Einrichtungshaus Architare

Barbara Benz

Je mehr wir wissen, desto mehr Beratung brauchen wir. Das gilt auch dann, wenn wir uns einrichten – im Office oder Zuhause. Davon zeigt sich Barbara Benz, Geschäftsführende Gesellschafterin des Einrichtungshauses Architare, überzeugt.

Interview Ulrich Texter

Frau Benz, Eoos nannte Sie einen Undercover-Trendscout. Der Duden definiert „undercover“ als etwas, das seine Identität nicht zu erkennen gibt. Würden Sie uns ausnahmsweise verraten, was Ihre Identität ausmacht?
Barbara Benz: Meine Identität ist geprägt von der Vielseitigkeit meines Berufs- oder Lebensweges. Ursprünglich komme ich ja aus Werbung, war Euro-Koordinator einer großen amerikansichen Werbeagentur. Diese Vielfalt und Breite sowie mein BWL-Studium Fachrichtung Industrie haben mich wahrscheinlich am meisten geprägt. Trends hole ich mir überall auf der Welt, auch beim Spazierengehen in den Ländern, in denen ich unterwegs bin.

Einrichten ist Einfühlen in Lebenszusammenhänge, lautet das Credo von Architare. Muss man als Einrichter Kunden, um mit Freud zu sprechen, eine „Talking cure“ bieten, um Lebenszusammenhänge zu verstehen?
B.B.: Das ist eine Wortschöpfung von mir und sie bedeutet, dass man einen Kunden wirklich verstehen muss: die Art, wie er lebt, ob er Ersteinrichter ist, Single oder eine Ferienwohnung einrichtet, ob er Kinder oder viele Freunde hat, die er gerne einlädt. Viele Bedürfnisse ändern sich im Laufe eines Leben. Das herauszufinden und zu filtern, aber auch den Kunden dahinzuführen, über sich selbst nachzudenken, was er von seiner Wohnung oder seinem Büro erwartet, das ist unsere Aufgabe. Darauf legen wir sehr viel Wert. Das gesamte Team wird darauf geschult.

Objekteinrichter betonen die Kraft des Raums und des Interieurs für die Entwicklung von Unternehmen. In diesem Kontext fallen regelmäßig Heilswörter wie Kreativität und Wohlfühlatmosphäre. Was unterscheidet Architare von der Konkurrenz?
Barbara Benz: Das Einfühlen in Lebens- und Arbeitszusammenhänge ist sicherlich eine der großen Stärken von uns. Da ich aus der Zielgruppenforschung komme, schauen wir uns jedes Unternehmen sehr intensiv an, um nicht einfach eine standardisierte Wohlfühlatmosphäre zu schaffen, sondern auch, um das CI adäquat umzusetzen. Ich würde sagen, wir kuratieren Räume. Das reicht mitunter bis zur Vase und dem Papierkorb.

Bei kuratieren denken wir an Ausstellungen. Wann bietet Architare Kunst zum Objekt?

B.B.: Architare ist eine Möbel-Galerie, Kunst aber ein anderes und sehr vielfältiges Thema. Wir haben einen sehr hohen Anspruch an alles, was wir tun, deshalb konzentrieren wir uns auf unsere Kernkompetenz.

Der Handel steht vor dem größten Wandel seiner Geschichte. Spielt das Produkt zu-künftig nur noch die zweite Geige, während Dienstleistungen darüber entscheiden, ob ein Geschäft zustande kommt?
Barbara Benz: Das ist eine Mischung aus beiden Faktoren. Dienstleistungen besitzen bei Architare einen hohen Stellenwert, dem wir mit unserem internen Workshop „Fünf-Sterne-Team“ Rechnung tragen. Zum Kundenservice zählen aber auch Produktauswahl und –knowhow. Wir suchen uns Partner sehr genau aus und besuchen Hersteller, um zu erfahren, wo welche Materialien herkommen, damit wir unseren Kunden fundierte Auskünfte geben können. Das ist, glaube ich, auch unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit wichtig. Unsere Kunden investieren manchmal viel Geld. Sie haben deshalb einen Anspruch auf Transparenz. Der Kunde verzeiht keine Fehler mehr.

Mit design möbel sale ist Architare im Netz aktiv. Welche Rolle wird E-Commerce zu-künftig spielen?

Barbara Benz: Der Begriff E-Commerce ist für mich zu eng gefasst. Der Kunde ist zu 90 % informiert, wenn er zu ins Haus kommt. Das bedeutet, dass sie eine erstklassige Internetpräsenz brauchen und in den sozialen Medien unterwegs sein müssen. Wenn ich mir viele Websites anschaue, stelle ich fest, dass das vielen Händlern noch nicht klar ist. Natürlich ist das eine kostenintensive Investition, die kleine Handelshäuser oft nicht stemmen können. Der Anspruch der Kunden ist es aber, online ein ähnliches Niveau geboten zu bekommen, wie sie es von großen Marken gewöhnt sind.

Und was ist mit design möbel sale?
Barbara Benz: Das hängt davon ab, was man verkauft. Einzelstücke wie Stühle sind einfach, komplexe Themen wie Sofas eher schwierig zu vermarkten. design möbel sale ist aber auch kein klassischer Shop. Die Frage bleibt natürlich, wo die Reise hingeht. Es gibt genügend E-Commerce-Shops, die kein Geld verdienen.

Architare zählt zu den Premium-Objekteinrichtern. Muss man sich fokussieren, weil, analog zur gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, auch im Einrichtungsbereich die alte Mitte wegbricht?
Barbara Benz: Auf jeden Fall muss man sich fokussieren, aber nicht unbedingt unter dem Aspekt der Preisstellung, sondern in der Designaussage und in der Art und Weise, mit Kunden zusammenzuarbeiten. Ein CEO wird andere Ansprüche haben als vielleicht die jungen Kreativen in der Entwicklungsabteilung, aber der Kunde hat dennoch einen Anspruch auf eine durchgängige Designsprache. Das Ziel muss immer sein, den Kunden ganzheitlich zu beraten.

Die Macht liegt heute in der Hand des Kunden. Wie zeigt sich das, was hat sich in Ihrem Geschäft mit ihm verändert?

Barbara Benz: Der Kunde ist heute, wie gesagt, sehr gut vorinformiert. Damit fängt es an. Darüber hinaus erwartet er von uns eine große Vielfalt an Marken und dass wir jedes Detail dieses einen Produktes, für das er sich nach intensiver Beschäftigung entschieden hat, genau kennen. Das ist bei über 100 Marken natürlich nicht immer zu leisten. Ihm dann zu erklären, warum wir das nicht immer machbar ist, aber wir ihm dennoch einen besonderen Service bieten können, ist eine der Herausforderungen. Zudem ist der Kunde sehr viel ungeduldiger, was umgekehrt bedeutet, dass sie viel schneller und sehr präzise arbeiten müssen.

Architare will außergewöhnliche Office-Situationen schaffen. Drückt sich darin der Wunsch einer auf Selbstverwirklichung fixierten Gesellschaft aus, in der jeder um sein „Ich“ kreist?

Barbara Benz: Ein gutes Thema. Jeder sagt von sich, er sei individuell oder besonders. Vor 100 Jahren stellte sich die Frage gar nicht, weil es nicht die Möglichkeiten gab, sich individuell auszudrücken. Das hat sich durch das Internet geändert. Ich glaube, bei der Informationsdichte braucht man allerdings wieder jemanden, der einem dabei hilft, die eigene Individualität auszudrücken. Viele glauben, wenn sie in ein Einrichtungshaus gehen, dass sie sich auskennen. Das Gegenteil ist richtig. Sie kennen weder die Tiefe des Sortiments noch die Farben noch die Details. Wenn man Individualität möchte, braucht man Beratung.

Ihr Unternehmen bedient Home und Office. Welches Segment entwickelte sich in den letzten Jahren am dynamischsten?
Barbara Benz: Office.

Was sind die Gründe?
Barbara Benz: Ich glaube, unsere Kunden schätzen unsere Professionalität. Das war immer unsere Stärke. Hier liegt unser Herzblut, schon von meinem beruflichen Werdegang her.

Die Grenzen zwischen Freizeit und Beruf verschwimmen. Umgekehrt steigen die psychischen Erkrankungen. Brauchen wir wieder klare Regeln?
Barbara Benz: Neue Grenzen können sie nicht wieder so einfach einziehen. Das Problem ist, dass wir es nicht gelernt haben, mit der digitalen Welt umzugehen. Das fängt schon in der Schule an. Nicht einmal die meisten Lehrer können es. Das ist das Problem.

Und wie bekommt man das in den Griff?

Barbara Benz: Immer mehr Firmen schaffen Oasen im Büro, damit Mitarbeiter entspannen oder entschleunigen können. Arbeitsplätze braucht man aber trotzdem und deshalb gibt es stets ein gewisses Spannungsfeld.

Sind wir womöglich noch nicht reif für unsere neue Freiheit?
B.B.: Da haben Sie recht, weil wir auch nie darauf richtig vorbereitet wurden.

Vor zwei Jahren haben Sie Fleiner übernommen, obwohl das Stammhaus doch vor den Toren Stuttgarts liegt. Denken Sie über weitere Filialen nach?
Barbara Benz: Die Frage ist doch, ob man weitere Niederlassungen wirklich braucht. Standorte sind teuer und aufwändig. Ich bin der Ansicht, dass man durch eine exzellente Präsenz im Internet gar nicht mehr Standorte eröffnen muss.

Frau Benz, wir bedanken uns für das Gespräch.

Mehr zu dem von Architare geplanten Bürokonzept des Unternehmens Pfalzgraf erfahren Sie hier.

www.architare.de