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Alles dynamisch im Fluss

Modernste Konzernzentrale Österreichs
Alles dynamisch im Fluss

„Mehr Demokratie wagen“, versprach vor 47 Jahren der Bundeskanzler Willy Brandt. Mehr Demokratie wagt auch Österreichs größtes Geldhaus, die Erste Group, Wien, mit seinen Zusammenarbeitsplätzen. Die Sparkasse verzichtet in ihrem Neubau auf feste Arbeitsplätze und Einzelbüros. Mitarbeiter organisieren sich je nach Bedarf und Aufgabe neu.

Die zunehmende Digitalisierung, der anhaltende Ertragsrückgang in traditionellen Geschäftsbereichen, die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben und die veränderten Kundenbedürfnisse fordern Banken seit Jahren heraus. Die Trendstudie „Bank & Zukunft 2015“ des Fraunhofer IAO sieht das Geldgewerbe deshalb nicht nur vor die Aufgabe gestellt, sich „intensiv mit der Entwicklung und Umsetzung neuer Geschäftsmodelle auseinanderzusetzen.“
Die Transformation muss auch die reale Organisation erfassen, um das Silodenken zu überwinden und verstärkt Projektarbeit zu ermöglichen. Das betrifft auch Sparkassen, die im „öffentlichen Auftrag“ neben kreditwirtschaftlichen auch gesellschaftliche Aufgaben wahrnehmen.
Mit dem Neubau ihrer Konzernzentrale, der Erste Campus, hat sich die Sparkasse Erste Group, Wien, auf den Weg zu einem Finanzdienstleister gemacht, der sich einen Hauch Start-up-Feeling ins Haus holen wollte.
„Unsere Konkurrenten“, sagt Peter Weiss, Head of Group PMO Campus User Program, Erste Group Bank AG, „heißen nicht mehr Unicredit oder Raiffeisen, sondern Apple, Google und Amazon.“
Das betrifft nicht nur den Angriff neuer Bezahlsysteme der Silicon-Valley-Giganten, die den etablierten Anbietern das Leben schwer machen; es betrifft vor allem die Art und Weise, wie gearbeitet wird, und nicht zuletzt die Attraktivität als Arbeitgeber. „In unserem Statement of Purpose“, ergänzt Peter Weiss, „haben wir die zentralen Werte unserer Unternehmenskultur wie Offenheit, Transparenz, Einfachheit, Zugänglichkeit, Innovation und Wachstum formuliert.
Der Campus soll diese Werte für die Mitarbeiter erlebbar machen.“ Herausgekommen ist ein modernes Headquarter, das sich der res publica öffnet, 4 500 Mitarbeitern Platz bietet und auf feste Arbeitsplätze und Einzelbüros verzichtet. Alle Arbeitsplätze sind gleichwertig und „demokratisch“.
Die 1819 als „Erste österreichische Spar-Casse“ gegründete Erste Group zählt mit ihren 46 000 Mitarbeitern und mehr als 2 700 Filialen in 7 Ländern zu den größten Finanzdienstleistern in Zentral- und Osteuropa. In Wien war das Unternehmen auf über 20 Standorte verteilt, was zu einem erhöhten Abstimmungsbedarf und Organisationsaufwand führte. Kostensenkungen spielten nicht die zentrale Rolle bei der Entscheidung, das Geschäft auf dem ehemaligen Gelände des Südbahnhofs am Areal des Quartiers Belvedere zu vereinen.
Die „Banker“ sollen nicht nur in einer inspirierenden Arbeitsatmosphäre effizient arbeiten, sondern sie sollen auch entwickeln, planen und Visionen umsetzen. Dass das neue Gebäude auch für eine verbesserte Wirtschaftlichkeit sorgt, ist angenehmer Nebeneffekt. Der Campus führt zu einer Reduktion der Betriebskosten um rund 20 Prozent, obwohl die gesetzlichen Vorschriften hinsichtlich des Flächenbedarfs für einen Bildschirmarbeitsplatz deutlich überschritten wurden.
„Wir wollten Wohlfühlatmosphäre“, so Peter Weiss, „und keine Legebatterie.“ 2007 schrieb die Erste Group einen Architektenwettbewerb in rund 30 europäischen Ländern aus, an dem über 200 Büros teilnahmen. 14 Teams lud man zur Ausarbeitung ein, bei der das Wiener Büro Henke & Schreieck mit seinem organischen Entwurf eines Gebäudeensembles als Sieger hervorging.
Die Architekten haben die für Wien typische Blockrandbebauung ignoriert und vier Baukörper in eine offene, grüne Stadtlandschaft gesetzt, bei der der Erste Campus und der Stadtraum fließend ineinander übergehen. Ausgangspunkt des Konzepts war die Lage des Grundstücks am Schweizergarten, die zu einer geöffneten, naturverbundenen Architektur führte.
Das zeigt sich zum einen an der Geometrie der Baukörper, die wie ein Spiel mit Kurven wirken; zum anderen setzt sich die Idee durch den 7 500 Quadratmeter großen Landschaftsgarten in der zweiten Etage fort, der eine Verbindung zwischen Grün- und Büroflächen der Baukörper schafft.
„Die Vision für den Erste Campus ist eine identitätsstiftende, zum Stadtraum geöffnete, naturverbundene Architektur, die zur Belebung und Aufwertung des Umfelds beiträgt und bestmögliche Arbeitsplätze für alle Mitarbeiter schafft“, beschreibt Architektin Marta Schreieck die Vision des Entwurfs.
Offenheit und Transparenz bestimmen den Erste Campus auch nach innen. Die Konzernzentrale will keine Trutzburg oder eine Machtdemonstration des Geldadels sein. Das weitläufige, stützenfreie und 7,5 Meter hohe Atrium mit Café, Restaurant, Flagship-Filiale, Learning Center sowie einer Veranstaltungshalle für 500 Personen ist öffentlich zugänglich, als sei es als Passage zum neuen Wiener Hauptbahnhof gedacht.
Neue Form des Arbeitens
Ein Kindergarten für 150 Kinder zählt ebenfalls zum Angebot zur Verbesserung der Work-Life-Balance. „Der Campus“, betont Peter Weiss, „ist kein hermetisch abgeriegelter, barocker Bankpalast, sondern ein modernes funktionales Gebäude, das mit seinem Atrium zu einem Ort der Begegnung wird.“ Ab der zweiten Etage beginnen die sogenannten Homebases.
Auch ökologisch setzt der Campus Maßstäbe. Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft zeichnet das Objekt mit Platin aus. Zu den Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit zählen eine Betonkernaktivierung für Heizung und Kühlung, die über Geothermiepfähle in Verbindung mit dem Wiener Fernwärme und -kältenetz gespeist wird, sowie eine Doppelfassade mit intelligentem, außen liegendem Sonnenschutz und zu öffnenden Fenstern.
Temperaturabsenkung in der Nacht, moderne LED-Beleuchtung, Regenwassernutzung und Energierückgewinnung bei den Aufzugsystemen sind ebenfalls im neuen Headquarter umgesetzt worden. Bei Materialienauswahl wurde auf die regionale Herkunft geachtet wie Donaukies und heimisches Lärchenholz.
In Zuge des Bauvorhabens krempelte die Erste Group in Zusammenarbeit mit dem Berliner Design- und Interiorspezialisten Kinzo die Arbeitswelt komplett um. Entstanden sind dabei in den 96 Homebases sogenannte „Zusammenarbeitsplätze“, die auf feste Arbeitsplätze und Einzelbüros verzichten. Selbst der Vorstand sitzt im Open Space.
Die Akzeptanz für die neue Arbeitswelt ist wider Erwarten hoch. Ein Grund dürfte auch sein, dass ein interdisziplinäres Projekt-Team die Transformation mit einer Vielzahl von Mitarbeitern vorbereitet und begleitet hat.
Die Homebases mit ihren vier Arbeitsplatztypen folgen der Idee einer Stadtstruktur, in der es Orte und Verkehrsadern mit unterschiedlichen Funktionen gibt. Jede Homebase besteht aus65 Prozent Standardarbeitsplätzen,25 Prozent Fokusarbeitsplätzen und10 Prozent Team-Arbeitsplätzen sowie zwei Think Tanks und einem Meeting-Raum.
Ziel war es, Hierarchien abzubauen und einen Organisationsrahmen für spontane, direkte und informelle Kommunikation zu schaffen. Gleichzeitig macht das Konzept den Mitarbeitern Angebote, wie und wo sie arbeiten möchten. Dass die Zusammenarbeitsplätze mehr als nur Wohlfühlatmosphäre schaffen sollen, verschweigt die Erste Group nicht.
Sie sollen das eigenverantwortliche und unternehmerische Denken der Mitarbeiter fördern.
Erschlossen werden die Homebases durch die Mitte des Kerns, dem belebten Hotspot. Von hier aus führen Gänge zu den „Marktplätzen“, an denen sich Mitarbeiter begegnen und Informationen austauschen. Hinter dem Hotspot, vorbei an Team-Arbeitsplätzen, folgt die ruhiger werdende Bürozone, die, je tiefer man in das Gebäude vordringt, ein fokussiertes Arbeiten erlaubt.
Am Ende steht eine Grüninsel zum Entspannen. Das Konzept folgt dem 4K-Modell, das für einen fließenden Übergang steht: von der Kommunikation über die Kollaboration und Konzentration bis zur Kontemplation. Alles ist in Bewegung. Für die Strukturierung im Raum sorgen Think Tanks, Schrankwände und eigens entwickelte rotierbare, akustisch wirksame Raumteiler.
Bei der Wahl des Interiors richtete die Bank ihr Augenmerk in erster Linie auf die funktionale Eignung. Dabei kamen zahlreiche Sondermöbel zum Einsatz. Neben funktionalen Aspekten spielte die Qualität der Einrichtung eine maßgebliche Rolle – ein Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern.
Ulrich Texter

Fakten
Projekt: Erste Campus
Standort: Am Belvedere 1, 1100 Wien
Bauherr: Erste Group Bank AG
Projektentwickler: Erste Group Immorent AG
Gebäudemanagement: Group Services/s OM
Architekt: Henke Schreieck Architekten, Wien
Innenarchitekt: Kinzo, Berlin
Bauzeit: Anfang 2012 bis Ende 2015
Übersiedlung: 1. Quartal 2016
Anzahl der entstandenen Arbeitsplätze: rund 4 500
Grundstücksfläche: 25 000 m²
Zusätzliche Geschäfts- und Büroflächen: 2 000 m²+ 12 500 m²
Parkplätze: circa 600
Mobiliar (Auswahl): Bene, Neudörfler, Walter Knoll, Vitra
Baukosten: rund 300 Millionen Euro

Genauer hingeschaut
Zielsetzung: Arbeits- und Lebensqualität als primäres Ziel: Start-up-Feeling ins Haus holen und Werte wie Offenheit, Transparenz, Einfachheit, Zugänglichkeit, Innovation und Wachstum soll der Campus erlebbar machen.
Bürotypen: 96 Homebases, sogenannte „Zusammenarbeitsplätze“. Jede Homebase besteht aus 65 Prozent Standardarbeitsplätzen, 25 Prozent Fokusarbeitsplätzen und 10 Prozent Team-Arbeitsplätzen sowie zwei Think Tanks und einem Meeting-Raum.
Desksharing: Ja
Klimatisierung: Betonkernaktivierung für Heizung und Kühlung, Geothermie, Regenwassernutzung, Doppelfassade mit außen liegendem Sonnenschutz und zu öffnenden Fenstern, Energierückgewinnung, Aufzüge
Akustische Lösungen: Teppichboden, eigens entwickelte rotierbare Raumteiler „Falter“, Schrankwände und auch die Leuchten haben eine akustische Funktion. Think Tanks und Meeting-Räume schaffen Rhythmus, sodass keine großen Flächen entstehen.
Beleuchtungskonzept: LED-Beleuchtung
Besonderheit: Die Österreichische Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft zeichnet das Objekt mit Platin aus.
Fotos: Werner Huthmacher
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