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Christiane Müller

Textilien und Wandbekleidungen sind für Christiane Müller Baustoffe wie Beton, Glas und Holz. Sie können die Qualität eines Raumes verbessern. Als Surface-Designerin beobachtet sie Menschen in Räumen und zieht aus deren Verhalten Schlüsse für ihre Arbeit.

Autorin Katharina Feuer

Textil steht niemals allein, sondern in Koexistenz mit anderen Materialien und Baustoffen im Raum. Man muss es im Kontext sehen und entsprechend einsetzen, weiß Christiane Müller. Die Designchefin des niederländischen Familienunternehmens Vescom erklärt: „Die Gefahr beim Textildesign ist, dass man auf das Kleine starrt – die Struktur des Textils – und dabei außer Acht lässt, wie es im Großen wirkt. Das interessiert mich viel mehr, das Rein- und Rauszoomen.“

Die als Textildesignerin ausgebildete Gestalterin bezeichnet sich heute als Surface-Designerin. Vescom ist in erster Linie mit seinen Wandbekleidungen erfolgreich. Die Textilsparte ist verhältnismäßig jung. Vor drei Jahren erst nahm die 53-Jährige das Angebot von Vescom an, die neu geschaffene Position der Designchefin für die gesamten Kollektionen zu übernehmen. Eine Zusammenarbeit bestand schon seit 2001. Der dekorative Aspekt eines Textils beschäftigt Christiane Müller nur am Rande. Sie würde auch nicht von einer Krise der Textilien in der Architektur sprechen, obwohl viele textilproduzierende Betriebe von der Bildfläche verschwunden sind.

Im Gegenteil: „Textilien sind wichtiger denn je. Räume sollen komfortabel, wohnlich und freundlich sein. Egal, ob im Office, im Hotel oder im Krankenhaus. Auch junge Designer entdecken das Thema für sich. Es wird gehäkelt, gestrickt und genäht“, freut sich die gebürtige Hamburgerin. „In diesen Zeiten der Reizüberflutung sehnen sich die Menschen nach ehrlichen Materialien, nach Qualität und Nachhaltigkeit“, ist sie überzeugt.

Umweltschutz ist bei Vescom ein großes Thema. Und Christiane Müller findet das wichtig. „Wir fragen uns natürlich auch: Brauchen wir diese neuen Produkte? Macht das Sinn?“, und fügt an: „Neu und mehr ist vorbei. Andere Punkte drängen sich in den Vordergrund: Was erhöht die Qualität? Welche Produkte müssen wir entwerfen oder ändern, um die Qualität eines Raumes zu verbessern?“ Insofern kann die Designerin leicht verschmerzen, dass manche Glanz- und Farbstoffe auf dem Index gelandet sind. Vescom produziert in Deutschland, USA und den Niederlanden. Das kostet einerseits, hat aber auch Vorteile. „Wir haben alles auf Vorrat und können sofort liefern. Diese Qualität, der Service und die Flexibilität würden nicht funktionieren, wenn wir in China produzieren.“

Nachhaltigkeit ist allerdings nur ein Aspekt des Designs. Vescom verkauft international, agiert und designt global, denkt lokal. Märkte, Funktionalität, Farben sowie technische Innovationen spielen ebenso eine Rolle bei ihrer Arbeit. „Design ist weit mehr als Ästhetik“, bekräftigt Christiane Müller.

Viel Zeit im Amsterdamer Studio MüllerVanTol für Industrie- und Interieurdesign bleibt neben ihrer Arbeit bei Vescom nicht. Dennoch ist das Studio eine Inspirationsquelle. Ihr Partner, Innenarchitekt Bas van Tol, und sie ergänzen sich hervorragend. „Das Büro ist meine Spielwiese“, erklärt sie.

Akustik im Office sei ein großes Thema geworden, bestätigt die Designerin und erklärt stolz: „Mittlerweile gibt es die zweite Generation unserer transparenten, akustisch wirksamen Stoffe, die die Raumakustik verbessern. Gleichzeitig bleibt der Raum hell.“ Auch von den Mohairstoffen schwärmt sie. „Raumtextilien sind keine Modestoffe, aber unsere Veloursstoffe erleben gerade ein Revival.“

Dabei meidet Christiane Müller den Begriff Trend – davon hält sie rein gar nichts. „Wir müssen in anderen Zeiträumen denken und planen als die Modeindustrie das tut und trotzdem den Zeitgeist treffen.“ Sie empfindet es als Kompliment, wenn jemand ihre Arbeit als zeitlos bezeichnet. Das sei wichtiger als ein kurzlebiger Wow-Effekt.

Müller, die ursprünglich Literatur studieren wollte, zeigt sich begeistert, wie vielseitig und experimentierfreudig Architekten und Innenarchitekten zur Zeit seien. „Das ist schon klasse, wenn man sich die neuen Büros anschaut.“ Auch in Sachen Farbe hätte sich viel getan und dennoch plädiert sie: „Wir brauchen noch mehr Mut zu Farbe. Damit meine ich nicht bunt, sondern das richtige Gefühl für Töne und Schattierungen. Das richtige Grau zu finden, kann auch eine Kunst sein.“ Aber alles zu seiner Zeit.

Früher fand Christiane Müller Inspiration hauptsächlich auf Reisen. Mittlerweile hat sie eine weitere Methode entwickelt: „Ich setze mich in einen Raum, beispielsweise eine Hotellobby, und beobachte die Menschen, wie sie sich im Raum bewegen und wohlfühlen. Daraus kann ich viel für meine Arbeit ableiten.“ Und einen zweiten Punkt fügt sie an: „Ich bin sehr aktiv, vielleicht auch getrieben. Daher brauche ich meine Auszeit in der Natur und Ruhe. Dann kann es auch eine Wolkenformation sein, die mich fesselt. So einfach ist das“, lacht sie.

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Christiane Müller (Jg. 1965) lebt seit über 30 Jahren in den Niederlanden, wo sie in Eindhoven an der Design Academy Industriedesign studierte. Seit 2001 arbeitete die gebürtige Hamburgerin frei, seit 2015 als Designchefin für das niederländische Unternehmen Vescom. In Amsterdam leitet sie weiterhin ihr Studio MüllerVanTol.

www.mullervantol.nl

www.vescom.com

Portrait: Bart Nieuwenhuijs