Vitra Design Museum, Weil am Rhein

Mateo Kries

Das Vitra Design Museum als Ausstellungsmaschine der Zukunft. Ein Blick auf den spannenden Ausstellungsparcours in Weil am Rhein und ein Gespräch mit dem Museumsdirektor Mateo Kries.

Autor Oliver Herwig

Wer Eames sagt, erhält Design gleich im Doppelpack, genauer: Das geniale Gestalterpaar Ray und Charles Eames, die mit ihrer leichtfüßigen, experimentellen Art den Lauf des Nachkriegsdesigns entscheidend prägten.

Wenn aber Vitra Eames sagt, gibt es Design gleich vierfach: Als wunderbare Eames Celebration. Da wäre die umfassende Museumsausstellung‚Charles & Ray Eames. The Power of Design‘, die spielerische ‚Play Parade. Eine Eames-Ausstellung für Kinder‘ in der Gallery, dazu Hintergründiges mit ‚Kazam! Die Möbelexperimente von Charles & Ray Eames‘ im Schaudepot sowie ein filmisches Begleitprogramm: ‚Ideas and Information‘ – eine Auswahl der rund 100 Eames’-Filme im legendären Hadid-Feuerwehrhaus.

Vier Locations, vier Atmosphären, vier Zugänge zum vielfältigen Werk der amerikanischen Designer, die sich im Laufe eines Rundgangs wechselseitig verstärken und durchdringen.

Das braucht natürlich Zeit, macht aber höllisch Spaß. Wo lässt sich schon das Werk von Gestaltern so zwanglos erwandern?

Auf der Website des Hauses heißt es dazu ebenso selbstbewusst wie lakonisch: „Pünktlich zum 110. Geburtstag von Charles Eames wird auch die Sammlung des Eames Office in ihrer ganzen Breite vorgestellt. Diese befindet sich seit 1988 im Vitra Design Museum und umfasst sämtliche Prototypen und Entwicklungsmodelle der Eames’.“ Hier wurden also eigene Schätze gehoben und klug in die am Barbican Centre London konzipierte Schau eingebunden – eine Strategie des Hauses, die seit Jahren Früchte trägt.

Nehmen wir das Segment im Schaudepot, das sich als vorzüglicher Ausstellungsort erweist. Man spaziert an der Kasse vorbei in eine lichte Halle, in der die Entwicklung des modernen Sitzens zum Greifen nahe vorgeführt wird. Modelle über Modelle reihen sich zu einer Abfolge von Form- und Materialexperimenten der letzten 200 Jahre. Und mittendrin, auf niedrigen Podesten, die Arbeiten der Eames’; ihre Schau ist eine reine Freude, nicht nur für Freunde ihrer Materialexperimente in Sperrholz und Fiberglas. Wer davon ausgeht, dass Design und Innovation untrennbar verbunden sind, hier ist der Beweis. All die Drehgestelle und Modelle, die da in Werkstattatmosphäre vor einem liegen, die Reihen und Irrwege vermitteln einen Einblick in das Kreativuniversum von Charles & Ray Eames, die sich in den kleinsten Kleinigkeiten verzetteln konnten und doch das große Ganze in den Blick nahmen: Drucksachen, Werbefotos und Filme gehörten ebenso dazu wie Häuser und Ausstellungsobjekte.

Mediale Expansion

Insgesamt bieten das Vitra Design Museum und die Kuratorin Jolanthe Kugler in über 500 Exponaten einen faszinierenden Überblick über das Werk des Paars – wie sie sich die Bälle zuspielten und sich ihr Blick auf die Welt und ihre spezifischen Herausforderungen entwickelte.

In drei Jahrzehnten gemeinsamer Arbeit vermittelte sich eine symbiotische Beziehung: von ihrer ersten Begegnung 1940 an der Cranbrook Academy of Art in Michigan, der schnellen Heirat zum legendären Eames Office in Venice und ihrer rastlosen Suche nach Ausdrucksmöglichkeiten zwischen Produktdesign und Mediengestaltung. Arbeit und Leben verwirbeln mitunter, wenn die beiden sich als beschleunigte Werbefiguren ihrer eigenen Zunft in Szene setzen und 1946 auf dem Velocette-Motorrad in die Zukunft jagen: Charles Ormond Eames, der mit Pfeife im Mundwinkel durchaus Bond abgeben könnte und Bernice Alexandra „Ray“ Kaiser Eames mit hochgestecktem Haar und Hand am Lenkrad.

Sie nahmen, was sie kriegten und machten daraus ihr Ding – oder sollte man sagen: unser Ding? Charles und Ray übertrugen ergonomische Erkenntnisse militärischer Beinschienen auf Möbelentwürfe.

Wer die ‚Wire Series‘ aus Drahtgitter sieht, die ‚Aluminium-Group‘-Möbel oder den legendären ‚Lounge Chair‘, erkennt, wie stark die beiden unseren Geschmack prägten. Dabei vergisst man leicht, dass ihre ikonischen Stücke in einer relativ kurzen Zeit entstanden, bevor sich das Interesse der Eames vollends der medialen Auseinandersetzung mit unserer Welt zuwandte. Hier beginnt der Teil, der wirklich Neues bietet.

Es scheint, als hätten die Eames’ eine Devise von Marshall McLuhan aufgegriffen: „Statt sich in eine Ecke zu verkriechen und darüber zu jammern, was die Medien mit uns anstellen, sollte man zur Attacke blasen und ihnen in die Elektroden treten.“

Es ist erstaunlich, was das Designerpaar hier wagte und teils dilettierend Geniales schuf, darunter eine der ersten Multimedia-Installationen überhaupt: „Glimpses of the USA“ flimmerte 1959 auf sieben Großleinwänden über die American National Exhibition in Moskau – und war damit Teil des Propagandakrieges zwischen den Weltmächten.

Es fällt schwer, angesichts dieser Überwältigungsästhetik nicht wieder an McLuhan zu denken: „Der Dritte Weltkrieg. Ein TV-Guerilla-Krieg ohne Unterschied zwischen militärischer und ziviler Front.“ Dass die Eames’ fasziniert waren von den medialen Möglichkeiten der Sechzigerjahre, steht außer Frage. Es wäre wirklich spannend zu sehen, wie sie ihre Ausstellung „A Computer Perspective“ von 1971 ins Hier und Heute verlängern würden.

Eine Ausstellungsmaschine

Wenn man so durch die Ausstellung geht und die Klischees im Kopf hat: Die Künstlerin mit ihrem untrüglichen Gespür für Farben und der (abgebrochene) Architekt, der Konstrukteur, etwas, das die Doku „Eames: The Architect & The Painter“ von 2011 in den Vordergrund stellte, so zeigt sich, dass die ikonische Vermählung von Kunst und Industrie geradezu paradigmatisch vonstatten ging: Von Möbeln und Räumen zur Pop-Ikone kreativer Verschmelzung.

Es steht außer Frage: Das Vitra Design Museum ist eine brummende Ausstellungsmaschine, und Mateo Kries ist der Maschinist.

Er möchte zeigen, dass Gestaltung eben doch kein Nischenthema ist, sondern gesellschaftlich relevant.

Oder, wie er es selbst formuliert. Seine Mission: „Möglichst vielen Menschen ein kritisches Bewusstsein für die Bedeutung von Design und Architektur in ihrem eigenen Lebensumfeld zu vermitteln.“ Wie das funktioniert, zeigte die Ausstellung ‚Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft‘, die im Herbst 2017 nicht nur in den Feuilletons für Jubel sorgte: relevantes Thema, klug aufbereitet und präsentiert. Oder ‚Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine‘ im Frühjahr 2017. Kein schlechtes Timing, wenn man weiß, dass Ausstellungen schon mal einige Jahre Vorlaufzeit benötigen. Neben dieser sofort einsehbaren gesellschaftlichen Dimension sind es dezidierte Design-Ausstellungen wie zum Monobloc oder Dieter Rams, die dafür sorgen, dass der Museumskomplex seinen Namen zu Recht trägt. „Überzeugungskraft, die aus guten und unkonventionellen Ideen resultiert“, ist für Kries die wichtigste Charaktereigenschaft eines modernen Ausstellungsmachers beziehungsweise Direktors. Er ist 1974 in Müllheim/Baden geboren und seit über 20 Jahren im Hause tätig.

Die Aura des Objekts

Bis zu acht Ausstellungen im Jahr, dazu Dutzende von Begleitveranstaltungen und Talks, das verlangt schon eine ausgefeilte Logistik. Der Erfolg gibt ihm Recht. So kann er auf die Frage nach den Besucherzahlen auch lässig antworten: „Die interessieren mich nicht.“ Was ihn dafür an Design interessiert, sagt er sofort: „Dass es sich an der Realität messen lassen muss und unsere Gesellschaft widerspiegelt – ihre Brüche, ihre Entwicklung, ihre Werte.“

Berührungsängste kennt Kries nicht, auch nicht zu problematischen Bezeichnungen wie „angewandte Kunst“. „Völlig in Ordnung“, sagt er, aber „Kunsthandwerk ist mir lieber. Heute wirken diese Begriffe etwas aus der Zeit gefallen, aber mit neuen Technologien ist die strenge Trennung von Handwerk, Kunsthandwerk und Design, wie sie um 20. Jahrhundert propagiert wurde, ohnehin kaum noch aufrechtzuerhalten.

Da gewinnen auch die Begriffe Kunsthandwerk und eben angewandte Kunst neue Bedeutung.“ Im Gespräch nennt Kries zwei Ziele, die ihm wichtig sind: „anschaulich sein“ und dem Objekt eine wichtige Rolle zugestehen. Das klingt auf den ersten Blick etwas seltsam, in Zeiten, die Produktdesign durch Interaction Design ersetzen und von User Experience schwärmen.

Doch Kries, der Anfang des Jahrtausends das Vitra Design Museum Berlin aufbaute und seit 2011 das große Ganze zusammen mit Marc Zehntner leitet, schließt kein Medium aus, zeigt aber, dass in einer Welt der digitalen Standards das Greifbare an Bedeutung gewinnt. Nicht nur das. Die Sammlung, jahrelang von vielen Häusern als eher lästiges Übel in einer Welt der permanenten Sonder- und Wechselausstellung betrachtet, kehrt mit Wucht zurück.

Sie ist ein Asset, ein Verhandlungsgut ohnehin. Kries aktiviert die Sammlung, formt aus ihr Ausstellungen, die er auf Wanderschaft schickt. In den letzten Jahren zählten dazu das Designmuseum London, Guggenheim Museum Bilbao, Louisiana Museum, High Museum of Art in Atlanta, Designmuseum Barcelona oder das Moderna Museet Stockholm.

So rentieren sie sich und so vervielfältigt sich die Reichweite des eigenen Hauses. „Sicherlich werden mehr Medien in Ausstellungen auftauchen, aber das Besondere an einem Museum wird die Präsenz des Originals bleiben. Eines Objekts oder eines Werkes mit einer eigenen Aura und seiner physischen Präsenz. Wir merken jeden Tag, wie wichtig das die Besucher gerade im Zeitalter des Virtuellen finden“, sagt Kries.

Was ihn daran persönlich interessiert? „Der neue Blick auf Bekanntes“. Das hat Kries in seiner Zeit als Kurator ausführlich gepflegt, etwa mit der Schau zu Rudolf Steiner und seiner ‚Alchemie des Alltags‘. Der Hype um den Kurator sei nicht vorbei, gibt Kries zu, aber die Präsentationsformen änderten sich durch das Internet. Neben die monographischen Ausstellungen und die komplexeren Themenausstellungen treten zunehmend freiere Formen und Cross-Over-Veranstaltungen, die Gestaltung aus möglichst vielfältigen Winkeln beleuchten.

Dass er dabei keine Begrenzungen kennt, zeigen die ihm wichtigsten Projekte für 2018. Die beiden Hauptausstellungen ‚Night Fever. Design und Clubkultur 1960 – heute‘ sowie ‚Victor Papanek. The Politics of Design‘ spannen den ganzen Kosmos auf, für den Vitra und Kries stehen: Gestaltung, hier und heute.

Vitra Design Museum

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