Hochschullehrer im Portrait

Jörg U. Lensing

Man kann ihn als Multitalent bezeichnen: Neben und im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der FH-Dortmund, ist Jörg U. Lensing als Komponist und Sounddesigner, Theaterregisseur, Filmemacher, Autor, Übersetzer und Medienproduzent unterwegs.

Autorin Nina Shell

Den Keim gelegt für diese vielseitige Karriere hat das Interesse des damals 15-Jährigen für alles, was es in den 1970er Jahren an elektronischer Musik gegeben hat. Dem Wunsch, selbst elektronische Musik zu machen, standen die Finanzen entgegen. Das richtige Equipment, mit dem große Bands wie Kraftwerk arbeiten, war für den Schüler natürlich nicht drin. Jörg U. Lensing suchte sich selbst die Lehrer, die ihm das Schlagzeug- und Klavierspiel unterrichteten und begann nach dem Abitur konsequenterweise ein Kompositionsstudium an der Folkwang-Hochschule in Essen – „dort gab es seinerzeit schon ein relativ großes modulares Synthesizersystem, wie es sonst auch nur Universitäts- oder Radiostudios besaßen – oder eben die weltberühmten Bands.“

Neben dieser Tatsache eröffnete das Studium ihm weitere, noch ungeahnte Welten. „In der Folkwang-Hochschule ging es nicht nur um Musik, sondern es gab auch Tanz, Schauspiel und Fotografie“, erzählt Lensing. „Dadurch ergab sich der Kontakt mit anderen Studierenden und eine Interdisziplinarität, die mich sehr gereizt hat.“ Entsprechend öffnete Jörg U. Lensing sich neben der Orientierung zur elektronischen Musik in Richtung neues Musiktheater und interdisziplinäre Formen, wie dem Tanztheater. Die Folge: Die Gründung des ‚Theaters der Klänge‘, 1987 – „das haben wir neun Jahre professionell betrieben, als Freiberufler in entsprechend ungesicherten Netzen.“

Die Notwendigkeit, ein stabileres Standbein zu entwickeln und eventuell in die Lehre zu gehen, zeigte sich für ihn wie auch die heute bei ihm Studierenden als glückliche Fügung: „In Dortmund wurde Mitte der Neunzigerjahre jemand gesucht, der kein ausgebildeter Tontechniker, sondern eben Komponist war. So wie ich, mit dem entsprechenden technischen Hintergrundwissen ausgestattet, aber doch eher gestalterisch künstlerisch tätig.“

Tongestaltung/Sounddesign ist seither seine Lehrzuschreibung, mit all den dazugehörigen Facetten. Neben dem Kernbereich Film-Sounddesign geht es in diesem Lehrgebiet u.a. beispielsweise auch um die Verbesserung von Raumklimata im Sinne der akustischen Wahrnehmung. „Viele Menschen, auch Architekten, meinen, akustisches Raumklima sei nur durch Musik zu verbessern. Dazu haben wir als Sounddesigner natürlich eine ganz andere Meinung.“ Als Beispiel nennt Jörg U. Lensing das Plätschern eines Brunnens, das einerseits eine natürliche Maskierung, beispielsweise für ungestörte Gespräche bietet, dennoch als angenehm empfunden wird. „Hier lassen sich beispielsweise harmonisierte Athmos gestalten: Da kann man tatsächlich mit rauschhaften Elementen wie Wasserplätschern arbeiten, dem man dann noch harmonische Anteile zufügt. Das wäre aber nicht als Musik zu bezeichnen.“ Letztere wird nach Auffassung von Lensing immer inflationärer eingesetzt, von Aufzügen bis Zahnarztpraxen – „ein vollkommen falsches Konzept!“

Neben Sounddesign und künstlerischen Komponenten spielen natürlich auch praktische Anwendungen eine große Rolle im Studiengang. „Für Audiobranding bieten wir ein Modul im Masterstudiengang, hier arbeite ich gerne mit Lehrbeauftragten aus der Branche, die ihren Kunden Komplettpakete zum akustischen Branding entwickeln.“

Bekannteste Beispiele seien hier z. B. Telekom oder Audi, oder eben konkret in Dortmund für das Senderbranding einer kaustischen Blindenzeitschrift. In die Kategorie Produkt-Klangdesign gehören eher profane Beispiele wie das Geräusch von Chips, wenn sie zerkaut werden oder auch das Ausschüttgeräusch aus einer Bierflasche.

„Viel spannender wird das im Automobilbereich“, so Jörg U. Lensing. So gab es eine Anfrage von BMW mit dem Wunsch, die Fahrgastzellengeräusche so zu optimieren, dass sie einen bestimmten Soundscape bieten. „Via einer Videoaufnahme vom Innenraum des fahrenden Autos lässt sich so quasi ein Sound simulieren, der dem gewünschten Idealsound nahekommt. Dann sind deren Abteilung für Produktdesign, die Techniker und Ingenieure aufgefordert, möglichst diesem Idealklang nahezukommen.“

Hier würde er sich mehr Kooperationsprojekte mit Firmen, gerade bei der fortschreitenden Entwicklung der Elektromobilität, wünschen. „In solche Autos werden kleine Lautsprecher eingebaut, die einen Sound simulieren, der abhängig von der Drehzahl des Motors moduliert wird.“ Sozusagen Fake-Sound, da die Geräusche nicht wirklich von einem Bauteil des Autos generiert werden.

Ein ganz anderes Thema, jedoch nicht weniger spannend, sei die Zusammenarbeit mit Institutionen wie Museen oder Planetarien. „Letztere haben ja zuletzt alle aufgerüstet und z. T. perfekte Soundvoraussetzungen mit Spacial-Audio-Systemen – aber keine spannenden Inhalte dazu.“

Hier arbeiten Lensing und die Studierenden bereits mit dem Planetarium in Bochum zusammen. Ausgesuchte Werke wurden im Rahmen des Full-Dome-Festivals in Jena vorgestellt. Ähnlich ist es mit Projekten für Museen, aktuell mit dem Dortmunder LWL-Industriemuseum zur Ausstellung ‚Sounds of Changes‘.

„Hier geht es darum, die Demontage der Arbeit im Ruhrgebiet über die Jahrzehnte akustisch erfahrbar zu machen.“ Gar kein leichtes Unterfangen, da bis in die 1940er Jahre keinerlei Tonaufnahmen gemacht wurden und es entsprechend keine akustischen Dokumente gibt.

„Daher ist man hier, wie auch bei der Vertonung historischer Filme oder auch beispielsweise bei einer VR-Simulation des Dombaus in Köln gezwungen, entsprechende Sounds aus den Jahrhunderten zu simulieren, neue Soundscapes zu gestalten.“

Heute hat der Studiengang Film & Sound an der Hochschule ein hochrenommiertes Alleinstellungsmerkmal in der gesamten Bandbreite der Tongestaltung und des Sounddesigns, nicht zuletzt dank des leidenschaftlichen Einsatzes von Professor Jörg U. Lensing.


Jörg Udo Lensing (Jahrgang 1960) absolvierte ein Studium der Komposition an der Folkwang-Hochschule in Essen. Nach dem Examen begann er ein Aufbaustudium „neues Musiktheater“ an der Hochschule für Musik Köln.

Seit 1996 ist er als Professor für „Tongestaltung/Sound-Design“ an der Fachhochschule Dortmund tätig.

www.film-sound-design.de


Fachhochschule DortmundFachbereich Design

Bachelorstudiengänge: Film & Sound, Fotografie, Kommunikationsdesign, Objekt- und Raumdesign (jeweils 7 Sem.), Abschluss: jeweils Bachelor of Arts (B. A.),

Beginn: Wintersemester

Masterstudiengänge: Master Editorial Design (3 Sem.), Master Film (3 Sem.), Master Sound (3 Sem.),
Master Photographic Studies (3 Sem.),
Master Szenografie & Kommunikation (4 Sem.), Abschluss: Master of Arts (M. A.),

Beginn: Sommersemester (MA Szenografie: Beginn zum Wintersemester)

Aufnahmekapazitäten: 45 BA Film &Sound,
45 BA Fotografie, 60 BA Kommunikationsdesign,
30 BA Objekt- und Raumdesign,
10 Master Editorial Design, 10 Master Film,
10 Master Sound, 10 Master Photographic Studies,
20 Master Szenografie & Kommunikation

Alle BA-Studiengänge beinhalten derzeit 2 Module „erweiternde Gestaltungsgrundlagen“ und 3 Module „interdisziplinäre Projektmodule“, sodass alle Design-Studierenden in Dortmund in großem Umfang interdisziplinär in Projekten arbeiten können.
Neben 16 spezifischen Fachmodulen in jedem BA-Studiengang sorgen 3 Design-Wissenschaftsmodule für die akademische Vertiefung und 3 Schlüsselkompetenzmodule für die Vorbereitung auf die unternehmerische Selbständigkeit in der Kreativwirtschaft.
Die Studienrichtung Sounddesign kooperiert darüber hinaus für 3 Fachmodule zu den Themen Musiktheorie, Musikinformatik und Audio-Vision mit der Folkwang Universität der Künste in Essen.

www.fh-dortmund.de

Foto: Andreas Kunert