angebracht, über die die Räume bei Bedarf gebucht werden können. Die grün oder rot leuchtende Umrandung der Bildschirme zeigt schon von Weitem an, ob ein Raum gerade belegt ist.
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
Zur temporären Nutzung stehen in allen Etagen Touchdown-Arbeitsplätze zur Verfügung. Foto: Philips

Musterraum für Arbeitsplatzmöbel

„Natürlich gab es unter den Mitarbeitern auch Vorbehalte und Zweifel gegenüber dem Desksharing-Modell“, räumt Klug ein. Es habe sich aber in der Praxis schnell herausgestellt, dass der vorab ermittelte Raumbedarf der einzelnen Abteilungen gut kalkuliert gewesen sei, sodass die Mitarbeiter in ihrer Team-Umgebung stets ausreichend Arbeitsplätze finden. Ein großes Plus für die Akzeptanz des neuen Gebäudes war die Transparenz, mit der die Verantwortlichen die Belegschaft von Anfang an in die Überlegungen einbezogen.
Neben Informationsveranstaltungen und Fragestunden wurde bereits Mitte 2013 eine Homepage eingerichtet, auf der jeweils aktuelle Informationen über den Planungsstand zu finden waren. Vor allem aber wurden vielfältige Möglichkeiten gegeben, an den Entscheidungsprozessen mitzuwirken. Zur Auswahl der Arbeitsplatzmöbel wurde ein Musterraum mit verschiedenen Fabrikaten eingerichtet, über die die Mitarbeiter abstimmten. Die Wahl fiel auf Möbel von Haworth und Bürostühle von Dauphin. Auch der Name des Bistros Philistro wurde mithilfe einer Abstimmung festgelegt.

Farbleitsystem unterstützt Orientierung im Gebäude

„Der gesamte Planungsprozess zielte darauf ab, möglichst viel Input vonseiten der Mitarbeiter zu berücksichtigen. Es gab 25 Projektgruppen zu unterschiedlichen Themen“, so Klug. „Das Interesse und die Beteiligung waren enorm“, bestätigt Kim Marc Bobsin. „Viele Ideen flossen in die Gestaltung der sogenannten Breakout-Areas ein, die jeweils im Zentrum des T-förmigen Grundrisses liegen.“
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
Gewagte Farbauswahl: Die Breakout-Area des neuen Headquarters im 4. Obergeschoss spielt mit Motiven aus Freizeit- und Kiezkultur. Foto: Philips
Dort wird das Ziel, ein originelles und wahlweise anregendes oder entspannendes Ambiente zu schaffen, auf die Spitze getrieben. Passend zur Farb- und Themenkodierung der einzelnen Etagen, verbindet sich in den hier geschaffenen Aufenthaltsmöglichkeiten eine moderne Formensprache mit dem vertrauten Eindruck typisch Hamburger Motive.
Zwischen Strandkörben, Ohrensesseln in Wohnzimmer-Atmosphäre, Containern, Backsteinhäuschen, Sitzgruppen im künstlichen Birkenwald und Massageliegen ist für jeden Geschmack und jede Stimmungslage das Richtige dabei.

Raumkonzept fördert Austausch und Konzentration

Zum Raumkonzept gehören weitere Annehmlichkeiten der neuen Hamburger Zentrale gehören Pantrys, ein Eltern-Kind-Raum, eine Silent Area, Liege- und Stillräume und eine Dachterrasse, die von einem flexibel nutzbaren Showroom zugänglich ist. Dass besonderer Wert aufs Licht gelegt wurde, versteht sich von selbst, wenn der Weltmarktführer für Beleuchtung sich ein neues Zuhause einrichtet.
Die Ausstattung mit vernetzten und steuerbaren LED-Beleuchtungssystemen macht die Firmenzentrale gleichzeitig zum Showcase in eigener Sache. Im Unternehmen ist man davon überzeugt, im neuen Headquarter Arbeitsbedingungen geschaffen zu haben, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Arbeitswelt der Zukunft

Das Unternehmen sieht sich mit seinem WPI-Konzept auf dem Weg in die Arbeitswelt der Zukunft, einem Weg, der bei der Architektur beginnt, wie Oliver Klug betont: „In unseren 16-stöckigen Türmen wäre das Raumkonzept nicht umzusetzen gewesen. Das neue Gebäude bietet smartere Lösungen auf großzügigeren Flächen.“
Raumkonzept, Büroplanung, Desk-Sharing
Philips Zentrale in Hamburg. Foto: Philips
Obwohl die Bürofläche mit jetzt 13 500 Quadratmetern geringer ausfällt als in der vorherigen Zentrale, wirkt das Headquarter geräumiger, offener dimensioniert und damit einladender. Dass damit das Ziel erreicht wird, die Kommunikation unter den Mitarbeitern anzuregen, sei im Alltag nicht zu übersehen, sagt Klug: „Früher ist man sich seltener zufällig über den Weg gelaufen. Das neue Gebäude regt Begegnungen und Austausch an. Das vereinfacht die Arbeit und stärkt die Innovationskraft.“

Bautafel
Projekt: Neubau und nicht territoriales Raumkonzept für Philips Firmenzentrale D/A/CH Hamburg
Standort: Röntgenstraße 22, 22335 Hamburg
Bauherr: ECE, Hamburg
Architekt: ECE, Schaub Architekten, Hamburg, www.schaub-architekten.de
Innenarchitekt & Büroraumplaner: sbp (Seel Bobsin Partner), Hamburg, www.sbpdesign.de
Bürofachhändler: Joppich & Rieckhoff, www.jrbuero.de, Hugo Hamann
Akustikplaner: Krebs+Kiefer Ingenieure GmbH, Dresden, www.kuk.de
Gebäudetechnik: WAGO Kontakttechnik, Minden, www.wago.com
Bauzeit: Anfang 2014 bis Januar 2016
Mobiliar (Auswahl): Arbeitsplätze: Haworth; Just Magic Stühle von Dauphin; Leuchten: Philips; Sondermobiliar (Händler Joppich & Rieckhoff) Sedus
Anzahl der entstandenen Arbeitsplätze: 1 060
Netto-Gebäudefläche: 13 500 m²
Bruttogrundfläche: 18 000 m²
Investitionsvolumen: 40 Mio. Euro

Genauer hingeschaut
Zielsetzung: Umsetzung des Raumkonzepts Work Place Innovation (WPI)
Desksharing: ja
Klimatisierung: Metallkühldecke, Raumluftkühlsystem, vollautomatische Verschattungsanlage, zusätzliche technische Einrichtungen, die im Sommer das Heizen bei geöffnetem Fenster verhindern
Akustische Lösungen: diverse akustische Lösungen wie Teppich mit Akustik-Rücken, Wandabsorber
Bürotypen: Work Place Innovation (WPI) mit Raum-Mix: Open Spaces, Focus Rooms, Meeting-Räume in drei Größen plus Konferenzetage, Kreativ-Meeting-Räume und repräsentativer Showroom; spezielle Räumlichkeiten für Abteilungen mit funktionalen Sonderanforderungen
Technische ABP-Ausstattung: Strom, Netzwerk (oder W-Lan), USB-Charger für Mobiltelefone, Meetingräume jeweils mit TV, Spinne, Evoko; Konferenzzone hochwertig mit einem Medientechnik-System von Crestron
Konferenzbereich: Evoko, Philips (Großbildmonitore), Crestron Medientechnik
Ergonomische Ansätze: ergonomische Stühle, große Monitore höhenverstellbar
Beleuchtungskonzept: Philips Lighting
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