Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin

Annemarie Jaeggi

Das Berliner Bauhaus-Archiv erfindet sich gerade neu. Zum großen Jubiläum 2019 soll der von Volker Staab entworfene Museumsbau das Haus völlig neu organisieren. Ein Besuch in Berlin und ein Gespräch mit Museumsdirektorin Annemarie Jaeggi.

Autor Oliver Herwig

Das Berliner Bauhaus-Archiv wirkt heiter, fast unbeschwert in diesen Tagen. All die Sheddächer und Rampen, die gekurvten Wege und Ebenen, die das Haus am Landwehrkanal zu einem Teil der Uferlandschaft machen, werden zum perfekten Gegenbild des grauen Berliner Himmels.

20 Jahre nach seiner Aufnahme in die Denkmalschutzliste geht das 1979 eröffnete Haus einer grundlegenden Umgestaltung entgegen. Die Bibliothek ist geschlossen, der Leihverkehr eingestellt. Auch das Archiv kann nicht mehr genutzt werden.

Programmatisch war daher der Titel einer der vorerst letzten Ausstellungen im Bauhaus-Archiv: „Bauhaus in Bewegung“, eine Sammlung nicht nur der Körperkultur des letzten Jahrhunderts und diverser Bewegungsstudien aus dem Vorkurs, sondern auch Vorgeschmack des Umbruchs. Der von Volker Staab entworfene Museumsanbau wird das Haus in eine neue Liga katapultieren. Die kleinen Unzulänglichkeiten des Baus, den Walter Gropius eigentlich für Darmstadt geplant hatte, dürften sich im Zuge der Baumaßnahmen in Wohlgefallen auflösen.

Daran arbeitet Museumsdirektorin Annemarie Jaeggi. 2003 übernahm die Tochter eines Schweizer Diplomaten und einer Engländerin 46-jährig das Haus. Ein Artikel der Berliner Zeitung wünschte der Nachfolgerin Hans Maria Winglers und Peter Hahns dazu „Schweizer Durchhaltevermögen im Treibsand der Berliner Verzögerungspolitik“, denn schon damals war von einem Erweiterungsbau die Rede.

Darüber kann Annemarie Jaeggi Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Designgeschichte sowie Präsidiumsmitglied im Rat für Formgebung, eigentlich nur noch lächeln. Sie hat es geschafft. „Ich habe meine Stelle vor 15 Jahren mit dem Auftrag angetreten, einen Museumsneubau zu verwirklichen, und ich werde ungefähr zeitgleich mit der Öffnung des Hauses mein gesetzliches Rentenalter erreicht haben“, sagt sie. „Mein Ziel ist es, den Neubau mit einem zukunftsweisenden Konzept zu eröffnen und meiner Nachfolgerin oder meinem Nachfolger als Startpunkt für die Verwirklichung ihrer oder seiner Vorstellungen zu übergeben.“ Das klingt sehr sympathisch. Aber wie sieht sich die Kunsthistorikerin selbst, als Managerin einer Berliner Institution?

„Ich halte viel von Freiräumen und von Vertrauen“, sagt Jaeggi. „Dennoch muss ich natürlich eine gewisse Kontrolle ausüben und habe Spaß daran, mitzudiskutieren und mitzudenken.“ So beschreibt sie die Kunst des „Delegierens und des Austauschs“, die ganz wesentlich für die Arbeit als Museumsdirektorin sei. Annemarie Jaeggi ist bestens vernetzt, 2010 bis 2014 war sie unter anderem Jurymitglied des Deutschen Design Preises – German Design Award. Neben ihrer Arbeit am Museum gilt ihre Liebe der Forschung. So unterrichtet sie als Privatdozentin an der TU Berlin und als Lehrbeauftragte an der Accademia di Architettura in Lugano/Mendrisio.

Welches Bauhaus?

„Mich interessieren Gegenstände, die intelligent entwickelt sind, die funktionieren und die erkennbar in ihrer eigenen Zeit ruhen“, sagt sie über ihren Zugang zum Design, das „auch Spaß machen müsse.“ Ein fast überraschender Satz für eine Wissenschaftlerin. „Natürlich habe ich auch einen Anspruch an Schönheit. Es muss etwas sein, mit dem ich mich gerne umgebe.“ Nun richtet sich der Blick der Kunsthistoriker gerne in die Vergangenheit. Wie aber steht es um die Zukunft? „Meine Erwartungen an Design sind sicherlich auch von meiner Beschäftigung mit dem Bauhaus geprägt“, sagt Jaeggi und erläutert ihren Blick auf gegenwärtige Gestaltung: „Zeitgemäßes Design heißt auch, dass man sich im Entwurfsprozess Gedanken über das Material macht: Ist es einfach? Ist es teuer? Lässt es sich recyceln?“

Was genau ist das Bauhaus-Archiv mit seinen derzeit 21 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern? Man könnte natürlich sagen: Zuwendungsempfänger des Landes Berlin. Es gibt keinen Ausstellungsetat. Die Zuwendungen bestreiten Gehälter und Betriebskosten. Gelder für Ausstellungen müssen Eintrittsgelder erbringen sowie Drittmittelanträge. Die Zahlen stimmen: Seit Jahren steigen die Besucherzahlen. In den letzten 15 Jahren haben sie sich sogar verdoppelt. 2016 waren es fast 120 000 Besucher. Und auch dazu gibt es detaillierte Untersuchungen. Etwa, dass sehr viele Erstbesucher darunter waren und das Publikum vergleichsweise jung: 60 Prozent sind unter 35 Jahren. Sie interessieren sich für zeitgenössische Architektur und Design, aber der häufigste Grund für einen Besuch besteht in einer persönlichen Empfehlung. Noch etwas ist auffällig, wenn man einen Blick auf die Besucherstatistik wirft: Nur rund ein Viertel der Gäste kommen aus Deutschland, inklusive Berlin, dagegen sind 74 Prozent ausländische Gäste. Das hat auch damit zu tun, dass das Bauhaus eine internationale Marke ist. Eine, die eben nicht nur in Berlin zu finden ist, sondern in Chicago, Dessau und Weimar. Kein Wunder, dass Direktorin Jaeggi mit ihnen zusammenarbeitet: „In Deutschland sind die wichtigsten Partner die Bauhaus-Institutionen: die Klassik Stiftung Weimar sowie die Stiftung Bauhaus in Dessau“, sagt die gebürtige Schweizerin und fügt hinzu: „Die Kooperation ist so eng wie noch nie. Weltweit kooperiert das Bauhaus-Archiv mit zahlreichen Partnern im Kulturbereich, ein Schwerpunkt liegt dabei in den USA.“

Es stimmt schon nachdenklich: Das Bauhaus ist eine Marke. Nur etwas anders als gedacht. Über 50 Millionen Ergebnisse liefert eine Websuche nach dem Stichwort „Bauhaus“, aber obenauf thront ein Baumarkt, gefolgt von einer nach der IP-Adresse ausgesuchten Karte der Filialen in der Umgebung. Erst, wenn man die Suche weiter eingrenzt, erscheint eine vielversprechende Adresse, das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung. Welches Bauhaus? Auf diese Frage wird sich auch beinahe 100 Jahre nach seiner Gründung in Weimar keine alleinige Antwort finden lassen. „Am Bauhaus wollte man die Lebenswelt gestalten und suchte gestalterische Antworten auf damals aktuelle Fragestellungen und Probleme sowie Lösungen für die Zukunft.

Es ging um das Gesamtkunstwerk, das alle Genres umfassen sollte. Diese Vielfalt spiegelt sich auch bei uns im Museum wider, denn das Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung ist kein klassisches Design-Museum“, betont Annemarie Jaeggi.

Wie ausstellen?

Vielleicht könnte man das Haus auch als Fundus für Schülerarbeiten bezeichnen, darunter vereinzelt auch Dinge, die unter anderen Umständen nur in privaten Vitrinen gelandet, auf Flohmärkten verscherbelt oder in Mülltonnen entsorgt worden wären. Doch das hier war keine gewöhnliche Schule, das hier war das Bauhaus. „Ein großer Teil unserer Sammlung besteht aus Schülerarbeiten“, sagt Jaeggi. „Uns geht es um die Pädagogik am Bauhaus und wie dort im Unterricht an den Umgang mit Form, Farbe und Material herangeführt wurde.“

Wieder könnte man das achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Doch Jaeggi macht klar: „Es handelt sich um übertragbare Lernprozesse, die man ebenso als Architekt anwenden konnte, wenn es um die Farbigkeit, Materialität oder Proportionen von Architektur ging, wie auch als Maler, wenn es um Komposition ging, und natürlich auch im heute als Design bezeichneten Bereich.“ So ist die Frage nach dem Bauhaus immer eine Frage nach der Gesellschaft, für die Produkte und Angebote entwickelt werden.

Auf der Website der Berliner Institution findet sich eine schöne Metapher: Das Bauhaus sei „eine regelrechte Topografie der Ideen“ heißt es. Für das Bauhaus-Archiv bedeutet das, eine große Idee immer wieder konkret werden zu lassen in Ausstellungen, Vorträgen und Veranstaltungen.

Sicher ist: Die Art der Ausstellungen wird sich in den nächsten Jahren verändern, ja verändern müssen: Aktuell bietet das Bauhaus-Archiv, je nach Ausstellung einen Audioguide, Texttafeln mit Erklärungen sowie Kataloge oder Booklets zum Mitnehmen an. „Inwiefern manche dieser Vermittlungsmedien etwa von Smartphones künftig abgelöst werden, werden wir prüfen“, sagt Annemarie Jaeggi.

Augenblicklich werden Filme vor allem eingesetzt, „um vertiefende Informationen anzubieten oder Zusammenhänge darzustellen“. Ihre Hoffnung: analoge und digitale Angebote werden sich „künftig wohl eher sinnvoll ergänzen.“ Vieles ist im Fluss. Zu immer neuen Techniken kommen veränderte Sehgewohnheiten des Publikums; Jaeggi beobachtet diese Entwicklung sehr genau. Eine informative Website und Apps gehören für sie selbstverständlich zum Vermittlungsangebot von Museen. „Darüber hinaus arbeiten wir verstärkt an der Digitalisierung unsere Bestände, um sie der Öffentlichkeit online zugänglich zu machen“, sagt Jaeggi.

Ein erstes wegweisendes Projekt war: „Open Archive: Walter Gropius“ – die umfassende Korrespondenz von Walter Gropius aus den Jahren 1910 bis 1969 mit über 1000 Briefpartnern. Was sind für sie die Bestandteile einer gelungenen Ausstellungsvermittlung? Auch in Zukunft wird es in Berlin keine 3-D-Brillen oder Ähnliches geben, „vielmehr geht es um direkte sinnliche Erfahrungen im realen Raum: selbst kreativ werden, Dinge anfassen, lesen oder Kommentare schreiben. Die stärkere Einbeziehung der Besucher wird für uns immer wichtiger“, sagt die Direktorin. Jaeggi möchte Ausstellungen „möglichst sinnlich und zugleich intellektuell stimulierend“. Dafür setzt sie auf das reale Objekt. „Der Einsatz von digitalen Medien und die Entwicklung neuer interaktiver Angebote werden die direkte Erfahrung des Besuchers mit dem Original jedoch nicht ersetzen“, ist Annemarie Jaeggi überzeugt. „Es handelt sich vielmehr um eine Ergänzung, denn das Interesse am Original nimmt sogar stetig zu. Viele Besucher fragen an der Museumskasse explizit nach den Ikonen, die man vor Ort sehen und räumlich erleben möchte.“ Das hat selbstverständlich Konsequenzen für den Neubau. Dort werden drei Mal so große Ausstellungsflächen zur Verfügung stehen, dort werden also mehr Originale aus der weltweit größten Bauhaus-Sammlung gezeigt werden. Damit nicht genug. Im Turm des Neubaus soll ein digitales, frei zugängliches Studiolo einziehen. Dort sollen Besucher ihr Wissen zum Bauhaus „spielerisch erweitern“.

Das hier ist eine enorm spannende Zeit für die Museumsdirektorin Annemarie Jaeggi. Zeitgleich zum Erweiterungsbau steht das hundertste Gründungsjubiläum des Bauhauses 2019 an. „Das wichtigste Projekt ist sicherlich der Erweiterungsbau“, erläutert Jaeggi, aber auch vom Bauhaus-Jubiläum 2019 verspricht sie sich viel.

Die grosse Erweiterung

Das werde „ein Ereignis von internationaler Strahlkraft.“ Der Neubau von Volker Staab ist mehr als ein Addendum. Er organisiert das Haus völlig neu und verspricht so ein völlig neues Raumerlebnis und nimmt sich zugleich doch sehr zurück und respektiert das bestehende Gebäude von Walter Gropius. Der Turm fungiere als Eingang, Veranstaltungsort und architektonisches Signet in den Stadtraum, erklärt Jaeggi, die sich gerade über die Ausführungsplanung beugt. Jetzt geht es um Oberflächen und Materialien. „Die kommende Zeit, in der wir konkrete Pläne für die Ausstellungsbereiche entwickeln, ist museumsseitig wahrscheinlich die spannendste im Projekt“, sagt Jaeggi. „Die Kompetenz der Museumsfachleute, der Architekten und der Gestalter müssen vereint werden, damit ein optimal funktionierendes und ansprechendes Museum entsteht.“

Ein Jahrhundert nach seiner Gründung erlebt das Bauhaus eine Renaissance, zumindest, was die Zahl der Museen und Ausstellungshäuser angeht: In Berlin erweitert das Bauhaus Archiv / Museum für Gestaltung das von Walter Gropius entworfene Archiv- und Museumsgebäude. Auch in Weimar entsteht für 22 Millionen Euro ein neues Museum, das pünktlich zum 100. Gründungstag der Institution eröffnet werden soll; ebenso wächst in Dessau-Roßlau ein neues Bauhaus-Museum. Neubauten, wohin man blickt.

Welches Bauhaus hätten Sie denn gerne, könnte man in Anlehnung an eine uralte Fernsehshow fragen. In Berlin arbeiten Annemarie Jaeggi und ihr Team daran, diese Projektionsfläche immer wieder für die Gegenwart zu aktualisieren. Derweil beschäftigt sich die Annemarie Jaeggi mit einem Lieblingsprojekt, einer Ausstellung, die zur Eröffnung im neuen Bauhaus-Archiv verwirklicht werden könnte. Könnte? „Dies hängt davon ab, wie viel Zeit ich neben den aktuellen Großprojekten – Erweiterungsbau, Umzug und Gründungsjubiläum 2019 – dafür finden kann“, sagt AnnemarieJaeggi.

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