Designer Chat mit dem Industriedesigner

Justus Kolberg

Die Liste der Kunden, für die Justus Kolberg gearbeitet hat, liest sich wie das Who is who der Büromöbelhersteller. Der Industriedesigner arbeitet in Hamburg. Alleine, in seinem Tempo. Sein Tipp: immer nochmal drüber schlafen.

Interview Katharina Feuer

Herr Kolberg, wenn man Sie googelt, dann erscheint ihr Name im Kontext mit bekannten Herstellern der Bürmöbelindustrie. Darunter Kusch.

Justus Kolberg: Kusch gehört genau genommen zu einem meiner ersten Kunden. Deswegen habe ich mich auch sehr gefreut, als die Anfrage von Kusch für ein Wartebanksystem kam.

Was hat Sie daran gereizt?

Justus Kolberg: Die Kombination aus formaler Einfühlsamkeit und technischer Innovation.

Das Briefing … ?

… war heftig. Die Anforderungen sehr spezifisch. Der Entwurf sollte die Formensprache des Unternehmens aufnehmen und diese in die Zukunft führen. Es galt, die Marke Kusch weltweit zu stärken.

Wie sind Sie vorgegangen?

Es gibt auf diesem Feld nur wenige Firmen. Wir haben uns die Konkurrenz angeschaut und sehr genau analysiert. Was können die Mitbewerber besser? Wo sind die Schwächen? Was funktioniert noch nicht?

Und was funktioniert noch nicht?

Ein wesentlicher Punkt bei einem Traversensystem ist dessen Flexibilität. Da haben wir noch ein großes Optimierungspotenzial festgestellt.

Ihre Lösung?

Eine Traverse für drei Befestigungsebenen: einzelne Elemente wie Sitz, Armlehnen, Tablare und die Elektrifizierung können unabhängig voneinander montiert bzw. demontiert werden.

Das macht es flexibler.

Richtig. Es ist eine schnelle Handhabung möglich. Und eine gute Basis für einen Wechsel, beispielsweise von A nach B am Flughafen. ‚8300 V-Travel‘ ist ein Baukastensystem ohne dessen optischen Charakteristika, da man keine Schrauben sieht.

Haben Sie ihr System schon in der Anwendung gesehen?

Eine der ersten Auslieferungen ging an den Charles-de-Gaulle-Flughafen in Paris. Ich habe es kürzlich zufällig zum ersten Male gesehen auf einem Zwischenstopp nach LA.

Wie sieht es aus? Sind Sie zufrieden?

Ich war angenehm überrascht. Bis dahin kannte ich die Bank nur als Einzelstück. Hier konnte ich sehen, wie sie im großen Maßstab wirkt.

Wie war der Raumeindruck?

So, wie ich es erhofft hatte. Elegant, ruhig. Einerseits technisch, anderseits emotional warm. Meine Zielsetzung war es, eine Brücke zu schlagen zwischen der technischen Architektur der Flughäfen und dem Bedürfnis der Menschen, für einen Augenblick zur Ruhe zu kommen.

Welche Idee steckt hinter dem kleinen Versatz in der Rückenlehne?

Ich wollte verhindern, dass durch die Reihung des Systems eine Art geschlossene Mauer entsteht. Der Absatz ruft Leichtigkeit, Rhythmus und Großzügigkeit hervor. Optisch wirkt der Sitz dadurch einladender.

Sie entwerfen viele Stühle. Warum?

Stühle haben ein unheimliches Gestaltungspotenzial. Ihre Dreidimensionalität. Sie sind für mich von großer Emotionalität. Beim Drehstuhl kommt der technische Aspekt hinzu, ein Industrieprodukt mit langer Entwicklungszeit und oft hohem Invest. Es ist ein Maßstab und eine Größenordnung, die ich noch überschaue.

Das heißt ein Schranksystem …

… reizt mich in etwa so sehr, wie Vokabeln lernen.

Vokabeln lernen mussten Sie, als Sie in Italien lebten. Wie kam es dazu?

Während meines Studiums habe ich festgestellt, dass Kiel nicht der Nabel der Designwelt ist. Ich habe in Italien viel gelernt. Auch, wie die italienische Designwelt funktioniert.

Warum sind Sie wieder zurück nach Deutschland gegangen? Sie hatten sich doch gut eingelebt.

Ich erhielt das Angebot von Wilkhahn als angestellter Designer in der Wiege zu arbeiten. Eine tolle Erfahrung.

Trotzdem haben Sie sich fünf Jahre später, 1997, selbstständig gemacht. Warum?

Es war ein Fazit meiner bisherigen Erfahrungen. Die vermeintliche Sicherheit einer Festanstellung ist gar nicht so sicher. Unternehmen können meiner Meinung nach nicht 20 Jahre mit demselben Designer arbeiten. Für mich erschien logischer und vielseitiger mit vielen verschiedenen Kunden zusammenzuarbeiten, also mehrere Standbeine zu haben. Ich dachte mir, wann, wenn nicht jetzt?

Wie groß ist ihr Büro?

Ich habe festgestellt, dass ich am besten alleine arbeite. Oft schlafe ich noch einmal nach getaner Arbeit, um dann zu erkennen, dass ich wieder einen Schritt zurückgehen muss, um voranzukommen. Gleichzeitig bin ich sehr gut vernetzt, um den nötigen Austausch zu haben.

Haben Sie schon einmal für sich entworfen? Für ihr zuhause?

Meine Stärken liegen im Office-Bereich, aber mein allererster Stuhl, ein Klappstuhl, den ich als Student für Tecno entworfen habe, der hat einen festen Platz bei mir zu Hause.

Justus Kolberg, vielen Dank für das Gespräch.

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Justus Kolberg (Jg. 1962) arbeitete bereits während seines Industriedesignstudiums an der Muthesius School in Kiel bei GianCarlo Piretti in Bologna. Nach Ende des Studiums 1990 zog es ihn erneut für zwei Jahre nach Italien, dieses Mal für Tecno. Es folgte eine Anstellung bei Wiege Wilkhahn, bevor sich der Designer 1997 selbstständig machte. Zu seinen Kunden zählen Bene, Bock, Kusch+Co, Renz, Schönbuch, Senator, Tecno, Teknion und Wilkhahn.

Foto: privat