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Akustikmaßnahmen

Wie die Raumprobe Akustik in der Praxis erprobt
Akustik in Arbeit

Die Materialexperten von Raumprobe residieren in einer ehemaligen Industriehalle in Stuttgart. An der Akustik wird in allen Bereichen stetig gefeilt – was ganz und gar der Unternehmensphilosophie eines Experimentierlabors entspricht.

Autor Thomas Geuder

Planer aus Architektur, Innenausbau und Design in Stuttgart müssen sich im Grunde keine eigene Materialsammlung zulegen. Denn seit nunmehr 15 Jahren können sie im Stadtteil Feuerbach bei den Materialexperten von Raumprobe in unzähligen Materialproben recherchieren und Informationsmaterial erhalten.

Im Sommer 2019 ist das gesamte Team in ein neues Domizil gezogen, eine ehemalige Industriehalle, die zu diesem Zweck umfangreich umgebaut wurde. Die nach Nordwesten ausgerichtete Frontfassade ist nun komplett verglast, wodurch der Innenraum mit viel Tageslicht versorgt wird.

Mittels eines Stahlgerüsts, das auf dem stabilen Hallenboden steht und die Tragkonstruktion der Halle somit nicht beansprucht, sind eine zweite Ebene und somit rund 1200 m² geschaffen worden.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Das ausgestanzte Detail in der akustisch wirksamen Decke im Foyer gibt das Firmenlogo wieder, Design Rudolf Schricker, Hersteller Knauf. Foto: Raumprobe

Um die neue Konstruktion von der historischen Statik klar voneinander abzusetzen, ist die bestehende Halle weiß gestrichen, das neue Stahlgerüst ist schwarz und rückt deutlich vom Bestand ab. Diese architektonische Grundidee folgt dem Haus-im-Haus-Prinzip, in dem verschiedene Bereiche geschaffen werden, vom Empfang über eine Lounge, einen großen Seminarraum und den Büros im Erdgeschoss bis hin zu den Regalflächen mit den unzähligen Materialmustern im Obergeschoss. So ist die Halle als sehr offenes Raumkonstrukt organisiert, was gestalterisch zwar sinnvoll ist, akustisch aber eine Herausforderung darstellt.

Akustischer Wandel in der Halle

Die Freude am Ausprobieren der Produkte und Materialien ist ein Teil der DNA der Firmengründer Hannes Bäuerle und Joachim Stumpp, die die Produkte immer wieder auch einer Art Liveprobe aussetzen. „Der Raum soll sich durch die Exponate ständig verändern. Es sind sozusagen gebaute Materialexperimente“, wie Hannes Bäuerle beim Treffen vor Ort erläutert.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Freie Sicht in alle Richtungen: Deckenöffnungen und Streckgitter an den Brüstungen vermitteln Transparenz. Der Blick von der Galerie im Obergeschoss fällt auf eine sorgfältig inszenierte Materialvielfalt – und die Stahlstützen-Konstruktion des „Hauses-im-Haus“, Hier oben kann ungestört kreativ gesampelt werden. Foto: Raumprobe

Zur Experimentier-DNA des jungen Unternehmens passt es denn auch, dass die Akustik im Planungsprozess für die neuen Räumlichkeiten zunächst nur eine untergeordnete Rolle spielte. „Wir hatten das Thema Akustik in der Entwurfs- und Planungsphase zunächst eher konzeptionell umrissen“, schildert Hannes Bäuerle.

„Es war eine relativ bewusste Entscheidung, die Akustikmaßnahmen erst dann zu machen, wenn wir eingezogen sind.“ Mit anderen Worten: Durch die Planung wurde zunächst eine räumliche wie bauliche Grundlage geschaffen, anhand der die recht komplexe Akustik der ausgebauten Halle in einer Art „Work in Progress“ justiert werden sollte.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Sämtliche Regalstirnflächen wurden mit einem PET-Vlies von Knauf versehen, um den reflektierten Schall der Glasfassade zu absorbieren. Foto: Raumprobe

Konkrete Einzelmaßnahmen

Zuerst wurden die Regalstirnflächen zur Frontfassade hin mit einem Vlies versehen, um den von der Glasoberfläche reflektierten Schall zu absorbieren. Beim Boden des Obergeschosses entschieden sich die Bauherren für ein Echtholz-Parkett. „Das war für uns der gute Kompromiss zwischen der Entwicklung von Laufgeräuschen, authentischem Material und natürlichem Altern“, so Bäuerle.

Eine zusätzliche Trittschalldämmung dagegen gibt es dort nicht, weil eine akustische Verbesserung bei dieser offenen Bauweise mit fest verklebtem Parkett offensichtlich nicht im Verhältnis zur Optmierung steht.

Eine weitere akustische Intervention musste am Empfangstresen erfolgen: Da hier der Raum nach vorn und oben offen ist, im Rücken und an den Seiten sich jedoch schallreflektierende Materialien befinden, wurde über dem Tresen eine Akustikdecke angebracht, die schallschluckend wirkt.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Akustisch wie visuell lässt sich der Kernbereich im EG als unabhängige Einheit abgrenzen und gibt bei Bedarf Blick und Weg frei auf die Materialvielfalt und die Arenatreppe. Zum Einsatz kommen Akustikleuchten von Sattler, die ‚Highline Glasfaltwand‘ von Solarlux sowie der semitransparente Vorhang ‚Terzacoustic‘ von Creation Baumann. Foto: Raumprobe

Unerwartete Akustikmaßnahmen

Hie und da gab es auch Überraschungen beim Ausbau: „In manchen Bereichen hätten wir nicht erwartet, dass Akustikmaßnahmen notwendig werden“, sagt Hannes Bäuerle, womit er etwa die Treppe zu den Toiletten im Untergeschoss meint. Hier hat sich der Schall beim Treppensteigen ungewöhnlich potenziert, wodurch es notwendig wurde, ebenfalls eine Akustikdecke einzubringen.

Eingesetzt wurde ein Produkt, bei dem die Oberfläche wie bei einer Putzoberfläche aussieht, jedoch aus einem dünnen Vlies mit einer dahinter verborgenen Lochplatte besteht. An der Wand befindet sich zusätzlich eine Akustiktapete, die mit einem Farbverlauf bedruckt ist.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Aline Mehrzweckstuhl. Foto: Raumprobe

Ein zentrales Thema der Planung war schließlich die Ausgestaltung des Seminarraums. Hier war es wichtig, eine möglichst gute akustische Abschottung zu erreichen und dabei die Transparenz oder zumindest eine Transluzenz zu wahren. Zu diesem Zweck wurden zunächst umlaufend verschiebbare Glaswände eingebaut.

Besondere Anforderungen

„Daraus folgte dann aber, dass trotz der nun guten Abschirmung die Akustik innen sehr schlecht war“, berichtet Hannes Bäuerle. Also mussten drinnen absorbierende Materialien eingebaut werden, was schließlich in Form von Akustikleuchten an der Decke und von Vorhängen geschah, die aus einem leicht transluzenten Material bestehen. So bietet der Seminarraum eine sehr stille Atmosphäre.

Wer in der Halle jedoch eine richtige Rückzugsmöglichkeit sucht, findet diese im kleinen Besprechungsraum, der etwas versteckt neben der Tribüne liegt. Er ist am Boden mit einem Teppich ausgestattet, der elegant in die hintere Wand übergeht und dabei seine Farbe unmerklich verändert. Über dem Kopf befindet sich eine Akustikdecke, an der Seitenwand ein Akustikpaneel.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Erdgeschoss 1 Materialausstellung Premium 2 Wechselausstellung 3 Materialausstellung 4 Konferenz 5 Büro intern 6 Arenatreppe 7 Küche 8 Empfang 9 Archiv und Lager 10 Werkstatt, Fotostudio 11 Lounge 12 WC im UG. Plan: Raumprobe

Die offene Raumkonstruktion führt dazu, dass die Ausstellungs- und die Büroräume nicht vollkommen akustisch voneinander getrennt sein können, da es immer irgendwo eine Schallbrücke gibt. Von den Kollegen bekommt man also immer etwas mit, wenn auch nur sehr leise. Für die Geschäftsführer entspricht dieser Umstand im Grunde jedoch der Unternehmensphilosophie, die ganz klar auf den Teamgedanken setzt. Dennoch wissen sie, dass das Arbeiten viele verschiedene Facetten hat – heute wie auch in Zukunft.

Experimentierlabor Raumprobe

So wäre eine der Ideen die Einführung eines „Kompaktarbeitstages“, in dem man ungestört und konzentriert in kurzer Zeit viel erledigen und abarbeiten kann. Dafür wird es dann einen passenden Raum geben müssen, in dem ein konzentriertes Arbeiten uneingeschränkt möglich ist. Zurzeit gibt es diesen Raum noch nicht – aber wie wir das Experimentierlabor Raumprobe kennen, wird auch dafür eine Lösung gefunden werden.

Akustikmaßnahmen, Experimentierlabor Raumprobe
Obergeschoss. Plan: Raumprobe

Hannes Bäuerle und Joachim Stumpp (r.) sind die auf Materialberatung spezialisierten Inhaber der Raumprobe, die sie 2005 gründeten und heute mit neun Mitarbeitern führen. Das Büro plante den Umbau selbst.

www.raumprobe.com


Factsheet

Projekt: Raumprobe Neue Materialwelt

Standort: Dieselstr. 32, Stuttgart

Bauherr: MKI

Bauaufgabe: Umnutzung einer alten Industriehalle

Fertigstellung: 2019
Geschosse: 2
Nutz-/Wohnfläche: 1200 m²

Materialien: Boden: Anhydritestrich, Zweischichtparkett ‚Top Line‘, Jaso; Teppich mit Farbverlauf, Girloon

Wand: Akustiktapete ‚Acoustic Wallpaper 3in1 The x large image‘; Glasschiebewand ‚Cero II‘ sowie ‚Highline Glasfaltwand‘ Solarlux; mikroperforiertes MDF ‚Valchromat‘ Tandem Acoustics, Glastrennwand mit Akustikpaneel aus Holz ‚Life Freeze 136‘ Lindner Group KG

Decke: schwarze Beschichtung Stahlstruktur ‚Capracryl PU-Matt‘ Caparol; intensiv schwarze Oberflächen: ‚Concretal Black, Keim; XXL-OSB-Platten, Magnumboard‘ Swiss Krono; Akustiktapete ‚Cleaneo Systexx Acoustic Board‘, ‚Cleaneo Mikrolochung‘, Schallabsorber ‚Adit‘, Kassettendecke ‚Contur‘ sowie PET-Filzabsorber ‚Cleaneo Smart‘, Knauf

Möblierung: Konferenztisch ‚Conference X‘ Walter Knoll; variabler Raumteiler ‚Flomo Wall‘ wp Office; akustisch wirksamer, semitransparenter Vorhang ‚Terzacoustic‘ sowie Stoffraumteiler mit Schalldämmung ‚Acoustic Divider Vario‘ Creation Baumann; Freischwinger ‚Metrik‘, Mehrzweckstühle ‚Aline‘ Wilkhahn

Beleuchtung: ‚Giocco Direct/Giocco mit Acoustic Set‘ und andere, Sattler

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