Designer Chat

Eliane Ernst

Eine Textildesignerin, die bei technischen Details mitspricht, ist manchem (Mann) suspekt. Eliane Ernst arbeitet unbeirrt an Neuentwicklungen für die Contract-Kollektionen bei Création Baumann.

Interview Katharina Feuer

Akustisch wirksame Stoffe für das Großraumbüro entwickeln, aber selbst im Einzelbüro sitzen – das muss kein Widerspruch sein. Eliane Ernst, Product Managerin für die Contract-Kollektionen beim Familienunternehmen Création Baumann nutzt die Vorteile des Einzelbüros und schließt einfach ihre Tür, damit wir in Ruhe sprechen können.

Frau Ernst, der reservierte Raum für dieses Gespräch hatte einen kleinen Schönheitsfehler: das Telefon fehlte. Jetzt sitze ich im Großraumbüro und meine Kollegen nehmen unfreiwillig an unserem Gespräch anteil.

Eliane Ernst: Sie müssten unseren neu entwickelten Stoff ‚Acoustic Divider Vario‘ um sich herum ziehen. Dann wären Sie und ihre Kollegen ungestört.

Ich stelle mich gern als Versuchskaninchen zur Verfügung!

Eliane Ernst: Der Vorteil daran ist, dass Textilien im Raum eine große räumliche Freiheit, Flexibilität und Agilität zulassen. Das kommt den Entwicklungen im Office-Bereich mit den Trends New Work und Co-Working Spaces entgegen.

Also reagieren Sie direkt auf die Realität in der Arbeitswelt? Was genau tun Sie?

Eliane Ernst: Wir recherchieren im Architekturumfeld, sprechen mit unseren Kunden und beobachten, wie sich das Arbeitsleben verändert. Der Trend zu offenen Räumen bleibt ungebrochen und bringt neben Vorteilen das Problem der Lärmbelästigung mit sich.

Deswegen gibt es doch Besprechungsräume, akustisch wirksame Paneele und Glaskuben …

Eliane Ernst: … und wir bieten zusätzlich eine textile Lösung an. Der Schallvorhang ist perfekt, um temporär einen Raum im Raum zu bilden.

Was ist an diesem Stoff besonders? Textilien im Raum haben doch schon per se eine akustische Wirkung.

Eliane Ernst: ‚Acoustic Divider Vario‘ ist ein mehrlagiges Textil mit zwei absorbierenden Stoffseiten und einer von uns entwickelten Spezialfolie dazwischen, dem ‚NoiseSilencer‘. Der spezielle Aufbau der Materialien absorbiert nicht nur den Schall, sondern reduziert auch den Lärm um bis zu 16 Dezibel.

Stichwort Spezialfolie. Wie halten Sie es mit dem Thema Umweltschutz?

Eliane Ernst: Wir haben Auflagen beim Brandschutz. Textilien müssen flammhemmend sein. Naturmaterialien in Chemie zu tauchen bis sie nicht mehr brennen, ist natürlich keine Lösung und für mich auch eine Frage der Ethik. Unser Beitrag zum Umweltschutz: Wir setzen auf langlebige, zeitlose Produkte und produzieren in der Schweiz mit hohen technologischen und ökologischen Standards. Wir reinigen zum Beispiel unsere Abluft und unser Wasser und unsere Stoffe sind emissionsfrei.

Also kein nachhaltiges Polyester?

Eliane Ernst: So nachhaltig wie Polyester ist … Nein, leider haben wir hier noch keine Lösung gefunden. Da bin ich ehrlich: ein flammhemmendes Textil, das „grün“ ist, das gibt es nicht.

Sie sind für die Contract-Kollektionen bei Création Baumann zuständig. Fehlt Ihnen nicht manchmal die Vielfalt an Stoffen, die Sie noch in der Casa Tessuti um sich hatten?

Eliane Ernst: Ich habe dort in der Beratung und im Verkauf gearbeitet und viele Hersteller und Marken kennenlernen dürfen. Eine gute Schule, um unterschiedliche Qualitäten, Techniken und Anwendungen kennenzulernen. Aber zu Création Baumann habe ich einfach eine besondere Beziehung.

Die müssen Sie erklären.

Eliane Ernst: Ich muss ausholen. Schon mit 13 habe ich vier Tage bei Baumann „reingeschnuppert“, mit 17 meine Lehre zur Textilentwerferin begonnen. Nach meinem Studium an der Hochschule erhielt ich wieder eine Anstellung bei Création Baumann im Designatelier und kam ins Unternehemen zurück. Da war der vierte Generationenwechsel gerade vollzogen und ich konnte Verantwortung übernehmen.

Woher kommt diese erstaunlich frühe Klarheit, was Sie machen wollen?

Eliane Ernst: Mein Vater ist Architekt. Meine Mutter hatte eine Kunstgalerie. Ich hatte schon immer ein Grundinteresse für Architektur und Textilien.

Was reizt Sie an Ihrer Arbeit?

Eliane Ernst: Das Gesamtpaket. Die Idee, das Werkzeug, die Materialien, deren Präsentation, das dazugehörige Marketing, der Kundenkontakt beim Verkauf, die Anwendung in der Architektur.

Arbeiten Sie mit Spezialisten zusammen, wenn es um die Entwicklung von Akustikstoffen geht?

Eliane Ernst: Wir haben uns im Bereich Akustik in den vergangenen 15 Jahren Spezialwissen angeeignet, sodass wir Akustiker bei der Prüfung der Messwerte und anschließend bei der Anwendung im Raum zuziehen. Auch wenn sich mancher (Mann) irritiert zeigt, wenn eine Textildesignerin bei technischen Details mitspricht.

Willkommen im Jahr 2018. Wie halten Sie es mit der sogenannten Work-Life-Balance?

Eliane Ernst: Ich wollte mich nie entscheiden müssen zwischen Familie und Beruf. Ein Entweder-oder kam für mich nicht in Frage. Ich versuche ein Vorbild zu sein und will zeigen, dass es gut funktionieren kann. Mir liegt eben beides am Herzen und ich halte zu diesem Thema sogar Vorträge. Denn ich beobachte, dass viele Frauen wieder in das alte Rollenmuster zurückgehen. Dabei ist alles „nur“ eine Frage der guten Organisation. Ich bezeichne mich gern als den Zentralrechner – ich muss alles zusammenhalten.

Liebe Frau Zentralrechner, haben Sie einen Tipp für Zweifler?

Eliane Ernst: Man muss mit Leidenschaft dabei sein und braucht eine spannende Aufgabe. Der Arbeitgeber muss natürlich mitspielen … und mein Mann ist ja auch noch da.

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Die Designerin (Jg. 1972) lernte zunächst Textilentwurf mit dem Schwerpunkt Weberei bei Création Baumann in Langenthal. Nach ihrem Diplom für Textilgestaltung an der Hochschule für Gestaltung in Luzern folgten Jahre im Bereich Beratung, Verkauf und Planung bei Casa Tessuti. 1996 kehrte Eliane Ernst zu Création Baumann zurück, seit 2001 ist sie als Product Managerin für die Contract-Kollektionen verantwortlich.

www.creationbaumann.com

Portrait: Création Baumann