Designer Chat

Hans-Jörg Müller

Es ist nicht der Mega-Bestseller, der in der Abteilung Produkt und Design bei Gira entstehen soll. Dessen Leiter Hans-Jörg Müller will kontinuierlich auf hohem Niveau Themen wie das Smart Home vorantreiben. Maßvoll, anwenderfreundlich und funktional.

Interview Katharina Feuer

Herr Müller, Sie sollen im Bereich Produkt und Design das Familienunternehmen Gira in die Zukunft führen – wie gehen Sie mit dieser Verantwortung um?

Hans-Jörg Müller: Natürlich gibt es Risiken, aber auch Chancen. Letztendlich geht es um Innovationen. Das ist unser Anspruch. Viele missverstehen den Begriff und denken, dass etwas noch nie Dagewesenes damit gemeint ist. Das Wort stammt vom lateinischen ‚innovare‘ und bedeutet erneuern. Es geht um Optimierung und Veredelung von dem, was bereits da ist einerseits und um eine Weiterentwicklung von erfolgreichen Produkten anderseits.

Es geht nicht um den Topseller, den einen spektakulären Designentwurf?

Hans-Jörg Müller: Nein, gar nicht. Das halte ich für falsch. Die fieberhafte Suche nach dem Superhit, da hat man doch gleich verloren. Das gelingt Unternehmen meist nur einmal, wenn überhaupt. Und es ist nicht planbar.

Ihr Ansatz ist also … ?

Hans-Jörg Müller: Viele Standbeine, viele gut funktionierende Produkte. Das klassische Geschäft verbunden mit vielen kleinen und größeren Schritten in die Zukunft.

Woher wissen Sie, was sich der Kunde in Zukunft wünscht?

Hans-Jörg Müller: Es gibt nicht den einen Kunden. Die Welt ist bunt. Wir sprechen täglich mit Installateuren und unseren Partnern aus Architektur, Innenarchitektur sowie Elektroplanern, aber auch Endnutzern. Wir haben ein gutes Ohr am Markt und wissen, was gewünscht wird.

Und was ist das zur Zeit?

Hans-Jörg Müller: Die Kontrolle und Steuerung von Anwendungen über das Smartphone sowie Sprachsteuerung sind große Themen.

„Alexa, mach das Licht aus!“

Hans-Jörg Müller: Wir müssen die Sprachsteuerung nicht neu erfinden, sondern entsprechende Schnittstellen zur Verfügung stellen. Das tun wir bereits.

Möglich ist, dass Alexa ein Hype ist, über den man in fünf Jahren verschämt zugibt: „Guckt mal, wir haben mit einer Box gesprochen.“ Es ist schwer zu sagen.

Sind Google, Amazon & Co. Angstgespenster für Sie?

Hans-Jörg Müller: Nein. Es bieten sich viele Chancen. Wir müssen uns mit der Digitalisierung auseinandersetzen und haben uns vom klassischen Gebäudetechnik-Anbieter – Licht, Heizung, Jalousie – zum Smart Home-Anbieter entwickelt.

Bräuchten Sie nicht ein Informatikstudium, um Produkte bei Gira entwickeln zu können?

Hans-Jörg Müller: Viele meiner Kollegen sind studierte Informatiker oder Elektroingenieure, tatsächlich. Aber zu erkennen, welches Produktdesign sinnvoll und ansprechend ist, bleibt genauso wichtig. Die Mischung ist entscheidend.

Die Form von ‚Gira Studio‘ erinnert an das Design der 1930er-Jahre. Ist das Retro? Die Sehnsucht nach der „guten“ alten Zeit?

Hans-Jörg Müller: Nein. In erster Linie ist es ein funktionales und praktisches Produkt.

Welche Funktionen hat das Programm?

Hans-Jörg Müller: Es eignet sich für Unterputz- und Aufputz-Installationen und verfügt über all dessen Funktionen, in Summe mehr als 300. Es ist ein funktionales, flexibles, skalierbares System. Speziell die Aufputz-Variante ist gezielt als Sichtinstallation konzipiert, die auf offenem Mauerwerk und Sichtbeton hervorragend zur Geltung kommt.

300 Funktionen. Überfordert das den Nutzer nicht?

Hans-Jörg Müller: Nein. Den Nutzer nicht. Er äußert seine Wünsche – was er wo haben will – und plant das mit dem Architekten oder Installateur. Der Installateur ist der Experte und weiß, was er bestellen muss. Im Home-Bereich sind das vielleicht 50 relevante Funktionen.

Sehnen sich die Menschen nicht nach einer neuen Einfachheit, bei der nur die Basisfunktionen gesichert sind?

Hans-Jörg Müller: Die gibt es sicher. Aber die Welt ist wie gesagt bunt. Da gibt es alles. Von konventioneller Planung in einem Wohnblock mit 300 Parteien bis hin zu High-End-Villen.

Wird die Welt smarter?

Hans-Jörg Müller: Ich will da keine Prognosen aufstellen. Aber die Ansprüche steigen, die Bedürfnisse ändern sich. Man will Licht und Heizung digital steuern können. Von innen wie von außen.

Die Anforderungen werden komplexer. Wie gehen Sie damit um?

Hans-Jörg Müller: Uns ist es wichtig, moderat und maßvoll Systeme und Lösungen zu entwickeln, die funktionieren. Alles was nicht läuft, kicken wir konsequent aus dem Sortiment raus.

Kann man auf ein wachsendes Bewusstsein für Qualität bauen?

Hans-Jörg Müller: In manchen Bereichen ist das zum Glück noch so. Aber es zeigt sich auch, dass bei standardisierten Schnittstellen wie KNX und IP Produkte aus dem Internet verbaut werden, also billige Ware, für die dann keiner die Garantie übernimmt. Damit haben wir schon zu kämpfen.

Gira bekennt sich mit seinem neuen Gebäude für Logistik, Produktion und Entwicklung klar für den Standort in Deutschland. Warum?

Hans-Jörg Müller: Wir leben das Prinzip der kurzen Wege und der schnellen Kommunikation. Das machen nur noch wenige deutsche Unternehmen. Ob das ein Vorteil ist, wird sich zeigen. Die Konkurrenz ist groß.

Wie wollen Sie konkurrenzfähig bleiben?

Hans-Jörg Müller: Wir müssen uns als Marke noch stärker beim Kunden postulieren, mehr erklären, was wir warum machen.


Nach einem Studium der Ökonomie mit den Schwerpunkten Innovationsmange-ment und Organisationspsychologie startete Hans-Jörg Müller 1992 bei Gira. 2006 wechselte er zu Hewi. Der gebürtige Wuppertaler übernahm 2015 bei Gira die Leitung des Bereichs ‚Produkt und Design‘. Das Unternehmen ist stark gewachsen und Hans-Jörg Müller sieht seine Aufgabe darin, dessen Zukunft mitzugestalten.

www.gira.de


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Alexander Fehre