Interview

Sahel Al Hiyari

Konzipiert von dem jordanischen Architekten Sahel Al-Hiyari, ist die Al Saket Residence in Amman ein faszinierendes Architekturprojekt – und ein spannender Dialog zwischen Topografie und Architektur.

Interview Eberhard Holder

Beschreiben Sie Ihre Designphilosophie:

Sahel Al Hiyari: Ich glaube, dass Architektur ein komplexes Ineinandergreifen von Bedingungen und Aspekten ist, die innerhalb eines spezifischen Kontextes zu einer bestimmten Zeit aus unterschiedlichen Quellen hervorgehen. Architektur ist eine Disziplin, die symbiotisch auf einer physischen Realität begründet ist. Folglich wird sie im Wesentlichen durch eben die Realität geformt, die sie umgestaltet.

Vor diesem Hintergrund ist hinzuzufügen, dass sich Design zu seiner Verwirklichung mit einem breiten Spektrum an Bedingungen befassen muss, die meistens außerhalb der theoretischen und philosophischen Fragen liegen. Deshalb wohnt Architektur ein hohes Maß an autonomer Logik inne, die – ganz gleich, was passiert – von der reinen Theorie abweicht.

Diese Position gestattet es uns, eine gewisse Freiheit auszuüben, um flexible Rahmenkonzepte auszuarbeiten, in die wir die Idee, Gebäude für die spezifischen Anforderungen des Kontextes oder der Umgebung zu entwickeln, integrieren und einbinden können.

Bei jedem unserer Projekte sind wir bestrebt, seine ganz besondere Dynamik herauszufiltern; damit haben wir potentiell die Möglichkeit eines Strategiewechsels, oder wir bekommen eine neue Perspektive dessen, was Architektur erreichen kann. Aber die Suche nach einer neuen Perspektive bedeutet nicht zwangsläufig ein andächtiges Streben nach Innovation per se, denn dadurch werden in der Regel sich selbst verzehrende, nichtssagende Stilrichtungen produziert.

Wenn hingegen ein erneutes Nachdenken über bestimmte Formen aus der Notwendigkeit entsteht, relevante Fragen anzugehen, dann ergibt sich aus einem solchen Vorgehen ein vollkommen anderer Ansatz mit komplett anderen Ergebnissen. In meinen Augen besteht der Wert neuer Werkzeuge (Tools) in ihrer immanenten Fähigkeit, effizientes Eingreifen mit Augenmaß und Rücksicht auf das Ganze zu erleichtern.

Es ist zwar nicht auf den ersten Blick ersichtlich, aber ein Großteil unserer Arbeit beruht auf einem archetypischen Kern. So können wir alte oder immer wieder auftauchende Ideen transformieren und an neue Bedingungen oder Bedürfnisse anpassen. Wir halten das besonders passend und relevant bei Zusammenhängen, die durch wesentliche Einschränkungen und minderwertige Praktiken gekennzeichnet sind und gleichzeitig eine chaotische und schnelle Entwicklung durchlaufen. Dadurch wird einem mehrdeutigen Zustand – charakterisiert durch die Degeneration seines physikalischen und kulturellen Umfelds – ein gewisses Maß an Ordnung verliehen. Von akzeptierten Normen oder, allgemeiner ausgedrückt, dem Stand der Dinge abzuweichen, ist allerdings eine extrem schwierige Aufgabe, die nur bewältigt werden kann, wenn man zwanglos und schrittweise herangeht. Grundlegend gilt, dass wir mit dem arbeiten, was besteht und zur Verfügung steht. Dieser Aspekt muss akzeptiert werden, wenn eine Transformation von innen heraus gelingen soll.

In gewisser Hinsicht kann diese Arbeitsweise nur dann Erfolg haben, wenn man streng methodisch oder mit linearen Verfahrensweisen vorgeht, weil die Bedingungen einer lange festgefügten Kultur nicht durch eine einzelne Geste ersetzt werden können.

Praktizierte Architektur beinhaltet wiederholte und schrittweise Bemühungen. Es ist ein akkumulativer Prozess, der darüber hinaus durch instinktive Reaktionen durchdrungen ist. Diese wiederum sind wichtige, nicht quantifizierbare Bestandteile, die aber letztendlich Aufschluss geben können über die emotionale und psychologische Wirkung der Architektur.

Wo finden Sie Inspirationen?

Sahel Al Hiyari: Ich nehme an, dass die vorhersehbare Antwort auf diese Frage darin besteht, dass Inspiration überall und in jeder Disziplin zu finden ist, und das könnte natürlich zutreffen. Mich allerdings inspiriert die Architektur selbst und ihre Inklusivität.

Welches Projekt war für die Entwicklung des Büros das wichtigste und warum?

Sahel Al Hiyari: Bisher hat uns jedes Projekt, an dem wir beteiligt waren, sehr beeinflusst. Ich glaube, dass sie alle zur Entwicklung unseres Büros beigetragen haben. Ich glaube auch, dass die Projekte, aus denen wir am meisten gelernt haben, Projekte waren, die uns vor die meisten Herausforderungen gestellt haben – ganz gleich, ob es um den gestalterischen Ansatz, technische Aspekte, den Zeitplan oder gar um die Angleichung der Kundenwünsche auf unsere Absichten ging.

Wahrscheinlich war die Noble Quran Oasis in Medina eine unserer schwierigsten Aufgaben, weil wir trotz der schieren Größe dem Projekt detailreiche Eigenschaften verleihen wollten. Aber ich denke trotzdem, dass es kein bestimmtes einzelnes Projekt gibt, das die Entwicklung des Büros radikal beeinflusst hat. Es ist wohl eher die Art und Weise, wie sich unserer Arbeit schrittweise und kollektiv weiter entwickelt.

Gab es während der Realisierung des Projekts ‚Al Saket‘ irgendwelche positiven oder negativen Überraschungen?

Sahel Al Hiyari: Die positivste Überraschung war, dass wir die Genehmigung für ein derartig ambitioniertes Wohnbauprojekt bekommen haben – ambitioniert sowohl im konstruktiven Sinn wie hinsichtlich der verwendeten Materialien. Auf allen Ebenen und mit allen beteiligten Parteien waren wir mit Herausforderungen konfrontiert – angefangen vom Kunden über das Ingenieurteam bis hin zum Bauunternehmen und den Handwerkern. Wir alle mussten unsere Komfortzone verlassen und uns von den in Jordanien üblichen Baumethoden entfernen. Wir haben Grenzen überwunden, ohne sie dabei zu zerstören. Die Überraschungen, mit denen wir konfrontiert wurden, waren meistens positiver Natur, mit Ausnahme der Schwierigkeiten, die aus importierten Elementen entstanden. Das waren zwar nicht viele, aber sie haben uns trotzdem manchmal Probleme bereitet. So stellt zum Beispiel das Verglasungssystem eine Herausforderung dar, weil es nicht in Jordanien angefertigt wurde. Wir mussten es importieren, weil wir die nötigen Spezifikationen nicht vor Ort erhalten haben.

Ziele/Wünsche des Bauherrn. Was sollte das Projekt können?

Sahel Al Hiyari: Ich glaube, dass Architekten eine Menge Verantwortung übernehmen müssen. Nicht nur die Dynamik, die zwischen Kunde und Architekt entsteht, ist zu berücksichtigen, sondern auch das Verhältnis eines Projekts zum Kontext. Die physikalischen, umweltbedingten und sozialen Auswirkungen eines Projekts, zum Beispiel, sind wesentliche Aspekte. Sie sollten sorgfältig angegangen werden, auch wenn es um den Entwurf für ein Privathaus geht. Großstädte bestehen zu einem wesentlichen Teil aus Wohnraumkomponenten, und in dieser Funktion spielen sie eine herausragende Rolle bei der Definition des Bestands. Deshalb besteht die Planung jedes Projekts im Wesentlichen aus einem Balanceakt zwischen den Bedürfnissen und Wünschen des Kunden, des Architekten, der Gemeinde und der Stadt einerseits und der Landschaft und der Umgebung andererseits.

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Describe your design philosophy:

Sahel Al Hiyari: I believe that Architecture is a complex concrescence of conditions and aspects emerging from various sources within a particular context at a given time. It is a discipline that is symbiotically ground in a physical reality, so it is essentially shaped by the very reality it transforms.

With this in mind, it should be added that for design to materialize, it must address a broad number of conditions, which are mostly external to theoretical and philosophical questions. Therefore, to a great extent, architecture possesses an autonomous logic that departs from pure theory no matter what.

This position allows us as a practice a certain freedom to devise non-rigid conceptual frameworks that can integrate and internalize the idea of developing buildings for the specific demands of context or environment.

For each project we work on, we seek to extract its particular dynamics that can potentially allow for a shift of strategy, or a new perspective regarding what architecture can achieve. Yet seeking such new perspective does not necessarily mean a devotional pursuit of novelty per se, which normally produces self-consumed vacuous styles.

In contrast, if re-thinking certain molds is born out of a necessity to address pertinent questions, then such an act embeds an entirely different approach with entirely different results. I see the value of new tools in their capacity to facilitate effective interventions in measured and coherent manners.

Although it is not always apparent, much of the work we do has an archetypal essence that allows the transformation of old or recurring ideas to suit new conditions or needs. This we find especially suitable and relevant within contexts characterized by substantial limitations and substandard practices, yet with chaotic and rapid development. It is what summons a sense of order in an ambiguous state characterized by the degeneration of its physical and cultural environments. However, a departure from accepted norms, or more generally the state of things, is an extremely difficult task to achieve unless it is informally and incrementally introduced. Working with what is at hand and what is available is a fundamental aspect that must be accepted in order for a possible transformation to occur from within.

In a sense, this manner of working cannot be achieved in a strictly methodical manner or through linear processes, as the conditions of the culture that has been forged in place cannot be replaced in a singular gesture.

The practice of architecture implies repeated and incremental efforts. It is accumulative process that is also permeated with instinctive responses, which are important ingredients that cannot be quantified, but can ultimately inform its emotional and psychological impact.

How do you find your inspirations?

Sahel Al Hiyari: I suppose that the most predictable answer to this question is that inspiration can be found anywhere and in any discipline, which of course may be true. Where I find inspiration, however, is in architecture itself and in its inclusivity.

What project was the most important one for the evolution of the office – and why?

Sahel Al Hiyari: So far, each project we have been involved in has had an important impact on the office. I think that they have all contributed to the evolution of our practice. I also believe that the projects we learned most from are those that presented us with most challenges, whether in regard to design approach, technical aspects, time schedule, and even the alignment of the client’s concerns with our intents.

I would say that one of the most difficult projects we designed was the Quran Oasis in Medina, perhaps because of our intent to outline the project in a detailed manner in spite of its sheer scale. Yet, I do not think that there is one project in particular that has radically impacted the evolution of our practice. I think it is more how the work evolves incrementally and collectively.

Were there any positive or negative surprises while realizing the design?

Sahel Al Hiyari: The most positive surprise was the fact that we managed to get approval for such an ambitions residential project, both in terms of its structural and material aspects. This was a challenge we faced on all levels and with all parties involved, from client to engineering team to contractor and to builders. I believe it took us all outside our comfort zones and away from the familiar way of making buildings in Jordan. It pushed boundaries, but without necessarily breaking them. I think that the surprises we faced were mainly good ones, apart from difficulties faced with the imported items, which were not many, but nonetheless presented us with problems at times. For example, the glazing system was challenging since it was not fabricated in Jordan. We had to import it because we could not obtain the needed specifications locally.

Builder-Owner wish/goal. What should the project be capable of doing?

Sahel Al Hiyari: I believe architects must take on many responsibilities. So it is not only the client/architect dynamic that should be considered, but also the relationship of a project to its context. The physical, environmental, and social impacts of a project – to name a few – are fundamental aspects that should be consciously addressed even when it comes to the design of a private residence. Cities are to a large extent made of housing components, and as such take on a prominent role in defining the built environment.

The design of any project therefore is essentially a balancing act between the needs and desires of the client, the architect, the community, the city, as well as the landscape and environment.


Architekt

Sahel Al Hiyari

Bürogründung: 1998

Mitarbeiter: 5

Arbeitsgebiete: Urban Design, Interior- und Möbeldesign, Architekturinstallationen, Ausstellungsdesign

Webseite des Architekten

Portrait: Sami Haven