Zehn Fragen an

Corinna Rösner

Nach über 25 Jahren als Stellvertretende Direktorin an der Neuen Sammlung geht die Landeskonservatorin Dr. Corinna Rösner am 1. September in den Ruhestand. Zehn Fragen zum Sammeln und Ausstellen sowie zum wechselnden Begriff von Design.

Frau Rösner, wenn Sie zurückblicken: Vor 25 Jahren gab es nur Fax und Brief, exklusives Flugreisen und das obligatorische Auto. Was hat sich wirklich verändert für Designer in dieser Zeit?

Corinna Rösner: Nehmen wir 1990, als ich als Konservatorin angefangen habe: Wir hatten keine Mobiltelefone, und ein Computer wurde im Museum noch nicht genutzt. Unsere ersten E-Mails habe ich zuhause von meinem privaten PC versandt; das war erst ein paar Jahre später, und der Netzzugang noch unglaublich umständlich.

Eine entscheidende Veränderung – für Designer wie für uns alle – ist meines Erachtens die Globalisierung, globale Kommunikation und Vernetzung – wobei man beachten sollte, dass es schon seit der Antike immer wieder weitgespannte, weltumspannende wirtschaftliche und kulturelle Vernetzungen gab – denken Sie nur an den Bernstein- und Seidenhandel oder die Hanse. Und dann ist es sicher die Digitalisierung; damit einher gehen Virtualisierung, Entkörperlichung der Dinge und eine Beliebigkeit in puncto Herkunft der Produkte. Dazu gibt es natürlich auch starke Gegenbewegungen.

Und für Sie, als Kuratorin und Ausstellungsmacherin? Was waren die großen Veränderungen? Etwa die Idee des Schaudepots?

Corinna Rösner: Das waren sicher die Neubauten, auf die wir die ganzen Neunziger Jahre hinarbeiteten: 2000 das Neue Museum in Nürnberg (NMN), 2002 die Pinakothek der Moderne in München (PdM). Das bedeutete neue Möglichkeiten, angewandte Kunst und Design breiteren Besucherkreisen nahezubringen, vor allem eine große Dauerausstellung zur Entwicklung des Designs – das gab es damals noch nirgendwo – und mehr Flächen für Wechselausstellungen.

Die Idee eines öffentlich zugänglichen Schaudepots war von Anfang an mit unseren Planungen in der PdM verbunden; auch das gab es in den Neunziger Jahren nirgends. Wir hielten das aber für eine unabdingbare Ergänzung zur Dauerausstellung Design. Der Schriftzug SCHAUDEPOT war seit 2002 an einer Wand neben dem Mobility-Raum zu lesen, und anfangs konnte man noch von oben ins Schaudepot hineinschauen. Da standen Objekte wie zum Inventarisieren aufgereiht, etwa das “clay model” eines Sportwagens, Fahrräder, Möbel und vieles mehr. 2004 kam die Lamborghini-Ausstellung, und danach wurden Gerüststrukturen eingebaut, um Regale und Flächen für den weiteren Ausbau des Schaudepots zu gewinnen. Die Besucher, die ihre Nase neugierig um die Ecke streckten, sahen schon einen Vorgeschmack im Halbdunkel … Unser Etat war aber stark eingedampft worden, und nach der Weltwirtschaftskrise 2007 war es nicht mehr möglich, die weitere Einrichtung, Sicherheit, Klima und Licht über Drittmittel zu finanzieren. Gut, wenn die Idee jetzt realisiert werden kann.

Was war Ihre wichtigste Ausstellung?

Corinna Rösner: Schwierige Frage bei rund 250 Ausstellungen, an denen ich mitwirken konnte … was – und das muss unbedingt betont werden – natürlich nur ging, weil wir in der Neuen Sammlung ein so gut funktionierendes, starkes Team hatten.

Vermutlich war es unsere Ausstellung über die Hochschule für Kunst und Design Burg Giebichenstein 1945–1990, also die DDR-Zeit. „Ein Beispiel aus dem anderen Deutschland“ war der Untertitel. Für die Planung sind wir sofort nach der Wende nach Halle gefahren.

Die Ausstellung lief 1991 ab Juni bei uns in der Prinzregentenstraße und blickte nicht nur auf die Arbeit dieser, Design und Kunst neben- und miteinander lehrenden Hochschule. Sondern sie hatte – wie „die Burg“ – Modellcharakter, eine Vorschau auf Künftiges, auf unsere geplanten Neubauten. Deren Konzept war ja das Miteinander von freier Kunst und angewandter Kunst/Design. Deshalb gingen wir mit der Ausstellung anschließend im Herbst auch auf die Nürnberger Messe Consumenta. Wir wollten einfach eine große Menge Leute, ein anderes und viel breiteres Publikum erreichen und für das Thema begeistern.

Dazu kommt noch etwas: Ab September 1991 wurde die Hochschule evaluiert. Dass sie weiterbestehen konnte, dabei spielten die Ausstellung und unsere begleitende Publikation eine entscheidende Rolle. Sie hatte also auch politische Wirksamkeit.

Und welche Ausstellung hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Corinna Rösner: Aller guten Dinge sind – vier, aus verschiedenen Bereichen, die mir am Herzen liegen:

„Japan: Hülle und Gefäß“ 1992. Da ging es um Verpackung im weiteren Sinn: von traditionellen Gefäßen aus dem Mingeikan Museum Tokyo über Verpackungen aus Naturmaterialien und Papier, die der „Lebende Nationalschatz“ Makio Araki unmittelbar bei uns anfertigte, bis zur Rauminstallation „Körper und Hülle“, die Yohji Yamamoto eigens bei uns gestaltete. Wenn ich nicht davor schon für Japan angefixt war, so war ich es dann, durch Konzeption und Organisation dieser Ausstellung mit so ungewöhnlichen Partnern.

„Process: A Tomato Project“ 1997. Zitat aus meiner damaligen Info: „Mit den ineinandergreifenden Bereichen Video, Grafik, Raum- und Soundinstallationen, Musik, Film, Fotografie zeigt die Ausstellung erstmals eine umfassende Multimedia-Installation der Londoner Avantgardegruppe ‘tomato’, deren prozessorientierte, romantisch-provokative Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Kommerz, Bild, Musik und Sprache weltweit Furore machten.“ Der Sound der Installation geht mir seither nicht aus dem Kopf.

— Noch eine Ausstellung mit speziellem Sound, die so flüchtig war wie die Boliden, um die es ging: „Mythen – Automobili Lamborghini“. Das war 2004, in der PdM, im Schaudepot. Es ging nicht nur um einige wenige, ausgewählte Fahrzeuge mit beispielhafter Gestaltung, sondern auch um den Entwurfsprozess und das emotionale Erleben des Mythos – eine Inszenierung für alle Sinne.

— Und schließlich unsere programmatischen Ausstellungen im Grenzbereich zwischen Design und Kunst am Beispiel Textil: “Quilts der Amischen” 1991 und 2007 und “Marokkanische Teppiche” zur Wiedereröffnung der PdM im Herbst 2013.

Die Neue Sammlung heißt inzwischen The Design Museum. Wie wäre es, Die Neue Sammlung mit dem Bayerischen Nationalmuseum (BNM) wiederzuvereinen? Dann entstünde eine Art V&A, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit, digitale Zukunft und analoge Manufaktur ganz zwanglos träfen …

Corinna Rösner: Das hielte ich für falsch. Es wäre keine Wiedervereinigung, denn Die Neue Sammlung war – abgesehen von einer zeitweiligen verwaltungstechnischen Andockung ans BNM und einer kurzen Zwangseingliederung in der Nazi-Zeit – immer eine eigenständige Institution. Sie wurde aus dem 1907 in München gegründeten Deutschen Werkbund heraus 1908 ins Leben gerufen – ganz dezidiert in Abkehr von tradierten Kunstgewerbemuseen wie etwa dem BNM. Deshalb sagen wir ja, dass Die Neue Sammlung das erste Designmuseum ist. Ich finde, das hat bis heute seinen Sinn.

Im NMN (Neuen Museum Nürnberg) und in der PdM können wir seit der Jahrtausendwende ein erheblich breiteres Publikum erreichen als am alten Standort, wo Die Neue Sammlung eher ein Haus für Spezialisten aus aller Welt war.

Die genannten Neubauten basieren auf der Idee, Architektur, Kunst und Design unter einem Dach zu zeigen mit der Möglichkeit zur transdisziplinären Verknüpfung. Das war zum Zeitpunkt der Ausschreibung 1990 etwas völlig Neues. Der Anspruch ist meines Erachtens noch heute von Bedeutung. Design ist richtigerweise unter einem Dach mit den anderen zeitgenössischen Manifestationen menschlichen Gestaltungswillens, denn es geht nicht um Marketing oder käufliche Produkte, sondern um Ideen, Denkprozesse, Konzeptionen.

Wir hätten nur diese Verknüpfung von Anfang an gern enger gehabt, das wäre meines Erachtens sinnvoller, mit mehr Überschneidungen zwischen “Kunst” und “Design”. So wie es 2000 Werner Spies zur Wiedereröffnung des Musée National d’Art Moderne im Centre Pompidou gemacht hat; da waren wir neidisch.

Wann, glauben Sie, wird die PDM eine Ausstellung aller vier Häuser schaffen? Wäre das nicht eine Chance, die im Gebäude selbst sichtbare Fallhöhe von Design und Kunst zu überwinden?

Corinna Rösner: Alle vier ist offenbar schwierig. Das scheint mir in weiterer Ferne denn je. Wir waren ja schon einmal nah dran, etwa 2011, als ich zusammen mit meiner Kollegin Corinna Thierolf von den Staatsgemäldesammlungen die Ausstellung über Möbel von Donald Judd machen konnte.

Aber die Fallhöhe … das ist ein weites Feld. Damals kamen einige der Kunstfreunde zu mir mit der Bemerkung, jetzt hätten sie Design verstanden und seien voller Bewunderung, wie spannend das sei. Das ist es ja auch. Nur: die Möbel von Donald Judd verstanden sie, weil sie den Künstler Judd toll finden; das hat wenig mit Design zu tun.

Es gab ja doch die Schaustelle …

Corinna Rösner: Unser temporäres Projekt “Schaustelle” von 2013: das war wild und oft improvisiert, prozesshaft, grenzüberschreitend und vor allem – gemeinsam. Aber es waren auch (abgesehen von dem Spitzenteam darum herum) nur vier Kuratoren, einer aus jedem Haus, die “carte blanche” hatten und sich länger als ein Dreivierteljahr intensiv eingesetzt und ohne Fallhöhe miteinander ein Programm entwickelt haben.

Nach allen Erfahrungen glaube ich aber generell, dass es im Bewusstsein der Leute, auch vieler Kollegen und Freunde noch Jahre dauert – selbst wenn gemeinsame Ausstellungen aller vier Museen stattfinden würden –, bis die Anerkennung von Design so selbstverständlich hoch ist wie die von Kunst. Viele haben es einfach noch immer nicht kapiert. Kunst spielt sich heute vorwiegend in Museen, Galerien oder Biennalen ab, Design hingegen wirkt sich überall in unserem Alltag aus.

Warum setzen so viele Häuser nur noch auf Wechselausstellungen – traut man der eigenen Sammlung nicht?

Corinna Rösner: Tun sie das? Auch eine Wechselausstellung kann die eigene Sammlung oder Aspekte davon zeigen. Wechselausstellung und Museumssammlung sind kein Gegensatz, sondern sollten einander ergänzen. Abgesehen davon: Wenn kein Platz da ist, gibt es eben keine Dauerausstellung, wie wir sie in der PdM haben, sondern es können nur Ausschnitte aus dem Bestand temporär aufscheinen. So ging es uns im alten Gebäude, trotz riesiger Sammlung. Und andersherum: Manche Häuser haben gar keine eigene Sammlung; denken Sie ans Haus der Kunst oder ans Design Museum London während der längsten Zeit seines Bestehens, anfangs auch das Vitra Design Museum.

Dazu kommt: Jede Dauerausstellung unterliegt mit den Jahren einer Art „Abnutzung“. Es wird in der Presse ja sowieso nicht mehr darüber berichtet. Sehgewohnheiten, technische Möglichkeiten, Fragen und Anforderungen ändern sich usw. Und dann ist es sinnvoll, sie einer Revision zu unterziehen … sofern man das finanzieren kann. Für solche Maßnahmen im Bestand lassen sich nämlich Sponsorenmittel nur extrem schwer einwerben.

Sie müssen sammeln – wie tut man das sinnvoll?

Corinna Rösner: Nicht das gerade Gehypte sammeln, denn das geht nicht mit begrenztem Etat. Und sonst: Neugierig sein, Nebenwege gehen, bei den Zeitgenossen herumschauen, die Studios und Werkstätten besuchen, zuhören, nach links und rechts blicken, Fragen stellen, Unbekanntes kennenlernen, die Fantasie spielen lassen, um Dinge zu verknüpfen. Wunderbar ist es, wenn man eine so starke Sammlung hat wie wir. Dann tun sich immer wieder Ideen auf, was man ergänzen könnte, neue Aspekte, um verschiedene Kulturen und (vermeintlich) Vergangenes mit Fragen der Gegenwart und Zukunft zu verbinden. Das bleibt stets ein Ansporn und inspirierend.

Design ist – so scheint es – Frauensache bei der Vermittlung. Gibt es einen spezifisch weiblichen Blick auf Design?

Corinna Rösner: Also, es gibt – scheint mir – in dem Gebiet mindestens so viele männliche Museumsdirektoren wie weibliche, aber generell mag es bei Kunsthistorikern und Museumspädagogen inzwischen einen Frauenüberschuss geben – kann sein. Weiblicher Blick aufs Design … vielleicht, wenn man ein Baby bekommt … aber nicht nur Frauen, auch Männer modifizieren ihren Blick auf die Welt, wenn sie Kinder haben. Und hoffentlich ja immer: ein sachkundiger, leidenschaftlicher, empathischer, an Menschen und den Problemen der Gegenwart orientierter, offener Blick aufs Design.

Weitere Interviews finden Sie hier

Lesen Sie auch das Interview mit Mateo Kries

Mateo Kries