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Volker Gerhard über Stahl-Emaille und dessen Zukunft

Über Stahl-Emaille und dessen Zukunft
Volker Gerhard

Kann Stahl-Emaille umweltfreundlich sein? Wie sieht ihre Zukunft aus? Volker Gerhard, Materialexperte und Chemiker, erklärt anschaulich und verständlich, welche Stellschrauben Unternehmen haben.

Interview Katharina Feuer

Herr Gerhard, wie würden Sie Ihre Aufgabe bei Kaldewei beschreiben?

Volker Gerhard: Als Fachexperte beschäftige ich mich in der Abteilung Werkstoff- und Verfahrenstechnik mit der Weiterentwicklung unserer Werkstoffe und Verfahren. Mein Schwerpunkt liegt dabei auf der Optimierung der Stahl-Emaille, die wir selbst herstellen. Zudem berate ich intern in Sachen Umwelt, Emissionen sowie Arbeitsschutz.

Sie sind Chemiker. Wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Volker Gerhard: Vor über 20 Jahren stellte ich in einer Besprechung die Frage „Brauchen wir dafür nicht eine Genehmigung?“. Man dachte wohl, der kennt sich aus (lacht) und ich erhielt die Aufgabe, das Unternehmen im Umweltbereich zu stärken. Hier den Überblick zu behalten, wird allerdings immer schwieriger.

Wie meinen Sie das?

Volker Gerhard: Vor 20 Jahren umfasste der Umweltschutz noch einen überschaubaren Bereich mit Gesetzen und Verordnungen auf Bundes-, Landes- und EU-Ebene. Dies ist dramatisch mehr geworden. Gerade bei den Umweltzertifizierungen ist leider viel Halbwissen verbreitet. Allein schon die Frage, ob unser Material LEED-zertifiziert ist, zeigt, dass nicht klar ist, was dieses Zertifizierungssystem überhaupt umfasst. Man kann ein Material nicht mit einem Gebäude-Zertifikat auszeichnen. Daher achte ich darauf, dass wir nur an solchen Kennzahlen arbeiten, die einen echten Wert schaffen.

Mit welchen Zertifizierungen arbeiten Sie denn?

Mit vielen. Grundlage ist immer der Umweltimpact des Produktes. Es ist daher wichtig, diese Auswirkungen richtig und objektiv zu erfassen. Dies geschieht über die Umweltproduktdeklaration (engl. Environmental Product Declaration, kurz EPD) des Instituts Bauen und Umwelt e.V.

Dadurch erhält der Verbraucher die notwendige Transparenz für einen Vergleich von Bauprodukten aus unterschiedlichen Materialien. Referenzgröße ist 1 m² Sanitäroberfläche aus Stahl-Emaille. Neben der Rohstoffbeschaffung und dem eigentlichen Herstellungsprozess werden auch der Lebenszyklus der Produkte inklusive der Abfallbehandlung und -beseitigung und das Recycling in einem ganzheitlichen Ansatz betrachtet.

Wie läuft dieser Prozess ab?

Die Umweltbilanz wird durch externe Ingenieure auf Basis firmeninterner Daten und Fakten erstellt. Ein unabhängiges Gremium prüft sie auf Vollständigkeit und Richtigkeit. Dazu müssen Unternehmen alle relevanten Daten, die teilweise Betriebsgeheimnisse beinhalten, offenlegen. Die aus dieser ausführlichen Bilanz erstellten, umweltrelevanten Kennzahlen werden dann in der EPD veröffentlicht.

Was kann ich an der Umweltproduktdeklaration noch ablesen?

Sie erkennen, wie umweltfreundlich ein Produkt ist. Die Bilanz berücksichtigt dabei den gesamten Prozess, also sogar die weggeworfene Frühstückstüte unserer Mitarbeiter. Kaldewei hat bereits 2009 als erstes Unternehmen im Sanitärmarkt seine Umweltdeklaration veröffentlicht. Aufklärung und Transparenz gehören zum Handwerk.

Vier wichtige Faktoren nennt das Unternehmen: Standorttreue, Nachwuchsförderung, Produkt-Lebensdauer und Recycelfähigkeit. Sind noch neue hinzugekommen?

Ein weiterer wichtiger ist vergessen worden: ‚Luxstainability‘.

Was ist damit gemeint?

Mit ‚Luxstainability‘ meinen wir, dass moderner Luxus nachhaltig ist. Wir handeln seit vielen Jahren umweltbewusst. Ein Beispiel: Wir nutzen Energie dreifach. Zunächst verwenden wir die Wärme zur Emaillierung, dann wird die Abwärme in die Trockenöfen weitergeleitet und am Schluss wird die Restenergie noch zur Brauchwassererwärmung eingesetzt. Mehr denn je ist das auch sinnvoll, da die Energie ein wesentlicher Kostenfaktor ist.

Was planen Sie, wegen der gestiegenen Energiekosten zu tun?

Das Thema Energie ist neben dem grünen Stahl tatsächlich der zweite Hebel, bei dem wir noch Einsparungspotenziale sehen: Elektrische Energie sollte so grün wie möglich sein. Wir versuchen verstärkt selbst Energie zu erzeugen – durch Photovoltaik auf 35 000 m² Fläche am Standort Ahlen.

Dank des klimafreundlichen Bluemint- Stahls von Thyssen Krupp können wir Produkte mit einem bis zu 70 % reduzierten CO2-Fußabdruck anbieten.

Zu Ihrer Branche: Welche Materialien kommen im Sanitärbereich am häufigsten vor?

Im Bereich der Dusch- und Badewannen: Stahl-Emaille, Acryl und Mineralguss. Das ist ein mit Kunstharzen gebundenes, anorganisches Füllmaterial wie Quarz oder Steinmehl.

Ein Material fehlt hier. Keramik.

Keramik ist für uns kein direkter Wettbewerber. Sie werden keine Badewannen aus Keramik finden. Die wären viel zu schwer. Das Material finden Sie vielmehr in den Bereichen WC und Waschtische. Seit 2015 bieten wir Waschtische aus Stahl-Emaille an.

Was spricht für die einzelnen Materialien?

Eine Stahlemaillewanne hält nahezu ein Leben lang. Sie besteht aus zwei Materialien: Stahl und Glas. Diese trennen sich beim Stahlrecycling im Schmelzprozess aufgrund ihrer unterschiedlichen Dichten, ohne dass zusätzliche Verfahrensschritte nötig sind. Gussemaille ist massiver, es kommt mehr Material zum Einsatz, entsprechend ungünstiger fällt die Umweltbilanz aus.

Acrylwannen und -duschen bestehen aus mehreren Schichten unterschiedlicher Materialien. Diese sind schwer voneinander zu trennen und weisen bei ganzheitlicher Betrachtung einen höheren CO2-Fußabdruck als Stahl-Emaille auf. Dies ergibt sich durch die vielen unterschiedlichen chemischen Umsetzungen entlang der Prozesskette vom Erdöl bis hin zum Kunststoff inklusive der entsprechenden Transportwege.

Welche der Materialien haben in Ihren Augen auch aus der Umweltperspektive eine Zukunft?

Mit dem CO2-reduzierten Blue Mint- Stahl von thyssenkrupp ist ein Anfang gemacht. Bisher erhalten wir nur Teilmengen. Es ist noch kein massenverfügbares Produkt und deshalb teuer. Dennoch denke ich: Wenn wir die Umwelt schützen wollen, müssen wir andere Preise als jetzt zahlen. Umweltfreundlicher Stahl ist ein großer Hebel.

Und in Hinblick auf den Recyclingprozess haben wir gute Karten, da es nur um zwei Materialien geht: Stahl und Glas.

Haben Sie ein Rücknahmeprogramm?

Das macht begrenzt Sinn. Ich kann Ihnen auch sagen, warum: Stahl ist ein wertvoller, gefragter Rohstoff, der seinen Wert nicht verlieren wird. Der Bedarf und somit die Nachfrage wächst weiter. Umso wichtiger ist die Rückgewinnung.

Es wird bereits seit Jahrzehnten recycelt, und zwar dort, wo der Rohstoff anfällt. Sinnlos wäre es, die Wanne zurück zum Hersteller durch die Lande zu karren, nur um sie dann für das Recycling zum Stahlhersteller zu bringen. Das Thema Umweltschutz treibt hier manchmal fragwürdige Blüten. Wir müssen bei all unserem Handeln hinterfragen, ob wir es der Umwelt zuliebe machen oder um Kennzahlen zu erreichen. Dennoch bieten wir die Rücknahme unseren Kunden an und organisieren die Rückführung in den Kreislauf.

Sie erwähnten eingangs, dass Sie der Materialexperte im Unternehmen sind. Welche Ansätze gibt es bei der Verarbeitung noch, Energie und vielleicht auch Material zu sparen?

Wir optimieren unsere Produkte und unsere Herstellprozesse stetig. Weniger Material ist bis zu einer gewissen Grenze eine Option, danach würde die Qualität leiden, für die wir stehen. Eine effiziente Nutzung der Energie als auch der Wechsel von Gas auf Wasserstoff spielen eine große Rolle.

Sind Leichtbauprinzipien für Sie ein Thema? Also auch die computergestützte Planung?

Ein Konstrukt wie etwa eine leichte und gleichzeitig stabile Honigwabenstruktur ist nicht möglich. Da stünde der Aufwand aus Umweltsicht nicht im Verhältnis.

Es gibt zurzeit vier neue Farben als Limited Edition. Warum ist die Farbpalette eher ‧gedeckt und limitiert?

Wir sagen „Ja“ zur Farbe, aber nur umweltfreundlich hergestellter und das ist eine Frage der Inhaltsstoffe. Die vier Trendfarben wurden vom Designteam aufgrund der aktuellen Interieur Farben ausgewählt.

Wir arbeiten nur mit Pigmenten, die sie in der Natur finden. Deswegen finden Sie bei uns kein Feuerwehrrot oder Postgelb – diese Farbtöne kann man aus natürlichen Stoffen nicht gewinnen. Das produzierbare Spektrum umfasst 1000 verfügbare Farben. In der Praxis zeigt sich, dass mit den 24 Mattfarben und den Trendfarben der Markt bedient wird.

Es gab im Vorfeld eine interne Umfrage: Welcher der Töne – Pink, Mint, Blau und Petrol – kam am besten an?

Volker Gerhard: Das war interessant. Der komplette Vertrieb favorisierte navy blue matt. Im Marketing war sweet love, Pink top. Was auch immer das über unsere Beschäftigten aussagt. (lacht)


 Dr. Volker Gerhard (Jg. 1961) studierte Chemie an der Universität Dortmund (1981 bis 1987) und promovierte 1991. Er leitete über 20 Jahre lang die Abteilung für Werkstoff- und Verfahrensentwicklung bei der Franz Kaldewei GmbH & Co. KG. Seit April 2021 ist er Fachexperte für die Themen Werkstoffe, Verfahrenstechnik, Umwelt und Emissionen.

www.kaldewei.de

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