Museum beim Markt, Karlsruhe

Heidrun Jecht

Das Karlsruher Museum beim Markt setzt auf die Kraft der Objekte. Kuratorin Heidrun Jecht hat sich dafür entschieden, regionale Besonderheiten herauszustellen. Insbesondere Arbeiten aus dem Umfeld der Karlsruher Hochschule für Gestaltung.

Autor Oliver Herwig

Zentraler geht es nicht mehr in Karlsruhe. Mitten im Zentrum. Das Museum beim Markt ist dennoch leicht zu übersehen. Eine stählerne Tür, ein Schriftzug, sonst nichts. Für Freunde guter Gestaltung gibt es aber reichlich zu entdecken: Das Licht ist gedämpft, der Raum übervoll. Hier blitzt eine Jugendstilvase auf, dort steht ein geschwungenes Möbel. Wir stehen an der Schwelle des Zwanzigsten Jahrhunderts. Der Historismus verabschiedet sich – und aus seinen Hinterlassenschaften formt sich ein neuer Geist, eine neue Haltung zu bildender Kunst und Handwerk. Genau hier hat Karlsruhe seinen Schwerpunkt. Die Sammlung Jugendstil unter Kuratorin Flawia Figiel fängt die Breite der Bewegung ein und bringt Bekanntes gekonnt mit Referenzstücken des Badischen Jugendstils in Verbindung.

Die Präsentation ist klassisch: Epochenräume und ergänzende Vitrinen für Glas, Keramik und Schmuck. Der vormalige Direktor, Ernst Petratsch, hatte ein gutes Auge für Jugendstil und Wiener Werkstätte. Ausgehend von Stücken wie der bekannten Tischleuchte „Loi Fuller“ folgt die Ausstellung chronologisch den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und wartet immer wieder mit besonderen Stücken auf, etwa dem scheußlich-schönen Sideboard von Jacques-Émile Ruhlmann, dessen Intarsien in Amboinaholz und Elfenbein einen Eindruck von der Prunkentfaltung der Zwanzigerjahre vermitteln. Möbelkünstler wie Ruhlmann schlugen damit eine Brücke zu französischen Ebenisten des 18. Jahrhunderts, was mindestens so interessant ist wie der damit mögliche Einblick auf die stark historisch geprägte Sammlungsgenese des Hauses.

Neumodische Massenware, vulgo: Design schält sich erst spät aus dem Strom des Kunsthandwerks heraus. Oder sollte man angewandte Kunst dazu sagen? „Einen reibungslos funktionierenden Gegenstand zu entwerfen, der gleichermaßen hohe Qualitäten in Form, Material und Haptik aufweist, ist wahrlich eine Kunst“, sagt Kuratorin Heidrun Jecht. „In diesem Sinne ist eine Gestaltung, welche die Nutzbarkeit einschließt, mit ‚Angewandte Kunst‘ gut beschrieben.“

In einer langsamen Bewegung wird auf über 1600 m² so Gestaltung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts gezeigt – von der Jugendstilsammlung und Wiener Werkstätte, über Art déco, De Stijl und Bauhaus. In diesem Umfeld trifft man relativ unvermittelt auf Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche, und zwar nicht das ikonische Kochlabor, sondern auf eine Vorgängerin der Einbauküche von 1926. Lihotzky stellte damals mit ihren Studien zur „Rationalisierung der Hauswirtschaft“ völlig neue Referenzen für die Gestaltung auf. Nicht mehr der bürgerliche Haushalt diente als Vorbild, sondern die effiziente Speisewagenküche, in der es möglich war, 100 Personen auf gerade 1,83 mal 1,95 Metern mit einem mehrgängigen Menü zu versorgen. Hier wäre es außerordentlich spannend gewesen, auf Parallelentwicklungen wie etwa Christine Fredericks „The new housekeeping. Efficiency studies in home management“ zu verweisen und auf die enorm soziale Komponente des „Roten Frankfurts“.

Objekte im Mittelpunkt

Das Museum beim Markt ist zweigeteilt. Unten finden Wechselausstellungen statt und Vorträge. Oben befinden sich die Sammlungen. Schon beim ersten Rundgang wird deutlich, dass diese Räume nur schwer als Museum taugen, eine Einschätzung, die bereits 1992 im ersten Sammlungskatalog durchklingt: „Der Umbau der winkligen, mit zahlreichen Einbauten und technischen Installationen verstellten Druckereigebäude erwies sich als außerordentlich schwierig.“ Die Kuratoren versuchen dennoch, dieses Gebäude würdig zu bespielen. Mit Erfolg.

2017 kamen Schloss, Museum in der Majolika und Museum beim Markt auf 175 322 Besucher, zusammen mit dem Zweigmuseum Bruchsal hatte das Badische Landesmuseum 289 394 Besucherinnen und Besucher. Zur Eröffnung des Museums am Markt 1993 erklärte Harald Siebenmorgen, bis 2014 Direktor des Badischen Landesmuseums, das Haus könne erstmals „seine Sammlungen zu Kunsthandwerk und Design nach 1945 bis zur Gegenwart ständig präsentieren.“

Und zu Ausrichtung und Intention fügte er hinzu: „So will das neue Museum beim Markt etwas erzählen vom Leben, von den Ängsten und Hoffnungen unseres Jahrhunderts, von seinen Utopien und Katstrophen, von der Zeitgeschichte, die nie ausgeblendet bleiben darf, und deren vorausschauender oder reagierender Bearbeitung in der bildenden Kunst.“ Das trifft sehr gut den Eindruck, den Besucher auf dem Sammlungsgeschoss mitnehmen: Es geht um das Werden großer Stücke – und nicht um ihren gesellschaftlichen Prozess oder Innovationen in Material und Technik – Fragestellungen, die im Haupthaus längst Eingang in die Präsentation gefunden haben und hier, am Karlsruher Marktplatz, aus Platzmangel in einem gefühlten Provisorium (noch) nicht realisiert werden konnten. So bleibt der Rundgang durch die Designgeschichte „vom Funktionalismus, über die Pop-Art, die Memphis-Bewegung bis hin zu aktuellen Designzeugnissen“ (Website) ein Stafettenlauf der großen Namen.

Ein neuer Weg

Doch halt, hier hat Kuratorin Heidrun Jecht einen neuen, absolut richtigen Weg eingeschlagen. Statt die allseits bekannte Designgeschichte um weitere Größen zu verlängern, also mehr Eames, mehr Jasper Morrison, Fernando und Umberto Campana oder Konstantin Grcic (die sind ja durchaus da!), setzt Heidrun Jecht auf die spezifische Karlsruher Entwicklung der Hochschule für Gestaltung und die dort gepflegte künstlerische Linie im Design. Jecht, die „Begeisterung für das jeweilige Thema der nächsten Ausstellung und Freude an den Objekten“ als die wichtigsten Eigenschaften einer Kuratorin versteht, möchte das „Eigene betonen“ und zeigt Stücke der bis 2018 dort Lehrenden (Hansjerg Maier-Aichen, Stefan Diez, Volker Albus, Bless) und ihrer Studierenden wie Philipp Scholz mit seiner Mehrfachsteckdose in Form eines Besens (2008) oder Yvonne Fehling und Jennie Peiz mit ihrer „Stuhlhockerbank“ (2009), die mehrere Stühle zu einer Sitzlandschaft verschmilzt.

Sie alle zählen zur HfG-Kollektion „kkaarrlls“ Es ist natürlich völlig richtig, hier eigene Schwerpunkte zu setzen und das Besondere, das Einmalige des Ortes herauszukehren. Niemand fährt wegen eines Eames-Chairs nach Karlsruhe, schon eher, um Jugendstil zu sehen oder „kkaarrlls“. Die umtriebige Ausstellungsmacherin ist überzeugt: „Design muss heute mehr leisten als Produkten eine schöne Form zu verleihen. Denn Designer sind Verantwortungsträger für unsere Zukunft.“ Und diesem „guten Design“ will Heidrun Jecht Raum geben. Ihre Definition: „Gutes Design berücksichtigt neben Formschönheit und anwenderfreundlicher Nutzbarkeit zusätzlich die drängenden Aspekte der jeweiligen Zeit, seien es gesellschaftliche oder ökologische. Denn unsere Gesellschaft, Umwelt und Verhaltensweisen wandeln sich ständig, und das Design muss darauf reagieren.“

Design kann nicht länger nur auf den kunsthistorischen Sockel gehoben werden, es muss in seiner Querschnittaufgabe zwischen Gesellschaft, Technologie, Wirtschaft und Kunst in einem Gebrauchskontext gezeigt werden. Dazu meint Jecht, das „originale Objekt“ bliebe für sie „weiterhin wichtigstes Element auch in zukünftigen Präsentationen. Dieses gilt es zu unterfüttern mit verschiedensten Informationen, jedoch ohne den Besucher zu überfrachten mit Hintergrundinformationen. Schließlich soll er das dreidimensionale Sehen und Erleben eines Objektes nicht vergessen.“ Sicher, aber wo bleiben die Medien? Da muss Heidrun Jecht lächeln: Digitales böte sicherlich viele Vorteile, doch müsse auch das „reibungslose Funktionieren gewährleistet sein“.

Analoge Angebote

Daher sollte auch immer eine Grundinformation in analoger Form angeboten werden. „Aber an erster Stelle soll immer noch das Objekt stehen, das dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.“ Diesen Ansatz mag man klassisch nennen oder konservativ – er spricht eine Wahrheit aus. Noch geht es tatsächlich um Dingwelten – das könnte sich mit UX und Augmented oder gar Virtual Reality ändern. Dann geht es womöglich um die Frage, wie man Dinge begreifbar macht, die nichts anderes sind als Pixelwolken und Augenkitzel.

In Karlsruhe kommt das an. Bei #Waldschwarzschön – Black forest remixed, letztjähriger Auftakt zu der ausschließlich aus eigenem Bestand bestückten neuen Ausstellungsserie im Museum beim Markt – erinnert sich Heidrun Jecht an einige der 13 822 Besucherinnen und Besucher, die „einfach Freude an den schönen Objekten hatten, die wir in großzügiger, lichter Atmosphäre und textlich relativ knapp begleitet präsentierten.“ Zu sehen waren 60 Objekte: Neuinterpretationen der Schwarzwald-Traditionen und des Kunsthandwerks.

Nun folgt der 2017 ins Leben gerufene Südwestdeutsche Keramikpreis, der künftig alle drei Jahre in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ausgeschrieben werden soll. Mit ihm soll das keramische Schaffen im Südwesten der Bundesrepublik gefördert und „ausgezeichnete keramische Positionen national und international positioniert werden.“ Den Anfang machen Stephanie Marie Roos (Hauptpreis) und Kiho Kang. Eine ausgezeichnete Gelegenheit, das Museum mit seinen Beständen zu erkunden, bevor es im Januar 2019 in den Winterschlaf geht und erst wieder mit der neuen Sonderausstellung im Mai 2019 öffnet.

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Mateo Kries