Interview

LAVA

LAVA – Laboratory for Visionary Architecture – hat in Franken eine Jugendherberge der neuen Generation gebaut. Eindrucksvoll vermittelt diese, wie Raum, Material und Farbe die eigene Wahrnehmung beeinflussen.

Interview Rolf Mauer

Büro: LAVA – Laboratory for Visionary Architecture; www.l-a-v-a.net

Standort: Deutschland, Shanghai, Australien

Inhaber: Chris Bosse, Alexander Rieck, Tobias Wallisser

Gründungsjahr: 2007

Arbeitsgebiete: Bürogebäude, Wohngebäude, Forschung, Innenarchitektur, Sport und Freizeit

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

LAVA: Der Neubau der Jugendherberge Bayreuth setzt neue Maßstäbe für eine zeitgemäße, funktionale und gestalterisch anspruchsvolle Neuinterpretation einer Jugendherberge. Neue Zielgruppen und Bedürfnisse waren der Anstoß zur Entwicklung architektonischer Kriterien. Dazu gehören innovative räumliche Konfigurationen, Nachhaltigkeit in funktionalen, baulichen und sozialen Ebenen und die Möglichkeit sportliche Angebote direkt mit dem Bauwerk verschmelzen zu lassen.

Als Grundform für das 180 Betten Haus wählten wir ein „Y“, wodurch sich die dazwischenliegenden Bereiche, bestehend aus Grünzonen zum Verweilen und Freiflächen für Sportaktivitäten mit dem Baukörper stark verwoben werden. Das zentrale Atrium dient dabei als Drehscheibe für (digitale) Unterhaltung, Interaktion und Kommunikation ganz nach dem Motto des Jugendherbergswerks „Gemeinschaft erleben“. Das über dem Foyer gelegene Oberlicht bringt Tageslicht in die Lounge, die wiederum entlang der Sitzstufen die Geschoßebenen miteinander verbindet, während horizontale und diagonale Sichtbeziehungen den Besucher durch das Gebäude leiten. Im Obergeschoss befinden sich neben dem Seminarbereich Event- und Familienzimmer sowie Terrassenflächen die einen direkten Zugang zu den Grün- und Sportflächen der Erdgeschosszone zulassen.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

LAVA: Das neue Gebäude ist ein Zeichen für die Erneuerung der Jugendherbergen und ihre Attraktivität. Das Konzept wird durch drei „I“s gekennzeichnet: Internationalität, Integration und Innovation.

International

Das Gebäude ist eine Europajugendherberge mit Sportprofil, sichtbar sind Themen wie eine Europakarte sowie Informationen zu den Partnerstädten. Die Gestaltung nimmt Einflüsse des Ortes auf und kombiniert sie mit modernen Gestaltungselementen. Innen und außen werden als Gesamterlebnis gedacht: Teile des Gebäudes werden zu Tribünen für das Geschehen auf den Sportanlagen im Außenraum und verschiedene Nutzungen können sowohl innen als auch außen stattfinden.

Integrativ

Besonderes Augenmerk lag auf die mögliche Nutzung durch Menschen mit Beeinträchtigungen. Die neue Jugendherberge ist ein Prototyp eines behindertenfreundlichen Gebäudes, in dem nicht zwischen Behinderten und nicht behinderten Menschen, sondern zwischen hilfsbedürftigen und nicht-hilfsbedürftigen Nutzern unterschieden wird. Entsprechend sind 14 Zimmer im Erdgeschoss rollstuhlfreundlich mit ebenerdigen Duschen, unterfahrbaren Waschbecken, erhöhtem Platzangebot und technischen Hilfsmitteln. Türen, Terrassen, Sport- und Parkplätze sind schwellenlos ausgebildet sowie mit entsprechenden Leitsystemen gestaltet. Das Prinzip der Inklusion wird ebenfalls im Personalkonzept der Jugendherberge, ca. 1/3 der Mitarbeiter haben Beeinträchtigungen, umgesetzt.

Innovativ

Neue räumliche Konfiguration des Gesamtgebäudes und Zimmermodule, Materialeinsatz und Gestaltung, z.B. Integration von Grafiken. Die hybride Holzkonstruktion in Kombination mit Massivbauweise ermöglicht die Nutzung lokaler Materialien und Techniken und kompensiert teilweise den Abbruch des Altbaus.

Wie reagiert der Entwurf auf den Ort? (kulturell, topografisch etc.)

LAVA: Das neue Gebäude für die JH Bayreuth liegt in einer landschaftlich geprägten Situation in der Umgebung der Universität und eines Freibades. Der Baukörper reagiert darauf, indem er den Außenraum gliedert und zoniert. Ausgehend von einem zentralen Atrium entwickeln sich einzelne zweigeschossige Funktionsbereiche sternförmig in das Gelände hinaus. Die 30 m langen Zimmerflügel richten sich jeweils nach Nord und Süd aus. Zwischen die Gebäudeteile gliedern sich die zugehörigen Funktionen wie ein Sportfeld, Abenteuerspielplatz und Vegetationszonen ein. Die niedrige Gebäudehöhe unterstreicht die topographische Integration und wirkt damit der städtebaulichen Dominanz eines mehrgeschossigen Gebäudes auf dem großflächigen, grünen Grundstück entgegen. Das Obergeschoss jedes Flügels ist über einen Außenbereich mit Treppe an die Landschaftsebene angeschlossen, und verzahnt sich damit noch besser.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

LAVA: Dem Wettbewerbsprojekt waren bereits 2009/2010 Workshops zur Neuausrichtung der Jugendherbergen mit dem Ziel eines Konzepts „Jugendherberge 2015“ vorausgegangen. Das erste daraus resultierende Projekt, in Zusammenarbeit mit der Bauabteilung des DJH Bayern, war der Umbau des Haus Untersberg in Berchtesgaden von 2009 bis 2012. Für das Projekt in Bayreuth wurden zusammen mit dem Auftraggeber eine Reihe Themen als Entwurfsgrundlage definiert:

„Gemeinschaft erleben“: Ein zentraler Raum im Gebäude, an dem sich alle Wege treffen und der die Funktionen im Inneren sowie die Außenbereiche verbindet.

„Da staunst du“: eine überraschende Perspektive beim Betreten des Gebäudes, besondere Material- und Farbkombinationen

„hart aber herzlich“: authentische Materialien, was wie Holz aussieht ist Holz, Konstruktion bleibt sichtbar – nichts versucht mehr zu sein als es ist

Ganzheitliche Nachhaltigkeit: unterschiedliche Nutzungszyklen für verschiedene Gebäudeteile (Konstruktion, Fassade, technischer Ausbau) erlaubt Nachnutzung/Nutzungsänderung, soziale Integration – Mitarbeiter und Gäste

„MIR statt ISS“: hohe Robustheit und Gebrauchsfähigkeit statt technischen Gimmicks.

Auf Basis dieser Themen hat sich das Projekt dann aus den funktionalen Vorgaben von 180 Betten in 45 Zimmer plus Speisesaal und Seminarräumen entwickelt.

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

LAVA: Neben den energetischen Themen ist das Projekt von einer anderen Interpretation von Nachhaltigkeit geprägt. Statt eines kompakten Baukörpers mit wenig Fassade haben wir ein raumgreifendes, sich in die Landschaft einfügendes Gebäude konzipiert. Selbstverständlich ist das Gebäude energetisch optimiert. Der Schwerpunkt liegt aber auf zwei anderen Aspekten von Nachhaltigkeit.

Erstens bei der Integration möglichst aller Personen als Nutzer, was eine bessere Auslastung des Hauses ermöglicht und zweitens durch die bewusste Gliederung des Gebäudes in flexible und feste Bauteile, die eine spätere Umnutzung ermöglichen. Nur entlang der Flure und der Fassaden gibt es tragende Bauteile, so dass die Zimmerflügel im Inneren frei einteilbar sind. Aus einer Jugendherberge könnte ein Kindergarten, eine Schule oder ein Altenheim werden.

Dies ist möglich, da nicht die Räume als Module gedacht sind, sondern die Trennwände zwischen den einzelnen Räumen. Diese flexiblen Wandelemente aus Holz nehmen WCs und Duschen sowie Nischen für die Betten auf. Sie ermöglichen individuelle Raumkonfigurationen durch teilweise drehbare Betten. Durch eine besondere Anordnung der 2-, 4-, und 6-Bett-Zimmer entstehen platzsparende unterschiedliche Zimmertypen. Eine Großzahl der Zimmer ist durch ihr universelles Design für Rollstuhlfahrer nutzbar, ebenso wie die Sportplätze und die Außenbereiche schwellenlos zu erreichen sind.


Foto: LAVA

Die Architekten Chris Bose,  Alexander Rieck, Tobias Wallisser (v.l.n.r.) gründeten im Jahr 2007

LAVA – Laboratory for Visionary Architecture.

Ihre Büros in Deutschland, Shanghai, Australien sind spezialisiert auf Office- und Wohngebäude, Forschung, Innenarchitektur, Sport und Freizeit.

www.l-a-v-a.net


Factsheet

Projekt: Jugendherberge

Standort: Bayreuth

Bauherr: DJH Deutsches Jugendherbergswerk LV Bayern, München

Bauaufgabe: Jugendherberge

Fertigstellung: 2018

Geschosse: 2

Nutzfläche: 3600 m²

Materialien (Decke, Wand, Boden): Gastzimmertüren: System ‚Die Hoteltür‘ von Herholz, Pfleiderer, Häfele (mit Dialock-Türterminals); Tür- und Möbelbeschläge: Häfele

Stühle: Brunner; Lichtschalter: Jung; WC-Keramik: VitrA; Sanitärzubehör: Normbau; Teppich: Forbo; Dachabdeckung: Alwitra


Beim Campus Germany für die Expo Dubai 2020 sind Lava Architekten auch involviert. Lesen Sie hier mehr dazu.

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