Interview

Andreas Neudahm

Andreas Neudahm entwirft Hotelinterieurs seit er denken kann. Rund 500 Projekte hat er mit seinem Team bereits umgesetzt. Ein Gespräch über Musterzimmer, knallharte Budgets und Hotels als Lifestyle-Produkte.

Interview Claudia Simone Hoff

Wie sind Sie zum Hoteldesign gekommen?

Andreas Neudahm: Ich bin Interiordesigner, komme aber eigentlich aus dem Möbeldesign. Schon während ich Innenarchitektur studiert habe, gründete ich in Wuppertal mein eigenes Büro. An mein erstes Hotelprojekt bin ich durch einen Zufall gekommen: Ein Freund hatte mich um Möbelentwürfe für das Ramada-Hotel in Trier gebeten – daraus wurde dann ein ganzes Interiordesignkonzept. Ich war damals ganz neu in der Branche und bin ziemlich naiv an die Aufgabe herangegangen. Ich hatte aber gleich das Gefühl, dass es genau das war, was ich machen wollte.

Können Sie das genauer erklären?

Andreas Neudahm: Hotels zu entwerfen ist die Königsklasse des Interiordesigns, weil man vielen, sehr unterschiedlichen Menschen gerecht werden muss. Wenn ich ein Hotel entwerfe, dann hat das nichts mit meinem persönlichen Geschmack zu tun. Für mich ist wichtig, dass der Gast das Hotel gleich beim Eintreten versteht. Dann mag er es – und manchmal auch nicht.

Wie wird das Budget für ein Zimmer kalkuliert?

Andreas Neudahm: Das Budget wird vorher genau festgelegt und schwankt extrem, je nach Destination und Designaufgabe: Neubau, Refurbishing, mit oder ohne Badezimmer. Die Kosten für ein Zimmer unterteilen sich in zwei Bereiche: die Konstruktion (Boden, Decke, Wände) und das sogenannte Furniture Equipment (Möbel, Leuchten und Accessoires).

Entwerfen Sie alle Möbel für Ihre Projekte selbst?

Andreas Neudahm: Alle Möbel, die wir einsetzen, sind von uns gezeichnet und werden nach unseren Wünschen produziert. Manchmal verwende ich auch existierende Möbel von Herstellern wie Moroso oder B&B Italia, die dann für ein bestimmtes Projekt individualisiert werden. Wichtig ist immer, dass das Interiordesign der Hotelmarke entspricht. Alles andere würde die Guest Experience stören.

Wird eigentlich für jedes Hotel ein Musterzimmer gebaut?

Andreas Neudahm: Ja, denn ein Hotel besteht zu 80 Prozent aus Zimmern, während auf öffentliche Flächen wie Lobby, Bar und Restaurant nur 20 Prozent entfallen. Wenn Design und Qualität eines Musterzimmers optimal sind, dann steht der Großteil der Planung. Ein Musterzimmer soll übrigens nicht nur eine ästhetische Lösung demonstrieren, sondern zeigt auch technische Features wie die Position der Klimaanlage.

Es gibt Hotels, die sich über Designernamen vermarkten. Was halten Sie davon?

Andreas Neudahm: Nach meiner Erfahrung interessieren sich die wenigsten Gäste dafür, wer ein Hotel entworfen hat. 99 Prozent entscheiden über den Preis. Sie mieten ein Zimmer auf Zeit und sind bereit, dafür einen bestimmten Betrag zu zahlen. Dass die Erwartung des Gastes eingehalten wird, ist mir wichtig bei meinen Projekten.

Wohin geht die Reise in Sachen Hotelinterior?

Andreas Neudahm: Das Hotel ist ein extrem lifestyliges Produkt geworden. Selbst Kettenhotels drängen in den Lifestylebereich, weswegen Marriott beispielsweise Starwood Hotels gekauft hat. Das Hotel wird wieder das, was es schon im 19. Jahrhundert war: ein Treffpunkt der Gesellschaft. In den Achtziger- und Neunzigerjahren haben Hotels eigentlich nur Zimmer verkauft. Wenn man damals ein Hotel betrat, dann war die Bar ganz weit hinten versteckt. Heute leben wir in der Generation Starbucks: Leute wollen sehen und gesehen werden. Die Hotellobby von heute ist Wohnzimmer, Bar und Workspace in einem.

Viele Strömungen im Interiordesign kommen aus der Hotellerie. Was sind die Gründe dafür?

Das liegt daran, dass Hotels gestalterisch immer einen Schritt voraus sind. Wenn ich ein Hotel konzipiere, das 2020 eröffnet, dann muss ich es so entwerfen, dass es auch zum Eröffnungstermin noch up to date ist. Was ich gerade beobachte: Auch im privaten Kontext werden die Betten höher und vermehrt Tapeten eingesetzt – zwei Trends, die aus dem Hoteldesign kommen.

Sind Möbelmessen überhaupt noch interessant für Sie?

Doch, auf jeden Fall. Zum einen möchte ich immer die kompletten Möbelkollektionen der Labels sehen. Zum anderen bespreche ich dort mit den Herstellern, was im nächsten Jahr an Neuheiten kommen kann. Wir arbeiten eng mit der Industrie zusammen. Wenn es beispielsweise neu entwickelte Materialien und Oberflächen gibt, überlegen wir uns, wie man sie am besten einsetzen kann.

Sie entwickeln Projekte in Deutschland und in Dubai. Wie übersetzt man die Location in ein Interiordesign?

Ich gebe ihnen ein Beispiel: das Herods Hotel Dead Sea in Israel. Während der Planungsphase bin ich mehrmals dort gewesen und habe mich gefragt, was der besondere Spirit dieses Ortes ist. Besonders intensiv habe ich mich mit den Farben des Wassers beschäftigt. Das Tote Meer schimmert grün-blau, es hängt immer ein wenig Dunst darüber. Diese Überlegungen sind ins Interiordesign eingegangen, was man insbesondere an der Farbpalette sieht. Ich finde, dass man als externer Designer eine Location zuweilen besser einfangen kann – einfach, weil man einen anderen Blick auf die Dinge hat.

Wenn Sie selbst reisen, was ist Ihnen wichtig?

Ich mag Hotels, die serviceorientiert sind. Guter Service macht ein Hotel aus, die Hardware ist Geschmackssache. Mir geht es auch um den Ort. Wenn ich nach London fahre, sollte das Hotel eine gute Bar haben, am Mittelmeer freue ich mich über einen guten Wellnessbereich.

Haben Sie ein Lieblingshotel?

Ja, das Hotel The Norman in Tel Aviv, das einem englischen Investor gehört. Bei diesem Projekt spielte Geld keine Rolle. Das gesamte Haus ist mit Liebe zum Detail gestaltet, auch wenn man damit wahrscheinlich kein Geld verdienen kann. (lacht) Ich mag es, wenn jemand ein Konzept hat und es durchzieht. Mir geht es nie darum, wer das Hotel entworfen hat, sondern dass ich mich dort wohlfühle.

Wie sieht die Zukunft aus?

Es wird wichtig sein, einen Platz zu schaffen, der für Instagram-Fotos geeignet ist. Ich arbeite gerade an einem Hotel auf Zypern, wo es einen Reflecting Pool gibt, in dem ein Betonsessel vor dem Schriftzug des Hotels steht. Sie können davon ausgehen, dass die Gäste dieses Bild überall posten werden.


Andreas Neudahm kam durch Zufall ins Hotelgeschäft, als er sich gleich während des Studiums an ein Hotelprojekt wagte, das er komplett mit eigenen Entwürfen einrichtete. Seither ist der gelernte Tischler und Interiordesigner mit seiner Fullservice-Agentur eine feste Größe in der Branche.

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