Peter Eckart
Die Verbindung von Mobilität und Design liegt auf der Hand: „Man kann nur mobil sein, wenn man sich zurechtfindet“, sagt Prof. Peter Eckart.
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Mobilität der Zukunft

5 Fragen an Prof. Peter Eckart

Design und Mobilität – das gehört für Prof. Peter Eckart von der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) und Partner von unit-design, Frankfurt, zusammen. Der Wissenschaftler ist überzeugt: Ob sich eine neue vernetzte und multimodale Mobilität umsetzen lässt, ist auch eine Frage von Gestaltung.

Was bedeutet Design für Sie?

Prof. Peter Eckart: Design ist in erster Linie eine Vermittlungsaufgabe, die dem Menschen Technik, Systeme oder auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse nahebringt. Die Automobilindustrie hat das schon lange verstanden und holt den Nutzer bei seinen Bedürfnissen und Anforderungen ab. Der BMW X6 etwa ist eine eher ungewöhnliche Verbindung aus Limousine und SUV, trifft aber offensichtlich den Kundengeschmack. Die öffentliche Mobilität hat es da etwas schwerer, denn sie spricht nicht Einzelne an, sondern viele. Die Herausforderung dabei ist es, die Zielgruppe und ihre Anforderungen kennenzulernen und nicht Einzelne, sondern alle zu beteiligen.

Inwieweit ist Mobilität eine Frage des Designs?

Prof. Peter Eckart: Mir war das selbst lange nicht klar, erst vor einigen Jahren habe ich verstanden, wie viel Design mit Mobilität zu tun hat: Man kann nur mobil sein, wenn man sich zurechtfindet. Um diese Orientierung zu ermöglichen, muss man als Designer verschiedene Systeme organisieren und harmonisieren. Symbole und Piktogramme müssen von den Nutzern als eine Sprache verstanden werden, in der verschiedene Mobilitätsangebote wie Sharing, Straßenbahn und Radweg artikuliert werden. Die Gestaltung der Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen Mobilitätsmedien wird entscheidenden Einfluss auf das Gelingen eines multimodalen Mixes haben. Ich denke, der Individualverkehr ist eher auf dem absteigenden Ast, und den öffentlichen Systemen gehört die Zukunft. Um die Schnittstellen zwischen diesen öffentlichen Systemen zu gestalten, muss man die beteiligten Player zusammenbringen; dazu ist politischer Wille notwendig.

Neben den Aspekten Orientierung und Verständlichkeit geht es außerdem darum, ein positives Erlebnis zu schaffen. Das heißt, Räume sollten hell und sauber sein, Hinweisschilder von einer guten Materialqualität und grafische Darstellungen hochwertig.

Welche Rolle spielen digitale Technologien dabei?

Prof. Peter Eckart: Eine sehr große Rolle, die Digitalisierung macht multimodales Verkehrsverhalten erst möglich. Die Koordination verschiedener Verkehrsmittel wie Auto, Fahrrad, Carsharing, Leihräder und öffentlicher Verkehr funktioniert nur mit digitalen Tools. In London etwa gibt es die App „City Mapper“, mit der kann ich mir Mobilität mit unterschiedlichen Medien zusammenstellen. Dabei kann ich nach einer großen Anzahl verschiedener Kriterien filtern: Wie komme ich am schnellsten von A nach B? Auf welchem Weg verbrenne ich die meisten Kalorien?

Für das Forschungsprojekt „Infrastruktur, Design, Gesellschaft“ entwickeln wir gerade ein Computerspiel, ein sogenanntes Serious Game, das Menschen dazu animieren soll, unterschiedliche Verkehrsmittel zu benutzen. Nicht mit einer Zeigefingermentalität, sondern spielerisch wollen wir zu einer Verhaltensänderung kommen. Dabei geht es auch um Status. Die Fähigkeit und Bereitschaft, agil und souverän mit einem Mix an Verkehrsmitteln umzugehen, könnte ein Statussymbol werden, wie es heute bestimmte Autos sind. Diese Fahrzeuge befriedigen ja nicht in erster Linie das Bedürfnis nach Mobilität. Was etwa suchen Holz- und Lederausstattung in einem reinen Fortbewegungsmittel?

Welche Länder oder Städte sind Ihrer Einschätzung nach vorbildhaft beim Einsatz von Design im Bereich der Mobilität?

Prof. Peter Eckart: London ist ein sehr gutes Beispiel. Der Plan der U-Bahn bildet nicht die tatsächliche Struktur der Stadt ab, sondern versucht, das System U-Bahn über Symbole und Farbgebung zugänglich zu machen und das Verhalten der Nutzer zu lenken. Die gesamte Gestaltung im öffentlichen Raum der Stadt ist sorgfältig. Stromkästen und Laternenmasten sind schwarz und treten damit in der Gestaltung in den Hintergrund. In öffentlichen Räumen wie der U-Bahn gibt es eine hohe Aufenthaltsqualität, Gänge sind ausreichend beleuchtet und sogar die Werbung ist sorgfältig inszeniert. In London finden Sie keine Folienschilder wie etwa in Deutschland, die Hinweisschilder sind emailliert. Das strahlt Hochwertigkeit und Beständigkeit aus, und die Nutzer gehen anders damit um. Vorbildlich gestaltet ist zum Beispiel auch die Züricher Glattalbahn.

Verkehrsmittel und Orte repräsentieren ja in gewisser Weise auch die Gesellschaft. Wie sieht es in der U-Bahn aus, wie am Bahnhof? Deutschland hat da noch einigen Nachholbedarf. Immer wenn ich Gäste am Frankfurter Hauptbahnhof abhole, merke ich, das ist keine einladende Umgebung.

Sind Konzepte, wie Sie sie beschreiben, nur in der Stadt einsetzbar? Was ist mit dem ländlichen Raum?

Prof. Peter Eckart: Durch die unterschiedlichen Infrastrukturen von Stadt und Land ist das im urbanen Raum sicher leichter. Aber auch auf dem Land ist es nicht unmöglich, eine multimodale Verkehrsstruktur umzusetzen. Da brauche ich eine konzentrierte Planung. Wir führen gerade einen Wettbewerb dazu im Raum Stuttgart durch. Im ländlichen Raum habe ich dann sogenannte Mobilitätspunkte, Übergangspunkte, in denen der Wechsel von einem zum anderen Verkehrsmittel vorgenommen wird. Das können etwa Bushaltestellen sein. Da komme ich dann mit dem E-Bike an und wechsle auf den Bus. Da sind Leihstationen für Fahrräder oder Ladestationen für E-Bikes. Auf dem Land wie in der Stadt gilt: Die Kombination der Mittel, das ist die Zukunft.

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