Designer Chat

Klemens Grund

Der Tischlermeister und Designer sieht sich an der Schwelle vom Handwerk zur Industrie. Möbeln eine Seele und Poesie einzuhauchen – das geht nicht allein mit der CNC-Fräse, ist er sich sicher.

Interview Katharina Feuer

Wie ich ‚das Haus‘ auf der imm cologne von Lucie Koldova gefunden hätte, will Klemens Grund zu Beginn unseres Gesprächs wissen. Moment mal, wer interviewt hier wen?

Koldovas Ansatz, Räume über Licht zu definieren, fand ich spannend, leider war mir die Umsetzung zu kontrastarm. Wie fanden Sie es?

Klemens Grund: Wer mit Licht arbeitet, arbeitet mit Schatten. Der fehlte. Auch war es mir zu vollgestopft. Aber es ist einfach, aus dem Off zu kritisieren.

Würde Sie ‚das Haus‘ reizen?

Klemens Grund: Ja, aber ich würde weniger kommerziell arbeiten, weniger bereits Bekanntes zeigen … wobei: Ich bin gern ein Geheimtipp.

Nach Ihrem Designstudium auf Gut Rosenberg haben Sie doch wieder als Tischler gearbeitet. Warum?

Die drei Jahre Studium waren unglaublich intensiv. Und ich hatte noch keine zündende Idee, wie es weiter geht. Sie können das mit einer Weltreise vergleichen: Man kommt zurück und fällt erst einmal in ein Loch. Eine Option war für mich, den Master in Stockholm zu machen – ich hatte bereits ein Zusage, ich entschied mich dann aber lieber fürs Arbeiten.

Bei der Schreinerei Brammertz in Aachen. Sie waren dort beides – Handwerker und Designer.

Der gestalterische und technische Anspruch im Handwerk wächst. Die Messlatte auch beim Thema Visualisierung hängt mittlerweile hoch. Kunden kommen nicht selten mit Bildern, die sie auf Pinterest gefunden haben, um ihre Wünsche zu zeigen, die teilweise im Widerspruch zueinander stehen. Designer filtern das zentrale Anliegen heraus.

Das kann Ihrer Meinung nach der Tischler leisten?

Der Tischler arbeitet an der Schnittstelle zwischen dem Schönen und dem Notwendigen. Er muss sich fragen, wie füge ich Teile zusammen, welche Aussage oder gar Poesie ergibt sich daraus? Das ist elementar.

Entstand Ihr Klappstuhl ‚D7K‘ für Tecta mit diesem Anspruch?

Stühle reizen mich seit meinem Studium. Den Klappstuhl habe ich während meiner Zeit bei Peter Zumthor entwickelt. Ich wollte einen Klappstuhl mit Armlehnen entwerfen, dem man seinen „Klapperatismus“ nicht ansieht.

Wie haben Sie das gelöst?

Die Versteifung versteckt sich in den Hinterbeinen. Optisch sollte er sich nicht vom Stuhl ohne Klappmechanismus unterscheiden. Über die Arbeit am Werkraum in Vorarlberg habe ich damals Martin Bereuter kennengelernt. Seine Tischlerei produziert den Stuhl, teilweise in Handarbeit.

Handarbeit ist teuer.

Wenn Sie nicht in einem Billiglohnland produzieren wollen, hat das seinen Preis. Ja, vielleicht ist der Stuhl deswegen ein Luxusprodukt.

Es ist eine ungewöhnliche ménage à trois: Tecta, Bereuter und Sie.

Es war mir wichtig, dass Tecta die Zusammenarbeit weiterführt. Bereuter hatte bereits einiges investiert – die Qualität sieht man. Es hat geklappt, was mich sehr freut.

Tecta ist der erste Hersteller, mit dem Sie zusammenarbeiten?

Ja. Ich hatte überhaupt erst 2015 angefangen, mir Gedanken über Hersteller zu machen. Und war zum ersten Mal auf der Kölner Möbelmesse.

Wirklich? Wie war das für Sie?

Ich stand unter Schock.

Inwiefern?

Diese riesigen Stände. Die Massen. Das viele Zeug. Neues wird heute per se schon als Qualität verstanden. Die Frage nach Sinn und Sinnlichkeit gerät dabei in Vergessenheit.

Wie verlief die Messe für Sie?

Bei Gesprächen habe ich oft zu hören bekommen: „Toller Entwurf, Herr Grund, aber viel zu handwerklich.“ Viele Hersteller wollen – bildlich gesprochen – Holz in eine CNC-Fräse stopfen und das fertige Produkt soll hinten herausfallen. Die Poesie des Handwerks steckt aber im Fügen, dem Gespür für die Eigenschaften des Materials und dessen Schönheit. Ich stelle mir die Frage, ob und wie sich diese Aspekte bei einer seriellen Produktion verwirklichen lassen.

Das ist eine grundsätzliche Frage.

Es ist eine Frage, die mich wahrscheinlich die nächsten zehn Jahre beschäftigen wird.

Bei Peter Zumthor klopfen täglich Bewerber an. Wie haben Sie es geschafft, angenommen zu werden, obwohl Sie kein Architekt sind?

Sinngemäß macht Zumthor keinen Unterschied zwischen einem Stuhl und einem Haus. Grundlage seiner Arbeit ist die Frage „Wie wird‘s gemacht?“ Mein konstruktives Verständnis und meine Kenntnisse im Bauhandwerk haben ihn offensichtlich überzeugt.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Seine Hartnäckigkeit, gegen externe Widerstände, seine Visionen durchzusetzen, ist beeindruckend. Wobei er nicht dogmatisch war. Seine Analysekraft und sein Gespür, das Problem zu finden und zu isolieren. Wichtig für mich war, zu verstehen, dass man Argumente, die den Entwurf betreffen, nicht vermischt. Aspekte wie Form, Farbe, Material, Funktion, Zeit, Geld, Technik und Gesetze wurden separat diskutiert. Tut man dies nicht, wird alles zu einem undefinierbaren, unlösbaren Brei.

Eine wertvolle Erkenntnis.

Ich bin sehr froh über die intensive Zeit und einige tolle Projekte.

Nennen Sie bitte einige.

Der Werkraum im Vorarlberg und der Serpentine Pavillon in London. Bei der Eröffnung habe ich versucht Zaha Hadid einen Stuhl zu verkaufen.

Hat Sie ihn gekauft?

(Lacht) Nein, Sie war wohl nicht in Stimmung.

Warum haben Sie das Büro nach drei Jahren verlassen?

Ich merkte, dass das Leben kurz sein kann und wollte mich weiter entwickeln. Ein eigenes Büro gründen. Eigene Entwürfe verwirklichen. Erfolge feiern oder auch Scheitern lernen.

Klemens Grund, vielen Dank für das Gespräch.

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