Interview

Philipp Thesen

Smart Homes sind im Kommen. Doch nur in diesen Dimensionen zu denken, greift zu kurz. Vielmehr gilt es, die Entwicklung von Smart Cities voranzutreiben. Denn erst der Ausbau der städtischen Infrastruktur verringert die Investitionen im privaten Umfeld. Eine Smart World also.

Interview Gabriele Benitz

Wie sieht die Zukunft des Lebens und Wohnens aus, also einer Smart World?

Thesen: Wir neigen dazu, in einem Kontext des heutigen Alltags und Wohnens zu denken. Deshalb entstehen Lösungen, die nicht wirklich überzeugen. Vielmehr müssen wir Produkte und digitale Dienste entwickeln, die automatisch bestimmte Nutzungssituationen erkennen und sich darauf selbstständig einrichten. Wenn das Nutzererlebnis quasi unsichtbar im Hintergrund gesteuert wird, hat es Chancen, akzeptiert zu werden.

Wir müssen aber noch viel weiter denken und uns grundsätzlich mit der Frage beschäftigen, wie wir in Zukunft leben und wohnen wollen. Deshalb müssen wir eher in den Dimensionen von „Smart Cities“ denken. Welche urbanen Lebensweisen wird es geben, wie lassen sie sich vernetzen und was kann Technik in diesem Zusammenhang leisten? Das Ganze passiert ja vor dem gesellschaftlichen Hintergrund, dass es keine linearen Lebensläufe mehr gibt, dass gerade Metropolen eine große Integrationskraft für verschiedene Kulturkreise ausstrahlen und dass sich grüne Lebensmodelle verstärkt etablieren.

Bei der Entwicklung der Hard- und Software für Smart-Home-Lösungen der Telekom setzen Sie die Methoden des Design Thinking ein. Mit welchen Vorteilen?

Die Verbreitung von Smart-Home-Lösungen war bisher technikgetrieben. Mit anderen Worten: Die Lösungen wurden von Ingenieuren für Ingenieure entworfen. Damals ging man davon aus, dass gute technische Lösungen alle Menschen gleichermaßen interessieren müssten. Das stimmt aber schon lange nicht mehr. Der Ansatz „one size fits it all“ ist in der gesamten Industrie verschwunden. Heute geht es um „taylormade“.

Die Gesellschaft hat sich immer weiter ausdifferenziert und die Ansprüche an Produkte und Dienstleistungen geraten immer individueller. Deshalb werden in den letzten Jahren mit Methoden des Design Thinking die wirklichen Bedürfnisse der Menschen ermittelt. So kann man zum Beispiel mit einer klaren Zielgruppensegmentierung die Zielgruppen sehr genau bestimmen. Wir haben dazu bei der Telekom Personas entwickelt, die sozio-demografische Koordinaten mit der Lebenswelt und Haltung der Personen verknüpft und damit die Zielgruppe sehr gut beschreiben kann. Dann kann man Produkte und Dienstleistungen ganz gezielt für diese Zielgruppen entwickeln und fokussiert damit auch sein Marketingbudget.

Gleichzeitig erwartet nach wie vor die Gesamtheit der Konsumenten und Kunden eine hohe Usability und ein gelungenes Produkterlebnis. Da spielen Kriterien wie Einfachheit und intuitives Bedienen eine große Rolle. Hier kommt dem Design nach wie vor ein wichtiger Part zu.

Die Geräte sollten also einfach und intuitiv zu bedienen sein. Welche Rolle spielt dabei die Künstliche Intelligenz?

Design hat die Aufgabe, Technik zu humanisieren. Es muss dazu beitragen, dass die Umwelt lebenswerter wird. Design muss von Empathie für Menschen getragen sein. Es geht also um die Interface-Gestaltung. Sie muss den Lebensraum, der die Menschen umgibt, einbeziehen. Diese Entwicklung wird sich durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz beschleunigen, die physikalische und die digitale Welt verschmelzen immer stärker. Die Gestaltungsaufgaben werden sich dahingehend verändern, wie wir mit der KI interagieren. Es geht um vernetzte Intelligenz und selbstlernende Systeme, aber auch um die besser werdende Sprach- und Gestensteuerung. Wir müssen uns mit Fragen beschäftigen, wie smarte Implantate von Menschen angenommenen werden. Diese Phänomene sind immer häufiger zu sehen. Die Cyborg-Phantasien der Science-Fiction-Literatur werden Wirklichkeit. Wir bewegen uns in Richtung Smart World.

Für die Entwicklung des Smart Home bedeutet das: Ist die Umwelt digital oder analog, ist sie virtuell oder real? Wird ein Teil der Wohnumgebung virtuell? Diese Art des Connected Home geht weit über das hinaus, was wir momentan darunter verstehen.

Was wir derzeit mit Smart Homes bezeichnen, bietet jetzt schon handfeste Vorteile, zum Beispiel, dass Menschen mit Behinderungen oder alte Personen länger in ihren eigenen vier Wänden bleiben können.

Der Bedarf nach Vernetzung ist offensichtlich, wenn ich an Notrufsysteme, Telemedizin und Teleüberwachung für Senioren denke. Aber Senioren wollen heutzutage nicht als Senioren angesprochen werden. Deshalb muss das Design die Produkte so gestalten, dass sie auch von nicht-technik-affinen Menschen leicht zu bedienen sind, im Sinne eines „Universal Design“.

Investitionen ins Smart Home sind derzeit mit höheren Kosten verbunden als wenn ich auf herkömmliche Produkte und Dienstleistungen setze. Aber Menschen kalkulieren, ob sich eine Investition rechnet. Wo ist der Nutzen am offensichtlichsten?

Ich nehme mal das Beispiel Temperatursensorik. Damit kann ich das Heizverhalten steuern, sodass die Heizung herunterfährt, wenn ich nicht in der Wohnung bin. Geräte können dann eingeschaltet werden, wenn der Strom günstiger zu haben ist. Ich kann die Geräte an meine eigene Stromerzeugung durch Photovoltaik koppeln. Die Einsparpotenziale sind also bereits vorhanden. Je intelligenter das System, desto effizienter kann es arbeiten.

Allerdings ist die Intelligenz der Systeme noch nicht in eine übergreifende Infrastruktur eingebunden, wobei wir wieder beim Thema der Smart Cities wären. Hier geht es um intelligente Strom- und Datennetze, Verkehrslenkung oder Straßenbeleuchtung. Je intelligenter die öffentliche Infrastruktur ist, desto weniger muss ich im privaten Umfeld investieren. Wir müssen hier groß denken.

Die Telekom hat Showrooms eingerichtet und Anwendungsszenarien erstellt. Was erforschen Sie dort und welche Erkenntnisse konnten Sie daraus gewinnen?

In Bonn betreibt das Designteam die „Telekom Design Gallery“. Das ist das Zukunfts- und Innovationsforum des Konzerns zur „vernetzten Zukunft“. Es basiert unter anderem auf Hunderten von Use Cases. In der Gallery werden die technischen Möglichkeiten exemplarisch am Alltag der Menschen aufgezeigt. Hier geht es um die interaktive Mediennutzung zu Hause, aber auch um Themen wie Virtual Reality und Industrie 4.0.

Wir zeigen in der Design Gallery auch viele Anwendungen der Zukunft im Bereich Smart Home: Ein vernetztes Zuhause muss die Küche, den Garten, die Art und Weise, wie Lebensmittel angebaut und gelagert werden, einbeziehen. Da lässt sich vieles digital unterstützen. Die Ansprüche sind gestiegen in Richtung digital steuerbare Medien oder Lichtstimmungen. Und sie werden wachsen und sich zudem auf weitere Umgebungen wie das Auto oder den öffentlichen Nahverkehr ausdehnen. So könnte ich mir etwa vorstellen, dass Menschen sich die Wartezeit an einer Bushaltestelle mit gemeinsamen Computerspielen vertreiben. Oder die Wegführung in einer Stadt lässt sich digital unterstützen. Oder persönliche Arbeitsinhalte werden auf Displays in Straßenbahnen und Zügen aufgespielt. Oder es gibt digitales statt physisches Graffiti auf öffentlichen Display-Wänden.

An welchen Stellen und im häuslichen Umfeld muss man auf die Gefahr hinweisen, dass die Inhalte gehackt werden? Wie steht es um die Datensicherheit?

Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern existieren in Deutschland hohe Datenschutzauflagen. In Sachen Datensicherheit ist die Telekom als Cloud-Anbieter gut aufgestellt, besser als die meisten US-Anbieter. Wir müssen aber in der Diskussion um die Datensicherheit die gesamte Infrastruktur berücksichtigen. Die Investitionen in die IT-Sicherheit werden steigen. Das bezieht die private und Unternehmensinfrastruktur mit ein. Die Vernetzung und die Leistungsfähigkeit der Netze werden zunehmen. Aber eines dürfen Sie nicht vergessen: Bei den meisten Menschen überwiegen derzeit die Ansprüche an Komfort und Bequemlichkeit der Bedienung. Sind diese erfüllt, treten Gedanken an die Risiken oft in den Hintergrund.


Philipp Thesen

ist als Senior Vice President Design bei der Deutschen Telekom verantwortlich für die Gestaltung aller Produkte, Interaktiven Experiences, die Designstrategie sowie die weltweite Umsetzung und Implementierung von Designprinzipien; zudem für die Grundlagen von Design Thinking.