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Mario Ruiz

„Schuster bleib bei Deinen Leisten“ gilt für ihn nicht: Mario Ruiz ist das Multitalent der spanischen Designszene. Mit ruhiger Hand und Detailgespür widmet er sich Möbeln, Leuchten, Textilien und technischen Geräten. Woher nimmt so jemand seine Inspiration?

Interview: Johanna Neves Pimenta

Egal, ob Möbel für den privaten oder den Objektbereich, ob Textilien oder technische Geräte: Sie haben alles schon entworfen. Welche Disziplin ist Ihnen die liebste, Mario Ruiz?

Ich habe keine Lieblingsdisziplin. Ich arbeite gern in allen möglichen Richtungen und an den unterschiedlichsten Projekten. Besonders interessieren mich Aufgaben, bei denen es nicht um ein Einzelstück geht, sondern darum, unter Berücksichtigung einer Designsprache eine ganze Produktfamilie, ein System oder eine Kollektion zu entwickeln.

Warum entwerfen Sie so viele unterschiedliche Dinge?

Für mich ist das enorm bereichernd. Man wird gezwungen, sich Wissen über zahlreiche Materialien und Techniken anzueignen und herauszufinden, wie sie je nach Einsatzgebiet angewendet werden können. Dadurch erwirbt man interessante Kenntnisse, die man später in anderen Zusammenhängen in die Praxis umsetzen kann.

Wie zeigt sich das bei Ihnen?

Meine Karriere begann mit Büromöbeln und technischen Geräten; ein paar Jahre lang habe ich mich auf diese beiden Welten konzentriert. Danach war ich neugierig darauf, neue Projekte auszuloten. Ich nahm also Kontakt mit Firmen aus anderen Bereichen auf, deren Produkte ich besonders schätzte – jedoch ohne aufzugeben, was ich bis dahin erreicht hatte.

Woran arbeiten Sie im Augenblick?

Mein Fokus liegt zurzeit auf zwei Gebieten. Zum einen befasse ich mich mit Projekten, egal, ob Wohnmöbel oder Industrieprodukte. Dabei kommt es mir immer darauf an, zu verstehen, wie sie in der Zukunft genutzt werden können. Zum anderen unterstütze ich Firmen als Kreativdirektor bei der Entwicklung ihrer künftigen Identität.

„Designer zu sein bedeutet, mit weit offenen Augen zu leben.“

Sie arbeiten also sehr zukunftsgewandt. Was inspiriert Sie im Hier und Jetzt?

Ich sammle Objekte und bin sehr neugierig. Ich lasse mich von allem, was mich umgibt, inspirieren und beeinflussen – die Straßen, durch die ich gehe, die Menschen, die ich liebe, die Gegenstände, die ich sehe und benutze. Designer zu sein bedeutet, mit weit offenen Augen zu leben und mit allen Sinnen unablässig auf alles zu achten, was um mich herum vorgeht.

Ihr neues Sideboard für den spanischen Möbelhersteller Punt heißt ‚Malmö‘, und einen anderen Entwurf haben Sie ‚Stockholm‘ genannt. Warum nicht ‚Barcelona‘ oder ‚Madrid‘?

Meine allererste Auftragsarbeit für Punt war ‚Stockholm‘. Für den Namen gab es einen ganz einfachen Grund: Das Möbel sollte eine skandinavische Anmutung ausstrahlen, aber dennoch aus einem mediterranen Blickwinkel betrachtet werden. Die Kollektion entwickelte sich zu einem der Wahrzeichen der Marke. Aufgrund dieses Erfolgs bekam ich den Auftrag, eine zweite Kollektion unter dem Namen ‚Malmö‘ zu entwerfen.

In welcher Stadt würden Sie am liebsten leben, und wohin reisen Sie am liebsten?

Ich lebe in Barcelona, aber ich könnte mir durchaus auch vorstellen, in anderen Städten zu leben. Mein bevorzugtes Reiseziel ist Japan. Bei jeder Reise dorthin lerne ich etwas Neues über die Gestaltung von Objekten. Für mich ist die japanische Kultur eine enorme Inspirationsquelle. Ich bin immer wieder überrascht von der japanischen Liebe zum Detail und der Ästhetik der dortigen Handwerkstradition in Bereichen wie Textilien, Keramik, Holz …

„Nicht Kenntnisse bewundern, sondern Arbeitsweisen.“

Welcher Designer ist für Sie ein Vorbild?

Am Anfang der Karriere neigt man dazu, sich anzuschauen, was andere machen. Im Lauf der Zeit bewundert man nicht mehr so sehr die Kenntnisse, aus denen heraus ein Entwurf entsteht, sondern vielmehr die Art und Weise, wie er erarbeitet wird.

In der Zeit zwischen Francos Tod und der Finanzkrise erlebte die spanische Designszene eine Blütezeit. Wie ist die Lage heute?

Was Design angeht, ist Spanien im Vergleich mit anderen Kulturen wie beispielsweise Skandinavien ein sehr junges Land. Vor ungefähr 15 Jahren fand jedoch ein Paradigmenwechsel statt. Der Blick richtet sich jetzt nicht mehr so sehr auf die lokale Ebene, sondern man öffnet sich für andere Märkte und geht neue Wege. Es gibt heute viele junge Leute, die an Projekten im Ausland mitarbeiten und dabei eine breitere Perspektive entwickeln.

Sie haben 2017 den National Design Prize bekommen. Was war das für ein Gefühl, vom König persönlich ausgezeichnet zu werden?

Als ich den National Design Prize bekam, war ich überrascht und ich fühlte mich geehrt. Um ehrlich zu sein: Ich kann es immer noch nicht so richtig glauben. Diese Anerkennung bestätigt meine Arbeit . Die Verleihung in Anwesenheit des Königs besagt: Wir haben dich beobachtet und wir schätzen, was du tust.


Mario Ruiz (Jg. 1965) studierte Industrial Design an der Elisava Design School in Barcelona und eröffnete 1995 in derselben Stadt sein Studio. Egal ob Möbel, Leuchten, Textilien oder Elektrogeräte: Ruiz arbeitet für namhafte Kunden wie Siemens, Steelcase oder Punt und fungiert mitunter auch als Art Director. Seine Arbeit wurde über 40 Mal ausgezeichnet, unter anderem mit dem spanischen National Design Prize.

www.marioruiz.es


Neben Mario Ruiz zählt Jaime Hayon zu den bekanntesten spanischen Designern. Lesen Sie unser Interview:

Jaime Hayon


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Mario Ruiz

The saying “cobbler, stick to your trade“ does not apply to Mario Ruiz. He is the multi-talent of the Spanish design scene. With a steady hand and a distinct sense for details he has devoted himself to furniture and lamps, textiles and technical appliances. Where does someone like him get his inspiration?

Author: Johanna Neves Pimenta

Whether furniture for private or contract use, textiles or technical appliances: you have designed all of them. What is the discipline you like best, Mario Ruiz?

I don’t have a favorite discipline; I’m comfortable doing all kinds of projects. I am especially interested in those that aren’t limited to a single piece, but rather comprise a family, a system, a series, a collection, and involve a design language.

Why do you design so many different things?

Designing different things is very enriching. It forces you to learn about a great number of materials and technologies, to understand how they can be applied depending on the field. Consequently you can build up very interesting knowledge base that you can later put into practice in other, completely different, sectors.

How does this come into being in your case?

I began doing office and technology-related projects, and for several years my work focused on those two worlds. Then, my curiosity led me to explore other types of projects. I therefore began to look into and get in touch with companies that I admired from other fields, without leaving behind all that I’d accomplished.

What are you working on right now?

My work is currently focused in two directions: on the one hand, on projects, be they home furniture or industrial products, always seeking ways of understanding the manner in which they’ll be used in years to come. On the other hand, I work with companies as a creative director, to help them shape their identity for the coming years.

„Being a designer implies living with your eyes wide open“

Which means that your work is very future-oriented. What inspires you in the here and now?

I collect objects and am very curious. Inspiration comes from observing everything that surrounds me: the streets, the people I love, the objects I see and use anywhere influence my work. Being a designer implies living with your eyes wide open and your senses in constant alert to what is happening around you.

Your latest sideboard for the Spanish furniture company Punt is named ‘Malmö’, another design is named ‘Stockholm’. Why not ‘Barcelona’“ or ‘Madrid’?

‘Stockholm’ was the first project commissioned by Punt. The reason behind its name is very simple: the brief asked for a piece with a Scandinavian design focus but approached through a clearly Mediterranean viewpoint. The collection became one of the brand’s representative pieces, and thanks to this success, I was asked to design a second collection: ‘Malmö’.

Which is your favorite city to live – and which one is your favorite travel destination?

I live in Barcelona, but I wouldn’t mind living in other cities. My favorite travel destination is Japan. Every time I go, I learn something about creating objects. Japanese culture is a huge source of inspiration to me: the love for details, aesthetics of their tradition in textiles, ceramics, wood…They always surprise me.

„Don’t admire what is done, but the way in which things are done.“

Do you have a design idol?

When you start out in your career, you tend to pay attention to what others are doing, but over time, what you admire is not so much the erudition of what is done, but rather the way in which things are done.

In between Franco’s death and the financial crisis, the Spanish design scene extremely flourished. How would you describe the situation today?

In terms of design, Spain is a very young country compared with other cultures such as the Scandinavian, for example. However, as of 15 years ago, there has been a shift towards a point of view that is less local and more open to other markets and to different ways of doing things. Today, there are many young people collaborating in projects abroad, with a broader perspective.

You received the National Design Prize in 2016. What does it feel like to be honored by the King himself?

It was a surprise and an honor to be awarded the National Design Prize, and the truth is I still have trouble believing it altogether. In some way, this recognition reasserts you, it’s something that tells you: we have been watching you and we like what you do.

Born in 1965 in Alicante, Spain, designer Mario Ruiz graduated in Industrial Design from Barcelona’s prestigious Elisava Design School. He started his independent professional career in 1995 opening his own studio in Barcelona. Mario Ruiz’s work has been shown in exhibitions throughout Europe and Japan and he has been acknowledged with more than 40 important awards. In 2016 he received the prestigious National Design Prize, given by the King of Spain, Felipe VI and the Ministry of Economy.