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Moritz Waldemeyer

LEDs sind seine Spezialität. Seit der Zeit, in der die Leuchtdioden noch in den Kinderschuhen steckten, befasst sich der Ingenieur und Lichtkünstler bereits mit deren Möglichkeiten. Heute arbeitet er mit internationalen Künstlern und Unternehmen zusammen.

Interview Katharina Feuer

Moritz Waldemeyer, zündest du noch echte Kerzen an?

Moritz Waldemeyer: Nein, eigentlich nicht. Wir hatten sogar unseren Weihnachtsbaum mit LED-Kerzen bestückt. Die liefen 24 Stunden und ihre Wirkung war frappierend echt. Beim Geruch der Nadeln und der naturgetreuen Wiedergabe der Flamme kamen sogar Kindheitserinnerungen hoch.

Mit LED-Leuchten?

Moritz Waldemeyer: Trotz ihrer relativ groben Pixel von 8 x 16 und des offensichtlichen Schaltkreise, erreicht man – mit einem gewissen Abstand – eine natürliche Ästhetik. Es ist ein faszinierender, authentischer Effekt, ein Spiel von Echtheit und Digitalem.

Aber der Baum musste echt sein!

Moritz Waldemeyer: Ja, eine Fichte. Aber das war auch ein Kampf. Meine Kinder wollten einen unechten haben, so wie es in England vielerorts üblich ist.

Mit dem Shop mori.london hast du einen neuen Schritt gewagt.

Moritz Waldemeyer: Das ist mehr ein Seitenprojekt, das mir dennoch sehr am Herzen liegt. Wir haben über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter 2017 das Startkapital eingenommen – mehr als erhofft – und die Seite mit den ersten beiden Produkten gelauncht.

‚Midnight Oil‘ und ‚Eternal Flame‘?

Richtig.

Wo produziert ihr?

Das Glas erhalten wir von einem Hersteller in der Türkei. Die Elektronik kommt aus England.

Du bezeichnest dich als Waldmenschen und lebst in London. Wie geht das zusammen?

Ahja, wir leben auch nah am Wald. Aber natürlich ist das nicht vergleichbar. London ist einfach eine der coolsten Städte der Welt. Ich befürchte allerdings, dass wir die letzten Kreativen sind, die sich hier eine Existenz aufbauen konnten. Die Stadt ist fest in den Händen von Investoren.

Deine Meinung zum Brexit?

Ich finde das alles sehr deprimierend. Ein Hammerschlag auf den Kopf.

Überlegst du wegzuziehen?

Ich bin zum Studieren hierher gekommen und lebe mittlerweile seit über 20 Jahren in London. Aber wir schauen uns tatsächlich um und haben schon einen Forschungsurlaub in Barcelona gemacht (lacht). Da ist es jetzt bloß genauso verrückt mit den Separatisten. Wahrscheinlicher ist Italien. Wir sprechen zuhause italienisch und es gibt viele gute Kontakte nach Italien.

Was hast du bei Philips in London in der Forschung gemacht?

Wir sollten die Anwendungsmöglichkeiten für LEDs erforschen, für den Zeitpunkt, wenn sich LEDs etabliert haben.

Hat dieses Know-how dir geholfen? Du hast bei großen Projekten wie Olympia in Rio de Janeiro, Swarovski, Audi mitgewirkt und für Künstler wie Take That, Jamiroquai, Rihanna und U2 gearbeitet.

Es war eine glückliche Kombination, die mir genutzt hat: mein Bildungshintergrund, meine Designaffinität, die ich auch meinem künstlerischen Elternhaus zu verdanken habe, und mein Wissen rund um LEDs.

Wie hat das mit den Projekten angefangen?

Das ging rasend schnell. Ich hatte als externer Spezialist für Swarovski Projekte technisch umgesetzt. Darüber habe ich Zaha Hadid und viele weitere kennengelernt. Eins kam zum anderen.

2004 folgte der Schritt in die Selbstständigkeit. Welche Projekte sind dir die liebsten?

Die Abwechslung ist wunderbar. Wechselnde Leute, unterschiedliche Orte – wir arbeiten international – neue Ideen, spannende Materialien.

Du hältst Vorträge an Universitäten und bei Kongressen?

Ja. Ich merke oft, dass die Zuhörer überfordert sind.

Wovon sind sie überfordert?

Vom Transfer in ihre Welt. Ich zeige unsere Projekte, erkläre, was wir können. Ihnen fehlt die Verbindung, ihre konkrete Anwendung.

Vielleicht hilft eine Pre-Selection?

In der Tat muss ich mich abhängig von meinem Gegenüber unterschiedlich präsentieren. Mal als Modeschöpfer, als Innenarchitekt, als Künstler oder als Produktdesigner – sonst ist es kreatives Chaos.

Deine Arbeit wirkt auf mich wie eine riesige Spielwiese!

Wir wollen dort sein, wo die Innovation stattfindet. Zur Zeit haben wir einen 3D-Drucker, mit dem wir „spielen“ und Anwendungen testen.

Gib mir Bescheid, wenn beim Spielen etwas herausgekommen ist!

Klar, gerne.

Moritz Waldemeyer, vielen Dank für das Gespräch!

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Moritz Waldemeyer (Jg. 1974) verließ Mitte der Neunzigerjahre seine Heimatstadt Halle/Saale, um Mechatronics am Kings College in London zu studieren. Nach mehreren Jahren in
der Forschungsabteilung bei Philips/London gründete der Lichtkünstler 2004 sein Studio. Er hat Projekte für Zaha Hadid, U2, Audi realisiert.

www.waldemeyer.com

Portrait: privat