Gewerbemuseum Winterthur

Susanna Kumschick und Markus Rigert

Susanna Kumschick und Markus Rigert leiten gemeinsam das Gewerbemuseum Winterthur. Mit ihren vielfältigen Ausstellungen zeigen sie, wie sich Gestaltung publikumswirksam vermitteln lässt.

Autor Oliver Herwig

Von der geschäftigen Marktgasse geht es rechts scharf in die obere Marktgasse. Stille. Nach wenigen Schritten öffnet sich der Kirchplatz wie eine Filmkulisse: sauber gesetzte Pflastersteine, enge Giebel, Kastanien und Bänke. Pärchen und Rentner, die Handys fest in der Hand. Den Platz beherrscht die gotische Stadtkirche mit ihren Zwillingstürmen. Gegenüber steht das Gewerbemuseum Winterthur, eine ehemalige Mädchenschule, die 1928 umgewidmet wurde und Platz machte für Errungenschaften einer Region von Unternehmern.

Kunstgewerbe umfasste damals alle Formen von Textilarbeiten, Metallwaren, Keramik, Holz- und Lederwaren aber auch die jeweils modernsten technischen Maschinen. Der Eingang ist erhebend. Im Zickzack läuft eine Rollstuhlrampe über die grauen Stufen hinauf zu Café und Kasse. Dahinter liegt die Verwaltung, die Fenster weit zum Kirchplatz geöffnet. Ein Schlauch von einem Büro – und doch irgendwie gemütlich.

Susanna Kumschick und Markus Rigert teilen sich den Raum. Sie leiten das Gewerbemuseum Winterthur. In echter Teamarbeit. „Wir teilen uns Projekte zu, also die Hauptverantwortung für sie“, erklärt Rigert. „Susanna macht jetzt die Ausstellung Cupboard Love, und ich war zuständig für die Fahrradausstellung.“ Die Schau „Bike, Design, City“ zeigte in der Velo-begeisterten Schweiz, wie Design und Stadtplanung zusammenwirken: vom Rennrad zum Cargobike und Klapprädern. Das Gewerbemuseum wurde förmlich überrannt.

Im Gewerbemuseum das Haptische zeigen

Die Kunst besteht darin, die richtige Mischung zu finden zwischen klassischen Designthemen und scheinbar abseitigen, die ihrerseits direkt ins Zentrum von Gestaltung führen, indem sie Fragen aufwerfen wie: Ist das Kunst? Oder hat das einen Zweck?

Kumschick und Rigert müssen viel organisieren. Im Gewerbemuseum arbeiten 16 Angestellte, die sich wiederum zehn Vollzeitstellen teilen. Wie funktioniert ein solcher Betrieb? Die beiden lächeln und holen Luft. „Das hält uns agil. Wir funktionieren nur im Team.“ Natürlich gebe es Schwerpunkte und Vorlieben: Kumschick übernimmt mehr Öffentlichkeitsarbeit und Rigert Finanzen und Technik. Das hat mit ihrem komplementären Hintergrund zu tun. Sie studierte Ethnologie und Kulturgeschichte, ihr Kollege „kommt eigentlich aus dem Bereich Architektur“ und studierte an der Kunsthochschule für Gestaltung. „Wir ergänzen uns“, sagt Kumschick, „das sieht man auch an den Ausstellungsthemen.“ Diese spannen ein breites Spektrum auf zwischen kulturgeschichtlichen und technischen Themen. „Markus ist ein Macher, praktisch orientiert und innovativ, auch was Gestaltung anbelangt, weil er oft die Szenografie übernimmt. Und großzügig – ich glaube, das ist eine wichtige Eigenschaft, wenn man in einer Co-Leitung arbeitet.“

Eine solche Zusammenarbeit kann nur gelingen, da Kumschick und Rigert ständig im Gespräch sind über das Haus und sich zugleich Freiraum geben, ihre Herzensprojekte zu verfolgen, und zwar „inhaltlich sehr selbstständig.“

In der Tat zeigt das Modell einer gemeinsamen Leitung, wie sich unterschiedliche Temperamente, Vorlieben und Stärken zu etwas verbinden, das über die Kräfte einer einzelnen Person hinausgeht. Rigert wendet sich an seine Kollegin: „Du bringst Themen ins Haus, die ich nicht nur toll finde, sondern die ich gar nicht bearbeiten würde. Es sind für mich immer Entdeckungen, diese Ausstellungen.“

Entdeckungen ist ein gutes Stichwort. Denn das klassizistische Haus im Herzen der Altstadt würde es nicht vermuten lassen. Aber die beiden Co-Leiter testen seit Jahren, was ein Ausstellungshaus in den Zeiten von Internet und sozialen Netzwerken bieten muss und wie es seine Stärken am besten ausspielt: Ein Gewerbemuseum von heute zu leiten, heißt Dinge nicht nur auf den Sockel zu stellen, sondern begreifbar zu machen.

Hands on, lautet die Devise der beiden Ausstellungsmacher, die Technik und Kulturgeschichte verweben. „Wir versuchen, Themen hineinzunehmen, die sich an den Rändern bewegen“, sagt Kumschick. Fragen nach Haut, Leder oder Tattoo. Zu sehen waren 2015 etwa Arbeiten des Wiener Fotografen Klaus Pichler, der sich den Menschen widmete, die sich im Gefängnis hatten tätowieren lassen. Manche hätten schon gedacht, was da jetzt für ein Publikum komme, erinnert sich Rigert. „Die Ausstellung hat erkennbar ein anderes Publikum ins Haus gebracht als etwa die Fahrrad-Ausstellung.“ Seine Kollegin wirft ein: „Eine meiner Einsichten war, dass wir mit dieser Ausstellung eine uralte Aufgabe dieser Art Museen erfüllen: nämlich eine Art ästhetischen Bildungsauftrag. Es geht darum, das Beurteilen zu lernen. In diesem Fall was wirklich gute Tätowierungen sind.“

Gestaltung stellt eben immer auch die Frage nach Qualität. Das Programm des Winterthurer Gewerbemuseums ist geprägt durch Vielfalt und überraschende Perspektivwechsel. Es ginge immer um eine kluge Mischung, um Themen, welche die lokale Bevölkerung einbeziehen und trotzdem über den Stadtrand hinauswirken: national oder sogar international zu funktionieren, erklären die beiden Co-Leiter. „Wir werden uns in Zukunft sowieso noch mehr mit diesen verschiedenen, teils auch abgegrenzten Zielgruppen beschäftigen müssen, das ist ein großes Thema für Museen“, sagt Kumschick. Sie räumt durchaus ein, dass ein vielfältiges Programm durchaus seine Schwierigkeiten mit sich bringt. Es gelte, das treue Kernpublikum nicht zu verprellen und zugleich immer wieder Angebote an neue Gruppen zu formulieren. Ihre Konsequenz daraus: „Wenn wir ein jüngeres Publikum im Haus haben wollen, oder ans Haus binden wollen und nicht nur Schulen, müssen wir aktiver sein.“

Dabei denkt sie an die sogenannte Generation Z, also die nach 1990 Geborenen, die sich selbstverständlich in sozialen Medien bewegen. „Mittlerweile muss man ein virtuelles Museum bespielen, was immer das ist“, sagt sie, „ohne zu denken, dass dann alles in diesem virtuellen Raum stattfindet.“ Das wäre nicht das Ziel, ergänzt Rigert. Wieder sind die beiden einer Meinung. „Also müssen wir eine andere Form von Interaktion bieten und eben auch dieses Sinnliche, Reale vermitteln. Diese Tendenz ist überall sichtbar.“ Ganz klar steht das Haptische im Zentrum. Rigert bleibt skeptisch: „Einfach Technologie per se als etwas Gutes zu sehen für ein Museum, halte ich für falsch. Im Gegenteil, manchmal zerstört ein Budget für technische Ausstattung gewisse Atmosphären eines Museums.“

Zur Atmosphäre Winterthurs gehört ein Garten, in dem man sich wie auf dem Lande fühlt. Helle Ausstellungsbereiche über alle Etagen. Und kluge Tafeltexte. Erkennbar wird: Die Ausstellungsmacher wollen Zusammenhänge aufzeigen. Bereits 2005 hatten sie eine Schau mit dem Titel Design-Prozess. „Der Gestaltungshintergrund ist ein Rückgrat geworden“, sagt Markus Rigert: „Material, Farbe, Licht, Raum – all diese Themen wollen wir grundlegend anschauen.“ Also die eigentliche Basis für Gestaltung ins Licht bringen.

Prozesse sichtbar machen

Die Ausstellung „Woodloop“ zeigte hingegen Verfahren zur Holzverarbeitung, zum Holzbiegen. Selbstverständlich bleibt es nicht bei einer technischen Materialschau. Dazu kommen immer kulturgeschichtliche Aspekte – Dinge in direkter Anschauung. „Das ist schließlich eine der Grundaufgaben und Stärken von Museen: Originale zu zeigen, die mit dem Sinnlichen, Haptischen zu tun haben“, sagt Kumschick. „Und das betonen wir natürlich, weil schlussendlich die Frage lautet, warum sollen Menschen überhaupt zu uns kommen sollen, wenn sie alles auf Google finden? Wir müssen schon was bieten, das uns von Google unterscheidet.“

Wer heute also nach den Gründen fragt, warum man (als Gestalter) ins Museum gehen soll, fragt indirekt nach den Besonderheiten des Hauses. In Winterthur ist es nicht etwa das schön gelegene Gebäude, der lauschige Garten und das vorzügliche Eis des Restaurants, sondern eine ganz besondere Sammlung unter dem Dach: Das umfangreiche Materialarchiv, das den Zusammenhängen von Material und Produkt nachspürt. Wissen wird hier nicht einfach ausgestellt, Wissen wird hier erarbeitet.

„Das unterscheidet uns ein wenig von anderen Häusern“, sagt Rigert und zückt ein Stück Holz. Zu glatt für Fichte, zu wenig gemasert für Eiche und zu hell für Walnuss. Was ist es also? Rigert legt es auf eine quadratische Auflage neben einem Monitor. „Materialmuster hier hinlegen“, steht neben dem Feld. Und auf dem Bildschirm erscheint: „Stechpalme“. Genauer: „Europäische oder Gemeine Stechpalme“, dazu eine kurze Information zu Einordnung und Herkunft. RFID macht es möglich.

Geniales Materialarchiv im Gewerbemuseum

In alle Proben des Materialarchivs eingelassen sind Transponder, die von Lesegeräten erkannt werden, sodass zur haptischen Erfahrung die genaue Beschreibung des Materials kommt: „Stechpalmenholz ist feinfaserig, hart, dicht und zäh.

Das schlichte, helle Holz ist im Geruch unauffällig“, erfahren die Besucher da, dass es sich gut von Hand wie maschinell bearbeiten lässt und dass es hohe „Oberflächengüte“ erzielen kann. Dazu kommt ein Hinweis: „Die Werkzeuge sollten wegen des unregelmäßigen Faserverlaufs scharf gehalten werden.“ Nun könnte man ein Stück Fichtenholz danebenlegen und beide Einträge vergleichen. Das Materialarchiv des Hauses ist nichts weniger als ein „interaktives Labor für Materialrecherchen.“

Sie besteht aus weit über 1000 Mustern: Farbpigmente, Glas, Gesteine, Holz, Metall, Papier, Kunststoff, Keramik, Textilien oder auch Leder, einer Online-Datenbank und einer Bibliothek. Den Machern schwebte „eine Art dreidimensionales Lehrbuch“ vor: Statt spröder Informationsvermittlung steht zielgruppengerechtes Hintergrundwissen auf dem Programm. Und das so anschaulich wie möglich. Verstehen lässt sich so handgreiflich erwerben, und das auf allen Stufen. Die Kuratoren sprechen von „vergnüglichem Lernen“ und einem „Ort des Stöberns, Rätselns, Forschens und Entdeckens.“

Genau das ist es. Vom ersten Begreifen als Schüler über berufliche Informationsvermittlung bis hin zu interessierten Bürgern, die sich einfach mal einlassen wollen auf die „unendliche Vielfalt der Materialwelten.“ Natürlich geht es nicht nur um einen umfassenden Katalog. Sondern vor allem um den Umgang mit den Ausgangsmaterialien. In Ausziehschüben und Fächern sind Schritt für Schritt einzelne Verarbeitungstechniken und Herstellungsabläufe erklärt. Das 2009 angelegte und 2016 völlig überarbeitete Materialarchiv ist eine Gemeinschaftsleistung von acht Institutionen und Forschungseinrichtungen (u. a.: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, Hochschule Luzern – Technik & Architektur, Zürcher Hochschule der Künste) und zugleich ein Langzeitprojekt.

Zur Installation im Museum und der Online-Datenbank gibt es Workshops für Schulen und „verschiedene Begleithefte für Lernende aller Altersstufen“ samt Anregungen für Lehrpersonen für den selbstständigen Besuch mit der Klasse.

Hier schließt sich der Kreis: Wenn Dinge zum Sprechen gebracht werden, verwandeln sich Museen in Orte der Begegnung, der Kommunikation. „Eine Ausstellung ist eigentlich erst dann eine gute Ausstellung, wenn man sieht, wie sich Menschen darin bewegen“, sagen sie fast unisono. Irgendwie beruhigend, wenn trotz aller Objekte hier der Mensch im Mittelpunkt steht.

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