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Einblick in Naturfasern: Herkunft, Eigenschaften, Anwendungspotenziale

Potenzial von Naturfasern für umweltfreundliche Bodenbeläge
Einblick in Naturfasern

Nachwachsende Rohstoffe tragen dazu bei, den ökologischen Fußabdruck zu senken. Naturfasern tierischen und pflanzlichen Ursprungs bieten besonderes Potenzial. Eine Übersicht ihrerHerkunft, Eigenschaften und Anwendungspotenziale im Bereich der Bodenbeläge.

Autor: Hannes Bäuerle

Einstieg in die Naturfasern

Kennen Sie die Schuhgröße Ihres ökologischen Fußabdruckes? Diese auch als Nachhaltigkeitsindikator bezeichnete Kenngröße ist im Bausektor aktuell zu groß. Um unseren heutigen Lebensstandard auch zukünftig zu sichern, gilt es, sie deutlich zu verringern. In einer Welt begrenzter Ressourcen ist ein vielversprechender Ansatz die intensivere Nutzung nachwachsender Rohstoffe.

Eine naheliegende Materialklasse sind Bodenbeläge aus natürlichen Rohstoffen und Naturfasern. Bei daraus hergestellten Teppichböden kann sowohl der Rücken als auch der Pol, das sogenannte Teppichgarn, aus natürlichem Material gefertigt sein. Dieser Beitrag fokussiert sich auf das Polmaterial, das optisch und funktional entscheidende Kriterien aufweist und in direkter Verbindung zum Fußabdruck steht.

Von der Faser zum Garn

Zur exakten, sortenreinen Betrachtung werden hier die einzelnen Ausgangsfasern genauer erläutert. Das Garn ist bereits ein erstes Zwischenprodukt, für das häufig unterschiedliche Materialien gemischt werden. Auch die unten empfohlenen Teppiche bestehen selten aus nur einem Material.

Für welchen Einsatz sich welches Garn eignet, ist immer individuell zu entscheiden, da Faktoren wie Dichte, Web- oder Knüpfart, Garnmischung und Konstruktion die Eigenschaften maßgeblich beeinflussen.

Drei Quellen für Naturfasern

Natürliche Fasern unterteilen sich in tierische (organisch), mineralische (anorganisch) und pflanzliche Fasern. Tierische Fasern sind wie das menschliche Haar aus Eiweißverbindungen aufgebaut. Gewonnen werden sie aus Haar und Wolle oder als Seide aus den Spinndrüsen einiger Insekten. Pflanzliche Fasern bestehen überwiegend aus Zellulose und können aus unterschiedlichen Bestandteilen der Pflanzen gewonnen werden, wie den Samen, Blättern oder Pflanzenstängeln.

Baumwolle, Kokos, Sisal oder Hanf gehören zu den bekanntesten pflanzlichen Fasern. Aus den teils sehr großen, reißfesten und rauen Naturfasern werden neben Bodenbelägen auch Seile, grobe Gewebe, Matten und vor allem Textilien hergestellt. Sowohl tierische als auch pflanzliche Fasern sind im wahrsten Sinne des Wortes nachwachsende Rohstoffe. Entsprechend lassen sich Teppichböden aus diesen Materialien nachhaltig produzieren.

Vielseitige Bodenbeläge

Die Palette der verfügbaren Bodenbeläge aus Naturfasern ist inzwischen vielseitig und reicht von robusten Sauberlaufzonen bis hin zum feinen, edlen Seidenteppich. Ob pur oder als Materialmix verarbeitet sind sie für verschiedenste Verwendungen sowohl im öffentlichen Bereich wie auch im privaten Wohnraum geeignet. Je nach Ausgangsmaterial und der Be- und Verarbeitung können allerdings die Nutzungseigenschaften, Anmutung und Strukturen stark variieren. Optisch attraktiv und aktuell wieder im Trend sind kleine Unregelmäßigkeiten in Struktur und Farben. Sie machen einen besonderen Reiz aus.

Wolle zählt zu den gebräuchlichsten tierischen Naturfasern. Foto: Dansk Wilton
Wolle zählt zu den gebräuchlichsten tierischen Naturfasern. Foto: Dansk Wilton

Wolle

Die häufigste tierische Faser ist die Wolle von Schafen, Ziegen und anderen Tieren. Aus dem Fell lassen sich unterschiedliche Fasern gewinnen wie Schurwolle oder recycelte Reißwolle. Die Schurwolle wird direkt vom Schaf geschoren, Reißwolle ist wiederverwendete Wolle, die einen Reißwolf durchläuft, wo sie wieder zu Flocke verarbeitet wird.

Die Naturfasern sind sehr dehnbar, relativ schmutzunempfindlich und daher pflegeleicht. Wolle weist Wassertropfen ab, kann aber bis zu 40 % Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf aufnehmen. Da sie langsam trocknet, wirkt sie klimaausgleichend. Darüber hinaus kann sie sehr gut warmhalten und ist schwer entflammbar. Walken beziehungsweise Filzen erhöht das Warmhaltevermögen nochmals.

Schwachstelle ist die Anfälligkeit gegen Motten. Teppichböden aus Schurwolle sind besonders weit verbreitet – wohl auch, weil sie das Raumklima exzellent regulieren. 13 Rugs, Dansk Wilton, Kasthall und Nanimarquina zählen zu den Herstellern, die ein feines Portfolio an Wollteppichen bieten.

Nani Marquina

Ziegenhaar

Ziegenhaar ist einer der ältesten natürlichen Spinnstoffe der Welt. Im Herbst produzieren die Tiere feine, körpernahe Wolle, um sich gegen Kälte zu schützen. Dieses Haar kann im Frühjahr abgeschoren und zur Wtretfordollherstellung eingesetzt werden. Man unterscheidet zwischen Haaren von gewöhnlichen Ziegen und denen der Kaschmirziege, die deutlich feiner sind als die dünnste Schafwolle.

Kaschmir ist auch bekannt für seine leuchtende Farbwiedergabe, weshalb ein Teppichboden aus Kaschmirziegenhaar besonders intensive Färbungen ermöglicht, man denke etwa an das Angebot von Tretford.

Seide

Die Seidenfaser ist eine edle und sehr feine Naturfaser, die aus den Kokons von Maulbeer- und Tussahspinnern gewonnen wird. Bezeichnend sind ihr Glanz und ihre hohe Festigkeit.

Die außerordentliche Länge dieser Naturfaser, der aufwendige Gewinnungsprozess, die Reißfestigkeit, die Feinheit und der charakteristische Griff, der als sehr hautverträglich empfunden wird, machen Seide zu einem der edelsten Textilmaterialien. Sie findet sich in Teppichen von Anbietern wie Jan Kath, Matteo Pala, Object Carpet, Reuber Henning, Rugstar und Walter Knoll.

Weitere Edelhaare

Eine ganze Reihe hochwertiger Haare von verschiedenen Tierarten, meist eher bekannt aus der Bekleidungsindustrie, kommt auch in luxuriösen Teppichen zum Einsatz. Von der Angoraziege kommt Mohair, von der Kaschmirziege das gleichnamige Kaschmir.

Alpaka, Guanako, Lama oder Vikunja sind Schafkamelrassen aus Südamerika. Auch aus Kamel- oder Rosshaar wird Wolle gewonnen. Durch die Seltenheit der Tiere sind die Edelhaare und die daraus gewonnene Wolle ausnahmslos teurer als die des Schafes.

Das berühmteste Beispiel einer Naturfaser als Bodenbelag ist der klassische Rote Teppich: Er besteht häufig aus Kokosfasern. Foto: Raumprobe

Baumwolle

Bei der Baumwolle wächst die Faser aus der reifen, geöffneten Baumwollkapsel. Sie hat unterschiedliche Längen – nur die langen Fasern können für die Textilproduktion verwendet werden. Die „Linter“ genannten kurzen Fasern werden in der Zelluloseproduktion verwendet.

Ein besonderes Kennzeichen der Baumwolle ist ihre gute Saugfähigkeit. Sie kann ca. 20 % ihres Eigengewichtes an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen, und bis zu 65 %, ohne zu tropfen. Sie kommt beispielsweise bei Gan oder Woodnotes zum Einsatz.

Hanf

Hanf ist eine vielseitig einsetzbare Pflanze: ob als Faser- oder Heilpflanze oder zur Gewinnung des wertvollen Öles. Als Nutz- beziehungsweise Kulturpflanze hat sie hervorragende Eigenschaften: Sie laugt aufgrund ihrer Selbstverträglichkeit keine Böden aus, wächst schnell, ist genügsam und gedeiht fast überall. Der Wasserbedarf ist erheblich geringer als der von Baumwolle. Unter anderem haben By Mölle, Kvadrat und Toulemonde Bochart Hanfteppiche im Programm.

Leinen

Aus der Flachspflanze werden Naturfasern gewonnen, die bis zu 60 cm lang sein können. Im Vergleich zur Baumwolle saugen die Fasern weniger Feuchtigkeit auf und trocknen schneller. Allerdings ist Leinen durch den Pflanzenleim steifer, härter und knittert leichter.

Daraus gewonnene Textilien oder Bodenbeläge haben eine glatte, matt-glänzende Oberfläche, die wenig schmutzanfällig ist und nicht fusselt. Das geschützte Warenzeichen „Masters of Linen“ kennzeichnet, dass von der Ernte über die Faser bis hin zum fertigen Gewebe ausschließlich in Europa produziert wird. Warli gehört zu den Herstellern, die Leinen in ihren Teppichen verarbeiten.

Guter Rahmen

Sisal

Aus den Blättern der Sisalagave, deren Hauptanbaugebiet Mexiko ist, wird der Faserrohstoff gewonnen. Nach einer Wachstumsperiode von rund vier Jahren können die ersten Blätter geerntet werden. Wie die meisten Naturfasern auch ist Sisal hygroskopisch und zieht sich bei Feuchtigkeit zusammen, bei Trockenheit dehnt es sich aus.

Da Sisalteppiche sich nicht statisch aufladen können, sind die daraus gewonnenen Bodenbeläge für EDV-Räume gut geeignet. Durch die Rollen von Bürostühlen werden die Fasern allerdings zermahlen und sind daher ohne spezielle Unterlagen nicht für Büroarbeitsplätze gemacht. Doch warum sie nicht prominent im Wohnraum inszenieren? Bomat, Jab Anstoetz, Naturtex und Ruckstuhl bieten Teppiche aus oder mit Sisal.

Kokos

Hätten Sie es gewusst? Der klassische rote Teppich besteht nicht selten aus Kokos. Der Rohstoff wird aus den kurzen Fasern der Schale der Kokosnuss gewonnen. Diese Naturfasern sind sehr dehnbar, fest und langlebig. Außerdem sind sie fettfrei und daher unempfindlich gegen Pilz- und Bakterienbefall. Das macht sie zu einem hervorragenden Bodenbelag für Allergiker, als Schmutzfangmatte oder eben zum „Laufstegteppich“, wie beispielsweise August Schär beweist.


Im Fokus

Mit pflanzlichen und tierischen Fasern können ressourcenschonende Bodenbeläge gefertigt werden. Sie unterscheiden sich maßgeblich in Optik, Haptik und weiteren Eigenschaften. Somit können Mischgewebe gezielt für verschiedene Anforderungen entwickelt werden.


Übersicht und Einteilung

Bei der Herstellung von textilen Belägen aus Naturfasern werden häufig unterschiedliche Rohstoffe verwendet. Bei den Mischgeweben wird auch mit Kunstfasern kombiniert.

Tierische Fasern: Schurwolle, Ziegenhaar, Seide, Angora, Kaschmir, Vikunja, Lama, Alpaka, Kamel, Mohair, Rosshaar

Pflanzliche Fasern (Blatt): Sisal, Kokos, Abacá, Ananas, Caroá, Curauá, Henequen, Macambira, Flachs

Pflanzliche Fasern (Bast ): Bambus, Brennnessel, Hanf, Jute, Kenaf, Leinen, Hopfen, Ramie

Pflanzliche Fasern (Samen): Baumwolle, Kapok


Hannes Bäuerle

geht in der md-Serie ‚Material Akademie‘ der Frage nach: „Was bestimmt Materialqualitäten und woran erkennt man sie?“ Der Autor ist Mitgründer und -gesellschafter der Raumprobe Stuttgart.


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