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Osko + Deichmann

Das Berliner Designbüro Osko + Deichmann stellt die Dinge manchmal auf den Kopf. Sein Leitmotiv: Nichts ist unmöglich. Beim Arbeitsstuhl ‚Vlex‘ reizten Blasius Osko und Oliver Deichmann die Grenzen von Formvlies aus.

Interview Katharina Feuer

Der Formholzspezialist Becker hat euren Entwurf und weitere zehn als Prototypen realisiert. Wie kam es dazu?

Osko + Deichmann: Becker hatte uns zu seinem Design-Forum 2017 eingeladen. Das war in vielerlei Hinsicht spannend. Wir wurden durch das Werk in Brakel geführt und haben viele Designer jeglichen Alters getroffen. Das war inspirierend. Selten gibt es diese Möglichkeit des Austauschs – ein sehr intensiver Tag.

Was ist das Besondere an eurem Arbeitsstuhl ‚Vlex‘?

Lehne und Sitzfläche des ‚Vlex‘ sind 3D-geformt, laufen aber an der Verbindungsstelle nach hinten flach aus. Durch diese Zweidimensionalität entsteht die nötige Flexibilität. Mithilfe einer Synchronmechanik lässt sich die Rückenlehne bis zu 15° nach hinten schwenken. Wir hatten uns im Vorfeld intensiv mit Formvlies beschäftigt und es reizte uns, die Möglichkeiten des Materials auszuloten.

Mit Formholz wäre ‚Vlex‘ nicht möglich gewesen?

Nein, das hätte weder mit Formholz noch mit 3D-Furnier und auch nur schwer mit Kunststoff funktioniert.

War von Anfang an klar, dass ihr einen Arbeitsstuhl machen wollt?

Wir wollten mit der Flexibilität des Materials Formvlies spielen. Zuerst dachten wir über ein Lounge-Möbel mit verstellbarer Rückenlehne nach, sind aber beim Arbeitsstuhl gelandet, weil dort das Bedürfnis nach einer beweglichen Rückenlehne größer ist. Das Büro wird immer wohnlicher – für uns war es spannend, in diese Welt ein neues Material einzuführen.

Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Brakel und Berlin funktioniert?

Sehr gut. Wir haben ‚Vlex‘ rein digital geplant, die CAD-Daten an Becker geschickt und noch ein paar Mal telefoniert. Es war beeindruckend, wie aus den 3D-Daten die Schale aus Formvlies entstand. Und es hat Spaß gemacht, die Elemente zu montieren, zu sehen, dass es funktioniert!

Es gibt bisher nur einen Prototyp.

Ja. Der Stuhl soll Anregung sein und kann noch weiterentwickelt werden. Die Entwurf ist schon weit. Jetzt suchen wir nach geeigneten Partnern.

Man liest, dass ihr euch nicht von Konventionen einengen lasst.

Unser erstes Büro hieß „Wunschforscher“. Wir experimentieren gerne mit Materialien und es bereitet uns Freude, einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil umzukehren.

Gab es diesen Effekt auch bei ‚Vlex‘?

In gewisser Weise, ja. Das Problem war die Möglichkeit, Sitzfläche und Rückenlehne des Arbeitsstuhls in einem geschlossenen Teil auszuführen. Das war möglich, weil man abhängig von der Ausformung das Vlies stabil oder flexibel gestalten kann.

Xing, LinkedIn, Facebook. Sind die sozialen Medien für euch relevant bei der Suche nach Geschäftspartnern?

Weniger. Ich (Anm. d. Red.: Oliver) habe mal halbherzig bei LinkedIn ein Bild hochgeladen. Aber ums kurz zu machen: Wir nutzen Messen, greifen gezielt zum Telefonhörer oder bevorzugen den persönlichen Kontakt.

Eure Arbeits-Vita ist fast identisch. Euch gibt es nur im Doppelpack. Aber du, Oliver, warst 2012 und 2015 als Gastprofessor in China.

Das war eine tolle Erfahrung und lief über eine Kooperation der UdK Berlin mit der China Academy of Arts in Hangzhou. Die Studenten haben vormittags Deutsch gelernt und am Nachmittag Unterricht in Design erhalten – jeweils vier Wochen lang.

Wie arbeiten chinesische Studenten?

Mir ist besonders beim ersten Mal aufgefallen, dass sie nicht mit den Händen arbeiten. Sie entwarfen immer gleich am Rechner und hatten keine Lust zu experimentieren oder Modelle zu bauen. Die ließen sie sich bauen. So kann man aber nicht überprüfen, ob ein Entwurf Sinn macht oder funktioniert. Sonst waren es typische Studenten.

Wie schätzt du die Relevanz von Produktdesign in China ein?

Bisher gibt es meines Erachtens noch keine chinesische Weltfirma, die sich über Design definiert. Aber das ändert sich bestimmt in den nächsten fünf bis zehn Jahren.

Gehst du wieder nach China?

Leider wurde die Kooperation beendet, was ich schade finde und auch falsch. Kontakte gehen verloren, gerade jetzt, wo Design in China an Relevanz gewinnt.

Immer zu zweit, seit fast 20 Jahren…

… es knirscht natürlich manchmal. Wir sind nicht immer einer Meinung. Das Gegenteil ist der Fall, was nicht schlimm ist. Denn ein kritischer Austausch tut dem Ergebnis gut. Die Dinge, die aus einem langen „Kampf“ heraus entstanden sind, werden auch von anderen als gelungen wahrgenommen.

Wie erlebt ihr als Berliner Designbüro den Wandel der Stadt?

Es ist natürlich toll, dass sich Berlin zu einer internationalen Metropole entwickelt. Anderseits vermissen wir manchmal das Berlin der 1990er-Jahre, mit seinen unfertigen Ecken, dem Gefühl unendlicher Möglichkeiten, illegalen Kellerbars – wohlwissend, dass es auf Dauer so nicht hätte bleiben können. Der absolute Wahnsinn ist die Kommerzialisierung aller Bereiche heutzutage.

Welcher Entwurf war Euer wichtigster bisher und warum?

Als Designer ist immer das aktuelle Projekt das wichtigste, die anderen sind schließlich abgeschlossen. Es bleibt aufregend, wenn etwas Neues entsteht. Aber zwei stehen im Vordergrund. Der Freischwinger ‚Straw‘ aus geknicktem Stahlrohr, den wir zum 90. Bauhaus-Jubiläum als Hommage an Mart Stam und Marcel Breuer entworfen haben.

Und der zweite?

‚Plot‘ für Brunner. Das Sofa-System markiert unseren Einstieg in die Welt der Objektmöbel und begann mit einer Beobachtung: je förmlicher der Rahmen, desto steifer die Haltung der Menschen. Wir wollten wissen, ob es umgekehrt funktioniert, also ob eine entspannte Haltung zu entspannter Atmosphäre und letztlich informeller Kommunikation führt. ‚Plot‘ bricht mit herkömmlichen Strukturen und bietet drei Ebenen zum Loungen, Sitzen und Lehnen an. Menschen haben angefangen, ‚Plot‘ auf noch viel kreativere Art zu nutzen, als wir uns das je hätten vorstellen können.

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Bald sind es 20 Jahre, die Oliver Deichmann (links) und Blasius Osko (beide Jg. 1975) zusammenarbeiten. Nach ihrem Vordiplom in Industriedesign an der Hochschule der Künste, Berlin, gründeten sie 1998 ihr erstes Büro „Die Wunschforscher“. 2005 folgte die Umbenennung zu Osko + Deichmann. Zu ihren Kunden zählen Brunner, Moooi, Blå Station, Ligne Roset und Diesel.

www.oskodeichmann.com